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einestages

Geschichte eines Songs

"Die Moorsoldaten" - vom KZ-Lied zum Welthit

Der Sommerhit 2018 ist das alte Partisanenlied "Bella ciao". Weltweit ähnlich bekannt wurden die "Moorsoldaten", von denen Häftlinge erstmals vor 85 Jahren sangen - im "Zirkus Konzentrazani".

Heinrich Hoffman/ ullstein bild
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Montag, 27.08.2018   10:21 Uhr

Die Bewacher von der SS mussten nicht bis zur Erschöpfung im Torf schuften. Im KZ Börgermoor in der Einöde des Emslandes hatten sie gutes Essen und Alkohol, ihre Langeweile vertrieben sie sich zuweilen mit Prügelorgien gegen die Inhaftierten. Aber abgeschoben fühlten sich auch die SS-Leute, und sie suchten Abwechslung. Darum genehmigte die Lagerleitung eine von den Häftlingssprechern angeregte Veranstaltung: Am Sonntag, 27. August 1933, durfte eine Gruppe von Gefangenen auf dem Appellplatz auftreten.

Sie nannten sich "Zirkus Konzentrazani".

Es war eine bunte Revue, zusammengestellt vom Häftling Wolfgang Langhoff. Der damals 31-Jährige, zuvor jugendlicher Held am Düsseldorfer Schauspielhaus, gehörte der Kommunistischen Partei an und leitete eine antifaschistische Agit-Prop-Gruppe. Deshalb hatten die Nazis ihn schwer misshandelt und nach Börgermoor verschleppt.

Dort formierte Langhoff aus Akrobatiktalenten, Musikern und früheren Mitgliedern von Arbeitergesangsvereinen ein Programm, durch das ein "Direktor Konzentrazani" mit Pappzylinder und Peitsche führte. Das Publikum aus rund 900 Gefangenen und den Wachmannschaften amüsierte sich über Clowns, Keulenschwinger und ein "Moorballett" der fünf dicksten Häftlinge.

Chorprobe im Waschraum einer KZ-Baracke

Für das Showfinale hatte Langhoff ein alle ansprechendes Lied in Auftrag gegeben. Johann Esser, ein Bergmann aus dem Ruhrpott und Arbeiterschriftsteller, schrieb den Text, Langhoff erweiterte ihn um einen markanten Refrain. Rudi Goguel, 25, ein Angestellter aus Straßburg mit Musikbegabung, vertonte den Text. Seinen vierstimmigen Chorsatz übte der Gefangenenchor im Waschraum einer Baracke.

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Die Moorsoldaten: Der "Zirkus Konzentrazani" von Börgermoor

Die Premiere erlebte das Lied "Die Moorsoldaten" nach der letzten Zirkusnummer. 16 Chormitglieder marschierten in ihren grünen Häftlingsuniformen mit geschulterten Spaten durch die Manege und sangen "Wir sind die Moorsoldaten und wandern mit dem Spaten ins Moor". Bereits nach der zweiten Strophe begannen die Gefangenen den eingängigen Refrain mitzusummen. "Und bei den letzten Strophen", erinnerte sich der Komponist Goguel, "sangen auch die SS-Leute einträchtig mit uns, offenbar weil sie sich selbst als Moorsoldaten angesprochen fühlten."

Dafür sorgte der Text mit Versen wie:

"Wohin auch das Auge blicket
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquicket,
Eichen stehen kahl und krumm."

Oder:

"Heimwärts, heimwärts jeder sehnet,
zu den Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind."

Solche Wahrnehmungen und Gedanken beschäftigten nicht nur die Häftlinge. In seinem Buch "Die Moorsoldaten" schrieb Langhoff auch über die isolierte Lage des Wachpersonals und zitierte einen Mitgefangenen: "Die SS-Männer halten uns doch für Untermenschen. Wenn sie aber jetzt sehen, wie wir zusammenhalten, dann wird sich der eine oder andere, der genau so ein Prolet ist wie wir, fragen, ob die Art, wie sie uns behandeln, die richtige ist."

"Los, singen, Börgermoorlied!"

Sogleich verbot der Lagerkommandant das Moorsoldaten-Lied - laut Langhoff schon zwei Tage nach der Zirkusrevue. Möglicherweise störte ihn die letzte Strophe:

"Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein."

