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einestages

Skisprung-Star Martin Schmitt

"Ich brauche diesen Kick nicht mehr"

Vor 20 Jahren wurde Martin Schmitt erstmals Skisprung-Weltmeister. Seine grandiose Karriere endete in völliger Erschöpfung. Hier erzählt er vom idealen Sprung - und warum er heute lieber auf dem Boden bleibt.

Bongarts/ Getty Images
Ein Interview von
Donnerstag, 21.02.2019   10:45 Uhr

Als Martin Schmitt drei Jahre alt war, sprang er das erste Mal von einer Skisprungschanze. Drei Jahre später, 1984, begleitete er seinen großen Bruder zu einem Wettkampf, 50 Kilometer von seinem Heimatort Villingen-Schwenningen entfernt. Weil einer der Teilnehmer ausfiel, ging der kleine Bruder an den Start - und wurde Zweiter.

15 Jahre später war aus Martin Schmitt der beste Skispringer der Welt geworden. Im Gesamtweltcup 1998/99 flog der dünne Jüngling der Konkurrenz davon, von 29 Einzelwettbewerben gewann er zehn, das reichte für 1753 Punkte und den Gesamtsieg. Zwischendurch, am 21. Februar 1999, wurde er auch noch Weltmeister auf der Großschanze. Am 19. März desselben Jahres flog Schmitt 214,5 Meter weit, das war damals Skiflug-Weltrekord.

Und weil er auch in der darauffolgenden Saison den Gesamtweltcup dominierte und seinen Titel vor Andreas Widhölzl, Janne Ahonen und seinem Kumpel Sven Hannawald verteidigte, benannten die Stadtväter von Furtwangen im Schwarzwald eine Straße nach ihm. Da war er gerade 22 Jahre alt und in Deutschland fast so berühmt wie Michael Schumacher.

einestages: Herr Schmitt, wie bereitet man sich eigentlich auf so einen Sprung von der Schanze vor?

Schmitt: Am Wettkampftag eigentlich gleich nach dem Aufstehen. Häufig haben wir morgens alle zusammen in der Halle ein wenig Volleyball oder Fußball gespielt, um uns abzulenken und den Körper in Schwung zu bekommen. Anschließend ein Gespräch mit dem Trainer, Videoanalyse, Imitationssprünge. Alles in einem gewissen Rahmen, zaubern kann man am Wettkampftag nicht mehr. Wenn die Zeit es zuließ, habe ich meistens noch ein kleines Schläfchen gemacht, bevor es zur Schanze ging.

einestages: Und dabei vom Fliegen geträumt?

Schmitt: Im Idealfall denkt man an etwas ganz anderes. Skispringen ist eine besondere Sportart: Man muss sich sehr lange gedulden, und in wenigen Sekunden ist dann alles vorbei. Die Kunst besteht darin, die richtige Mischung aus An- und Entspannung zu finden, und nicht zu früh seine Vorräte aufzubrauchen.

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Skisprung-Weltmeister Martin Schmitt: Der Überflieger

einestages: Haben Skispringer Angst vor dem Sprung?

Schmitt: Nein, nur in Ausnahmesituationen. Viel schwieriger als der Sprung an sich ist das Kopfkino davor. Springen ist vor allem eine Gratwanderung der Emotionen.

einestages: Hatten Sie an der Schanze bestimmte Rituale?

Schmitt: Ich bin meistens erst spät angekommen, um nicht zu viel Zeit totschlagen zu müssen. 20 Minuten vor dem ersten Sprung waren ideal. Vor Ort dann Material- und Schanzencheck, Wetteranalyse, letzte Imitationssprünge - und dann etwas laufen, am liebsten im Wald.

einestages: Wieso im Wald?

Schmitt: Da hatte ich meine Ruhe. Man kann bewusst etwas anderes wahrnehmen, zum Beispiel den Geruch der Bäume. Dann kommt man wieder zurück, im Hintergrund das Brodeln der Zuschauer, diese besondere Atmosphäre. All das versuchte ich aufzusaugen und in positive Energie umzuwandeln. Um dann mit einem guten Gefühl nach oben an den Anlauf zu gehen: Jetzt darfst du endlich performen, dafür hast du trainiert, jetzt geht es los!

