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Rebellische DDR-Schüler

"Wir starrten gebannt auf die große Wanduhr"

Fünf Minuten schwieg 1956 eine DDR-Klasse. Aus Protest, für die Freiheit. Als Stasi und SED sie zu spalten versuchten, hielten die Abiturienten zusammen. Dietrich Garstka erinnert sich an dramatische Momente.

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Donnerstag, 01.03.2018   14:41 Uhr

Ihm blieb keine Zeit. Aber einen letzten Blick wagte Dietrich Garstka zurück zu seinen Eltern, bevor er sie verließ, überstürzt und im Schutze der Dunkelheit, nur vier Tage vor Weihnachten.

Einsam standen sie in ihrer beleuchteten Loggia, früh am Morgen des 20. Dezembers 1956. Sie winkten traurig. Der 17-Jährige sah, wie sein Vater seiner Mutter den Arm um die Schulter legte. Er wusste, beide weinten.

"Furchtbar, dieses Bild", erinnert sich Garstka gut 61 Jahre später im einestages-Gespräch. "Das hat mir fast das Herz gebrochen. Doch während meine Tränen rollten, rannten meine Beine weiter." Wäre er geblieben, sagt er, "hätte die DDR mich eingeknastet".

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Das schweigende Klassenzimmer: Und plötzlich antwortete niemand mehr

Denn SED und Stasi verdächtigten ihn, ein "konterrevolutionärer" Rädelsführer an seiner Schule im brandenburgischen 5000-Einwohner-Städtchen Storkow zu sein. Also floh er mit dem Frühzug nach Berlin, verließ die Eltern, drei jüngere Geschwister, seine hübsche Freundin Marion. Mit pochendem Herzen passierte er die Grenze. Weihnachten verbrachte er im Aufnahmelager Marienfelde, zusammen mit anderen verlorenen Seelen aus der DDR. Garstkas Geschichte aber stach hervor.

"Fünf zähe, quälend lange Minuten"

Sie begann am 29. Oktober 1956, in der Pause vor dem Geschichtsunterricht an der Oberschule in Storkow, gefühlt Lichtjahre von Berlin entfernt. Hier, in der Provinz, ging plötzlich alles so spontan-schnell, dass Garstka noch heute glaubt, alles wäre anders gekommen, hätte man Zeit zum Diskutieren gehabt. "Dann hätten wir es wohl nie gewagt."

So entschieden Minuten über das Leben von 20 Schülern - historische Vorlage für den aktuellen Kinofilm "Das schweigende Klassenzimmer".

Videorezension: Das schweigende Klassenzimmer

Fünf Minuten nämlich schwiegen alle 20 Schüler der Klasse 12, als Geschichtslehrer Werner Mogel ihr Wissen abfragen wollte. Was Mogel nicht ahnte: Es waren Schweigeminuten für die Toten des Volksaufstands in Ungarn, der sich gegen die Herrschaft der Kommunisten richtete, aber vom ungarischen Geheimdienst mit Hilfe der Sowjetunion brutal niedergeschlagen wurde.

Das alles erinnerte viele Schüler an den gescheiterten Aufstand in der DDR drei Jahre zuvor. Die dramatischen Ereignisse hatten sie über den Sender RIAS verfolgt, den sie nur heimlich hören durften. Besonders beeindruckte sie, wie eine aufgebrachte Menge in Budapest das acht Meter hohe Stalin-Standbild stürzte; nur die Stiefel des Diktators blieben stehen. Bald aber schickt Moskau Panzer.

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Sturz des Standbildes, Budapest 1956

Als ein Schüler kurz vor der Geschichtsstunde aufgeregt berichtete, der RIAS habe zu Schweigeminuten aufgerufen, murmelte Garstka so etwas wie: "Das machen wir auch!" Schnell elektrisierte der Vorschlag die Schüler, verbreitete sich geflüstert von vorn nach hinten, von Stuhlreihe zu Stuhlreihe. Zeit zum Nachdenken blieb nicht, die Schüler in der letzten Reihe kriegten es gar nicht mit, denn schon stand SED-Mitglied Werner Mogel vor der Klasse.

