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einestages

Ostberliner Urlauber in Ungarn

"Deutsch oder DDR?"

Raus aus Ostberlin, rein in den Westen des Ostens: Für Mark Scheppert war die Familienreise 1986 nach Budapest ein Traum - das Geschenk zu seinem 15. Geburtstag, ein Ausflug ins Konsumparadies.

privat
Samstag, 01.09.2018   12:17 Uhr

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Als ich 15 wurde, gingen wir am 1. August 1986 zum Essen in den Palast der Republik. Mein Bruder Benny entschied sich fürs "Steak-au-four" mit Pommes Frites, ich trank mit Vater bereits meine zweite Tulpe Wernesgrüner. Seit der Jugendweihe bestellte er Bier für mich mit. Ein Statement, das musste man ihm lassen. Mutter orderte Rosenthaler Kadarka und Szegediner Gulasch, was sie daran erinnerte, als junge Frau - also vor sehr vielen Jahren - in Ungarn gewesen zu sein. Mein Alter rief: "Da wolltest du doch auch immer mal hin, oder?"

Was für eine Frage: Ungarn hatte im Gegensatz zu allen anderen DDR-Bruderstaaten eine magische Anziehungskraft. Dort konnte man Dinge aus dem Werbefernsehen kaufen, nicht nur anstarren. Levi's-Jeans, Camel-Zigaretten, Nike-Turnschuhe, Walkman, Gettoblaster, Schallplatten, Sticker und Glitzersteine - einfach alles, was das Herz begehrte.

"Logo", antwortete ich. Ich war erst in drei Ländern gewesen: DDR, CSSR, in Polen nur, weil Benny und ich unerlaubt 20 Meter auf der Schneekoppe über die Grenze geflitzt waren. "Okay, nächste Woche geht's los. Wir fahren für ein paar Tage nach Budapest." Benny verschluckte sich an der Club Cola. "Echt jetzt?", brüllten wir im Chor. An Mutters seligem Grinsen erkannte ich: kein Scherz! "Köszönöm heißt danke", murmelte sie und meinte wohl, dass ich mich nun artig zu bedanken hätte. Mein Bruderherz rief: "Krieg ich noch einen Pittiplatsch-Eisbecher? Köszönöm!" Alle lachten.

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DDR-Urlauber: Shoppen in Budapest - im Westen des Ostens

Ich war euphorisch, auch weil Vater über Beziehungen reichlich Berechtigungsscheine zum Umtausch von Mark in Forint besorgt hatte; insgesamt durfte man eigentlich nur 440 Mark pro Person im Jahr wechseln. Endlich konnte ich mein nutzlos herumliegendes Jugendweihe-Geld verbraten.

Vor dem Start früh um 5 Uhr schmierte Mutter einen monströsen Stullenberg. Im völlig überfüllten Trabi erzählte mein Vater mal wieder die Geschichte der Anmeldung im Jahre 1972: "Ihren Trabi können sie am 10. Juli 1984 abholen." Er: "Vormittags oder nachmittags?" - "Warum wollen Sie das denn wissen?" - "Na am Vormittag wird doch schon unsere Waschmaschine geliefert!" Niemand lachte.

Im Stau an den Grenzen zur CSSR und zu Ungarn träumten wir bei fast 40 Grad von einer eiskalten Cola an den Ufern der Donau, dazu Hotdogs, die bei uns Ketwürste hießen, in champagnerbeigen Senf gebettet. Nach dem letzten Schlagbaum erfasste mich ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit.

Wurst im Brotlaib, 20 Forint

In Budapest meinte sich Mutter nach 20 Jahren noch an die Straßenverläufe erinnern zu können und lotste Vater, der stark unterhopft wirkte, von einer Einbahnstraße in die nächste Sackgasse. Während sich die Alten vorn anschrien, piekte ich Benny in den Bauch: "Du stinkst ja wie die Pest" - "und du wie Buda".

Die Gastwirte hatten für uns das Schlafzimmer geräumt, um selbst drei Nächte auf der Wohnzimmercouch zu campieren. Benny ärgerte das, dort stand der Fernseher. Der sendete aber nur schwarz-weiß. Vati trank mit dem Opa zwei Pálinka-Schnäpse, während mir die alte Dame mit der Hand durchs Haar fuhr und in gebrochenem Deutsch murmelte: "Was für ein schönes Kind. Wie mein Attila." 15-jährige Jugendliche konnten das besonders gut leiden.

Vor der Tür erklärte mir Mutter, dass deren einziger Sohn 1956 gestorben sei und ich ihm wohl ähnele. Zum Betätscheln teilte ich ab sofort Benny ein, auch wenn er kein so schönes Kind war - was ich ihm gleich sagte. Mutter verpasste mir eine Backpfeife: "Natürlich! Benny ist noch viel hübscher." Der juchzte, ich grinste, Vater zwinkerte mir zu.