Im Jahr 2000 sehnte sich das deutsche Sportpublikum nach neuen Helden wie lange nicht mehr. Boris Becker hatte im Sommer 1999 seine Karriere beendet, sechs Wochen später Steffi Graf. Die deutschen Fußballer waren 1998 bei der WM im Viertelfinale rausgeflogen, schickten 1999 eine der unbekanntesten Mannschaften der Verbandsgeschichte zum Confed-Cup und sollten sich bei der EM 2000 blamieren.

Schmitts Erfolg kam da gerade richtig. RTL sicherte sich die Übertragungsrechte, schickte Günther Jauch aus den großen Fußballstadien nach Oberstdorf und Planica, ließ die Schlagerbarden von "Pur" eine Skisprunghymne einsingen ("Adler sollen fliegen") und filmte die Schmitts in aufwendigen Homestorys beim Dartsspielen oder Abwimmeln von kreischenden Teenagern. Schmitts Manager verkündete im Rausch der Prominenz, aus seinem Schützling den "James Dean 2000" basteln zu wollen.

Auf dem Höhepunkt dieses Hypes um die "Formel 1 des Winters" (RTL) meldete sich eine Agentur, die tatsächlich ein Treffen zwischen dem Skispringer und die durch ihre Affäre mit dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton berühmt gewordene Monica Lewinsky arrangieren wollte. Schmitt lehnte ab: "Denn die ist ja höchstens negativ bekannt." Den Irrsinn um seine Person kommentierte er damals trocken: "Ich sehe das alles als Begleiterscheinung."

einestages: Was macht man, wenn man oben auf der Schanze ankommt?

Schmitt: Man setzt sich noch einmal kurz in den Aufwärmraum. Acht bis zehn Sprünge vorher zog ich mich langsam an, checkte noch mal das Material. Wenn sich der vierte Springer vor mir vom Block drückte, wurde der Anzug komplett geschlossen, das Gummiband um die Schuhe geschnürt, die Schuhe festgezogen. Schließlich stieg ich in die Skier, im Geist ging ich noch einmal alles durch.

einestages: Woran haben Sie gedacht, wenn Sie auf dem Startbalken saßen und sich in wenigen Sekunden in die Tiefe stürzen sollten?

Schmitt: Im Idealfall ist der Kopf frei von störenden Gedanken. Ich habe versucht, meine Atmung zu regulieren, den idealen Puls zu bekommen, völlige Konzentration. Und dann los. Das Wichtigste beim Skispringen ist der Absprung: 300 Millisekunden auf acht Metern, die über Sieg und Niederlage entscheiden.

einestages: Wann haben Sie gespürt, ob der Absprung gut oder schlecht war?

Schmitt: Eigentlich sofort. Man bekommt sehr schnell die Rückmeldung vom Ski und spürt, wie viel Energie vorhanden ist, wie die Luftkräfte wirken. Ein gelungener Sprung fühlt sich ganz anders an als ein schwächerer. Bei jedem Sprung hatte ich diesen Moment ohne Bild, quasi ein kurzer Blackout: In meiner Erinnerung sehe ich den Sprung vom Schanzentisch vor mir und als Nächstes, wie ich in den Hang reingucke. Die wenigen Momente dazwischen liefen rein nach Gefühl ab.

einestages: Wir befinden uns also in der Luft, nachdem sie mit etwa hundert Stundenkilometern in einen Hang gesprungen sind. Was nun?

Schmitt: Die Kunst besteht darin, seinen Körper quasi zweizuteilen. Vom Bauchnabel abwärts ist alles angespannt, von der Hüfte aufwärts sollte alles schön locker sein, denn mit dem Oberkörper steuert man seinen Flug, die Arme kontrollieren die Luftkräfte. Man bewegt sich in einem Grenzbereich: Der Ski muss einen gerade noch so tragen, aber gleichzeitig nicht zu viel Widerstand leisten.

einestages: Wie fühlt sich Fliegen an?

Schmitt: Es fühlt sich sehr dynamisch an, die Luftkräfte sind schon enorm. Diese Energie zu nutzen, zu fliegen und zu gleiten ist unbeschreiblich. Ein weiterer Flug löst immer ein wahnsinniges Glücksgefühl aus. Da wurde bei mir immer sehr viel Energie frei, die Anspannung löste sich auf. Und mit diesen Emotionen fuhr ich auf die jubelnden Zuschauer zu. Das waren schon sehr besondere Erlebnisse. Egal, wie sehr ich meine Fäuste ballte: Nach einem guten Sprung war unter meinem Helm die Stimmung noch viel besser, als ich das nach außen tragen konnte. Das macht die Motivation vom Skispringen aus. Es ist ein Sport, bei dem man sehr viel zurückbekommt. So ein Gefühl will man immer wieder erleben.