Zudem hieß es im letzten Refrain: "Dann ziehn die Moorsoldaten NICHT mehr mit dem Spaten ins Moor" - und das klang nach Aufbegehren. Doch das Lied verstummte nicht. Bei der Arbeit im Moor forderten Posten immer wieder die Häftlinge auf: "Los, singen. Börgermoorlied!" Auf den Einwand, das sei doch verboten, antworteten sie: "Quatsch! Hier draußen befehle ich."

Das KZ Börgermoor zählte zu den ersten Konzentrationslagern und war Teil einer Kette von 15 Emslandlagern, in denen insgesamt rund 80.000 KZ-Häftlinge sowie später weit über 100.000 Kriegsgefangene eingesperrt waren. Die Nazis errichteten es bereits im Juni 1933. Ein halbes Jahr zuvor waren sie an die Macht gekommen und beseitigten in den folgenden Monaten zügig Demokratie, schalteten Justiz und Medien gleich, erklärten die NSDAP zur einzigen Partei und verhafteten in hoher Zahl politische Gegner.

Mit Hanns Eisler in die USA

In den Emslandlagern mussten die Gefangenen unter menschenunwürdigen Bedingungen Moore trockenlegen und Torf stechen. Bis zu 30.000 Menschen starben, zumeist an Erschöpfung und Krankheiten durch die harte Arbeit oder als Folge körperlicher Misshandlungen. Der bekannteste Insasse der Moorlager war Carl von Ossietzky. Der Journalist, Pazifist und Friedensnobelpreisträger war ab 1934 im KZ Esterwegen, wurde zwei Jahre später schwerkrank entlassen und starb 1937 an den Folgen einer Tuberkulose.

Das "Moorsoldaten"-Lied verbreitete sich unterdessen deutschlandweit, weil Börgermoor-Gefangene Text und Melodie mitbrachten, wenn sie in andere Lager und Haftstätten verlegt wurden. Sie kamen nicht mit aufgeschriebenen Worten und Noten, sondern mit dem Song im Kopf. Ein entlassener Häftling traf in London den Komponisten Hanns Eisler und den Sänger und Schauspieler Ernst Busch; beide waren 1933 aus Deutschland emigriert. Weil der Ex-Häftling die Melodie nicht richtig singen konnte und unmusikalisch wiedergab, erfand Eisler am Klavier eine eigene Version. Sie wird bis heute als die Eisler-Bearbeitung des KZ-Liedes gespielt und gesungen (hier zu hören).

Eisler nahm das Moorsoldaten-Lied mit ins amerikanische Exil. Dort machte der afroamerikanische Sänger, Schauspieler und Politaktivist Paul Robeson "The Peat-Bog Soldiers" auf Veranstaltungen und einer Schallplatte von 1942 populär. Später nahm Folksänger Pete Seeger - als Solist mit eigenhändiger Banjo-Begleitung - eine wunderschöne Version auf. Seeger wie auch Robeson sangen Textpassagen in deutscher Sprache.

Internationale Hymne der Antifaschisten

In viele europäische Sprachen übersetzt wurden die "Moorsoldaten" im Zuge des spanischen Bürgerkriegs von 1936 bis 1939. Nach einem Putsch des von Hitler-Deutschland unterstützten faschistischen Generals Franco eilten Freiwillige aus vielen Ländern der rechtmäßigen republikanischen Regierung zu Hilfe und kämpften gegen Francos Truppen.

Zur moralischen Unterstützung dieser "internationalen Brigaden" kamen Paul Robeson und der als "Barrikaden-Tauber" populäre Ernst Busch zu Auftritten nach Spanien. Stets sangen die beiden die "Moorsoldaten", die immer bekannter wurden. Bald lernten Spanier das Lied "Los Soldados del Pantano", Franzosen sangen "Le Chant du Börgermoor" und Holländer "De Moerbrigade".

So wurde das Börgermoorlied zur internationalen antifaschistischen Hymne. In der Sowjetunion und im Ostblock gehörte es zum staatlich verordneten kulturellen Kanon. Im Westen nahmen es zunächst vor allem politisch links orientierte Künstler in ihr Repertoire, etwa Hannes Wader.

