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einestages

Pionier der Kreuzberger Hausbesetzer

Wie Comiczeichner Seyfried eine Wohnung kaperte und eine Bewegung lostrat

Instandbesetzt! Karikaturist Gerhard Seyfried erbeutete 1979 mit einem Freund eine leerstehende Wohnung in Berlin. Das war das Auftaktsignal für die Anarcho-Szene, sich 165 Häuser anzueignen.

Gerhard Seyfried
Von
Mittwoch, 25.07.2018   07:19 Uhr

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Berlin - Stadt der Revolte" von Michael Sontheimer und Peter Wensierski.


Gerhard Seyfried brachte mit seinen Anarcho-Comics von pfiffigen Freaks und tumben Bullizisten wie kein anderer das subversive Lebensgefühl der Siebzigerjahre in West-Berlin zum Ausdruck. Anfang 1979 wohnte er zusammen mit seinem Freund Christoph Ludszuweit in der Eisenbahnstraße, gleich an der Markthalle in Kreuzberg. Die kleine Wohnung war ein Loch, runtergekommen, nicht ordentlich beheizbar, und Berlin erlebte einen besonders kalten Winter.

Ein Freund der beiden wohnte nicht weit entfernt in einem stattlichen Haus in der Görlitzer Straße 74. Die Berliner Eisenbahngesellschaft hatte es 1874 als Direktoralgebäude gleich am Görlitzer Bahnhof errichten lassen. Im Krieg zerbombten die Briten das zentrale Hauptgebäude an der Ecke zur Skalitzer Straße, aber auch der unzerstörte Seitenflügel war ziemlich pompös. Unter der Wohnung von Seyfrieds Freund stand eine Wohnung leer. Schon seit mehr als einem halben Jahr.

Die Bewoge, eine der landeseigenen Berliner Wohnungsbaugesellschaften, der das Haus gehörte, wollte die Wohnung nicht vermieten. Die Manager wollten das Haus sanieren und im Rahmen eines Modernisierungsprogrammes üppige staatliche Subventionen einstreichen.

Fotostrecke

Seyfrieds Kreuzberg: "Die Bullen räumen unser Haus"

Da die Mieter in diesem Fall zustimmen mussten, aber meist die Sanierung wegen der prompt folgenden Mietsteigerungen ablehnten, ließen Besitzer gern Wohnungen erst einmal leerstehen. In Kreuzberg waren es Anfang 1979 allein 263 Wohnungen der Bewoge.

Unter den Tapeten der "Völkische Beobachter"

Gegen diese Missstände hatte die Bürgerinitiative SO 36 schon länger mobilgemacht, Unterschriften gesammelt und gegen den Leerstand geklagt. Vergeblich. Am 5. Februar 1979 schritten Aktivisten zur Tat und tauschten zusammen mit Seyfried und Ludszuweit das Schloss in der Wohnung im Hochparterre links in der Görlitzer 74 aus und begannen umgehend zu renovieren.

Seyfried, der Sponti-Zeichner mit dem schrägen Humor, erinnert sich: "Es sah so aus, als ob seit dem Krieg niemand mehr drin gewohnt hätte. Wir haben Reichspfennigstücke gefunden, als Untergrund für die Tapeten war der 'Völkische Beobachter' geklebt."

Gerhard Seyfried

Typisch Seyfried: Wimmelbild aus "Invasion aus dem Alltag" von 1981

Der "Abend" berichtete über die Aktion - mit spürbarer Sympathie - unter dem Titel "Erboste Mieter besetzen leerstehende Wohnungen". Ein paar Tage später luden die Besetzer und die Bürgerinitiative zu einer Pressekonferenz in die instandbesetzte Wohnung ein. Ein Team von Schwedens Fernsehen erschien und ein paar Berliner Journalisten.

"Während wir erzählten, warum wir gegen Leerstand protestieren und eine Wohnung brauchen, hörten wir es krachen", erinnert sich Seyfried. "Kurze Zeit später schlug jemand die Wohnungstüre mit einer Axt ein, herein stürmte ein von der Bewoge beauftragter Architekt mit einem Trupp Bauarbeiter. Als die in die Fernsehkamera guckten, ergriffen sie sofort wieder die Flucht."

Die Wohnungsbaugesellschaft bot den Instandbesetzern einen Mietvertrag an, machte jedoch zur Bedingung, dass die Bürgerinitiative SO 36 die Liste mit den in Kreuzberg leerstehenden Bewoge-Wohnungen nicht veröffentlichen würde. Seyfried und Ludzoweit unterschrieben den Mietvertrag, aber die Initiative veröffentlichte anschließend dennoch die Liste. "Die Bewoge", so Seyfried, "war nicht wirklich gut auf uns zu sprechen."

