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Pomp und Propaganda

Die Amazonen-Partys der Nazis

Halbnackte Varieté-Girls auf Pferden, SS-Reiter, großes Feuerwerk: Im Nymphenburger Schlosspark feierte Münchens braune Elite bombastische Feste. Die "Nacht der Amazonen" organisierte ein Duzfreund Hitlers.

Hugo Jaeger/Timepix/The LIFE Picture Collection/Getty Images
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Donnerstag, 31.05.2018   12:41 Uhr

Ernest R. Pope schwärmte für den Nymphenburger Schlosspark in München. Er war der einzige US-Journalist, der bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges dauerhaft als Korrespondent in der bayerischen Hauptstadt arbeitete. An einem Sommerabend 1936 wurde Pope Zeuge, wie Nationalsozialisten die einstige Sommerresidenz der bayerischen Könige zur Bühne einer bizarren Freiluft-Revue machten.

"Über hundert fast nackte Mädchen nahmen teil, 700 Pferde, 2000 Schauspieler und Komparsen - darunter viele SS-Wachen, verkleidet mit romantischen Kostümen des 17. Jahrhunderts", notierte der junge Journalist (Jahrgang 1910), der für die Nachrichtenagentur Reuters schrieb. "Einige nur notdürftig bekleidete Mädchen schwangen als Amazonen Speere, während sie auf Pferden ohne Sattel ritten", andere trugen "nichts als Silberfarbe am Leib" oder "Schmetterlingsflügel an den Armen", während sie angestrahlt von Scheinwerfern im Gras tanzten.

Initiiert hatte das Spektakel im 229 Hektar großen Schlosspark Christian Weber - Jäger aus Leidenschaft, passionierter Pferdezüchter und einer der brutalsten Nazifunktionäre in der "Hauptstadt der Bewegung". Sehr früh war der Weltkriegsveteran und Freikorpskämpfer schon 1921 in die damals noch junge NSDAP eingetreten und machte Karriere.

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Nazi-Fest in München: "Spärlich bekleidete Amazonen im Galopp"

Der Duzfreund Hitlers war erst Mitglied in der SA, dann in der SS, brachte es vom einfachen Mitglied zum Ratsherrn und Ratspräsidenten des Münchner Stadtrats. Daneben war der gebürtige Franke Präsident des "Wirtschaftsbundes Deutscher Rennstallbesitzer und Vollblutzüchter" sowie Mitglied des "Reichsjagdrats". Er stand auch dem "Kuratorium für das Braune Band von Deutschland" vor, das die "Internationale Riemer Rennwoche" veranstaltete.

Konkurrenz zu Olympia in Berlin

Das Event sollte besser, wichtiger, schöner sein als die pompöse Königliche Rennwoche im englischen Ascot. Es gab verschiedene Wettkämpfe, etwa den mit 3050 Reichsmark dotierten "Preis vom Völkischen Beobachter" und den "Preis vom Münchner Hofbräuhaus" mit einem Preisgeld von 2500 Reichsmark.

Die erste "Lange Nacht der Amazonen" war 1936 als festliches Rahmenprogramm für die Galopprennen angelegt, zu den Ehrengästen zählten unter anderem der ägyptische König Faruk und Aga Khan III.

BR-Video (YouTube): Nackte in Nymphenburg - die "Nacht der Amazonen"

Die frivolen Feierlichkeiten im Nymphenburger Schlosspark, wochenlang vorbereitet und vom "Völkischen Beobachter" beworben, wurden zusammen mit der "Riemer Rennwoche" auch als Konkurrenz zur Sommerolympiade 1936 in Berlin geplant. "Die nackten Amazonen waren dabei Münchens kämpferische Antwort auf den Glamour von Berlin", schreibt die Münchner Lokalhistorikerin Doris Fuchsberger. Sie hat diese Episode aus der Nazi-Zeit erforscht und ein Buch darüber geschrieben.

Besuchertribünen wurden extra gezimmert, die Auffahrtswege erstmals durch elektrisches Licht erleuchtet - und allein für die Pferde brachte man 200 Tonnen Sägemehl zum Nymphenburger Schlosspark. Allein hätte Christian Weber die "Nacht der Amazonen" nicht organisieren können, er war auf Helfer angewiesen.

Die SS-Reiter waren KZ-Wächter

Einer davon war Hermann Fegelein, Kommandeur der SS-Reitschule Riem, von seinen Kameraden "Flegelein" gerufen. Der Günstling Heinrich Himmlers und spätere Ehemann der Schwester von Eva Braun trainierte die Pferde, Darstellerinnen und SS-Reiter, die im Schlosspark auftraten. Unter ihnen waren SS-Männer, die tagsüber das KZ Dachau bewachten.

Am 24. Juli 1936 begann das Spektakel um 21 Uhr - mit "Pauken und Fanfarenklängen aus der Oper Aida", so Doris Fuchsberger: "An die Zeit der bayerischen Kurfürsten erinnernd, strömten zahlreiche Darsteller als höfisches Gefolge in Kostümen im Stil des Rokoko" zur Freitreppe des hell erleuchteten Schlosses, ihnen folgten 340 berittene Fackelträger.

