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einestages

Handball-Weltmeister 1978

Jimmys magische Minuten

Er spielte wie entfesselt: Erst spät im Finale kam der Linksaußen aufs Feld, warf drei Tore am Stück - und musste wieder raus. Warum bloß? Dieter "Jimmy" Waltke, 64, erzählt, wie Deutschland vor 40 Jahren Weltmeister wurde.

Imago/Werek
Ein Interview von Andreas Meyhoff
Montag, 29.01.2018   13:57 Uhr

SPIEGEL: Die deutschen Handballer sind in der Hauptrunde der Europameisterschaft 2018 gescheitert. Was fehlte ihnen zur Titelverteidigung?

Waltke: Die Spieler fühlten sich nach meinem Eindruck während des gesamten Turniers nicht wohl. Im entscheidenden Spiel gegen Spanien waren sie total verunsichert, das war erschütternd. Der neue Trainer Christian Prokop hat eine etablierte Mannschaft auseinandergenommen und auch taktisch ganz offensichtlich zu viel verändert. Das konnte die Mannschaft nicht verkraften.

SPIEGEL: Sie haben Finalerfahrung und wurden 1978 in Kopenhagen Weltmeister, als Deutschland den Favoriten Sowjetunion mit 20:19 schlug. Warum hatte Trainer Vlado Stenzel Sie vor dem Endspiel nicht eingesetzt?

Waltke: Stenzel erklärte so etwas nicht. Er verkündete vor den Spielen seine Aufstellung, ich war nicht ein einziges Mal dabei. Das habe ich nicht verstanden. Ich fühlte mich überflüssig und deplatziert, zumal ich in den Vorbereitungsspielen eigentlich eine gute Rolle gespielt hatte. Zwischenzeitlich habe ich sogar damit geliebäugelt, nach Hause zu fahren.

SPIEGEL: Färbte das nicht auf die Stimmung in der Mannschaft ab?

Waltke: Nein, die war sogar richtig gut. Ich kannte Erhard Wunderlich, Joachim Deckarm, Heiner Brand und die anderen ja schon aus der Liga und hatte bis zur WM einige Länderspiele absolviert. Mit Jo Deckarm und Arno Ehret war ich oft auf einem Zimmer. Stenzel legte entweder zwei Spieler zusammen, die auf dem Feld nebeneinanderstanden, also Jo als Halblinken und mich als Linksaußen, oder zwei Spieler der gleichen Position, das waren Arno und ich. Jo hatte diese ruhige, besonnene Art, die mich damals schon sehr beeindruckt hat. Und mit Arno freundete ich mich an, obwohl er eigentlich mein direkter Konkurrent war. Die Chemie im Team stimmte einfach, das ging über den Handball hinaus.

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Handball-Weltmeister: Jimmy Waltke: Drei Tore in vier Minuten - und tschüß

SPIEGEL: Im Finale wechselte Stenzel Sie nach 39 Minuten für Arno Ehret ein. Warum?

Waltke: Angeblich hatte Arno in der Abwehr einen Fehler gemacht, den Stenzel ihm erklären wollte. Jedenfalls gab der Trainer mir ein Zeichen und ich lief aufs Feld.

SPIEGEL: Im Turnier hatten Sie noch keine Sekunde gespielt und warfen dann drei Tore in Folge, zum 14:12, 15:12 und 16:12, wie im Rausch...

Waltke: Alles ergab sich irgendwie. Ich war nie ein Feigling, und wenn ich eine Chance habe, dann werfe ich. Beim ersten Tor war ich relativ frei auf Linksaußen. Beim zweiten habe ich einen Doppelpass mit Heiner Brand gespielt und war wieder völlig frei vor dem Tor.

SPIEGEL: Den Spielzug hatten Sie eingeleitet.

Waltke: Da hatte ich einfach die richtige Idee. Ich konnte ein Spiel ganz gut lesen und war den anderen oft einen Schritt voraus. Manchmal ist es auch Gefühlssache, beim dritten Tor habe ich trotz meiner 1,86 Meter über die zwei Meter großen Russen geworfen. So ein wichtiges Spiel kann ja auch hemmen. Bei Erhard Wunderlich war das ein bisschen zu spüren, er lief sich häufig in der Abwehr fest, wo er normalerweise geworfen hätte. Bei mir ging in diesem Spiel alles wie von selbst. Im Leben kann mir keiner erklären, warum das so war.

