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einestages

Ost-Berliner Fotos

Aus der DDR in die Südsee

In den Achtzigern fotografierte Harf Zimmermann seine Ost-Berliner Nachbarn in der Hufelandstraße. Hinter maroden Altbaufassaden entdeckte er exotische Gegenwelten zum grauen sozialistischen Alltag.

Harf Zimmermann
Von
Montag, 26.03.2018   15:18 Uhr

Für ihn waren sie einfach die "Depeche Mode Kids". Mitte der Achtzigerjahre überredete Harf Zimmermann sechs Ost-Berliner Teenager zum Gruppenbild in einem kargen Hinterhof der Hufelandstraße im Prenzlauer Berg. Die Clique hörte Westmusik und trug schwarze Klamotten mit Nietengürteln. Die waren in der DDR Mangelware, dagegen blühte der Tauschhandel mit ausländischen Schallplatten. Tomi, Silvy, Manuela, Beatrix, Uwe und Tatjana wussten sich zu helfen und nähten ihre Kleidung selbst.

Damals verfielen in dem Viertel reihenweise die stolzen Altbauten. Balkone wurden entfernt, bevor jemand damit abstürzen konnte. Dass es mit dem real existierenden Sozialismus weiter bergab ging, war nicht zu übersehen.

1981 zog Zimmermann in das Haus Nummer 31, Seitenflügel, fünfter Stock ohne Aufzug. Aus dem Fenster sah er bröckelnde Brandmauern und schmucklose Hinterhöfe. Nur 32 Ostmark monatlich kostete seine Einraumwohnung mit Ofenheizung und immerhin einer Innentoilette, dazu 34 Mark Miete für ein Atelier in der Nähe.

Milieustudien in der Nachbarschaft

Für seine Fotoserie über die Hufelandstraße, die inzwischen auch als Buch erschienen ist, durchstreifte Zimmermann 1986 und 1987 seine Nachbarschaft mit großformatigen alten Plattenkameras und Stativ. Wie zu Großvaters Zeiten steckte er den Kopf unter ein schwarzes Tuch und fotografierte in aller Ruhe Leute, die lieber in maroden Altbauwohnungen mit Stuckdecken als in modernen Plattenbausiedlungen lebten.

Hier gab es viele kleine Geschäfte und Handwerksbetriebe, deren Besitzer nicht enteignet worden waren. Künstler wohnten eher um den Kollwitzplatz herum, doch auch in der Hufelandstraße bewahrten sich viele Menschen ihre Individualität im sozialistischen Einheitsstaat.

Fotostrecke

Fotos aus der Hufelandstrasse: Der Zeitgeist in Ost-Berlin

Ein Instrumentenbauer namens Franz Liszt hatte einen Konzertflügel in der Wohnung und besaß zudem einen alten Mercedes, den er aber nie fuhr, nur ab und zu vorsichtig umsetzte. Vor einem anderen Oldtimer fotografierte Zimmermann den Bullterrier Rocky. "So richtig wohl fühlte ich mich nicht, es war ja ein Kampfhund", erzählt er von dem Tag - so kalt, dass sich Rocky nicht aufs Pflaster setzen wollte, sondern startbereit in der Hocke blieb.

Oft begegnete er einem Mann, der mit Kunstpelzjacke und roten Pumps per Motorroller durch das Viertel fuhr: In einem anderen Stadtteil arbeitete der schwule Kellner Erich in einem Restaurant namens Goldbroiler, stets in Anzug, Weste und Krawatte. Von seinem Doppelleben ahnte dort wohl niemand etwas.

Dauerlächeln unmöglich

In Anzug und Zylinder posierte Herr Dreßler neben seiner frisch angetrauten Frau. Sie buchten 1987 das Paket "Traditionshochzeit 750 Jahre Berlin". "Leider ging an dem Tag einiges schief", erinnert sich der Fotograf. Die inbegriffene Kutschfahrt fiel ersatzlos aus, das enttäuschte Brautpaar wurde mit der Erklärung abgespeist, das Pferd sei krank geworden.

