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einestages

Fotograf Cornel Lucas

Maler des Lichts

Seine Bilder machten Starlets zu Stars: Cornel Lucas galt als wichtigster Porträtfotograf der britischen Filmindustrie, auch US-Größen standen bei ihm Schlange. Die Karriere hatte er Marlene Dietrich zu verdanken.

Cornel Lucas/imago/AD
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Donnerstag, 10.09.2015   10:54 Uhr

Die Diva saß auf einem Stapel Koffer, eine brennende Zigarette in der linken Hand, und blickte regungslos nach vorne. Direkt über ihrem Kopf war ein Scheinwerfer angebracht - so wie sie es mochte. Das "Zwölf-Uhr-Licht" betonte ihre Wangenknochen, verlieh ihrem Gesicht zusätzliche Schärfe. Marlene Dietrich wusste, wie sie auf Bildern gut aussah.

"Ein Foto ist für mich wichtiger als ein Spielfilm", hatte der Hollywoodstar dem jungen Mann erklärt, der sie während der Dreharbeiten zu "Die Reise ins Ungewisse" in den britischen Denham Studios fotografieren sollte. Standbilder hielten jeden noch so geringen Makel fest. Und so saß Dietrich konzentriert in ihrer unbequemen Haltung, während die Zigarette immer kürzer wurde.

Es waren diese Porträtaufnahmen der blonden Deutschen mit den angewinkelten Beinen auf den Koffern, die Cornel Lucas berühmt machten. Von einem gewöhnlichen Filmstudio-Angestellten wurde er zum bedeutendsten Fotografen des britischen Kinogeschäfts. Selbst US-Promis wollten sich von ihm ablichten lassen. Doch niemals vergaß er sein erstes wichtiges Shooting. Als Marlene Dietrich ihm zeigte, wie man einen Star in Szene setzt.

"Willkommen im Klub"

Cornel Lucas

Eine Postkarte mit dem Porträt der französischen Schauspielerin Anouk Aimée, das Cornel Lucas 1950 anfertigte.

"Sie konnte spüren, wie heiß die Scheinwerferlampen waren", schrieb Lucas Jahre später in einem von ihm herausgebrachten Bildband. "Dadurch wusste sie genau, wo sie sich positionieren musste, um das perfekte Foto zu erhalten." Als der junge Fotograf einen Tag später mit den Abzügen seiner Bilder ankam, nahm die Hollywood-Diva eine große Lupe in die Hand und untersuchte jede einzelne Aufnahme. Mit Wimperntusche markierte sie Stellen, die sie nachgebessert haben wollte. Dann ergriff sie die Hand des 28-Jährigen und sagte: "Willkommen im Klub, Herr Lucas."

"Ich war so überrascht, dass ich gar nicht verstand, was sie meinte", sagte Cornel Lucas in späteren Interviews. Erst Dietrichs Manager hätte ihm erklärt: "Sie sind auf dem besten Weg, erfolgreich zu werden." Die Prophezeiung sollte sich bewahrheiten: Schauspiel-Größen wie Claudia Cardinale, Brigitte Bardot oder Katherine Hepburn setzten sich für den Briten in Pose.

Auf die Frage, warum sich so viele weibliche Stars vor seiner Kamera wohl fühlten, erklärte er in einem Interview: "Ich bin mit sechs Schwestern aufgewachsen." Diese dienten dem 1920 im Londoner Stadtteil Highbury geborenen Lucas in seiner Jugend als Fotomodelle. Mit elf Jahren hatte er zum Geburtstag die erste Kamera erhalten, eine Kodak Box Brownie. Die Fotos entwickelte Lucas selber - im Badezimmer, weil die Familie keine Dunkelkammer besaß.

Geheime Aufnahmen im Weltkrieg

Seinem älteren Bruder hatte Lucas zu verdanken, dass er mit 15 Jahren einen Job in einem Filmentwicklungslabor erhielt. Mit dem Geld konnte er einige Fotokurse auf der Regent Street Polytechnik absolvieren, der späteren Westminister University. So verfeinerte er seine Kenntnisse von Licht und Schatten, von Tiefenschärfe und der Körnigkeit des Materials.