SPIEGEL: Der Hattrick gelang Ihnen innerhalb von vier Minuten und 14 Sekunden. Warum hat Stenzel Sie wieder ausgewechselt?

Waltke: Er hat es gar nicht mitbekommen, vielleicht weil er Arno seinen Fehler erklärt hat. Eine andere Erklärung habe ich nicht, denn wer nimmt jemanden raus, der gerade so einen Lauf hat?

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SPIEGEL: In der Öffentlichkeit galt Stenzel als "Magier", der Sie als Joker einsetzte.

Waltke: Stenzel war ein sehr guter Trainer mit vielen tollen Ideen, aber manchmal auch verpeilt. Es kam vor, dass er zwei Leute aus- und einen wieder einwechselte. Auch im Finale passierte das, etwa zehn Minuten vor Schluss. Auf der rechten Seite fehlte jemand in der Verteidigung, da bin ich reingegangen und habe dann sogar den nächsten Angriff noch mitgespielt. Das Ganze dauerte eine halbe Minute. So zitterten wir uns zum Schlusspfiff.

SPIEGEL: Wie ging es nach dem Spiel weiter?

Waltke: Jo Deckarm musste noch zur Dopingkontrolle, aber in der Kabine knallten die Korken. Wir waren bei der Brauerei Tuborg eingeladen und haben gefeiert, auch im Bus, der nachts zurückfuhr. Rainer Niemeyer und ich waren die einzigen Norddeutschen im Kader, deshalb sind wir an einer Autobahnraststätte bei Osnabrück ausgestiegen und wurden von unseren Frauen abgeholt.

SPIEGEL: Welche Rolle spielten Sie nach dem Titelgewinn in der Nationalmannschaft?

Waltke: Bis 1980 war es eine tolle Zeit für mich. Nach der WM hatte ich ein ganz anderes Standing, etwa gleichauf mit Arno Ehret. Am 30. März 1979 war ich zum ersten Mal Kapitän, als wir in Wuppertal gegen Japan spielten. Am selben Tag ist Jo Deckarm so schwer verunglückt, beim Europapokalspiel des VfL Gummersbach in Ungarn. Ein Jahr später kam der Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau. Für mich war das sehr schwer nachvollziehbar - wir hatten schon unsere Olympiaausrüstung und eine große Chance auf Gold.

SPIEGEL: Warum kam es 1981 mit Stenzel zum Bruch?

Waltke: Er kümmerte sich mehr um die Vermarktung von Würsten als um die Nationalmannschaft und erschien einfach nicht mehr zu Lehrgängen. Das Fass zum Überlaufen brachte sein Verhalten vor einem Länderspiel: Stenzel informierte mich und einige andere Nationalspieler wie Arno Ehret und Horst Spengler nicht einmal mehr persönlich, dass er uns nicht berufen wollte. Daraufhin traten wir zurück. Es war trotzdem eine intensive Zeit, mit dem TuS Nettelstedt holte ich im gleichen Jahr den Europapokal der Pokalsieger.

SPIEGEL: Sie stammen aus einer Region in Ostwestfalen mit drei Bundesligisten im Umkreis von 30 Kilometern. War immer klar, dass Sie Handballer werden?

Waltke: Ich hätte auch Leichtathlet werden können. Im Mittel- und Langstreckenlauf war ich auf Kreisebene gleichauf mit Thomas Wessinghage, dem späteren Europameister über 5000 Meter. Noch lieber hätte ich Fußball gespielt, aber in meiner Heimat hattest du da keine Chance, das war immer schon eine Handballhochburg. Später als Student habe ich im Fußball besser abgeschnitten als im Handball.

SPIEGEL: Wie haben Sie das Studium mit dem Leistungssport unter einen Hut gebracht?

Waltke: Rainer Niemeyer und ich haben uns morgens getroffen, sind mit dem Auto zur Bielefelder Uni gefahren und abends zurück zum Training. Mit Rainer, der vor zwei Jahren gestorben ist, habe ich Wochen, Monate, Jahre verbracht. Das Studium habe ich 1980 abgeschlossen und ein Referendariat auf einem Gymnasium in der Nähe begonnen, als Lehrer für Sport und Geschichte.

