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einestages

Ted Kennedys Chappaquiddick-Unfall

Das Rätsel einer Sommernacht

War es der Fluch der Kennedys? Eine junge Frau starb 1969 einen mysteriösen Tod im Auto des US-Senators Edward Kennedy. Bis heute wuchern die Theorien, was genau auf der Insel Chappaquiddick geschah.

Popperfoto/ Getty Images
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Dienstag, 18.09.2018   14:16 Uhr

Massachusetts, 18. Juli 1969: Edward "Ted" Kennedy verlässt die Party auf der kleinen Insel Chappaquiddick um 23.15 Uhr. Mit der jungen Wahlkampfmitarbeiterin Mary Jo Kopechne verschwindet der Senator in seinem Oldsmobile in die Nacht. Kurz darauf kommt die Limousine von einer einspurigen Holzbrücke ab, stürzt ins Wasser, geht unter.

Kennedy befreit sich und schwimmt an Land. Trotz seiner Bemühungen kann er die eingeschlossene Frau nicht bergen. Sie ertrinkt. Kennedy läuft zurück zur Party, lässt sich von zwei Vertrauten Richtung Hotel fahren, geht zu Bett - und meldet den Unfall erst nach zehn Stunden. Er sei erschöpft gewesen und habe unter Schock gestanden, gibt er zu Protokoll.

So weit die Version Edward Kennedys.

Binnen weniger Tage wuchsen sich die Ungereimtheiten um den Unfall und Kennedys schwer nachvollziehbares Verhalten zum Skandal aus. Gerüchte und teils abstruse Theorien entstanden: War Kennedy betrunken? Hätte er Kopechne retten können? Warum holte er nicht Hilfe?

Und was taten der verheiratete Senator und die hübsche Mitarbeiterin überhaupt nachts allein im Auto? Warum wartete er zehn Stunden, bis er den Unfall anzeigte? War Mary Jo Kopechne schwanger und sollte beseitigt werden? Gab es eine dritte Person im Wagen?

Auch der Hollywoodfilm "Chappaquiddick", der im April in die US-Kinos kam und jetzt mit dem deutschen Titel "Das Alibi - Spiel der Macht" auf DVD erscheint, kann und will das Dunkel nicht erhellen. Ted Kennedy blieb als letzter politischer Hoffnungsträger der Familie, nachdem sein ältester Bruder im Krieg gefallen war und zwei Brüder von Attentätern ermordet worden waren: 1963 erst US-Präsident John F. Kennedy, dann 1968 Robert "Bobby" Kennedy, früherer Justizminister und ambitionierter Politiker der Demokraten. Und auch Ted Kennedy bekam Morddrohungen, jahrzehntelang.

Mary Jo Kopechne starb mit 28 Jahren. An der Party in einem Ferienhaus auf Chappaquiddick nahmen sechs junge Frauen und sechs Männer aus der demokratischen Politszene teil - eine Art Klassentreffen früherer Mitarbeiter Robert Kennedys. Kopechne war seine Sekretärin und begabte Wahlkampfhelferin.

Sehr rücksichtsvolle Polizei und Justiz

Edward Kennedy, 37, verheiratet und Vater dreier Kinder, war im Sommer 1969 Senator für den Bundesstaat Massachusetts und Anwärter auf die Rolle des Präsidentschaftskandidaten der Demokraten für die Wahl 1972. Er hatte das Ferienhaus gemietet, übernachten wollten die Gäste in einem Hotel auf der Nachbarinsel Martha's Vineyard.

Nachdem er die Feier mit Kopechne verließ, die ihren Hotelschlüssel und ihre Geldbörse zurückließ, bog er - nach eigener Aussage versehentlich - ab und steuerte gen Strand, in Gegenrichtung zum Hotel. Ein Polizist sah das Auto indes erst gegen 0.45, nicht um 23.20 Uhr, wie Kennedy sagte. Was passierte in dieser Zeit?

Es ist eine von zahlreichen Unklarheiten und Widersprüchen:

Fotostrecke

Ted Kennedys Unfall: Warum starb Mary Jo Kopechne?