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Ich wollte sofort hinunter zu den quietschbunten Auslagen der Geschäfte. Direkt nebenan gab es einen Laden mit kuhlen Adidas-Klamotten. "So was haste noch nicht gesehen", zerrten wir an Vater. Der wollte ein schäumendes Frischbier und vertröstete uns auf morgen. Unter dem Bogen einer berühmten Kettenbrücke, wobei Mutti in den nächsten Tagen alles "weltberühmt" nannte, spendierte Vater an einem Imbissstand eiskalte Coca Cola und "Paros virsli mustar". Oder so ähnlich, denn aus Ungarisch wurden wir, trotz Russischunterrichts, nicht schlau.

Die Cola kostete nur 10 Forint, die Wurst im Brotlaib 20. Der Hotdog war zum Weinen schön - wie der erste Eindruck von Budapest. Die komplette Stadt schien zu leuchten. Einfach alles: die Uferpromenade, Brücken und Ausflugsdampfer, die Werbetafeln auf den Häusern und Reklamen der Geschäfte, Taxis, Busse, Metroeingänge. Im Sender Rias hatte ich die Moderatoren mal vom grauen, finsteren Ostberlin reden hören. Jetzt hatte ich erstmals eine Vorstellung, was sie damit meinten. Budapest fetzte!

Wurst im Brotlaib, jetzt 40 Forint

Als Mutter morgens auf Sehenswürdigkeitentour wollte, einigten wir uns auf einen Kompromiss: Benny und ich hatten bis Mittag frei. Weil die Zeit so knapp war wie mein Forint-Vorrat, musste ich in den Shops die DDR-Kaufhallentaktik anwenden: Es wurde immer ein - durchaus hochwertiges - Stück gekauft und eines geklaut. Benny bekam nichts mit und war mit seinem naiv-drolligen Gesichtsausdruck sogar ein ganz gutes Alibi.

Noch nie hatten wir so viele Sachen gesehen, die wir brauchten. Eine Levi's, ein Nike-Pullover, Converse-Schuhe und ein schwarz-rotes "Bad Boys"-Shirt landeten in meinen Einkaufstüten; ich bezahlte nur für die Hose und die Treter. Benny erwarb Sticker von Frankie Goes To Hollywood und Kim Wilde. Im Plattenladen holte ich mir "Black Celebration" von Depeche Mode. Obwohl ich alle Songs auf Kassette hatte, würde ich zu Hause damit extrem angeben können.

"Graf Koks hat ja halb Budapest leergekauft", rief Mutti. Wobei auch vor ihr zwei Einkaufstaschen voller Westklamotten standen. Am Kiosk bestellte ich vier dieser "Paros Würschtli Mustafa". Der Verkäufer verlangte 160 Forint. "Nee, Genosse, 80!" Ich schrieb es auf - gestern hatte eine ja nur 20 gekostet. Doch er beharrte darauf, bis ich Vater heranwinkte. "Mark, mein Bier hat auch das Doppelte gekostet. Morgen ist hier Formel-1-Rennen." - "Was hat denn das mit den Hotdogs zu tun?", fragte ich entsetzt. "Junge, schon mal was von freier Marktwirtschaft gehört?", mischte sich eine Frau neben mir ein und wedelte mit einem 10-DM-Schein.

"Der Kapitalismus ist eine Gesellschaft der Ausbeutung", kamen mir Worte der Staatsbürgerkunde-Lehrerin in den Sinn. "Wegen eines beschissenen Autorennens verdoppeln die hier gleich mal die Preise?", schimpfte ich. Vater antwortete, als könne er Gedanken lesen: "Nur der Kommunismus kann die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen!" Er trank sein überteuertes Bier auf ex aus, rülpste und rief: "Nastarowje!" Da konnte ich wieder lachen.

Zwei Sorten Deutsche - wie unkuhl

Beim stolzen Ausbreiten unsere Einkäufe staunte ich, dass Benny einen Beutel Glitzersteine hatte mitgehen lassen. Er grinste mich verstohlen an. Abends luden uns die Eltern in ein uriges Altstadt-Lokal ein. Am Einlass wurden wir gefragt: "Deutsch oder DDR?" - und dann in die hinterste Ecke verfrachtet. Die Stadt war wegen des Rennens am Hungaro-Ring voll von Deutschen, von den Ungarn in zwei Kategorien eingeteilt. Wie unkuhl.

Tags darauf schienen wir wirklich Betteltouristen zu sein, die trotz toller Metro alles ablaufen mussten und das noble Hilton Hotel nur von außen bestaunen durften. Wir erklommen den Gellertberg und erreichten das "weltberühmte" Gellert-Bad. Vor dem Eingang standen Hunderte mumienartige Frauen in der prallen Sonne an. Darauf hatten wir echt keine Böcke. Also zurück. In umgekehrter Richtung wanderten wir an endlosen Straßenzügen entlang bis zur Margareteninsel im Fluss, lechzten nach Eis und wollten vor allem endlich baden.