Es folgten "fünf zähe, quälend lange Minuten", so Garstka. "Wir alle starrten gebannt auf die große Uhr an der Wand links neben der Tafel. Einige ächzten fast unter dem spürbaren Druck, durchhalten zu müssen."

Lehrer Mogel war völlig verunsichert. "Er nahm die Besseren dran und stellte ihnen die einfacheren Fragen." Die vorrevolutionäre Stimmung 1918? Spartakusbund? Arbeiter- und Soldatenräte? Wer gefragt wurde, stand höflich auf und setzte sich dann wortlos. Selbst wer nicht eingeweiht war, verstand und machte mit.

"Das hat gesessen"

"Ein kleiner Akt des Widerstandes," sagt Garstka immer noch leicht triumphierend. "Die Partei hatte dafür keine Verhaltensschablone." Im kleinen Storkow sprach sich die Aktion sofort herum. Und wurde nach oben weitergegeben.

Am 3. November 1956 schrieb ein Stasi-Oberfeldwebel erstmals über die "5 Gedenkminuten" für die "Konterrevolution in Ungarn". Die ersten Schüler wurden ins Direktorzimmer zitiert, zu den drei SED-Mitgliedern im Kollegium: zu Lehrer Mogel, dem noch neuen Direktor Georg Schwerz sowie seinem Vorgänger Hans Mehling.

Garstka war als Dritter dran. Und wurde sofort überrumpelt. Er sei der Anstifter gewesen, das habe sein Klassenkamerad Hans-Jürgen verraten, behauptete Mehling. "Mir stockte der Atem", sagt Garstka. Hatte ihn sein Freund wirklich denunziert? "Das hat kurz gesessen, mir einen Stich versetzt." Dann entschloss er sich, es als Lüge einzustufen, und stritt alles ab.

Denn die Klasse hatte sich vorher auf eine Strategie geeinigt: schweigen, zusammenhalten - und damit alle schützen. Gleichzeitig versuchten die Schüler, ihre Aktion zu entpolitisieren. Sie einigten sich darauf, man habe mit den Schweigeminuten nur um ihr sportliches Idol getrauert, den ungarischen Fußballhelden Ferenc Puskás. Zunächst hieß es nämlich, Puskás sei bei den Kämpfen getötet worden. Erst später entpuppte sich das als Falschmeldung.

Der Druck aber wuchs. Immer wieder: Wer war es? Wütend entzog Direktor Schwerz den Schülern das vertrauliche Du - und musste sich anhören, die Befragungen erinnerten an "Gestapo-Methoden". Die Klasse wurde gerügt, während die SED-Kreisleitung den Druck auf Schwerz weitergab. Mitte Dezember kam Volksbildungsminister Fritz Lange persönlich, um der Klasse vier Stunden die Leviten zu lesen - zuvor bestens von seinen Spitzeln über die Familien der Schüler informiert.

"Wir igelten uns ein"

"Jeder wurde abgemeiert", sagt Garstka, "bedroht, beleidigt und entwürdigt." Walburga, weil sie religiös war; Karsten, weil sein Vater im Westen lebte; Dieter, weil er Journalist werden wollte; Reinhard, weil sein Vater ein Nazi gewesen sei. "Der Minister machte klar: Das war kein Dumme-Jungen-Streich. Wir waren für ihn gefährliche Konterrevolutionäre."

Die galt es zu bestrafen. Also ließ Lange der Klasse bis zum 21. Dezember acht Tage Zeit, um die "Rädelsführer" zu verraten. Sonst werde die gesamte Klasse vom Abitur ausgeschlossen. "Jetzt wurde uns angst und bange", erzählt Garstka. Trotzdem habe niemand gerufen: Verdammt, warum habe ich da mitgemacht? "Je höher der Druck wurde, desto mehr igelten wir uns ein."

