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einestages

Filmstar Hardy Krüger wird 90

"Irgendjemand wollte, dass ich weiterlebe"

Vom NS-Eliteschüler zum Anti-Nazi: Wie durch ein Wunder überlebte Hardy Krüger den Krieg. Als Schauspieler soff er John Wayne unter den Tisch, legte sich mit Adenauer an - und kämpft bis heute gegen rechte Gewalt.

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Ein Interview von
Freitag, 06.04.2018   13:21 Uhr

Zur Person

Todtnau im Frühling '45: Ein 16-Jähriger in SS-Uniform trifft am Bahndamm eine junge Frau. Tags darauf muss er zur Front - Kanonenfutter für Hitlers blutiges Finale. Der Junge hat Angst: Er will bei seiner Angebeteten bleiben, ihre weichen Lippen spüren, den Krieg vergessen. "Ein Frühlingstag wie kaum ein anderer", lautet der Titel der Erzählung am Anfang von Hardy Krügers "Ein Buch von Tod und Liebe", erschienen pünktlich zu seinem 90. Geburtstag im Hoffmann und Campe Verlag.

" Die Frau gab es wirklich", sagt der schreibende Filmstar, Berliner Akzent, hellwache blaue Augen, leise Stimme. Sein Händedruck ist fest, sein Gedächtnis exzellent. Wie die schöne Schwarzwälderin damals hieß, weiß er nicht - Krüger hat nie versucht, sie ausfindig zu machen.

einestages: "Versuche nicht, ein Held zu sein": Dieses Versprechen nahm Ihnen die Frau 1945 ab. Dabei waren Sie als NS-Eliteschüler längst ein Auserkorener.

Krüger: Ich bin von Haus aus zum Nazi erzogen worden, auf dem Klavier meiner Mutter stand die Büste Hitlers. Zunächst habe ich mich riesig gefreut, dass mich nach all den bestandenen Mutproben die Ordensburg Sonthofen im Allgäu aufnahm.

einestages: Eine von drei Nazi-Kaderschmieden, in denen Hitler eine Jugend heranwachsen sehen wollte, "vor der sich die Welt erschrecken wird".

Krüger: An mir war nichts schrecklich. Ich habe schnell gemerkt, dass alles Militärische, der ständige Gleichschritt nicht zu mir passt. Spaß gemacht hat mir dort nur die Segelfliegerei. Ich habe in Sonthofen einen Minderwertigkeitskomplex entwickelt, mir selbst die Schuld dafür gegeben, dass es mir dort nicht gefallen hat. Die anderen waren super - ich war nichts.

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Hardy Krüger: Weltstar und Weltenbummler mit Mission

einestages: 1943 wurde die Ufa auf Ihr Talent aufmerksam. Beim Dreh zum Propagandafilm "Junge Adler" lernten Sie den Schauspieler Hans Söhnker kennen.

Krüger: Er öffnete mir die Augen über das verbrecherische Nazi-Regime. Am Anfang habe ich gedacht: Es kann doch nicht wahr sein, dass der Hitler ein Lügner ist, dass es KZs gibt, der Krieg verloren ist. Ich musste mich entscheiden: Glaube ich meinem Vater oder Söhnker? Es war ein solches Hin und Her. Diese Umerziehung zog sich über Monate - ein langsamer, schmerzhafter Prozess.

einestages: Söhnker verhalf Juden zur Flucht, ein Team von Filmleuten unterstütze ihn. Was war Ihr Part?

Krüger: In seinem Landhaus nahe Berlin versteckte Söhnker die Menschen und schaffte sie in die Schweiz. Ich erledigte Kurierfahrten, die erste ging nach Konstanz. Zur Tarnung zog ich meine Uniform an und überbrachte einer älteren Schauspielerin die Nachricht: "Am Dienstag kommen vier Pakete mit dem Nachtzug an." Erst von ihr erfuhr ich überhaupt, um was für Pakete es sich handelt.

einestages: Söhnker hatte Sie nicht eingeweiht?

Krüger: Wir lebten in Gefahr, jederzeit aufzufliegen. Hätte die Gestapo mich verhaftet und gefoltert, hätte ich alles verraten können. Söhnker wollte mich schützen. Er hatte deswegen immer ein schlechtes Gewissen.

Video: "Vom Adolf-Hitler-Schüler zum Antinazi" - Krügers Kehrtwende

Foto: SPIEGEL ONLINE

einestages: Im Frühjahr 1945 mussten Sie mit der Waffen-SS-Division "Nibelungen" an die Front. Haben Sie geschossen?

Krüger: Ich tue mich schwer, darüber zu sprechen, leichter fällt es mir zu schreiben (stockt). Die Amerikaner, das waren doch meine Freunde, gekommen, um uns von diesen Verbrechern zu befreien. Jesse Owens, Held meiner Jugend, hatte ich 1936 im Berliner Olympiastadion aus der Ferne gesehen. Doch nun hatten diese schwarzen Gesichter auf einmal Augen und Münder, liefen acht Meter von mir entfernt durchs Unterholz. Ich konnte doch nicht schießen auf die Landsleute von Jesse Owens!

einestages: Wegen "Feigheit vor dem Feind" verurteilte ein Kriegsgericht Sie zum Tod. Warum wurden Sie begnadigt?