Auch das Palatinus-Bad kannte Mutter wie aus dem Nähkästchen, obwohl sie zuletzt vor 20 Jahren dort gewesen war. Sie schwärmte von riesigen Schwimmbecken, großen Liegewiesen und dem einzigartigen Wellenbad. Das war zwar alles noch da, aber vollgestopft mit Tausenden von Menschen, vor allem Mütter mit kreischenden Gören. "Alle Männer sind ja beim Formel-1-Rennen", nörgelte mein Vater, obwohl er sich nullstens für Autos interessierte.

Die Wellen kamen nur einmal jede Stunde, waren popelig oder durch die Massen nur zu erahnen. Völlig arschlos! Meine Mutter aber brüllte ohne Unterlass: "Mark, ist das nicht schau?" Sie krallte sich regelrecht an mir fest. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als sie wegzustoßen, und traf versehentlich ihr Gesicht. Nun begann sie auch noch zu weinen.

Mehrmals entschuldigte ich mich, da begann meine Mutter mit tränennassen Augen zu erzählen, dass ihre erste große Liebe ein Ungar namens Laszlo gewesen war, mit dem sie die drei schönsten Wochen ihres Lebens am Balaton und in Budapest verbracht hatte. In diesem Wellenbad küssten sie sich zum ersten Mal. Wie wenig Söhne über ihre Mütter wissen... Ich staunte, überlegte allerdings auch, was mit einem ungarischen Vater alles möglich gewesen wäre. Rein klamottentechnisch.

Mit 15 Jahren nahm ich meine Mutti erstmals ohne Scham in die Arme und flüsterte ganz leise: "Ich hab dich lieb."

insgesamt 17 Beiträge
Stephan Dunkel 01.09.2018
1.
Kann ich nachempfinden. Obwohl Wessi, war ich zu der Zeit extrem von Budapest und Ungarn begeistert.
Kann ich nachempfinden. Obwohl Wessi, war ich zu der Zeit extrem von Budapest und Ungarn begeistert.
Gerhard Dünnhaupt 01.09.2018
2. Wünsche der DDR-Bürger vs. Wünsche der Bonzen
Ein prominenter DDR-Dichter beklagte sich nach der Wende: "Wir hatten so wunderbare Pläne für das Volk, aber die wollten ja bloß Levi's Jeans und Kugelschreiber."
Ein prominenter DDR-Dichter beklagte sich nach der Wende: "Wir hatten so wunderbare Pläne für das Volk, aber die wollten ja bloß Levi's Jeans und Kugelschreiber."
Michael Schube 01.09.2018
3.
Ja, kenne ich auch. Um die blöde Fragerei: „Deutsch, aaah, Ost oder West“ zu umgehen, hatte ich mir Hammer und Sichel auf die Jeansjacke genäht, also keine Fragen mehr. War ein toller Urlaub. Wir haben immer Schallplatten [...]
Ja, kenne ich auch. Um die blöde Fragerei: „Deutsch, aaah, Ost oder West“ zu umgehen, hatte ich mir Hammer und Sichel auf die Jeansjacke genäht, also keine Fragen mehr. War ein toller Urlaub. Wir haben immer Schallplatten gekauft.
Jörg Paschold 01.09.2018
4. Die bisherigen drei Kommentare
bestätigen leider die von mir vorab geäußerte Kritik an Spiegel-online: Wenn das unsere aktuellen Sorgen sind kaufe ich morgen meinen Enkeln entgegen den Vorgaben der Eltern ein riesig großes Eis. Und wenn solche Themen [...]
bestätigen leider die von mir vorab geäußerte Kritik an Spiegel-online: Wenn das unsere aktuellen Sorgen sind kaufe ich morgen meinen Enkeln entgegen den Vorgaben der Eltern ein riesig großes Eis. Und wenn solche Themen wie:Urlaub in Ungarn oder so ähnlich bei Spiegel-online das Sommerloch stopfen dann heißt es mit Cicero: Noch so ein Sieg und wir sind verloren.
Volker Riegel 01.09.2018
5. Ich (Wessi) kenn das anders rum
Als Wessi war man auch als Teenager heiß begehrt. Sowohl bei denen, die unsere Westmark wollten, als auch bei den Mädels aus der DDR, die wir als zu uns gehörend ausgaben.... Ja. Die gute alte Zeit. Schade eigentlich. Aber [...]
Als Wessi war man auch als Teenager heiß begehrt. Sowohl bei denen, die unsere Westmark wollten, als auch bei den Mädels aus der DDR, die wir als zu uns gehörend ausgaben.... Ja. Die gute alte Zeit. Schade eigentlich. Aber die Zeit kann man natürlich zurück drehen.

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