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einestages

Stunt-Legende Dar Robinson

König des freien Falls

Er hüpfte von Wolkenkratzern, raste mit einem Auto in den Grand Canyon, sprang von Flugzeug zu Flugzeug. Dar Robinson galt als Stuntman-Superstar. Im November 1986 starb der Perfektionist - bei einem Routinetrick.

Alan Adler/ Alan Landsberg Productions
Von
Montag, 21.11.2016   14:01 Uhr

Da sitzt er, auf der Brüstung des 553 Meter hohen Canadian National Towers in Toronto und kann kaum fassen, was er gleich tun wird: "Oh, was für ein Trottel ich bin! Oh, was für ein Trottel ich bin!" Fünfmal wiederholt der Mann mit dem hellroten Trainingsanzug diesen Satz, kichert ungläubig, schüttelt den Kopf. Dann beugt er sich nach vorne. Brüllt: "Auf die Plätze, fertig, los!" Und springt.

Wie ein Schwimmer rudert Dar Allen Robinson mit seinen Armen und Beinen durch die Luft; pfeilschnell stürzt sein Körper in die Tiefe, beschleunigt auf 160 km/h. Als ihn nur noch 60 Meter von der Erde trennen, zieht sein Chef-Techniker Ky Michaelson die Bremse.

Das knapp fünf Millimeter dünne Kabel, mit dem der Stuntman gesichert ist, spannt sich - behutsam wird er die letzten Meter zu Boden gelassen. "Nie zuvor hatte ich das Leben eines Menschen in meiner Hand", sagt Michaelson und bricht in Tränen aus.

Wieder einmal hat Robinson dem Tod ein Schnippchen geschlagen, an jenem Morgen des 12. August 1980: Unbeschadet überstand er den Sprung vom damals höchsten Fernsehturm der Welt - so wie er auch Dutzende weitere, waghalsige Tricks meisterte.

Robinson sprang aus Hubschraubern und Gondeln, von Wolkenkratzern, Brücken, Klippen. Er war der König des freien Falls, in 19 Jahren Karriere brach er sich nicht einen einzigen Knochen. Und scheiterte an einer Routine: Einer der größten Stuntmen aller Zeiten starb am Set des US-Films "Million Dollar Mystery" in der Wüste Arizonas - bei einer simplen Verfolgungsjagd.

Gas und Bremse verwechselt

Mit Bravour hatte der 39-Jährige am Vormittag des 21. November 1986 den kniffeligsten Stunt des gesamten Films hingelegt: Mit seinem Motorrad raste er gegen eine Leitplanke, flog über zwei Pinienbäume hinweg und landete auf einem jener gigantischen Luftkissen, die Robinson eigens für seine Stunts entwickelt hatte.

Nach dem Mittagessen stand nur noch eine einfache Motorrad-Szene auf dem Programm, die Crew hatte den Notarzt bereits nach Hause geschickt. Robinson und zwei weitere Männer rasten mit gut 100 km/h an den Kameras vorbei und auf eine scharfe Linkskurve zu.

Plötzlich verlor Robinson, der ganz außen fuhr, die Kontrolle über seine Honda 600, schoss über die Böschung und stürzte zwölf Meter in die Tiefe. Um 17.47 Uhr erlag der "Mann mit den Flügeln" seinen inneren Verletzungen. Wie eine später durchgeführte Untersuchung ergab, muss sich Robinson beim Bremsen und Beschleunigen vertan haben.

Ein winziges, tödliches Detail

"Vergesst es nie: Es ist das eine, winzige Detail, das ihr überseht. Genau das wird euch den Kopf kosten", hatte der für seine Akribie bekannte Robinson laut dem US-Magazin "People" noch am Vorabend zwei jungen Kolleginnen zugerufen. Nun war er selbst gescheitert.

Die Kollegen reagierten fassungslos: Ausgerechnet Robinson, der Superstar. Einer, der dafür bekannt war, jedes Detail minutiös zu planen, wochenlang Tests durchzuführen, nichts dem Zufall zu überlassen. Weil ihm ständig bewusst war, wie lebensgefährlich sein Job war.

"Klar habe ich Angst zu sterben", hatte der Mann mit dem jungenhaften Lächeln im Dokumentarfilm "The Ultimate Stuntman. A Tribute to Dar Robinson" von 1988 gesagt: "Und genau deshalb mache ich meinen Job so gut wie möglich. Ich tue alles, um sicherzustellen, dass ich nicht verletzt werde."