SPIEGEL: Sie trugen immer schon lange Haare, waren Sie Hippie?

Waltke: Die Szene hat mich schon sehr beeinflusst. Ich war als Jugendlicher viel auf Musikfestivals unterwegs, 1970 war ich auf dem Love-and-Peace-Festival auf Fehmarn, wo Jimi Hendrix seinen berühmten Auftritt hatte. Und ich war häufig bei meinem Bruder in Berlin, der lebte in Kreuzberg neben mehreren besetzten Häusern. Schon vor dem Leistungssport war ich ein Wanderer zwischen den Welten.

SPIEGEL: Und wegen Rockstar Jimi Hendrix bekamen Sie den Spitznamen Jimmy?

Waltke: Es gibt noch eine andere Version - im "Stern" gab es mal eine Comicserie, die hieß "Jimmy das Gummipferd", weil es so hoch springen konnte.

SPIEGEL: In der Handball-Bundesliga haben Sie für Grün-Weiß Dankersen und TuS Nettelstedt gespielt. Hatten Sie nie den Wunsch, bei einem größeren Verein zu spielen?

Waltke: Nein, ich hätte noch nach Kiel, Lemgo oder Hameln wechseln können, wollte aber nicht. Meine Eltern waren Landwirte, ich wohne immer noch genau dort, wo ihr Haus stand. Da, wo ich jetzt sitze, das ist auch mein Geburtsort. Ich schaue aus dem Fenster auf die Linde, die meine Großmutter zu ihrer Hochzeit gepflanzt hat, und hinter dem Garten fahren die Schiffe auf dem Mittellandkanal vorbei. Wer hätte gedacht, dass wir jetzt, 40 Jahre später, immer noch über den Weltmeistertitel reden.

insgesamt 4 Beiträge
Thomas Keferstein  29.01.2018
1. Wahrer Sportsgeist
Allein der Satz " Der Trainer hat uns Proteste verboten".. heute undenkbar. Grosser Sportsgeist.. Nicht so wie die "Helden" heute, die wie vom MG niedergemäht liegenbleiben. Rudelbildung bei der kleinsten [...]
Allein der Satz " Der Trainer hat uns Proteste verboten".. heute undenkbar. Grosser Sportsgeist.. Nicht so wie die "Helden" heute, die wie vom MG niedergemäht liegenbleiben. Rudelbildung bei der kleinsten Entscheidung. Nein, Schei.. gebaut, Entscheidung hingenommen, Mund abwischen fertig.. Diese Einstellung ist heute undenkbar..
Achim Leoni 30.01.2018
2. Glückwunsch ...
... zu diesem tollen Interview, das eine Frage hinterlässt: Gibt es diese kantigen Typen im glattgebügelten Profisport heute wirklich nicht mehr, oder werden wie sie erst in 40 Jahren als solche erkennen?
... zu diesem tollen Interview, das eine Frage hinterlässt: Gibt es diese kantigen Typen im glattgebügelten Profisport heute wirklich nicht mehr, oder werden wie sie erst in 40 Jahren als solche erkennen?
Alfred Ratner 30.01.2018
3. Unterschrift zu Bild 2
Kleine Berichtigung: "Weihnachtskind" Dieter Waltke ist Jahrgang 1954.
Kleine Berichtigung: "Weihnachtskind" Dieter Waltke ist Jahrgang 1954.
Michael Schock 30.01.2018
4.
Auch wenn es offenbar schwer zu begreifen ist, aber "Deutschland" wurde vor 40 Jahren nicht Weltmeister, sondern die BRD. Auch der andere deutsche Staat hatte nämlich gute Handballer. Und auch wenn das Denken vieler [...]
Auch wenn es offenbar schwer zu begreifen ist, aber "Deutschland" wurde vor 40 Jahren nicht Weltmeister, sondern die BRD. Auch der andere deutsche Staat hatte nämlich gute Handballer. Und auch wenn das Denken vieler nicht über "die Zone" hinausreicht - beide Staaten waren international anerkannt.

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