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Deutsche Besatzung in Griechenland

Das Grauen in Block 15

Dreieinhalb Jahre lang wütete die Wehrmacht. Griechenland verdrängte die Epoche - von der Okkupation ab 1941 blieben kaum Spuren. Erst jetzt kommen Zeugen wie Eleni Georganta zu Wort. Sie war KZ-Häftling in Athen.

SPIEGEL ONLINE/ Solveig Grothe
Von und , Athen
Mittwoch, 29.08.2018   11:32 Uhr

"Block 15" - der Taxifahrer im Zentrum von Athen scheint davon gehört zu haben. Wie genau man hinkommt, weiß er nicht. Woher auch. Mit dem Taxi darf er dort ohnehin nicht vorfahren. Zu Block 15 geht man zu Fuß. Und nur nach schriftlich begründeter Anmeldung, Tage im Voraus.

Block 15 steht auf einem Kasernengelände der griechischen Armee im Athener Vorort Chaidari. Der zweistöckige Kasten gehörte einst zum größten und berüchtigtsten deutschen Konzentrationslager auf griechischem Boden. Frisch verputzt und umrahmt von blühenden Sträuchern wirkt er jetzt verstörend freundlich.

Für viele Griechen symbolisiert Block 15 den Widerstand während der Okkupation im Zweiten Weltkrieg. Er steht aber vor allem für einen schweigsamen Umgang mit dieser Epoche. Denn in Griechenland, kritisieren Historiker, sei die Zeit der deutschen Besatzung unsichtbar. Nicht etwa, weil sie glimpflich verlaufen sei. Im Gegenteil, trotz der Kriegsgräuel der Nazis.

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Spurensuche in Griechenland: Die nahezu unsichtbare Epoche

Eleni Georganta war 14 und lebte mit ihrer Familie im Nobelvorort Kifissia, als die Wehrmacht im April 1941 Athen einnahm:

"Ich ging runter zum Platz, um mir die Deutschen anzuschauen. Da kamen die Panzer. Ich kann mich noch erinnern: Sie trugen diese Helme mit den Bändern, Helme, die man zubinden konnte. Viele Panzer sind an uns vorbeigefahren."

Zu Hause setzte es eine Tracht Prügel. Der Vater hatte verboten, zu den Deutschen zu laufen. Eleni verstand bald, warum. Sie sah die Bombardierung des Flughafens, die Toten. Dann schloss die Schule, mit dem Winter kam die Hungersnot.

"Es gab nichts mehr, weder Schildkröten noch Igel, nichts. Wir aßen alles, was man sich vorstellen kann: Gras, Brennnesseln, Disteln."

Die Hotels von Kifissia wurden zu Krankenhäusern für Verwundete von der Albanienfront. Eleni meldete sich als Sanitäterin und kam so in Kontakt mit der Jugendorganisation der von Kommunisten kontrollierten Nationalen Befreiungsfront. Sie ging auf Demonstrationen und schrieb Losungen an Hauswände.

"'Freiheit oder Tod', das war meine Parole. Die schrieb ich auch, als mich der Gendarm fasste."

Im März 1943 wurde sie verhaftet. Eleni dachte, die griechische Sicherheitspolizei würde sie laufen lassen, weil sie erst 17 war.

"Man wurde auf einen Hocker gesetzt. Dann gab mir jemand von hinten einen Tritt gegen die Hüfte, ich prallte gegen den Schreibtisch. Da habe ich Blut gespuckt und fragte nach etwas Wasser. Sie brachten mir Wasser, ich schüttete alles um, sie fingen an zu fluchen. Dann fragte ich, ob ich auf Toilette gehen darf. Sie brachten mich zu einer Toilette mit einem Fenster weit oben. Ich leugne nicht, dass ich hochgeklettert bin - dann öffnete sich die Tür."

Der Fluchtversuch war missglückt. Eleni bekam Schläge auf die Fußsohlen und die Haare abgeschnitten. Ein Militärgericht verurteilte sie zum Tode. Der Bischof erreichte, dass die Strafe in lebenslänglich umgeändert wurde - abzusitzen im von der SS verwalteten KZ Chaidari.