Von Flugzeug zu Flugzeug

Robinson war ein Perfektionist, an Schutzengel glaubte er nicht. Wenn ihm jemand vor einem Stunt "Viel Glück" zurief, pflegte er zu entgegnen: "Ich hoffe, es wird nicht dazu kommen, dass ich es brauche."

1947 in Los Angeles geboren, fiel Robinson schon als Kind auf: Mühelos stöckelte er auf Stelzen, die doppelt so hoch waren wie er selbst. 1960 landete der Junge, der Trampolin springen konnte wie kaum ein zweiter, auf dem Cover des US-Magazins "Life". Im Trampolin-Center seines Vaters, wo Dar täglich mit seinen zwei kleinen Brüdern trainierte, entdeckte ihn Stuntman Loren Janes - und holte das Ausnahmetalent zum Film.

Nachdem Robinson zunächst für einen Werbespot per Salto von einem gigantischen Milchglas heruntersprang, arbeitete er 1973 erstmals für einen Kinofilm: Robinson doubelte Steve McQueen im US-Knastdrama "Papillon" und sprang von einem 30 Meter hohen Kliff ins Wasser - eine Kleinigkeit für einen wie ihn. 21 Weltrekorde stellte er im Laufe seiner Karriere auf. Laut "Los Angeles Times" war er der Erste, der im freien Fall von einem Flugzeug zum nächsten sprang - ohne einen Fallschirm zu benutzen.

"Warum erwachsen werden, wenn man Kino machen kann"

Robinson vollführte akrobatische Kunststücke auf einem Trampolin, das 120 Meter über der Erde an einem fliegenden Hubschrauber baumelte. Und saß am Steuer eines Sportwagens, der aus einem fliegenden Frachtflugzeug schoss.

"Warum erwachsen werden, wenn man doch Kino machen kann", sagte Robinson in der Dokumentation - dies war sein Lebensmotto. Der Stuntman, der stets auch Schauspieler sein wollte, erhielt eine Paraderolle im 1985 veröffentlichten Film "Stick": Als Bösewicht "Moke" stürzte er rückwärts aus dem 20. Stock eines Hotels, brüllte furchterregend und feuerte noch im Fall mit einer Pistole in Richtung seiner Filmfeinde.

Besonders spektakulär war auch sein Grand-Canyon-Stunt: Mit 135 km/h raste Robinson auf die 1000 Meter tiefe Schlucht zu, dann schoss der weiße Sportwagen über die Klippe und flog durch die Luft. Kurz bevor sich das Auto überschlug, sprang Robinson aus dem Fahrzeug - und schaffte es, mit einem Fallschirm sicher auf dem Boden zu landen. "Dar war der Beste von allen", so US-Regisseur Richard Donner; als "Meister der Schwerkraft" pries ihn der von Robinson gedoubelte Schauspieler Mel Gibson.

"Warum verkaufe ich eigentlich keine Burger?"

Am meisten Ruhm jedoch bescherte dem Stuntman der Sprung vom Canadian National Tower in Toronto - als Double für Christoph Plummer in der Actionkomödie "Highpoint" von 1982. Obwohl er sich gern in seinem Ruhm sonnte und bisweilen großspurig auftrat, verheimlichte Robinson nie seine Ängste. Oft frage er sich vor einem Stunt: "Was mache ich hier eigentlich? Warum verkaufe ich eigentlich keine McDonald's-Burger oder so was?", zitierte ihn die "Washington Post".

Um sich zu beruhigen, sprach Robinson vor jedem Stunt gemeinsam mit seinem Chef-Techniker und Freund Michaelson ein kurzes Gebet: Er wolle vermeiden, dass der Herr ihn eines Tages "wegen einer Formalie abweist".

Für den Sprung vom Canadian National Tower in "Highpoint" hatte Robinson einen Fallschirm benutzt, den er in 90 Meter Höhe öffnete. Für die Dokumentation "The World's Most Spectacular Stuntman" wollte er den Sprung ein Jahr später wiederholen - diesmal jedoch ohne Fallschirm, nur mit einem dünnen, um seinen Brustkorb befestigten Sicherungsseil.