Dass der traurige Song aus dem KZ dann noch größere Verbreitung fand, liegt daran, dass die "Moorsoldaten" eher einem alle ansprechenden Volkslied gleichen als einem klassischen sozialistischen Kampfgesang. Ganz ähnlich wie etwa "Bella ciao": Diese Melodie sangen bereits vor gut 100 Jahren italienische Reispflückerinnen, mit dem Text von Partisanen wurde daraus ein Widerstandssong gegen die Faschisten - und dann machte ein Remix des französischen DJs Florent Hugel "Bella ciao", gerade populär durch eine spanische Serie, zum Überraschungs-Sommerhit 2018.

"Eine Idylle, verglichen mit Auschwitz"

Von den "Moorsoldaten" gibt es ebenfalls zahlreiche moderne Versionen, zum Beispiel von der Elektropopband Welle: Erdball, der Folkgruppe The Dubliners sowie den Rockbands Reservoir Dogs und Die Toten Hosen. "Das Lied strahlt in erster Linie keine politische Meinung aus", erklärte Welle: Erdball. Es sei "eher ein Sinnbild, dass in Zeiten höchster Not für den Menschen kein Anlass zur Resignation gegeben ist".

Jazzmusiker reizte die zwischen Moll und Dur wechselnde Melodie. So nahm die Radio Jazz Group Stuttgart mit Wolfgang Dauner und Albert Mangelsdorff "Die Moorsoldaten" als Instrumentalnummer auf, ebenso die Kölner Saxofon Mafia. Der französische Saxofonist Raphael Imbert holte zu seiner Einspielung eine Sängerin.

Wolfgang Langhoff, Anreger und Mittexter des Liedes, ging nach seiner Entlassung aus dem KZ 1934 in die Schweiz. Dort schrieb er "Die Moorsoldaten", den ersten Bericht über die Konzentrationslager in Nazi-Deutschland. Das Buch erschien 1935 und wurde sofort in etliche Sprachen übersetzt; für die US-Ausgabe schrieb Lion Feuchtwanger das Vorwort.

Langhoff erzählte in seinem Buch auch die seltsame Geschichte vom "Zirkus Konzentrazani". Später schrieb er, "Börgermoor mit all seinen Leiden 1933/34" sei "eine Idylle" gewesen, "verglichen mit den Gaskammern von Auschwitz, den Folterhöllen und Hungergräben von Bergen-Belsen, Buchenwald oder Mauthausen zehn Jahre später". Nach seiner Rückkehr aus der Schweizer Emigration leitete Langhoff als Intendant das Deutsche Theater in Ostberlin. Er starb 1966.