"Die Frauen wurden in Block 15 gefoltert"

Mehr als 70 Jahre später erzählte Eleni Georganta davon - in einem von 90 Zeitzeugeninterviews. Historiker der Freien Universität Berlin sowie der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen haben Erinnerungen an die Besatzungszeit gesammelt - quasi im letzten Moment, denn alle Zeugen sind hochbetagt.

"Geschichte türmt sich überall", sagt Projektmitarbeiter Iasonas Chandrinos, "aber auf der Ebene der Aufarbeitung sind wir in prähistorischen Zeiten." Man schwieg über das heikle Thema in den Fünfziger- und Sechzigerjahren während der konservativen Adenauerzeit, um die Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland nicht zu belasten. Auch danach hatten die Herrschenden in Griechenland über Jahrzehnte kein Interesse, den - überwiegend kommunistisch geführten - Widerstand aufzuwerten.

Wenig ist daher etwa über deutsche Konzentrationslager bekannt; 36 gab es im Land, so wird vermutet. "Es gibt keine wissenschaftliche Studie dazu, selbst statistische Daten existieren kaum", sagt die Historikerin Anna Maria Droumpouki. Der Forschung stünden fast nur Zeitzeugenaussagen zur Verfügung.

Im Sommer 2018 führt ein Nachrichtenoffizier der griechischen Fernmeldeschule über das Kasernengelände zu Block 15. Er hat ein eineinhalbseitiges Papier in mäßigem Englisch: "Kurze Geschichte über Block 15", daraus liest er vor.

Warum das Denkmal Block 15 heiße? Der Offizier zuckt die Schultern, er sei kein Experte, das Führen von Besuchern gehöre einfach zu seinen Aufgaben.

Eleni Georganta kam im September 1943 nach Chaidari:

"Wir Frauen kamen in den sechsten Block. Es war schrecklich. Wenn man zum Morgenappell hinausging, wurde einem die Kleidung genommen, man hatte nichts. Nur einmal Wechselwäsche. Dann kam der Kommandant herein und führte die Inspektion durch. Mit einem Hund, einer Peitsche, die dick war, mit Draht und Seil. Wenn er jemandem auf den Rücken peitschte, blieb kein Stück Fleisch hängen, das war's, dann blieb nichts übrig. Dort, vor allen anderen, wurde man nicht gefoltert. Die Frauen wurden in den Block 15 geführt und dort gefoltert."

Der Eingang von Block 15 ist noch immer vergittert. Drinnen ein Gang mit Türen zu den schmalen, hohen Zellen, die Fensterlöcher so hoch oben, dass man nicht hinaussehen kann. Außerdem ein Verschlag, der mal die Toilette war, offen, ohne Türen.

Erschießungsplatz als Übungsgelände für Schützen

Anders als die Fassade wurden die Innenräume im Originalzustand erhalten, aber wohl erst ab den Achtzigerjahren, denn erst da wurde Block 15 offiziell ein Denkmal. Dass die meisten Häftlinge aus dem linken Widerstand kamen, sieht Historikerin Droumpouki als "Grund für die konservativen Regierungen, das Lager weiterhin militärisch zu nutzen und der Öffentlichkeit den Zugang zu verweigern" - bis 1982 sogar den wenigen überlebenden Häftlingen. Eleni Georganta erinnert sich:

"Wenn es Hinrichtungen geben sollte, wussten wir es, da wir vorher Tee und Marmelade bekamen und eine Scheibe Brot. So wussten wir, dass sie jemanden mitnehmen würden."

Der 1. Mai 1944 war so ein Tag. Vier Tage zuvor hatten Kämpfer der Griechischen Volksbefreiungsarmee den deutschen Generalleutnant Franz Krech und drei Begleiter getötet. Als Vergeltung kündigte die Militärkommandantur die Erschießung von 200 Kommunisten an: Häftlinge aus dem KZ Chaidari.

"Drei Tage später kamen sie wieder und nahmen auch sechs Frauen aus unserer Gruppe mit. Merkwürdigerweise nahmen sie immer zwei aus der Liste, eine ließen sie da. Auch ich war dabei. Ich dachte, dass ich an der Reihe wäre. Ich lief mit, da schnappte mich der Kommandant und zog mich zurück."