Fotostrecke

Cornel Lucas: Hollywood im rechten Licht

Als der Zweite Weltkrieg begann, wurde der 19-jährige Lucas in die Royal Air Force eingezogen. Statt an die Front kam er an die Militär-Fotoschule in Farnborough, um geheime Techniken der Spionage- und Nachtfotografie weiterzuentwickeln. In dieser Zeit traf er auch den berühmten britischen Glamour-Fotografen Cecil Barton, der mit seinen Aufnahmen der "Roaring Twenties" Ruhm erlangt hatte. Barton riet ihm, sich einen anderen Job zu suchen. Das Fotobusiness sei "zu schwer, zu überladen. Es gibt zu viel Wettbewerb." Als sich die beiden Männer zehn Jahre später in den britischen Pinewood Filmstudios wiedersahen, sagte Barton zu seinem jüngeren Kollegen: "Ich wusste, dass du es dennoch machen würdest, silly boy."

Nach Kriegsende nahm Lucas einen Job für die Denham Studios an. Hier arbeitete er in der PR-Abteilung, bis zu dem Tag, an dem Marlene Dietrich ihren Stammfotografen feuerte - und Cornel Lucas die Chance seines Lebens erhielt.

Ein Atelier überm Swimmingpool

Cornel Lucas/Corbis

Louis Jourdan als Herzog Philippe de Beauvais und Cornel Lucas Ehefrau Belinda Lee in der Rolle der Virginia Traill im Kostümfilm "Im Dienste des Königs" von 1957.

Die gelungene Fotoserie mit der Deutschen verschaffte Lucas weitere Jobangebote. Die Firma Rank, die mehrere Filmstudios leitete, engagierte ihn als Porträtfotografen für alle Pinewood-Stars, die sie unter Vertrag hatte. Er erhielt ein Atelier auf dem Produktionsgelände und taufte es Pool Studio"- weil es über einem Schwimmbecken gelegen war. Wer es bei Rank zu einem Star bringen wollte, musste erst in diesem Atelier eine Foto-Session absolvieren. Hier lernte der Künstler auch seine beiden Ehefrauen kennen. Mit Schauspielerin Belinda Lee war er fünf Jahre verheiratet, mit Susan Travers blieb er bis zu seinem Tod im Alter von 92 Jahren zusammen. Die Tochter des britischen Filmstars Linden Travers gab dafür sogar ihre Karriere auf und kümmerte sich um die drei Kinder.

Für seine Bilder verwendete Lucas eine große Plattenkamera, bei der nach jeder Aufnahme die Fotoplatte gewechselt werden musste. Deshalb hätten die Frauen, die in seinen Bildern Zigaretten hielten, immer abgebrannte Stummel, erklärte er. Die Aufnahmen brauchten einfach Zeit. Kleinere Kameras verwendete Lucas am Set, wenn er als Filmstill-Fotograf eine Produktion begleitete. Dort griff er auf Fotoapparate mit mehreren Abzügen zurück, die er direkt neben der Filmkamera aufstellte. Die Bilder der Stars dienten Werbezwecken, um Lust auf den Spielfilm zu machen.

Sein Markenzeichen blieben allerdings seine Schwarz-Weiß-Porträts, die sich durch großen Kontrast von Licht und Schatten auszeichneten. Die glamourösen Bilder erinnerten an die Ära des Film noir und brachten Lucas den Ruf ein, mit Licht zu malen. In der Zeit vor Photoshop war dabei vor allem ein Gespür für die richtige Ausleuchtung wichtig. Bis zu drei Stunden benötigte der Fotograf nach eigenen Angaben, um die Scheinwerfer anzubringen. "Aber danach sah die Person auf meinen Fotos jünger aus, als es ein plastischer Chirurg hinbekommen hätte."

Auf ein Sandwich mit den Stars

Im Laufe der Jahre kam er den Reichen und Schönen Hollywoods besonders nahe. Lauren Bacall lud ihn zu einem privaten Shooting zu sich nach Hause ein, Yvonne de Carlo ließ sich auf einen spontanen Sandwich-Snack nach den Aufnahmen überreden. Und Gregory Peck - laut Lucas der "bestaussehende Schauspieler, den ich ablichten durfte" - benötigte besondere Ermutigungen, bis er seine Scheu vor dem Fotoobjektiv ablegte.

"Er liebte es, mit Menschen zu arbeiten und besaß das Talent, eine Beziehung mit ihnen vor der Kamera aufzubauen", erklärt sein Sohn Linus Lucas im Interview. "Mindestens genauso viel Spaß machte ihm die Arbeit in der Dunkelkammer. Mein Vater war nicht nur ein begnadeter Fotograf, sondern auch ein Meister der Bildentwicklung."

