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einestages

Frank Sinatra

Der Schlägersänger

Auf der Bühne war Frank Sinatra ein Superstar. Und ansonsten gefürchtet wegen seiner Mafia-Kontakte. Gern ließ der Sänger auch seine Fäuste sprechen. 2015 wäre er 100 Jahre alt geworden.

Corbis
Von
Freitag, 11.12.2015   11:55 Uhr

"Ich weiß nicht, was ich tun soll! Meine Stimme ist schwach", jammert Sänger Johnny Fontane, dessen Karriere vor dem Aus steht. "Aber wenn ich die Rolle bekäme in diesem Film, dann wäre ich ganz schnell wieder oben!" Mit ernster Miene hört Mafiaboss Don Vito Corleone zu - doch er versteht das Problem nicht. Der Produzent wolle ihm die wichtige Filmrolle nicht geben, erklärt der Sänger. Darauf Don Vito: "Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann."

Wenige Tage später erwacht Filmproduzent Jack Woltz in seiner Villa - mit Blut besudelt. Als er die Bettdecke zurückschlägt, entdeckt er den abgetrennten Kopf seines geliebten Rennpferds. Nachts hatte er Besuch von Corleones Männern. Fontane bekommt die Rolle.

Diese Szene fand nur auf der Leinwand statt, 1972 im Mafia-Epos "Der Pate". Millionen Amerikaner sahen den Film und waren begeistert. Einer nicht: Frank Sinatra, Sänger, Schauspieler und Entertainer, fand sich in der Figur des wehleidigen Johnny Fontane karikiert.

"Verrecke. Verschwinde und verrecke!" Sinatra ließ seiner Wut freien Lauf, als er Mario Puzo auf einer Party in Hollywood begegnete. Puzo hatte die Romanvorlage für "Der Pate" geschrieben und konnte von Glück sagen, dass er nur verbal attackiert wurde. Denn Sinatra, eine Swing-Legende mit Songs wie "New York, New York", "Strangers in the Night" oder "My Way", drückte seine Emotionen abseits der Bühne gern mit Fäusten aus.

Rassismus war Sinatra zuwider

So hatte er als junger Mann den Kolumnisten Lee Mortimer zu Boden geschickt und rastete 1967 in seinem Stammcasino "The Sands" in Las Vegas aus, weil die Spielbank ihm einen Kredit verweigerte. Selbst für Freunde und Bekannte war Sinatras Verhalten schwer berechenbar.

1947, der Musiker war Anfang 30, hatte die Öffentlichkeit Einblick in seinen Freundeskreis bekommen. "Ich bin ehrlich gesagt verwirrt, warum Frank Sinatra, der Fetisch von Millionen, seinen Urlaub in der Gesellschaft von verurteilten Straftätern und ausgesprochenen Ganoven verbringt", schrieb der Journalist Robert Ruark damals. In Havanna hatte er Sinatra gesichtet, der dort bei einem Mafia-Treffen sang - als Gast von Lucky Luciano. Dem mächtigen Gangsterboss soll Sinatra Gerüchten zufolge einen Koffer voller Geld überbracht haben. "Eine der dümmsten Sachen, die ich je gemacht habe", sagte er später seinen Biografen über die Kuba-Affäre.

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Frank Sinatra: Blaue Augen, betörende Stimme

Bis dahin hatte Francis Albert Sinatra, geboren am 12. Dezember 1915, eine Bilderbuchkarriere vorzuweisen. Seinen Aufstieg verdankte der Sohn italienischer Einwanderer vor allem seiner Mutter Dolly, die ihm neben dem Zwang zum Händewaschen auch ihre Unerbittlichkeit vererbt hatte. Sie kaufte dem Jungen eine Musikanlage, mit der er bald singend durch die Klubs von New Jersey und New York zog, in denen auch Mafia-Mitglieder verkehrten.