Seine letzte wichtige Goldmedaille gewann Martin Schmitt 2002 bei den olympischen Spielen von Salt Lake City im Mannschaftsspringen. Der Wunderjunge der Jahrtausendwende konnte später an die großen Erfolge seiner ersten Jahre nicht mehr anknüpfen. Weil ihn die Öffentlichkeit aber stets daran maß, wurde jeder zehnte oder vierte Platz nur noch als Misserfolg gewertet.

Eine Situation, die Schmitt psychisch und physisch belastete: 2010 wurde bei ihm ein Erschöpfungssyndrom diagnostiziert. Bei 1,81 Meter Größe wog Schmitt nur noch 63 Kilo, nahm zu Wettkampfzeiten lediglich 1800 Kalorien pro Tag zu sich. Er bekannte: "Das Abnehmen macht krank."

Erst die Zusammenarbeit mit einem neuen Trainer, dem Tiroler Psychologen Werner Schuster ("Martin begann, eine Mauer um sich zu bauen, jetzt reißt er sie langsam wieder ein") brachte Besserung. Am 31. Januar 2014 gab Martin Schmitt schließlich seinen Rücktritt bekannt. Ein Trainerstudium an der Sportakademie in Köln schloss er mit Bestnote ab, aktuell arbeitet er als Experte für Eurosport und ist Inhaber einer Vermarktungsagentur.

einestages: Wie geht man damit um, dass man nie wieder solche besonderen Emotionen wie beim Sprung erleben wird?

Schmitt: Ich weiß, dass meine Zeit als aktiver Skispringer vorbei ist und das ist okay so. Seit ich meine Karriere beendet habe, bin ich nie wieder von einer Schanze gesprungen. Und das wird vermutlich auch so bleiben.

einestages: Keine Ersatzdroge für den Adrenalinkick? Bungee-Jumping? Fallschirmspringen?

Schmitt: Nein, ich brauche diesen Kick nicht mehr. Ganz kurz hatte ich damit geliebäugelt, mir einen Wingsuit zu kaufen. Aber wissen Sie was? Das ist mir zu gefährlich.

insgesamt 8 Beiträge
Hans Kiechle 21.02.2019
1. Schmitt for Coacing
Der Martin hat alle Höhen und Tiefen dieses Sports kennengelernt. Sein Studium ging in Richtung Sportmanagement. Warum wird er nicht Trainer oder FIS Manager ?
Der Martin hat alle Höhen und Tiefen dieses Sports kennengelernt. Sein Studium ging in Richtung Sportmanagement. Warum wird er nicht Trainer oder FIS Manager ?
soundcheck 21.02.2019
2. Schönes Interview
Allein schon der Gedanke da oben auf dem Absprungbrett zu sitzen löst bei mir nervöses Magenkribbeln aus. Meine Hochachtung vor diesen Sportlern. Ich sehe es mir immer gern im Fernsehen an.
Allein schon der Gedanke da oben auf dem Absprungbrett zu sitzen löst bei mir nervöses Magenkribbeln aus. Meine Hochachtung vor diesen Sportlern. Ich sehe es mir immer gern im Fernsehen an.
Bernd Toedte 21.02.2019
3. Diese abgewogenen Analysen ...
... von Martin Schmitt sind sehr beeindruckend.
... von Martin Schmitt sind sehr beeindruckend.
Amit Das Gupta 21.02.2019
4. Top, beiderseits
Das ist das mit Abstand beste Sportler-Interview seit Jahren, an das ich mich erinnern kann - sowohl von Martin Schmitt als auch von Axel Raack. Danke!
Das ist das mit Abstand beste Sportler-Interview seit Jahren, an das ich mich erinnern kann - sowohl von Martin Schmitt als auch von Axel Raack. Danke!
Josef Zwesper 21.02.2019
5. Guten Flug auch weiterhin
kann mich den Vorkommentaren nur anschließen. Ein selbsbewusster Mensch, auch im Leben nach dem Leistungssport. Vorbild eben.
kann mich den Vorkommentaren nur anschließen. Ein selbsbewusster Mensch, auch im Leben nach dem Leistungssport. Vorbild eben.

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