Ein Baugerüst versank im Kanal

Die Beziehungen verbesserten sich auch dadurch nicht, dass ein für die Sanierung des Hauses vorgesehenes Gerüst auf unbekannte Weise seinen Weg in den nahe gelegenen Landwehrkanal fand. Christoph Ludszuweit notierte in seinem Tagebuch:

"Komme von der Arbeit heim, vergehen nicht 5 Minuten - da kommen 6 Zivilbullen durch die Tür. Kaum angeklopft, brechen sie rein und halten mir einen Durchsuchungsbefehl unter die Nase: Verdacht auf Urkundenfälschung. Auf unserem Auto klebte eine nachgemachte TÜV-Plakette, auf der vermerkt war: Gesinnungsgeprüft bis 11/79. Ca. 35 Minuten lang wurden unsere Sachen durchschnüffelt. Beschlagnahmt wird 1 angebliche Patrone, 1 Katschi (Zwille) ..."

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Michael Sontheimer, Peter Wensierski:
Berlin - Stadt der Revolte

Ch. Links Verlag; 448 Seiten; 25 Euro

Gemeinsam mit der Bürgerinitiative setzten Ludszuweit und Seyfried einiges in Bewegung, ihr Beispiel machte in den folgenden Monaten und Jahren Schule. Wohnungs-Leerstände, Häuserabrisse und Flächensanierung trieben die linke Szene auf die Barrikaden gegen den "Kahlschlag" in der Stadtplanung. "Kommt wir stellen Kreuzberg auf den Kopf!", heißt es auf einem Flugblatt, mit dem für einen "Sanierungsumzug" am 9. Juni 1979 aufgerufen wurde. Treffpunkt war der Oranienplatz, 11 Uhr.

Es ist der Sound der kommenden großen Hausbesetzerbewegung des Jahres 1981, der in dem Aufruf anklingt: "Wacht auf! Die Kugeln der Baumafia zerstören weiter unsere Stadt. In Kreuzberg wird von der Bewoge mit Rückendeckung vom Senat wieder eine gut erhaltene, schöne, sonnige Fabrik (Pragma-Gebäude Waldemarstraße) zerstört. Sie zerschlagen das Dach, reißen die Fenster raus und machen Installationen unbrauchbar. Das Gebäude war nicht zum Abriß freigegeben. Woran sollen wir noch glauben?"

Weiter heißt es in dem Aufruf: "Sie zerstören unseren Lebensraum Tag für Tag ein Stückchen mehr. Setzen an die gleichen Stellen Betonklötzer, damit sie nur die Mark treffen, denn nur sie haben die großen protzigen Maschinen, um solche zu bauen. Sie versprechen den Leuten Arbeit, gekachelte Duschen - und keiner merkt, wie die Stadt lautlos stirbt. Diese Macht des Geldes in der Sanierungspolitik ist genauso gefährlich wie der Bau von Atomreaktoren. Der Kahlschlag hat schon vor Jahren begonnen. Bald haben sie alles zerschlagen, was der letzte Krieg übrigließ - und wieder verdient. Sie stecken uns in Häuser, die schon aussehen wie Karteikästen, können uns so besser kontrollieren; kassieren auch noch höhere Mieten - haben wieder verdient. Vor welchem Recht können sie das verantworten? Wir staunen. Unser Buckel wird langsam krumm, doch wer sich aufrichten will, kommt und zieht mit uns durch SO 36."

"Tausende von Berliner Altbauten gerettet"

Die Forderungen lauten: "Schluß mit dem Kahlschlag. Keine neue Mieterhöhung. Anerkennung eines Betroffenenrats bei allen Abrißfragen. Wiederherstellung des Pragma-Gebäudes in den ursprünglichen Zustand."

Unterzeichnet ist das Flugblatt so: "BI SO 36, Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk, Schule für Erwachsenenbildung, Handwerksgruppen, Drucker, Bäcker, Händler, Wohngemeinschaften, alle, die Lust am Leben haben."

Gerd Seyfried wohnte bis 1983 in der instandbesetzten Wohnung in Kreuzberg, dann zog er nach Charlottenburg, um mehr Ruhe zum Zeichnen zu finden. Inzwischen ist er 70 Jahre alt und hat gerade seinen neuen Comic-Band "Zwille" veröffentlicht, mit Wimmelbildern voller skurriler Kleinigkeiten und anarchischem Witz wie vor 40 Jahren.