Die Exekutionen erfolgten auf dem Schießstand von Kaisariani im Osten Athens. Nach dem Krieg nutzte der griechische Schützenbund die Hinrichtungsstätte - als Übungsgelände. Erst 1984 erklärte die Regierung den Schießstand zum Denkmal und untersagte die Nutzung. Der Schützenbund streitet bis heute vor Gericht um den Trainingsplatz.

Griechenlands Premier Alexis Tsipras besuchte das Denkmal 2015 nur wenige Stunden nach seiner Vereidigung für einen symbolträchtigen Auftritt: Am Ort der Wehrmachtsverbrechen legte er Rosen nieder - und kündigte an, gegen Deutschland und den Sparkurs in der Eurozone vorzugehen.

An einem gewöhnlichen Tag ist die von hohen Mauern umgebene Gedenkstätte ruhig. Und verschlossen. Im Park drumherum gehen Athener spazieren.

Von den Schrecken der Besatzung zeugt in Athen ein leichter zugänglicher Ort direkt im Stadtzentrum - sechs Meter unter der Erde. Wer auf der Koraistraße flaniert oder in einem der stets gut gefüllten Straßencafés sitzt, bemerkt den Kellereingang kaum. Hausnummer 4, Sitz der Nationalen Versicherungsanstalt, galt bei Fertigstellung 1938 als eines der modernsten Bürogebäude: mit Aufzügen, Zentralheizung und einem zweigeschossigen Luftschutzkeller. Die massiven Gasschutztüren lieferte die Mannesmann Stahlblechbau AG aus Deutschland.

Dann kamen 1941 die deutschen Truppen. Griechische Behörden beschlagnahmten das Haus und überließen es den Besatzern. Als diese im Oktober 1944 wieder abzogen, nahmen sie alles mit - bis auf eine riesige Hakenkreuzflagge, die auf dem Haus wehte.

"Andere gaben ihr Leben, ich meine Beine"

Der Luftschutzbunker war Zeugen zufolge ein Gefängnis. Bei einer Inspektion 1990 stellten Experten fest, dass die Deutschen den Keller mindestens zweimal neu verputzen und streichen ließen - und dabei unzählige Skizzen und Schriftzeichen überdeckten. Versteckt in Türritzen, an Wassertanks und an der Kanalisation fanden sich Papierschnipsel mit Notizen.

Die Spuren gaben Historikern eine Ahnung davon, was sich in den Kellerräumen abgespielt haben muss. Menschen in unbekannter Zahl, auch Kinder, waren hier teils in totaler Dunkelheit eingesperrt. Einige kamen frei, andere ins KZ.

Wie Eleni Georgantas Leben weiterging, zeichneten die Historiker ebenfalls auf. Auch ihre persönliche Geschichte zeigt, warum man sich in Griechenland erst so spät - und so viele Jahrzehnte gar nicht - für diese Epoche interessierte.

Im September 1944 kam Eleni frei und wurde drei Jahre später erneut verhaftet. In Griechenland tobte der Bürgerkrieg. Die junge Frau beteiligte sich 1944 am Dezemberaufstand der Linken und lebte dann im Untergrund, bis sie verraten und in die Verbannung geschickt wurde. "Es war schlimmer als im Chaidari-Lager", sagt sie im Rückblick verbittert. Man brachte sie in verschiedene Gefängnisse, auch nach Makronissos.

"Sie steckten 40 Leute von uns in ein Zelt, dann kam ein Soldat der Spezialeinheit mit seiner Peitsche und schlug auf uns ein, er ließ uns Blut und Wasser schwitzen. Meine Beine, was die alles abbekommen haben, ist unvorstellbar. Deshalb tragen sie mich auch nicht mehr. Nun ja, andere haben ihr Leben gegeben, ich meine Beine. Was soll's."

1952 endete die Gefangenschaft von Eleni Georganta. Ein Offizier des Staatssicherheitsdienstes kümmerte sich 1966 um die Vernichtung ihrer Akte - und schützte sie dadurch vor weiterer Verfolgung während der Militärdiktatur 1967 bis 1974.

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