Noch am selben Tag wurde Kopechnes Leiche zu ihrer Familie im Pennsylvania gebracht, zunächst ohne gerichtliche Untersuchung der Todesursache. Erst Monate später beantragte der Staatsanwalt die Obduktion - dagegen sperrten sich allerdings Kopechnes Eltern. Die Untersuchung, die für Presse und Öffentlichkeit zugänglich sein sollte, wurde sechs Monate hinausgezögert und lief dann auf Wunsch Kennedys hinter verschlossenen Türen.

"Ich hätte sie rausbekommen. Aber es hat niemand angerufen"

Belastend war vor allem die Aussage des Tauchers, der die Leiche geborgen hatte: John Farrar sagte aus, die Position der Leiche lasse darauf schließen, dass Kopechne nicht sofort ertrunken sei, sondern im Auto noch mehrere Stunden in einer großen Luftblase überlebt habe, bis sie erstickt sei. Im Bericht wird er zitiert: "Ich hätte sie innerhalb von 25 Minuten nach einem Anruf da rausbekommen. Aber es hat niemand angerufen."

Im Juli 1969 war die Öffentlichkeit zunächst ganz auf das Fernsehereignis des Jahrhunderts fixiert: die Apollomission mit der Mondlandung am 20. Juli. Doch als die ersten sonderbaren Details bekannt wurden, stürzten sich die Medien auf die saftige Kennedy-Story - mächtiger verheirateter Politiker im Auto mit attraktiver Blondine, tragischer Unfall, Tod.

Der Druck auf Kennedy stieg, der Kennedy-Clan ließ die PR-Maschine pumpen und versuchte im Hintergrund, Medien und Justiz zu beeinflussen. Eine Woche nach dem Unfall bekannte sich Kennedy vor Gericht schuldig, sich unerlaubt vom Unfallort entfernt zu haben. Der Richter verurteilte ihn zu zwei Monaten Haft, setzte die Strafe aber aus - "in Anbetracht des Alters, des Charakters und des bis dahin tadellosen Rufes". Kennedy werde "auch künftig weitaus mehr bestraft werden, als dieses Gericht es je könnte", so der Richter. Die Staatsanwaltschaft verzichtete auf eine Anklage wegen Totschlags.

Am selben Abend trat Kennedy dann vor die Fernsehkameras und erklärte vor Millionenpublikum, er sei nicht unter Alkoholeinfluss gefahren; auch die Gerüchte über "unmoralisches Verhalten" zwischen ihm und Kopechne seien unwahr.

Die Wählermehrheit vertraute ihm

Der Politiker versucht es mit einer Mischung aus erklärter Offenheit, verhülltem Buhlen um Mitleid und vorgetragener Unschlüssigkeit, wie er seine Karriere fortsetzen solle. Zahlreiche Emotionen hätten ihn nach dem Unfall übermannt: "Trauer, Angst, Zweifel, Erschöpfung, Panik, Verwirrung und Schock." Ihm sei zudem der Gedanke durch den Kopf gegangen, ob es nicht "einen schrecklichen Fluch gibt, der über allen Kennedys hängt". Am Ende stellte er den Bürgern von Massachusetts die Vertrauensfrage.

Die Rechnung ging auf. Die Öffentlichkeit schlug sich auf seine Seite. Der Senator wurde nicht zur Amtsaufgabe gedrängt, eineinhalb Jahre später sogar mit 62 Prozent der Wählerstimmen bestätigt. Auf die ganz große Bühne schaffte Ted Kennedy es jedoch nicht, die Präsidentschaft blieb ihm verwehrt.

Die Sommernacht von Chappaquiddick vor 49 Jahren war ein dramatischer Wendepunkt in seinem Leben. Eine Nacht, die alles änderte. Sie hat abenteuerlichen Theorien einen reichen Nährboden geboten, Hunderte Bücher, Artikel und TV-Dokus inspiriert.