Krüger: Ich war 16, sah aber aus wie zwölf. Vielleicht wollte der SS-Mann, der sich meiner Exekution widersetzte, nicht für den Tod eines Kindes verantwortlich sein. Er hat mich zu seinem Melder gemacht und rausgejagt im größten Bombenhagel. Er überließ es wohl lieber dem Schicksal, ob und wann ich sterbe.

einestages: Sie desertierten und kamen in US-Kriegsgefangenschaft. Wieso ließ ein Captain Sie laufen?

Krüger: Den hatte ich überzeugt. "Ich dachte, ihr kommt, um uns zu befreien", hatte ich ihm gesagt. "Stattdessen sperrt ihr uns ein. Dann wäre es ja besser gewesen, ihr wärt nie gekommen." Das hat den Mann sehr verletzt. Am nächsten Morgen sagte er: "Heute Mittag gegen 12 fährt eine Gulaschkanone ins Lager. Das Tor wird ein paar Minuten unbewacht sein, dann kannst du rausgehen." Der Captain überließ es seinen Leuten, die hätten auch auf mich schießen können. Was nicht passierte. Irgendjemand hat mich weiterleben lassen.

einestages: 34 Tage dauerte Ihre Flucht zu Fuß nach Hause, von Tirol bis nach Berlin-Biesdorf. Was war Ihre größte Sorge?

Krüger: Zum einen: Wo bekomme ich Essen her? Das habe ich mir erbettelt, manchmal auch geklaut. Zum anderen: Wie schaffe ich es, nicht wieder in Gefangenschaft zu geraten? Dann haben die Sowjets mich entdeckt. Ein junger Soldat begleitete eine ganze Gruppe von uns, rund 40 Mann, in die nächste Stadt. Auf dem Weg hat einer diesen Armseligen umgebracht - und wir waren frei. Sonst wäre ich vielleicht in Sibirien gelandet.

einestages: Nach dem Krieg haben Sie am Hamburger Schauspielhaus als Statist angeheuert und bewarben sich auch beim Jugendfunk der Engländer.

Krüger: Der Mann, mit dem ich sprach, war deutscher Jude mit englischer Staatsbürgerschaft. Als er las, dass ich in Sonthofen gewesen war, sagte er: "Was glauben Sie denn, sind Sie wahnsinnig?" Ich hatte Hemmungen zu sagen: "Ich bin nicht der gewesen, für den Sie mich halten." Das mit Söhnker hätte der mir nie geglaubt.

einestages: Warum hat er Sie trotzdem eingestellt?

Krüger: Der Mann hatte ein Einsehen: "Ich will Gnade vor Recht ergehen lassen", sagte er. So viel Glück kann ein einzelner Mensch gar nicht haben.

einestages: Aus Ihrer Nazi-Vergangenheit haben Sie nie ein Geheimnis gemacht. Und nannten sich trotzdem nach dem Krieg Hardy statt Eberhard August Franz Ewald. Wieso?

Krüger: Weil mein Vater in der NSDAP gewesen war, hatten sowjetische Soldaten ihn verhaftet. Er kam in einem Lager um, was ich erst Ende der Sechzigerjahre herausfand. Immer wieder forderten die Sowjets vom Jugendfunkleiter, mich, den Sohn dieses Nazis, an sie auszuliefern. Der Sender hatte die Nase voll und schlug mir vor, meinen Namen zu ändern. Da hörten diese Briefe auf.

Karrierestart nach dem Krieg: "Hauen Sie ab!"

Foto: SPIEGEL ONLINE

einestages: Auch als "Hardy" klappte es mit der Karriere im Ausland nicht auf Anhieb.

Krüger: Der deutsche Film wurde mir zu seicht, die "Nouvelle Vague" fand ich wunderbar. Also ging ich 1954 nach Paris, Klinken putzen. Regisseur Yves Allégret erteilte mir eine herbe Abfuhr: "Deutsche wie Sie hatten wir hier genug, zu Hunderttausenden, in grauer Uniform. Wir können Sie hier nicht brauchen, hauen Sie ab." Auch in England wollte mich zunächst keiner. Aber die waren nicht so ruppig...

einestages: ...und ließen Sie 1956 in "Einer kam durch" den deutschen Fliegeroffizier Franz von Werra spielen.

Krüger: Ein Aufschrei ging durch die englische Presse: Da wird einer von der Luftwaffe verherrlicht! Doch der Film war ein Welterfolg - und ich über Nacht ein internationaler Star. Sogar die Franzosen klopften plötzlich an.

einestages: Eine Hollywood-Karriere folgte. Sie haben mit Stars wie Sean Connery und Robert Redford gedreht - und John Wayne sogar unter den Tisch gesoffen?