Nach einem Tanzspiel des Staatsopernballetts ritten als Höhepunkt etwa eineinhalb Stunden später "unter Trompetenklängen sechzehn spärlich bekleidete Amazonen im Galopp aus dem dunklen Park auf das Schloss und die Ehrentribüne zu", ehe um 23.30 Uhr die "Lange Nacht der Amazonen" mit einem Feuerwerk endete.

Tod im Straßengraben

"Ein fürstliches Fest", schrieben danach die "Münchner Neuesten Nachrichten". "Lichtperlengüsse und Feuerregen, Bomben und Sterne, Rauchspiele vor dem Himmel und taghelle Kugeln, tausendfaches Silber und Gold und magische Farben über dem Park."

Christian Weber muss die Bombast-Nacht in Nymphenburg gefallen haben. Der Nazi und Bordellbesitzer ließ die pompöse Propagandaveranstaltung noch drei weitere Male stattfinden, 1937, 1938 und 1939. Dann begann der Zweite Weltkrieg.

Hermann Fegelein, später Generalleutnant der Waffen-SS und Kriegsverbrecher, wurde kurz vor Kriegsende, am 29. April 1945, wegen angeblicher Fahnenflucht in Berlin hingerichtet. Weber wurde zwischenzeitlich Millionär. Der einstige Pferdeknecht vervielfachte sein Vermögen unter anderem durch die sogenannte Arisierung von Immobilien, die ihren jüdischen Besitzern genommen wurden.

Weber starb vermutlich im Mai 1945 in amerikanischer Gefangenschaft. Auf dem Weg in ein Lager der US-Armee in Heilbronn kam der Gefangenentransport von der Straße ab und überschlug sich, Weber wurde tödlich verletzt. Eindeutig zu klären war das allerdings nicht, das Amtsgericht München erklärte ihn am 1. November 1949 für tot.


Zum Weiterlesen:
Doris Fuchsberger: Die Nacht der Amazonen - eine Münchner Festreihe zwischen NS-Propaganda und Tourismusattraktion. Allitera Verlag 2017; 242 Seiten; 19,90 Euro

insgesamt 4 Beiträge
Klaus-Jürgen Wolf 31.05.2018
1.
Auch wenn man es aus ideologischen Gründen gerne verwerflich darstellem möchte - damals war sowas in der Tat angesagt, die Nachwehen wagnerscher Geschichtsverklärung sozusagen, aber nichts unbedingt nazi-typisches.
Auch wenn man es aus ideologischen Gründen gerne verwerflich darstellem möchte - damals war sowas in der Tat angesagt, die Nachwehen wagnerscher Geschichtsverklärung sozusagen, aber nichts unbedingt nazi-typisches.
Frank Leonhard Watz 31.05.2018
2. soviel Kitsch
gabs doch immer bei den Braunen... ich denke da nur an diesen "Mittelalteraufzug" - auch in München - bei denen die "Ritter und Knechte" in grauenvollen Phantasieuniformen und dem Hakenkreuz daher geriiten, [...]
gabs doch immer bei den Braunen... ich denke da nur an diesen "Mittelalteraufzug" - auch in München - bei denen die "Ritter und Knechte" in grauenvollen Phantasieuniformen und dem Hakenkreuz daher geriiten, gefahren und gegangen sind. Oder dieses Bild, auf dem der GröFaZ in Rüstung auf einem Pferd abgebildet ist, eine Standarte haltend; oder, oder, oder....
Christian Kochleus 02.06.2018
3. Wirklich Nazi-typisch?
Sicher, das war eine Zeit kitschig-romantischer Verklärung des Mittelalters und Altertums. Aber ist das wirklich was Nazi-typisches? Ok, die Nazis hatten es mit der germanischen Mythologie, aber ich würde eher denken, dass das [...]
Sicher, das war eine Zeit kitschig-romantischer Verklärung des Mittelalters und Altertums. Aber ist das wirklich was Nazi-typisches? Ok, die Nazis hatten es mit der germanischen Mythologie, aber ich würde eher denken, dass das halt schlichtweg damals in war. Für unsere Zeit würde man vielleicht eher eine Brunhilde als Klofrau und einen Siegfried als Hartz IV Empfänger oder gar als Asylbewerber inszenieren. Aber wird man das dann in 200 Jahren als typischen Merkel- oder CDU/CSU-Schwachsinn bezeichnen? Ich denke eher nicht...
Paul Eckler 04.06.2018
4. Schlechter Journalismus
mit Ihrem Artikel diskreditieren Sie subtil und doch sehr offensichtlich diejenigen Bürger unserer Gesellschaft, die heute für die natürlichste und sauberste Fleischbeschaffung in unseren Märkten sorgt. Einen blutrünstigen [...]
mit Ihrem Artikel diskreditieren Sie subtil und doch sehr offensichtlich diejenigen Bürger unserer Gesellschaft, die heute für die natürlichste und sauberste Fleischbeschaffung in unseren Märkten sorgt. Einen blutrünstigen Nazi gleich 3x in die Nähe der Jägerschaft zu rücken, auch wenn Herr Weber der grünen Zunft angehört haben mag, ost ein sehr fadenscheiniger Versuch einen fiesen Vergleich herzustellen. Das ist nicht des Spiegles würdig. Eigentlich lese ich dwn Spiegel sehr gerne! Aber so etwas ist näher an der niveaulosen Morgenpost, als dass es von guten, sachlichem Journalismus zeugt.

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