Bald wurde der Kneipensänger berühmt. Dabei trat noch eine andere Seite an ihm zutage: Rassismus war ihm zuwider. Beim beliebten Lied "Ol' Man River" ersetzte Sinatra die Zeile "Niggers all work on the Mississippi" durch die Worte "Here we all work". Er weigerte sich, in Casinos oder Hotels aufzutreten, in denen sein schwarzer Freund und Zechkumpan Sammy Davis Jr. nicht genauso behandelt wurde wie er selbst. Bis dahin hatten schwarze Künstler sich bestenfalls durch den Hintereingang hineinschleichen dürfen.

"Ich hoffe, du fällst auf den Arsch!"

Da wirkten Sinatras Eskapaden umso schockierender - etwa die frühe schlagkräftige Förderung durch die Cosa Nostra. Nachdem ihm 1940 im Orchester des Posaunisten Tommy Dorsey der erster Nummer-1-Hit "I'll Never Smile Again" gelungen war, wollte Sinatra fortan als Solokünstler auftreten. Dafür forderte Dorsey einen beträchtlichen Teil von Sinatras Einnahmen der nächsten zehn Jahre. Der Sänger willigte ein.


Video: Swing-Legende Frank Sinatra

Foto: imago/United Archives

Geld sollte der Bandleader keines sehen. Stattdessen kam, so wird Dorsey in einer Sinatra-Biografie zitiert, Guarino "Willie" Moretti vorbei, der Pate von North Jersey: "Willie spielte mit einer Knarre herum und sagte, wie glücklich er sei, dass ich Frank aus unserer Vereinbarung entlassen hätte." Dorsey verstand. Und wünschte seinem ehemaligen Schützling: "Ich hoffe, du fällst auf den Arsch!"

Sinatra indes will mit Mafiosi nichts zu tun gehabt haben. Den Schriftsteller Mario Puzo inspirierte die Episode: In "Der Pate" erreicht auch Johnny Fontane die Entlassung aus einem Knebelvertrag durch Don Corleones Hilfe. Im Film und Roman steht der Bandleader vor der Wahl: Entweder kommt seine Unterschrift unter das befreiende Schriftstück - oder sein Hirn.

Einige Jahre später strauchelte der strahlende, noch immer jungenhafte Sänger. "Ist Sinatra am Ende?", fragte 1948 das Magazin "Modern Television & Radio" und spottete: Aus "The Voice" sei das "The Gargle" (das Gurgeln) geworden. Dann aber ergatterte er 1953 die Rolle seines Lebens. Im Kriegsfilm "Verdammt in alle Ewigkeit" spielte Sinatra einen schmächtigen Gefreiten namens Angelo Maggio so überzeugend, dass er den Oscar als bester Nebendarsteller erhielt.

Immer gut für eine derbe Beleidigung

Dabei soll Harry Cohn, Chef von Columbia Pictures, vorher getobt haben: "Wer zur Hölle will dieses dünne Arschloch in einem großen Film sehen?" Anders als "Der Pate" es nahelegte, kam Sinatra aber wohl durch enervierende Beharrlichkeit zum Leinwandauftritt, der seine Karriere rettete. Jeden, der irgendwie mit dem Film zu tun hatte, behelligte er mit Telegrammen - und schrieb als Absender stets "Maggio" darunter. Seine zweite Frau, Hollywoodstar Ava Gardner, bearbeitete unterdessen Harry Cohns Frau.

Der Einsatz lohnte sich. Nach "Verdammt in alle Ewigkeit" konnte Sinatra seine eindrucksvolle Karriere um gut 45 Jahre fortsetzen. Ebenso die für ihn typischen Ausraster. Als die "hässlichste Nutte" auf den Bildschirmen bezeichnete er die Moderatorin Barbara Walters; der Klatschkolumnistin Maxine Cheshire stopfte er 1973 mit den Worten "Du bist nicht mehr als eine Hure" zwei Dollar in ihr leeres Glas.