Ein tollkühnes Unterfangen: Mehrfach war Robinsons Dummy "George" - ein mit Sand gefüllter Segeltuch-Sack von der Größe und dem Gewicht des Stuntman - während der Testphase am Boden zerplatzt, weil Techniker Michaelson die Bremse zu ruckartig betätigt hatte.

Dann, am 12. August 1980, war es endlich so weit, kein Windhauch regte sich. Robinson traute sich, kassierte eine Rekordgage von 150.000 US-Dollar. Und wusste wieder, warum er keine Burger verkaufte.

"Wir sprachen viel über die Gefahr", sagte Robinsons Ehefrau Linda nach dem Tod des Stuntman dem "People"-Magazin. "Doch wie alle anderen war ich sicher, dass Dar unzerstörbar ist." Die frühere Schönheitskönigin ließ ihren Gatten 1986 auf einem Friedhof in den Hollywood Hills beerdigen - damit der Stuntman seiner geliebten Filmwelt auch über den Tod hinaus so nah war wie möglich.

insgesamt 4 Beiträge
Mirsad Tulic 21.11.2016
1.
"...Plötzlich verlor Robinson, der ganz außen fuhr, die Kontrolle über seine Honda 600, schoss über die Böschung und stürzte zwölf Meter in die Tiefe. Um 17.47 Uhr erlag der "Mann mit den Flügeln" seinen [...]
"...Plötzlich verlor Robinson, der ganz außen fuhr, die Kontrolle über seine Honda 600, schoss über die Böschung und stürzte zwölf Meter in die Tiefe. Um 17.47 Uhr erlag der "Mann mit den Flügeln" seinen inneren Verletzungen. Wie eine später durchgeführte Untersuchung ergab, muss Robinson Gas und Bremse verwechselt haben..." Wie soll man Gas und Bremse an einem Motorrad verwechseln können? Oder waren Kupplung und Bremse gemeint?
Bernhard Langer 21.11.2016
2. Unmöglich
Ein Motorrad wird motorisch ganz anders gesteuert als ein PKW. Verwecheln kann man da gar nichts. Rechte Hand drehen ist Gas, rechts am Hebel ziehen die Vorderbremse - beides zusammen ist äusserst schwierig, selbst wenn man es [...]
Ein Motorrad wird motorisch ganz anders gesteuert als ein PKW. Verwecheln kann man da gar nichts. Rechte Hand drehen ist Gas, rechts am Hebel ziehen die Vorderbremse - beides zusammen ist äusserst schwierig, selbst wenn man es wollte. Links ziehen Kupplung, mit dem linken Fuß wird geschaltet. Beim PKW ist alles nah zusammen und "blind" zu tun, alles ist eng zusammen und der rechte Fuß hat auch noch eine Doppelfunktion - da kann man sich vertun. Aber nicht beim Motorrad.
Gloria Stein 22.11.2016
3. Bremse und Gas verwechseln bei einem Motorrad?
Selbst wenn ich vor 30 Jahren zuletzt auf einem Motorrad gesessen bin, aber das soll mir mal jemand vormachen, wie das passieren kann.
Selbst wenn ich vor 30 Jahren zuletzt auf einem Motorrad gesessen bin, aber das soll mir mal jemand vormachen, wie das passieren kann.
Johan G.L. van Stappen 22.11.2016
4. Showfigur
Dar Robinson war zuallererst eine Showfigur. Über sein Talent für andere Stunts kann ich nicht urteilen, aber sein Talent als Fallschirmspringer ("Skydiver") war eher "überschaubar". Mit Springerkollegen [...]
Dar Robinson war zuallererst eine Showfigur. Über sein Talent für andere Stunts kann ich nicht urteilen, aber sein Talent als Fallschirmspringer ("Skydiver") war eher "überschaubar". Mit Springerkollegen haben wir damals alle seine Filme wiederholt angeschaut in de 70er und 80er und uns köstlich amusiert über sein Gehampel. Die Kameraleute (hochgradig erfahrene und kompetente Skydiver) waren stets vor ihm zur Stelle und hätten ihm seine "Stunts" locker vorführen können. Viele davon sind auch tatsächlich schon vorher durchgeführt worden, aber durch Springer mit weniger gute Hollywoodkontakte. Es ist nur eine Vermutung, aber möglich war er genauso wenig erfahren auf'm Motorrad ? Furchtlosigkeit ist schon nützlich, aber es ersetzt keine Kompetenz und Erfahrung...

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