Nach dem Niedergang der goldenen Hollywood-Ära eröffnete Cornel Lucas 1959 in Chelsea ein eigenes Atelier, machte auch Werbe- und Modeaufnahmen. Doch immer wieder kamen Künstler zu ihm und baten um ein Porträt. Ben Kingsley ließ sich mit nacktem Oberkörper ablichten, Jean Cocteau posierte mit einem Manuskript. Steven Spielberg schließlich wollte in seinem Regiestuhl abgelichtet werden - eine der Lieblingsaufnahmen von Lucas.

Stets war der Brite darauf bedacht, sein Equipment mit neuen Linsen und besseren Kameras aufzubessern. Nur einem Trend verweigerte er sich nach Angaben seines Sohnes rigoros: der digitalen Fotografie. "Die Digitalkameras haben die Celebrity-Aufnahmen zerstört", wetterte Cornel Lucas in einem Interview für den britischen "Independent". "Fotografen machen nun bis zu 500 Bilder von einer Person - dabei sind nur sehr wenige gut."

insgesamt 3 Beiträge
Christian van Neuves 10.09.2015
1. Yvonne De Carlo
Die Dame war keine Italienerin, wie die Bildunterschrift (#27) uns vermitteln will, sondern vielmehr Kanadierin. Ihr Sohn wurde übrigens Bademeister an einem Strand von Los Angeles.
Die Dame war keine Italienerin, wie die Bildunterschrift (#27) uns vermitteln will, sondern vielmehr Kanadierin. Ihr Sohn wurde übrigens Bademeister an einem Strand von Los Angeles.
Broder Kuehne 10.09.2015
2. irritiert
Maler des Lichts. Rembrandt, Turner und der grösste, carravaggio. Richter malt teilweise nur das Licht. Es gäbe sicher mehr. Fotografie ist hingegen nicht mal Kunst.jaja, ich weiss, der oder die hat diesen Blick. Ich kenne so [...]
Maler des Lichts. Rembrandt, Turner und der grösste, carravaggio. Richter malt teilweise nur das Licht. Es gäbe sicher mehr. Fotografie ist hingegen nicht mal Kunst.jaja, ich weiss, der oder die hat diesen Blick. Ich kenne so viele Wesen,die nichts können aber mit einem Apparat durch die Gegend rennen und Teile von Mauern oder Gesichter ( Porträts) knipsen. Zitat:“ ich möchte gerne mal alte Menschen ganz dicht fotografieren, damit dieses Wissen nicht verloren geht.“ Leibovitz, Adams, mapplethorpe,newman.... Grosse namen ,aber Kunst ist das nicht. Kunsthandwerk meinetwegen. Wenn man die übliche Diskussion über den kunstbegriff ausser acht lässt . Für mich gilt. Kunst kann nicht jeder. Kunst ist eine technische und inspirative Gabe, die jemanden abhebt aus der masse des belanglosen. Foto kann jeder. Das ist lernbar. Kunst ist nicht erlernbar. Fotografie ist keine Malerei. Und schon gar nicht Malerei des Lichts. Das Licht ist systemimmanent. Das Foto braucht das Licht, kreiert es nicht. Einen Fotografen, der irgendwelche Mädchen und Jungs in irgendwelchen Situationen knipst mit carravaggio verbal auf eine Stufe zu stellen, ist auch so früh am Morgen aufwühlend falsch. Oder sagen wir es mit Gerhart polt. “ ich mache nie Fotos. Ich kann mir meine Welt merken.“
Moritz Kraft 17.09.2015
3.
Das Schöne an Kunst ist, dass sie im Auge des Betrachters liegt. Ich finde Ihre Interpunktion und Orthographie zum Beispiel auch kunstvoll mit all diesen "." und " " sowie """ :) Und zu Ihrem [...]
Das Schöne an Kunst ist, dass sie im Auge des Betrachters liegt. Ich finde Ihre Interpunktion und Orthographie zum Beispiel auch kunstvoll mit all diesen "." und " " sowie """ :) Und zu Ihrem Herrn Polt: Wer Fotos auf eine einfache, ausschließlich dokumentarische Perpektive reduziert, hat eine Meinung, aber nicht immer Recht!

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