Auch die Unterwelt tauchte immer wieder in Sinatras Dunstkreis auf. Ein Foto von 1976 zeigt ihn breit lächelnd mit dem Arm um einen gewissen Gregory DePalma - polizeibekannt als Führungsmitglied der New Yorker Mafia-Familie Gambino, deren Oberhaupt Carlo Gambino ebenfalls auf dem Bild zu sehen ist.

Sinatra starb 1998. Warum umgab sich ein hochtalentierter, charismatischer Superstar jahrzehntelang mit zwielichtigen Gestalten? "Er war im Herzen ein Gangster", sagte der Journalist John Smith als Kenner der Las-Vegas-Szene in der Sinatra-Dokumentation "Dark Star" von 2005. Wahrscheinlich hatte Orchesterleiter Tommy Dorsey es seinerzeit richtig erkannt. "Er ist der faszinierendste Mann auf der Welt, aber stecken Sie nicht Ihre Hand in den Käfig." Die Fans liebten ihn trotzdem. Vielleicht auch deswegen.

insgesamt 9 Beiträge
Helmut Böhlke 11.12.2015
1. Singender Mafiosi
"Strangers in the Night" hat Sinatra nie geliebt und stets auch nur widerwillig gesungen. -Wahrscheinlich weil es von einem Deutschen -Bert Kaempfert geschrieben wurde.
"Strangers in the Night" hat Sinatra nie geliebt und stets auch nur widerwillig gesungen. -Wahrscheinlich weil es von einem Deutschen -Bert Kaempfert geschrieben wurde.
Aram Nahrin 11.12.2015
2. Hand in Hand
Die Verstrickungen von Showbiz und Politik mit der Cosa Nostra sind nichts Neues. Sinatra & die Kennedys waren lediglich ihre prominentesten Klientel. Die Frage ist nur: Wer kam als erstes zum wem ?!
Die Verstrickungen von Showbiz und Politik mit der Cosa Nostra sind nichts Neues. Sinatra & die Kennedys waren lediglich ihre prominentesten Klientel. Die Frage ist nur: Wer kam als erstes zum wem ?!
Dieter Freundlieb 11.12.2015
3. Meisterleistung
Eine journalistische Meisterleistung. Ein ausführlicher Artikel zu Frank Sinatra ohne ein Wort zu seinem einzigartigen Können als Sänger.
Eine journalistische Meisterleistung. Ein ausführlicher Artikel zu Frank Sinatra ohne ein Wort zu seinem einzigartigen Können als Sänger.
Karsten Flohr 11.12.2015
4. Ja, so war's!
In den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, in denen Sinatra ins Showgeschäft kam, gehörten alle Clubs und Casinos in den USA dem Mob (s. Cotton Club). Selbst Louis Armstrongs Manager Joe Glaser, offiziell [...]
In den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, in denen Sinatra ins Showgeschäft kam, gehörten alle Clubs und Casinos in den USA dem Mob (s. Cotton Club). Selbst Louis Armstrongs Manager Joe Glaser, offiziell Box-Promoter, war ein Mafia-Mann. Wer in diesem Business tätig war, hatte unweigerlich mit der Organisation zu tun, sie war der Hauptarbeitgeber der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Insofern ist das ständige Gezeter um Sinatras Mafia-Kontakte völlig blauäugig. Und es ist auch nur ein Rand-Aspekt, denn seine Leistung als Sänger, die in dem SPIEGEL-Artikel kaum angesprochen wird, kann gar nicht hoch genug gewürdigt werden. Nicht umsonst haben Leute wie Oscar Peterson und Miles Davis Sinatra-Hommagen eingespielt. Wie überragend er auch im hohen Alter noch sang, zeigt der Film über die Studio-Aufnahmen zu seiner letzten LP "L.A. ist my Lady" mit Quincy Jones https://www.youtube.com/watch?v=iz3yk_BgGDc
townsville 11.12.2015
5. Chicago Outfit
Joe E. Lewis - Green Mill - The Joker is Wild
Joe E. Lewis - Green Mill - The Joker is Wild

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