Derweil schrieb der Minister empört an die SED-Bezirksleitung in Frankfurt/Oder:

In der Oberschule Storkow herrschen in politisch-ideologischer Hinsicht unbeschreibliche Zustände. (...) Der Direktor erwies sich als unfähig, eine ernsthafte Untersuchung durchzuführen. Durch sein ungeschicktes Verhalten kam es dazu, daß sich die Klasse zu einer 'verschworenen Gemeinschaft' entwickelte. (...) Ich musste feststellen, daß es völlig erfolglos war, irgendetwas herauszubekommen.

In dem Brief geriet Garstka ins Visier. Er spiele in der Klasse "eine besonders üble Rolle, u.a. durch betont westliches Auftreten". Die Schlinge zog sich zu. SED-Verhörspezialisten kamen nach Storkow. Durch geschicktes Fragen glaubten sie die Quelle der Aktion in der ersten, mittleren Bankreihe lokalisiert zu haben. Dort saßen Dietrich und der eher unverdächtige Bernd-Jürgen.

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Einer der Verhörten warnte Garstka. Schnell wurde die nächtliche Flucht geplant und so inszeniert, dass die Eltern, die mit ihren drei jüngeren Kindern nicht fliehen konnten, uneingeweiht wirken mussten. Dietrich ließ nur eine karge Nachricht zurück: "Ich komme erst wieder, wenn meine Unschuld erwiesen ist."

Für die Schüler wäre es nun, einen Tag vor Ablauf des Ultimatums, einfach gewesen, die Schuld auf ihren geflohenen Klassenkameraden abzuwälzen. "Ich mag das Wort Stolz nicht", sagt Garstka. "Aber in diesem Fall bin ich in doppelter Hinsicht stolz: Denn sie hielten zu mir. Und sie hielten weiter zusammen."

Wiedervereinigt im Westen

Ein letztes Mal versuchten die SED-Funktionäre, die Gemeinschaft zu spalten: Man solle zugeben, dass Dietrich der Aufrührer war, dann könne jeder sein Abitur machen. Als das nicht geschah, wurden die "drei negativsten Schüler", wie es in einem Bericht hieß, von der Schule verbannt. Die anderen lockte man, sie müssten nur die Ausgeschlossenen als Anstifter bezichtigen. Als sie weiter von einer spontanen, gemeinschaftlichen Aktion sprachen, wurden auch sie vom Abitur ausgeschlossen.

Die Lebensziele waren dahin, den Gebannten blieb nur Dietrichs Weg. Bis auf vier Schülerinnen, die aus familiären Gründen nicht wegkonnten, floh ein Schüler nach dem anderen in den Westen. "Keiner wollte zum Verräter werden", titelten die Zeitungen.

Trotzig und trickreich versuchte die DDR, die Schüler zurückzuholen: Da wurden Eltern bearbeitet, ihre Kinder im Westen zu besuchen und zur Rückkehr zu bekehren. Ein Schüler erhielt ein fingiertes Telegramm, er solle schnell seine plötzlich schwer erkrankte Mutter besuchen. Doch die Fallen schnappten nicht zu, im Gegenteil: Sogar ein Lehrer aus Storkow floh in den Westen; auch Garstkas Familie kam ihrem Sohn hinterher.

privat

Das Wiedersehen: Klassentreffen 1996

Derweil büffelten die Flüchtlinge 1957 fürs Abitur - gemeinsam, an einem Gymnasium im hessischen Bensheim. Erst 1996 kehrten sie noch einmal nach Storkow zurück, zum 40. Jahrestag ihres Ungehorsams. Dort traf Garstka auch seine frühere Liebe Marion wieder. Sie erzählte ihm: "Wir haben solche Angst um euch gehabt, wir durften nie wieder über euch sprechen."

