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einestages

Prozess gegen NS-Lagerleiter

Freispruch für den Höllenmeister

Die Häftlinge von Börgermoor fürchteten Wilhelm Rohde als Sadisten. Doch das Gericht sprach den NS-Lagerleiter 1959 frei. Der Fall zeigt, wie mild die bundesdeutsche Justiz mit Naziverbrechern umging.

ullstein bild
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Mittwoch, 12.09.2018   11:34 Uhr

"Der kommt mir heute Abend nicht mehr lebend ins Lager", sagte Wilhelm Rohde am 20. Juni 1939 über einen Gefangenen - so berichtete es ein Zeuge. Am selben Tag wurde der Häftling von einem SA-Mann erschossen.

Frühere Lagerinsassen sagten weiter aus, Rohde habe drei Monate später 800 Gefangene zusammen treiben lassen und Wachmänner mit Gummiknüppeln und Bajonetten auf sie gehetzt. 17 Häftlinge blieben demnach mit klaffenden Wunden liegen und mussten von ihren Mitgefangenen ins Lager getragen werden. Rohde habe sich an dem Anblick von einer Anhöhe aus ergötzt.

20 Jahre später, im Herbst 1959, stand Wilhelm Rohde als ehemaliger Leiter des Strafgefangenenlagers Börgermoor in Berlin-Moabit vor Gericht. Zeugen warfen ihm zehn Morde, Hunderte Körperverletzungen sowie viele andere Schikanen und Demütigungen vor. Ehemaligen Häftlinge beschrieben den Angeklagten als sadistische Bestie.

Doch Richter, Verteidiger und selbst der Staatsanwalt misstrauten den Gefangenen - sie zogen es vor, einstigen SA-Männern zu glauben, die Rohde entlastet hatten. Am 31. Oktober 1959 sprach das Gericht den Angeklagten frei.

Karriere bei den Nazis

Der Fall Wilhelm Rohde steht beispielhaft für die milde Justiz im Westdeutschland der Adenauer-Jahre, für eine Bundesrepublik, die sich nach einem "Schlussstrich" unter die Nazizeit sehnte.

Rohde kam 1890 in Kannenberg zur Welt, einem Dorf etwa auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg. Mit 17 Jahren trat er ins Deutsche Heer ein und kämpfte im Ersten Weltkrieg. Danach schloss er sich einem Freikorps an, das eine kommunistische Rebellion in Berlin niederschlug und die linken Vordenker Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordete. Wenig später wurde Rohde Gefängnisbeamter in Berlin. Als 1933 die NSDAP an die Macht kam, trat er ein.

Im Frühjahr 1938 wurde Rohde nach Börgermoor nahe der niederländischen Grenze versetzt, eines der 15 Emslandlager. Die Nationalsozialisten hatten sie kurz nach ihrer Machtübernahme errichtet, um Andersdenkende und gewöhnliche Verbrecher wegzusperren.

Die Gefangenen mussten jeden Tag bis zu zwölf Stunden im Moor Torf stechen. Es waren Häftlinge aus dem Börgermoorlager, die das Lied "Die Moorsoldaten" dichteten. Lagerleiter Rohde quälte die Häftlinge offenbar weit über die ohnehin schon schreckliche Zwangsarbeit hinaus.

Am 1. September 1939 überfiel die Wehrmacht Polen, der Zweite Weltkrieg begann. Rohde blieb bis 1941 in Börgermoor, ehe er sich zurück nach Berlin versetzen ließ und eine Abteilung der Haftanstalt Plötzensee leitete.

Ein ehemaliger Häftling sah Rohde auf der Straße

Als Nazideutschland 1945 kapitulierte, begann eine bange Zeit für Rohde. Denn die Alliierten nahmen sich die NS-Verbrecher vor. Weil das Emsland in der britischen Besatzungszone lag, ermittelten britische Militärgerichte zu den Leitern und Wächtern der Lager.

1946 verurteilten die Richter sieben Angeklagte zu langen Haftstrafen, neun zu Todesstrafen. Mit dem Fallbeil hingerichtet wurde auch Willi Herold, der als 19-Jähriger in einer gestohlenen Offiziersuniform und mit angeblich persönlichem Führer-Auftrag in einem der Emslandlager mehr als 170 Häftlinge hatte ermorden lassen.

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Emslandlager: Die Hölle im Moor

Rohde aber schien davonzukommen, vielleicht auch, weil zu seiner Zeit in Börgermoor kaum alliierte Kriegsgefangene inhaftiert waren. Von der Justiz unbehelligt schlug er sich in Berlin zunächst als Spediteur und Privatdetektiv durch - bis er am 5. Mai 1947 in der Potsdamer Straße einem ehemaligen Häftling begegnete, der die Polizei verständigte.

Das zufällige Treffen brachte Rohde in Untersuchungshaft, das Hauptamt für Opfer des Faschismus sammelte Zeugen, ein Berliner Staatsanwalt begann zu ermitteln. Denn die deutschen Gerichte übernahmen Ende der Vierzigerjahre zunehmend die Strafverfolgung von NS-Verbrechen von den Alliierten.