Die meisten Leute auf Zimmermanns Aufnahmen wirken ernst, oft auch etwas erschöpft. Bis ein Bild im Kasten war, konnte es dauern: Wie ein Theaterregisseur kümmerte sich Zimmermann um jedes Detail seiner Inszenierung. Er brauchte Zeit, um die Leute zu positionieren, den schweren Fotoapparat aufzubauen, auszurichten und die Belichtung zu messen.

"Niemand schafft es, so lange sein Sonntagsgesicht aufzusetzen. Irgendwann lässt jeder los und entspannt sich", erklärt er - genau seine Absicht: "Ich wollte keine Schnappschüsse machen, sondern den Moment verewigen, in dem die Menschen ganz bei sich waren." Manchmal kamen zufällig Leute vorbei und lästerten. Dann begann alles von vorn. "Beim Fotografieren fühlte ich mich immer wie ein Hütehund", sagt Zimmermann.

Seine Hausgemeinschaft fotografierte er auch beim "Subbotnik", unbezahlten Arbeitseinsätzen nach sowjetischem Vorbild, die schon Lenin gepriesen hatte. "Die Leute, die in der Hufelandstraße lebten, blieben eigentlich immer in ihrem Viertel. Die Greifswalder Straße als nächste große Hauptstraße war eine Art Grenze, über die man nicht hinausgehen wollte."

Wie die meisten Nachbarn hatte Zimmermann keinen privaten Telefonanschluss und wich auf Straßenecken aus, wo öffentliche Fernsprecher verloren an ramponierten Hauswänden hingen. Oft ließ er sich dort auch anrufen.

Kleine Fluchten in künstliche Paradiese

Während Zimmermann den grauen Alltag draußen in Schwarz-Weiß festhielt, fotografierte er in den Wohnungen am liebsten in Farbe - weil die Leute in sehr bunten Innenräumen ihrer Fantasie freien Lauf ließen.

So holten sich Daniela und ihr Freund Bernd die Südsee auf einer riesigen Bildtapete ins Schlafzimmer. Der Pantomime Günther Richter und seine Frau Elisabeth pinselten ein farbenprächtiges abstraktes Gemälde an ihre Wohnküchenwand. Und Bauingenieur Winfried Wagner träumte wohl von einer Alpenhütte, als er eine ganze Wohnzimmerwand mit Holz vertäfelte.

Heute wohnen nur noch wenige der einstigen Nachbarn in der Hufelandstraße. Die baufälligen Häuser sind längst kernsaniert, die tristen Fassaden frisch gestrichen. Mit den Luxusrenovierungen kamen zahlungskräftige Neueigentümer und verdrängen die alten Mieter.

Harf Zimmermann ist nach mehreren Umzügen in seine alte Straße zurückgekehrt. Wie vor 30 Jahren zieht er mit seiner Kamera los, um nach den ungewöhnlichen Dingen des Alltags zu suchen.