So versuchte die DDR, das schweigende Klassenzimmer durch verordnetes Schweigen aus der Geschichte zu tilgen - und verlor auch diesen Kampf.

insgesamt 5 Beiträge
Joachim Bayh 01.03.2018
1. Schon gut und richtig, aber ...
Die Jugendlichen bewiesen großen Mut und Charakterstärke. Deshalb ist es gut und richtig, wenn an sie und an das, was sie taten erinnert wird. Das Problem sehe ich darin, dass hierzulande vor allem im Film und im Fernsehen der [...]
Die Jugendlichen bewiesen großen Mut und Charakterstärke. Deshalb ist es gut und richtig, wenn an sie und an das, was sie taten erinnert wird. Das Problem sehe ich darin, dass hierzulande vor allem im Film und im Fernsehen der Narrativ weitergepflegt wird, wonach in der DDR die Masse einer freiheitsliebenden Bevölkerung von einer kleinen Minderheit, bestehend aus SED-Bonzen und Stasi-Spitzeln, unterdrückt wurde. Damit wird ein wesentliches Merkmal einer Diktaur verschleiert, nämlich eine massenhafte Anpassung, ein allgegenwärtiger Opprtunismus, mithin auch eine Unterwürfigkeit - Elemente. ohne die ein System, wie es in der DDR bestanden hat, keine 40 Jahre hätte existieren konnen. Nur so etwas lässt sich eben schlecht verfilmen.
Manfred Aerger 01.03.2018
2. Sollte eine eindrucksvolle Warnung an all Diejenigen sein ...
... die glauben, dass es die eine, reine Wahrheit gibt und diese einer kompletten Gesellschaft aufoktroyiert werden muss - mit Desinformationen, Propagandafeuerwerk und letztlich auch mit Gewalt. Solche Experimente fangen mit [...]
... die glauben, dass es die eine, reine Wahrheit gibt und diese einer kompletten Gesellschaft aufoktroyiert werden muss - mit Desinformationen, Propagandafeuerwerk und letztlich auch mit Gewalt. Solche Experimente fangen mit staatlich organisierter "Denkbetreuung" an und sind in Bautzen noch lange nicht zu Ende. Ich habe mein Abi zwar erst drei Jahrzehnte später gebaut, in einer deutlich "entspannteren" Zeit, aber an einem tiefrotem Gymnasium. Mitunter läuft es einem aber bei der Erinnerung an den Staatsbürgerkundeunterricht, den Parteisekretär der Schule und einige andere Protagonisten des "sozialistischen" Regimes immer noch kalt den Rücken runter ... nie wieder!!
s.schaefer 01.03.2018
3. Tolle Menschen!
Respekt bis heute vor einer geilen Aktion in einem schwierigen Umfeld. Bin mir sicher, dass Ihr, die "Flüchtlingsklasse" samt den vier Gebliebenen, alle sehr interessante Menschen mit entsprechenden Lebensläufen seid!
Respekt bis heute vor einer geilen Aktion in einem schwierigen Umfeld. Bin mir sicher, dass Ihr, die "Flüchtlingsklasse" samt den vier Gebliebenen, alle sehr interessante Menschen mit entsprechenden Lebensläufen seid!
Claudia Berg 02.03.2018
4.
@Joachim Bayh: Das ist richtig. Um die Sache komplett abzurunden, die Menschen in der DDR haben sich so verhalten wie andere sich verhalten hätten in dieser Situation.
@Joachim Bayh: Das ist richtig. Um die Sache komplett abzurunden, die Menschen in der DDR haben sich so verhalten wie andere sich verhalten hätten in dieser Situation.
Frank Paul 05.03.2018
5. Diktatur
Jetzt hat es hoffentlich auch der letzte Ostalgiker begriffen: die „DDR“ war ein undemokratischer Unrechtsstaat und eine Diktatur, die Unglück über Millionen Menschen gebracht hat, die gerade erst einer anderen, noch [...]
Jetzt hat es hoffentlich auch der letzte Ostalgiker begriffen: die „DDR“ war ein undemokratischer Unrechtsstaat und eine Diktatur, die Unglück über Millionen Menschen gebracht hat, die gerade erst einer anderen, noch schlimmeren Diktatur entronnen waren.

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