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Gerhard Seyfried:
Zwille

Fifty-Fifty Verlag; 64 Seiten; 16 Euro

Christoph Ludszuweit sagt heute: "Ich bin stolz drauf, dass wir die erste Instandbesetzung gemacht haben. Sie war ein Startsignal für die Besetzerbewegung, die Tausende von Berliner Altbauten gerettet hat. Ich bin sehr stolz drauf. Meine erwachsenen Töchter haben mal gesagt: 'Warum haben wir nicht damals gelebt? Ihr hattet viel bessere Möglichkeiten und Bedingungen'."

insgesamt 5 Beiträge
Peter Kasparides 25.07.2018
1. Einfach gut!
Kurz nachdem die Mauer gefallen war bereiste ich Berlin und die zusammen brechende DDR. In Kreuzberg lernte ich Seyfrieds Werk mit den "Marschierern zu den Bananen" kennen. Den Titel hab ich gerade nicht im Speicher. [...]
Kurz nachdem die Mauer gefallen war bereiste ich Berlin und die zusammen brechende DDR. In Kreuzberg lernte ich Seyfrieds Werk mit den "Marschierern zu den Bananen" kennen. Den Titel hab ich gerade nicht im Speicher. Ganz köstlich wie er die Polizei auf die Schippe nimmt! Ich bin wirklich nicht links, aber es würde etwas wichtiges fehlen wenn es Leute wie ihn nicht gäbe.Alles Gute für die Zukunft!
Achmed Adolf Wolfgang Khammas 25.07.2018
2. Die erste...
Die erste Hausbesetzung Berlins geschah am 19.03.1972 nach einem MC5-Konzert im Audimax der TU, wo der entsprechende Aufruf zum Mitmachen auf Flugblättern verteilt wurde. Anschließend bewegte sich ein Teil des Publikums in die [...]
Die erste Hausbesetzung Berlins geschah am 19.03.1972 nach einem MC5-Konzert im Audimax der TU, wo der entsprechende Aufruf zum Mitmachen auf Flugblättern verteilt wurde. Anschließend bewegte sich ein Teil des Publikums in die Lützowstraße, wo am Ende (vielleicht die Nummer 90 ?) ein tip-top sauberes, leerstehendes Fabrikgebäude stand, das zwei Tage besetzt wurde, bevor die Polizei es in der 3. Nacht - entgegen den Zusagen des Bezirksbürgermeisters - hart räumte...
Georg Elser 25.07.2018
3. die comics sind..
...eine schöne Zeitreise in ein interessantes und aufregendes Berlin. In das heutige zieht es mich nun gar nicht mehr...
...eine schöne Zeitreise in ein interessantes und aufregendes Berlin. In das heutige zieht es mich nun gar nicht mehr...
Bernd Müller 26.07.2018
4.
... hier geht es um die Instandbesetzung, d.h. um das Besetzen von zunächst unbewohnbaren Gebäuden zur Rettung der Bausubstanz. Hausbesitzer wie u.a. der berühmt-berüchtigte Kaussen ließen Häuser bewusst verfallen und [...]
... hier geht es um die Instandbesetzung, d.h. um das Besetzen von zunächst unbewohnbaren Gebäuden zur Rettung der Bausubstanz. Hausbesitzer wie u.a. der berühmt-berüchtigte Kaussen ließen Häuser bewusst verfallen und schickten auch Handwerkertrupps zur gezielten Zerstörung von Haustechnik wie z.B. Wasser- oder Elektroleitungen. (West-) Berlin hätte ohne die Hausbesetzer der späten 70er und frühen 80er Jahre etliche Gründerzeit-Altbauten weniger, da wäre noch gnadenloser abgerissen und gestapelte Rattenkäfige gebaut worden. In Verruf brachte sich die Hausbesetzerbewegung etwa 15 Jahre später in Ost-Berlin, als es nicht mehr um Bausubstanz, sondern um "autonome Freiräume" etc. ging. Ein "schönes" Beispiel davon klebt der Stadt wie Scheisse am Schuh: "Liebig 94“.
Cerstin Bauer 26.07.2018
5. Die Comics und der Artikel ...
wecken unglaubliche Erinnerungen in mir. "Freakadellen und Bulletten" war der Hit schlechthin !!! Das war die Zeit des Aufstandes, des nicht konform Seins auch gegen den später folgenden "uniformen [...]
wecken unglaubliche Erinnerungen in mir. "Freakadellen und Bulletten" war der Hit schlechthin !!! Das war die Zeit des Aufstandes, des nicht konform Seins auch gegen den später folgenden "uniformen Nonkonformismus", die mich just zum Mauerfall zusammen mit der Popmusik der 80.-er (vielleicht auch schon viel früher !) unglaublich angewidert haben, weshalb ich mich sprichwörtlich aus Berlin vom Acker gemacht habe. Ich erinner mich gerne auch an Ralf König und seinen "Bewegten Mann" und an Brösel mit seinem Kampf gegen den "Red Porsche Killer". Nicht zu vergessen Gerhard Haderer, dessen detaillierte Karikaturen sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt haben, um alles in allem aus mir einen politisch engagierten Menschen zu machen. Viva el comic Seyfried !!!

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