Krüger: 1960, beim "Hatari"-Dreh in Afrika, kam John Wayne auf mich zu und sagte: "Ich habe deine Filme zwar nicht verstanden, aber wir müssen uns mal unterhalten. Wir treffen uns an der Bar." Man hatte mich gewarnt, er sei ein harter Trinker. "Verdammt", dachte ich. Wayne bestellte immer dreifachen Cognac, ich einfachen Whiskey. Aber betrunken wurde ich nicht: Vorher hatte ich fünf Löffel Speiseöl geschluckt.

einestages: Igitt. Von wem kam der Tipp?

Krüger: Von Söhnker. Er rettete sich während des Kriegs damit: Wenn er irgendwo mittrinken musste, nahm er Öl, damit er nichts verrät.

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Hardy Krüger:
Ein Buch von Tod und Liebe

Hoffmann und Campe Verlag GmbH; 176 Seiten; 18,00 Euro.

einestages: Warum haben Sie seit 1984 in keinem Kinofilm mehr gespielt?

Krüger: Ich spielte oft den Deutschen, das habe ich gern gemacht. Doch es war sehr schwer, den deutschen Uniformen fernzubleiben, sich davon weg zu entwickeln. Irgendwann hatte ich genug, habe TV-Filme und Bücher geschrieben, bin für "Weltenbummler" um die Erde gereist.

einestages: Für welche Rolle würden Sie heute noch mal vor die Kamera treten?

Krüger: Wenn es eine gute ist, spiele ich sie (lacht).

einestages: Seit Jahrzehnten engagieren Sie sich gegen rechte Gewalt. Was war der Auslöser?

Krüger: 1957 wurde die Kölner Synagoge mit Hakenkreuzen verschandelt, das hat mich entsetzt. Ich lebte damals in England und schrieb für die "Daily Mail" einen Artikel: dass ich nicht verstehen kann, wieso Altnazis Lehrer werden dürfen, die KPD aber verboten ist. Warum wir eine Armee aufbauen, bevor wir Werte geschaffen haben, für die es sich zu kämpfen lohnt.

einestages: Bundeskanzler Konrad Adenauer reagierte gereizt.

Krüger: Ohne meinen Namen zu nennen, schimpfte er öffentlich gegen einen jungen Deutschen, der die Bundesregierung von England aus belehren wolle. Er forderte: Politik soll den Politikern überlassen werden. Davon habe ich mich aber nicht mundtot machen lassen.

einestages: Häufig sind Sie an Schulen aufgetreten. Mit welcher Botschaft?

Engagement gegen rechts: "Es darf nie wieder passieren"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Krüger: Es darf nie wieder passieren, dass junge Menschen in Deutschland so unter ihrer Erziehung leiden müssen wie ich in der Nazizeit. Die Politikverdrossenheit hat in den Dreißigerjahren mit dazu geführt, dass Hitler überhaupt möglich wurde. Wir müssen unseren Politikern auf die Finger schauen, dürfen uns aber nicht von ihnen abwenden.

einestages: Am 12. April werden Sie 90. Haben Sie Angst vor dem Tod?

Krüger: Ich lebe so, dass dieser Tag noch sehr weit entfernt ist. Mit dem Tod bin ich aufgewachsen. Lag unter den Trümmern eines Hauses, war an der Front, stand vor einem Kriegsgericht. Ich hatte mich an den Tod gewöhnt. Jetzt gewöhne ich mich dran, 90 zu werden.

einestages: Wenn es mal einen Film über Ihr Leben gibt: Wer soll Sie darstellen?

Krüger: Das ist mir wurscht. Ein guter Schauspieler - das soll er schon sein.

insgesamt 22 Beiträge
Gernot Semmer 06.04.2018
1. Ein wichtiges Wort:
"Politikverdrossenheit" Da haben unsere Politiker eine Aufgabe, dass die nicht weiter zunimmt. Trotz allem: Alles Gute, Hardy!
"Politikverdrossenheit" Da haben unsere Politiker eine Aufgabe, dass die nicht weiter zunimmt. Trotz allem: Alles Gute, Hardy!
Frank Siegmann 06.04.2018
2. Respekt
Respekt vor soviel Haltung!
Respekt vor soviel Haltung!
Ishmael Pott 06.04.2018
3. Danke!
Danke für dieses wunderbare, leider zu kurze Interview! Vielen Dank an Hardy Krüger für die bewegenden Worte über Söhnker und Owens!!
Danke für dieses wunderbare, leider zu kurze Interview! Vielen Dank an Hardy Krüger für die bewegenden Worte über Söhnker und Owens!!
flo jah 06.04.2018
4. Respekt!
Ich muss gestehen, dass ich nur einen seiner Filme kenne, aber dieser Mann scheint ein authentisches Vorbild zu sein. Es sollten mehr Kunst schaffende Flagge zeigen!
Ich muss gestehen, dass ich nur einen seiner Filme kenne, aber dieser Mann scheint ein authentisches Vorbild zu sein. Es sollten mehr Kunst schaffende Flagge zeigen!
Reinhard Kupke 06.04.2018
5. Herzlichen Glückwunsch
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag schon jetzt. Möge Ihnen noch ein recht langes Leben beschieden sein, Herr Krüger.
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag schon jetzt. Möge Ihnen noch ein recht langes Leben beschieden sein, Herr Krüger.

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