Ausstellung

insgesamt 16 Beiträge
Gerold Gerber 26.03.2018
1. Falscher Eindruck
Die Fotos mit den depressiv aussehenden Menschen vermitteln einen völlig falschen Eindruck der damaligen Zeit. Als Westdeutscher, der das Glück hatte, in den 1980ern ein paar Mal in der DDR bei ganz normalen Leuten eingeladen [...]
Die Fotos mit den depressiv aussehenden Menschen vermitteln einen völlig falschen Eindruck der damaligen Zeit. Als Westdeutscher, der das Glück hatte, in den 1980ern ein paar Mal in der DDR bei ganz normalen Leuten eingeladen gewesen zu sein, kann ich sagen: Die Ossis lachten unglaublich viel und waren sehr fröhlich. Einzig die grauen Fassaden - das stimmt. Farbe war nicht in den Städten.
Heike Scherer 26.03.2018
2. Falscher Eindruck II
Eins darf man auch nicht vergessen: Auch bei uns im Westen Deutschlands wurde es erst mit der Zeit so richtig unerträglich bunt und hektisch. Auch bei uns ging es früher langsamer zu, die Schaufenster waren altmodisch verglichen [...]
Eins darf man auch nicht vergessen: Auch bei uns im Westen Deutschlands wurde es erst mit der Zeit so richtig unerträglich bunt und hektisch. Auch bei uns ging es früher langsamer zu, die Schaufenster waren altmodisch verglichen mit heute, die Sortimente in den Bäckereien spärlicher (aber lokal gebacken), die Innenstädte dunkler. Es war sicher anders als im Osten, aber mit Sicherheit auch anders als heute.
Sebastian Haerter 26.03.2018
3. Ein Eindruck von vielen
Gut, das gleich die ersten beiden Kommentare die Fotos als "Falschen Eindruck" klassifizieren. Schnell die Deutungshoheit an sich reißen, wie sooft bei Fotostrecken aus der DDR. Nicht, dass man sich da noch eine eigene [...]
Gut, das gleich die ersten beiden Kommentare die Fotos als "Falschen Eindruck" klassifizieren. Schnell die Deutungshoheit an sich reißen, wie sooft bei Fotostrecken aus der DDR. Nicht, dass man sich da noch eine eigene Meinung bilden muss. Ich versuche es - ganz subjektiv - trotzdem. Man kann die Abgelichteten als depressiv hinstellen, man muss aber nicht. In meinen Augen sind die meisten konzentriert, selbstbewusst und durchaus nicht schwermütig. Obwohl sie angesichts der baulichen Zustände ihres Wohngebietes durchaus Grund dazu gehabt hätten. In diesem Zusammenhang bedenke man die Technik des Fotografen, die eine z. T. lange Belichtung und längere Konzentration der Fotografierten erforderte. Und, liebe Frau Scherer, ganz sicher waren auch die Schaufenster und Städte im Westen in den Nachkriegsjahren unbunt, aber nicht mehr 1987, denn aus dieser Zeit stammen die Fotos ... die ich ganz nebenbei für vorzüglich komponierte Zeitdokumente halte. Aber ich gönne jedem seine Sichtweise.
Linda Zenner 26.03.2018
4. Ich hatte die auch....
eine Fototapete mit Palmen und Meer in meinem Jugendzimmer :D und ich lebte NICHT im Sozialismus. Für ein Arbeiterkind der Siebziger war die Südsee genauso ein unerreichbarer Traum wie für die Leute hinter der Mauer.
eine Fototapete mit Palmen und Meer in meinem Jugendzimmer :D und ich lebte NICHT im Sozialismus. Für ein Arbeiterkind der Siebziger war die Südsee genauso ein unerreichbarer Traum wie für die Leute hinter der Mauer.
Peter Schmidt 26.03.2018
5. Reicht dann irgendwann auch!
Jaaaaa, wir Ossis waren suuperkomisch! Haha, was haben wir gelacht. Aber ersten habe ich Subbotniks als durchaus nützliche Veranstaltungen in Erinnerung, wobei ich auch erlebt habe, dass das anschließende Grillen zu einer [...]
Jaaaaa, wir Ossis waren suuperkomisch! Haha, was haben wir gelacht. Aber ersten habe ich Subbotniks als durchaus nützliche Veranstaltungen in Erinnerung, wobei ich auch erlebt habe, dass das anschließende Grillen zu einer legendären Party durchzündete. Wessis aus der Zeit waren viel bessere Konsumenten (wie jetzt fast alle), aber cool war dort auch nur ein kleiner Prozentsatz. Ich habe genug von dieser Hagenbeck-Attitüde, die uns permanent der Lächerlich preisgeben möchte.

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