Nazi-Seilschaften im Gefängnis

Die deutschen Strafverfolgungsbehörden waren bei Weitem nicht so bissig wie die der Siegermächte. Zahlreich übernahmen Täter und Mitläufer des NS-Regimes im Nachkriegsdeutschland Spitzenposten in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. So machte Hans Globke, Mitverfasser der Nürnberger Rassengesetze, in der CDU Karriere und wurde später Adenauers Kanzleramtsminister.

Besonders belastet aber waren die westdeutschen Juristen. 1948 etwa waren 76 Prozent der bayerischen Staatsanwälte und 60 Prozent der Richter ehemalige NSDAP-Mitglieder. Gering war zugleich der Wunsch nach Aufklärung in der Bevölkerung: 1947 gaben 52 Prozent der Deutschen an, der Nationalsozialismus sei "eine gute Idee" gewesen.

Rohde schien seinem Prozess zunächst sogar zu entgehen - er konnte aus der Untersuchungshaft flüchten, die Umstände wurden nie geklärt. Doch nach wenigen Monaten fasste ihn die Polizei erneut. In U-Haft organisierte er laut der Zeitung "Neues Deutschland" über alte Gefängniswärter-Seilschaften Tabak und Luxuslebensmittel für Zeugen, die ihn entlasten sollten.

Im Februar 1950 stand Rohde zum ersten Mal vor dem Gericht in Berlin-Moabit. Dutzende frühere Lagerinsassen beschuldigten ihn schwer: dass er sie bis auf die Hälfte ihres Normalgewichtes hungern und mit Eiswasser quälen ließ; dass er Mithäftlinge erschießen und zu Tode knüppeln ließ. Bei diesen Aussagen lächelte der Angeklagte der "Berliner Zeitung" zufolge nur zynisch.

"Börgermoor war eine Hölle und er der Höllenmeister", befand der Richter am 21. Februar und verurteilte Rohde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 15 Jahren Zuchthaus. Ein Schritt zur Sühne für die Gewalt gegen die "Moorsoldaten" - indes: Der Richterspruch sollte nicht bestehen bleiben.

Rohde verlangte und bekam seine Beamtenpension

Die Haft war für Rohde ohnehin keine große Entbehrung. Im Gefängnis Moabit konnte er sich auf seinen Naziklüngel verlassen: Er genoss besseres Essen und mehr Freizeit als andere Gefangene, wie "Neues Deutschland" berichtete. Bald schon attestierte ihm der Gefängnisarzt eine Krankheit. Nach kaum vier Jahren wurde er als haftunfähig entlassen und lebte fortan von Sozialhilfe.

Offenbar war ihm die Entlassung nicht genug. Rohde beantragte, dass sein Verfahren wegen neuer Beweise wieder aufgenommen wurde. Ihm ging es wohl vor allem um eine Pension. Denn ein Gesetz von 1951 ermöglichte es Hunderttausenden ehemaligen Beamten des NS-Staates, wieder eingestellt zu werden und auch ihre Pension einzufordern - sofern sie keine verurteilten NS-Straftäter waren. Rohde suchte Entlastungszeugen und wurde dank seines Netzwerkes im Justizapparat fündig.

1959 im Wiederaufnahmeverfahren sagten frühere Ärzte, Leiter und Wächter von Strafgefangenenlagern aus: Der Angeklagte sei "ein korrekter preußischer Beamter", "ein Kerl mit rauer Schale, im Grunde seines Herzens aber ein wirklich guter Kerl". Er habe "Misshandlungen direkt verboten", überhaupt habe es "keine besonderen Vorkommnisse gegeben". Trotz erwiesener Vergangenheit in der Nazischlägertruppe SA arbeiteten einige dieser Zeugen in bundesdeutschen Gefängnissen.

Von Gewalttaten in Börgermoor habe er nicht gewusst, behauptete Rohde, mittlerweile 69 Jahre alt: "Ich bin Christenmensch; ich kann vor meinen Gott hintreten und sagen, dass ich unschuldig bin."

Seine Verteidiger plädierten auf Freispruch und stellten die Aussagen der Lagerinsassen als unglaubwürdig dar: Es sei alles "halb so schlimm" gewesen. Beide Anwälte verteidigten Rohde gratis. Einer war FDP-Mitglied, der andere Sozialdemokrat. "SPD-Anwalt deckt Nazi", schrieb der "Tagesspiegel", "hat er vergessen, dass unter den Verscharrten aufrechte Genossen seiner Partei waren?"

"Mangels Beweisen freizusprechen"

Selbst der Staatsanwalt bezweifelte die Aussagen der Opfer. Sie hätten beim ersten Prozess "begreiflicherweise den Mund etwas vollgenommen", ihr "Gedächtnisschwund" sei weit fortgeschritten, sagte er laut "Tagesspiegel" und beantragte acht Jahre Haft.