Die Wahrheit nahm Edward Kennedy 2009 mit ins Grab. In seiner Biografie "True Compass", posthum veröffentlicht im selben Jahr, schrieb er, die Ereignisse jener Nacht verfolgten ihn jeden Tag seines Lebens: "Die Sühne ist ein Prozess, der kein Ende findet... und das ist richtig so."

insgesamt 4 Beiträge
Martin Hagenspiegel 18.09.2018
1.
Schade, daß Skandale des bürgerlichen Lebens oft die berufliche Karriere beenden. Manche sagen zwar, Politiker müssen ein moralisches Vorbild sein, aber ich wäre froh, wenn die ihre Arbeit gut machen, daß sie bei Verfehlungen [...]
Schade, daß Skandale des bürgerlichen Lebens oft die berufliche Karriere beenden. Manche sagen zwar, Politiker müssen ein moralisches Vorbild sein, aber ich wäre froh, wenn die ihre Arbeit gut machen, daß sie bei Verfehlungen im privaten trotzdem im Amt bleiben. Ob der Ted eine gute Arbeit gemacht hat kann ich jetzt natürlich nicht beurteilen.
Anton Waldheimer 18.09.2018
2. Ganz einfach
Ganz einfach , Kennedy versenkte fahrlässig oder vorsätzlich, keiner weiß es, sein Auto in einem Teich oder See, und ging anschließend nicht zur Polizei sondern nach Hause. Die ebenfalls im Auto befindliche Mary Jo Kopechne(?) [...]
Ganz einfach , Kennedy versenkte fahrlässig oder vorsätzlich, keiner weiß es, sein Auto in einem Teich oder See, und ging anschließend nicht zur Polizei sondern nach Hause. Die ebenfalls im Auto befindliche Mary Jo Kopechne(?) ehemalige Sekretärin seines ermordeten Bruders Robert kam dabei ums Leben. Unfall oder Versenkung , keiner weiß es.Edward Kennedy meldete sich erst einen halben Tag später bei der Polizei. Die Sache wurde Ende der siebziger Jahre unter dem Titel " Chappaquiddik" verfilmt.
Björn Gallinge 18.09.2018
3. Ein Sinnbild ...
... für die US-amerikanische Justiz, die PR- und Medienmaschinerie und die Manipulierbarkeit der Öffentlichkeit und der Wähler. Die einen verschwinden trotz eindeutiger Alibis und Zeugenaussagen, trotz fehlender Beweise [...]
... für die US-amerikanische Justiz, die PR- und Medienmaschinerie und die Manipulierbarkeit der Öffentlichkeit und der Wähler. Die einen verschwinden trotz eindeutiger Alibis und Zeugenaussagen, trotz fehlender Beweise lediglich aufgrund nichtssagender Indizien lebenslänglich unschuldig hinter Gittern, die anderen werden trotz unfassbarer Widersprüchlichkeiten und extremen Fehlverhaltens mit Samthandschuhen angefasst und verteidigt. Der Vorfall ist dabei der genaue Gegenbeweis zu einem Fluch über der Kennedy-Familie: So aus diesem Fall herauszukommen ist die unfassbare Potenzierung von Glück und Schutzengel (und Einflussnahme ...)
Matthias K. 19.09.2018
4. Und jetzt stellen Sie sich vor...
...Kennedy wäre schwarz. 2009 wäre er nach 40 Jahren Gefängnis in Einzelhaft gestorben. Amerika - einfach nur traurig, aber nicht so weit weg von uns wie es manche darstellen. Oder gibt es zur Zeit in puncto Diselskandal [...]
...Kennedy wäre schwarz. 2009 wäre er nach 40 Jahren Gefängnis in Einzelhaft gestorben. Amerika - einfach nur traurig, aber nicht so weit weg von uns wie es manche darstellen. Oder gibt es zur Zeit in puncto Diselskandal Insassen ausser Herrn Stadler und diesem mittleren Management-Typen, der in den USA als Bauernopfer einsitzt? Herr Wiedeking, Herr Schlecker, Herr Ackermann und wie sie alle heissen - eigentlich sitzen wir im Glashaus und sollten erkennen, dass dieselben ( Flieh- )kräfte wie 1969 in Amerika auch 2018 in Deutschland noch ihr Unwesen mit der Justiz treiben.

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