insgesamt 14 Beiträge
Gunda J. Lein 27.08.2018
1. Beeindruckendes Lied
Vor vielleicht einem Dutzend Jahren hatte ich dieses Lied einer Gruppe vorgestellt, die sich mit internationalen Liedern in Originalsprachen befasst ("Klingende Brücke e.V.") und vorher zur Vorbereitung das [...]
Vor vielleicht einem Dutzend Jahren hatte ich dieses Lied einer Gruppe vorgestellt, die sich mit internationalen Liedern in Originalsprachen befasst ("Klingende Brücke e.V.") und vorher zur Vorbereitung das beeindruckende Buch von Langhoff gelesen. Zentrales Element meines Vortrages nach einer Einführung zum historischen Hintergrund und der Entstehung der ersten KZs war natürlich die eindrucksvolle Szenenbeschreibung Langhoffs zur Vorführung des "Zirkus Konzentrazani", die ich teils wörtlich zitierte und bei der mir selbst, obwohl absolut nicht am Wasser gebaut, bald beinahe die Tränen kamen. Wir haben im Anschluss dieses Lied gemeinsam mehrstimmig gesungen, und mein Vortragsskript wurde von einigen der anwesenden Lehrer als Vorlage für den Schulunterricht mitgenommen. In den vergangenen Jahren habe ich dieses Lied wieder häufiger gesungen: wir haben damit als Gegendemonstranten monatelang gegen die montäglichen Münchner Pegida-Aufmärsche angesungen, unterstützt durch den, der dieses Lied auch angeregt hatte, einen Trompeter namens Michael.
Nicolas Rutschmann 27.08.2018
2. Unreflektiertes Trällern
Sehr interessanter Bericht - danke dafür. Vor über 40 Jahren sangen wir dieses Lied oft bei den Pfadfindern, ohne über seinen Ursprung genau Bescheid zu wissen. Wir waren einfach ständig auf der Suche nach Liedern, die sich [...]
Sehr interessanter Bericht - danke dafür. Vor über 40 Jahren sangen wir dieses Lied oft bei den Pfadfindern, ohne über seinen Ursprung genau Bescheid zu wissen. Wir waren einfach ständig auf der Suche nach Liedern, die sich gut mit der Gitarre begleiten ließen und ich fand vor allem die Melodie sehr eingängig. Schon erstaunlich, was man so alles trällert, ohne genauer zu hinterfragen, woher das Lied stammt. In diesem Fall müssen wir uns glaube ich aber nichts vorwerfen. Zu Anfang des Artikels dachte ich noch: Oh Gott, wir haben ein Lied gesungen, welches im Endeffekt Nazi-Liedgut ist. Gut, dass sich das dann im Endeffekt als Irrtum herausstellt.
Klaus Schubert 27.08.2018
3. Bella ciao!
Als ich das erste Mal diesen “Sommerhit“ im Radio hörte, war ich schockiert! Dieses Lied wurde von uns im Kinderferienlager gesungen und zwar in voller Kenntnis, dass es sich hierbei um ein Partisanenlied handelt! Daraus heute [...]
Als ich das erste Mal diesen “Sommerhit“ im Radio hörte, war ich schockiert! Dieses Lied wurde von uns im Kinderferienlager gesungen und zwar in voller Kenntnis, dass es sich hierbei um ein Partisanenlied handelt! Daraus heute einen Sommerhit zu fabrizieren, empfinde ich als äußerst beschämend! Heute ist aber alles erlaubt und cool, wenn es nur ankommt beim Volk und “Kohle“ bringt! Zum Fremdschämen! Ich dreh es ab, sobald ich es höre und verstehe auch die Sender nicht in ihrem zwanghaften Tun! Niveaulos!
Hans-Gerd Wendt 27.08.2018
4. Opfer
"...Später schrieb er, 'Börgermoor mit all seinen Leiden 1933/34' sei 'eine Idylle' gewesen, 'verglichen mit den Gaskammern von Auschwitz, den Folterhöllen und Hungergräben von Bergen-Belsen, Buchenwald oder Mauthausen [...]
"...Später schrieb er, 'Börgermoor mit all seinen Leiden 1933/34' sei 'eine Idylle' gewesen, 'verglichen mit den Gaskammern von Auschwitz, den Folterhöllen und Hungergräben von Bergen-Belsen, Buchenwald oder Mauthausen zehn Jahre später'. …" Das mag aus der späteren Sicht Langhoffs und vor allem mit Kenntnis der Gräuel der Vernichtungslager wohl richtig sein. Und doch sind auch die Emslandlager für die Insassen die alles andere als erträglich gewesen. Willy Perk hat in seinem Bericht "Die Hölle im Moor" die Grausamkeit und auch Mordlust der Naziwächter beschrieben. Die Opfer dieser Hölle sollten nicht vergessen sein!
Klaus Schubert 27.08.2018
5. Bella ciao!
Als ich das erste Mal diesen “Sommerhit“ im Radio hörte, war ich schockiert! Dieses Lied wurde von uns im Kinderferienlager gesungen und zwar in voller Kenntnis, dass es sich hierbei um ein Partisanenlied handelt! Daraus heute [...]
Als ich das erste Mal diesen “Sommerhit“ im Radio hörte, war ich schockiert! Dieses Lied wurde von uns im Kinderferienlager gesungen und zwar in voller Kenntnis, dass es sich hierbei um ein Partisanenlied handelt! Daraus heute einen Sommerhit zu fabrizieren, empfinde ich als äußerst beschämend! Heute ist aber alles erlaubt und cool, wenn es nur ankommt beim Volk und “Kohle“ bringt! Zum Fremdschämen! Ich dreh es ab, sobald ich es höre und verstehe auch die Sender nicht in ihrem zwanghaften Tun! Niveaulos!

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