Das Wiederaufnahmeverfahren drehte sich um einzelne Körperverletzungen und Morde. "Der Angeklagte war mangels Beweisen freizusprechen", so das Urteil zu fast allen Anklagepunkten. Damit folgte der Richter den Verteidigern und schrieb abschließend: "Eine strafrechtliche fassbare Schuld ist dem Angeklagten heute nicht mehr nachzuweisen. Aber als Mensch und Beamter hat er restlos versagt."

In anderen Prozessen urteilte die westdeutsche Justiz ähnlich milde gegen NS-Verbrecher: Von den 93 Angeklagten aus den Emslandlager-Prozessen saßen nur acht länger als fünf Jahre in Haft. In der gesamten Bundesrepublik ermittelten die Strafverfolgungsbehörden gegen etwa 140.000 mutmaßliche Schergen des Regimes, schätzt Forscher Andreas Eichmüller vom NS-Dokumentationszentrum München. Doch nur knapp 15.000 landeten vor Gericht; weniger als 550 erhielten Haftstrafen von mehr als fünf Jahren.

Wilhelm Rohde verließ das Gericht Berlin-Moabit als freier Mann. Er wurde rehabilitiert und bezog seine Beamtenpension wohl bis ans Lebensende. Über seine letzten Jahre ist nichts bekannt.

insgesamt 17 Beiträge
Harald Reichmüller 12.09.2018
1. Oder er wurde freigesprochen,
weil sich damals - 1959 - herausstellte, daß an den behaupteten Anschuldigungen nichts dran war. Und außerdem: Die BRD-Justiz kann sich nicht irren, und daran hat sich bis heute ja nichts geändert.
weil sich damals - 1959 - herausstellte, daß an den behaupteten Anschuldigungen nichts dran war. Und außerdem: Die BRD-Justiz kann sich nicht irren, und daran hat sich bis heute ja nichts geändert.
Georg Milliband 12.09.2018
2.
Die bundesdeutsche Justiz geht seit jeher und bis heute äußerst milde mit Gewaltverbrechern um, vor allem wenn man die Strafen im Vergleich zu Eigentumsdelikten etc betrachtet. Das begann bei den Ex-Nazis und hat bei Ex-Stasi, [...]
Die bundesdeutsche Justiz geht seit jeher und bis heute äußerst milde mit Gewaltverbrechern um, vor allem wenn man die Strafen im Vergleich zu Eigentumsdelikten etc betrachtet. Das begann bei den Ex-Nazis und hat bei Ex-Stasi, IS-Leuten und Intensivtätern nicht aufgehört.
m r 12.09.2018
3. Was soll das
Welchen redaktionellen Mehrwert verspricht dich der Autor von diesen abgedroschenen Artikel. Nicht falsch verstehen, bin mit meiner politischen Einstellung Mitte links, aber manchmal fragt man sich schon was so ein Artikel [...]
Welchen redaktionellen Mehrwert verspricht dich der Autor von diesen abgedroschenen Artikel. Nicht falsch verstehen, bin mit meiner politischen Einstellung Mitte links, aber manchmal fragt man sich schon was so ein Artikel bewirken soll. Eventuell heißt das Motto „ einfach mal geschrieben auch wen es keinen interessiert“ Das die deutsche Justiz in den 50er und 60er durch Nazzis durchsetzt war ist hinlänglich bekannt!
Michael Schmidt 12.09.2018
4. Und was ist das
für ein zusammengestoppelter Artikel? Was hat Herold mit Rohde zu tun, ausser einer durch 4 Jahre getrennten örtliche Gleichheit? Was hat Globke hier in dem Artikel verloren, der im übrigen nicht an den Gesetzen, sondern an [...]
für ein zusammengestoppelter Artikel? Was hat Herold mit Rohde zu tun, ausser einer durch 4 Jahre getrennten örtliche Gleichheit? Was hat Globke hier in dem Artikel verloren, der im übrigen nicht an den Gesetzen, sondern an einem der Kommentare beteiligt war? Und mit welchen Anwälten und Richtern hätte man denn ein Justizsystem aufbauen sollen, wenn nicht mit Leuten, die schon vorher Juristen waren? Der Umgang mit Altnazis, mit Kriegsverbrechern in der Konsolidierungsphase zwischen 1950 und 1961 war und ist mit Sicherheit zu kritisieren, zu hinterfragen und zu erforschen, und zwar auf beiden Seiten des kalten Krieges. Aber mit solch einem Artikel tut man das sicherlich nicht.
mr.room 12.09.2018
5. Wenn es einen Gott gibt...
Dann hoffe ich mal er ist nicht so gnädig wie das Gericht: "Ich bin Christenmensch; ich kann vor meinen Gott hintreten und sagen, dass ich unschuldig bin." Im Idealfall hat er ihn nicht zu Gesicht bekommen, sondern ist [...]
Dann hoffe ich mal er ist nicht so gnädig wie das Gericht: "Ich bin Christenmensch; ich kann vor meinen Gott hintreten und sagen, dass ich unschuldig bin." Im Idealfall hat er ihn nicht zu Gesicht bekommen, sondern ist gleich den Fahrstuhl abwärts gekommen.
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