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Franz Beckenbauers frühe Karriere

Der Kaiser, der König der Löwen, die Watschn

Statt zum FC Bayern wollte Franz Beckenbauer unbedingt zu 1860 München. Bis er 1958 auf einen zornigen Löwen-Spieler traf - Gerhard König verpasste ihm die folgenreichste Ohrfeige der deutschen Fußballgeschichte. Und das kam so.

DPA
Von
Freitag, 15.06.2018   08:29 Uhr

Was wäre der Fußball ohne all seine Legenden und Mythen? Das WM-Finale '54 etwa hätten die technisch überlegenen Ungarn bei Sonnenschein vermutlich klar gewonnen, bei Fritz-Walter-Wetter aber bekamen die bestollten Deutschen einen Vorteil auf dem nassen Geläuf.

Uwe Seeler wäre kaum zur deutschen Ikone aufgestiegen, hätte er 1961 die Millionen-Offerte von Inter Mailand angenommen.

Gut möglich auch, dass Lothar Matthäus den entscheidenden Elfer 1990 verschossen hätte. Als etatmäßiger Schütze wechselte er aber in der Halbzeit den Schuh, also versenkte Andi Brehme den Strafstoß. Wieder Weltmeister!

Eine andere große Geschichte ist die der Kaiser-Werdung von Franz Beckenbauer.

Eine rustikale Ohrfeige im zarten Alter von zwölf Jahren trug 1958 viel dazu bei. "Ich spielte für den SC 1906 gegen die Löwen. Und es war eigentlich klar, dass ich zu Sechzig gehe", erinnerte Beckenbauer sich in der "BZ" 2004. "Aber nach der Watschn habe ich gesagt: Zu dem Verein gehe ich nicht."

Statt für die damals viel erfolgreicheren Löwen entschied sich Beckenbauer für den FC Bayern München, damals nur ein besserer Provinzklub. Der wohl wichtigste Vereinswechsel im deutschen Fußball, ausgelöst durch verletzten Stolz. Und durch einen Gegenspieler von jahrzehntelang unklarer Identität.

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Franz Beckenbauers Karriere: Watschenmann, geh du voran

Wer war dieser junge Fußballer, der so folgenschwer zulangte? Selbst Franz Beckenbauer wusste es nicht genau. Mal berichtete er von einem Mittelläufer namens Bauernfeind, mal vom gegnerischen Betreuer. Die waren's aber nicht.

Saisonabschluss im April 1958, ein Jugendturnier in Neubiberg südöstlich von München: Die Schülermannschaft vom großen TSV 1860 traf auf den kleineren SC 1906 aus Obergiesing. Ein feingliedriger SC-Außenstürmer, Jahrgang 1945, konnte besser mit dem Ball umgehen als alle seine Altersgenossen und schoss so viele Tore, dass er zur nächsten Saison für die Sechziger auflaufen sollte. Außerdem stammte dieser Beckenbauer aus dem Arbeiterstadtteil Giesing, traditionell Einzugsgebiet der Löwen, und war erklärter TSV-Fan. Ausgemachte Sache: Gleich fünf Teamkameraden vom SC würden ihm nach der Spielzeit zu 1860 folgen.

"Beckenbauer war stinkwütend"

Einer seiner neuen Mitspieler sollte Gerhard König sein, Jahrgang 1944. Er spielte seit frühester Jugend bei den Löwen und war als Torwart so talentiert, dass Trainer eine große Zukunft sahen und ihn in die bayerische Auswahl berufen hatten. Der heute 73-Jährige erinnert sich:

"Gegen den SC 1906 half ich überraschenderweise als Verteidiger aus. Beckenbauer war mein Gegenspieler. In einer Szene foulte ich ihn ziemlich hart, da warf er mir einige deftige Beleidigungen an den Kopf. Ich wartete, bis der Schiedsrichter sich wegdrehte, und verpasste ihm die Watschn. Beckenbauer war deshalb stinkwütend. Ich hatte die Szene nach dem Spiel schon wieder vergessen und ärgerte mich über unsere knappe 1:2-Niederlage. Bald danach bekam ich mit, dass er nicht zu uns wechseln würde, sondern zum FC Bayern. Und erst viele Jahre später erfuhr ich den Grund dafür."

So doll, sagt König, sei die Watschn gar nicht gewesen.

Beckenbauer spielte dann einige Jahre in der FCB-Jugend, debütierte 1964 in der ersten Mannschaft, damals noch Regionalliga, und schoss beim 4:0 gegen den FC St. Pauli gleich ein Tor. Da war Gerhard König schon kein Torwart mehr. Mit 15, zwei Jahre nach der Maulschelle, war er einmal zehn Minuten zu spät zum Training gekommen - und dann gar nicht mehr, aus Trotz gegen die Strafe des Trainers.

"Es war wie bei Beckenbauer: Ich war furchtbar gekränkt", erzählt König. "Heute würde ich anders reagieren. Der Franz bestimmt auch." König begann eine Lehre als Kunstschlosser. Der Franz eine Weltkarriere.

Der eine Weltstar, der andere Schweinebratenkönig

Mit 22 heiratete König, zog mit seiner Frau nach Füssen und eröffnete ein Speiselokal. Da gelangte Franz Beckenbauer bei der WM in England zu Weltruhm, während die Löwen die Deutsche Meisterschaft feierten. Beckenbauer wurde zum Libero, König fand wieder einen Verein: TSG Pasing, dritte Liga immerhin.

Das WM-Finale 1974 sah Gerhard König im Fernseher seines Lokals. Als er Fleischrouladen wickelte und seinen beliebten Schweinebraten in den Ofen schob, streckte der Mann, dem er 16 Jahre zuvor eine geschallert hatte, den goldenen Pokal in den Himmel von München.

1977 wechselte Beckenbauer zu Cosmos New York, da war er längst Vereinsikone, bekanntester Libero der Welt, Millionär - und der FC Bayern eine Fußballgroßmacht. Im Jahr darauf beendete Gerhard König seine Karriere als Torwart und eröffnete den "Gasthof Adler". Er bekochte Reisegruppen in Füssen, Beckenbauer feierte mit Pelé im "Studio 54".

SPIEGEL TV (2017): Franz Beckenbauer und die DFB-Millionen

Foto: SPIEGEL TV

Beckenbauer wurde 1990 auch als Trainer Weltmeister. König ging in Rente, der Kaiser holte 2006 die WM nach Deutschland und war gefühlt immer in mehreren Stadien zugleich, wenn nicht gerade im Helikopter. Er stand schon praktisch unter Denkmalschutz, als das mutmaßlich gekaufte "Sommermärchen" ihn einholte - bei den dubiosen Geldflüssen im Dunstkreis der WM spielt Beckenbauer, der angeblich ehrenamtlich arbeitete, eine höchst undurchsichtige Rolle.

Beckenbauers Ruf als "Lichtgestalt" ist heute arg lädiert. "So eine Schau", sagt Gerhard König. Wie viele frühere Fußballer urteilt er nonchalant über die Vorwürfe: "Ohne Geld und Korruption geht doch im Fußball eh nix. Ich finde es schade, wie mit ihm umgegangen wird."

2010 erzählte König im Namibia-Urlaub einem Bekannten, wie das damals wirklich war mit der Watschn und Beckenbauer. Als ein Journalist beim Bayerischen Rundfunk davon erfuhr, lud er Gerhard König und Franz Beckenbauer für "Blickpunkt Sport" ins Olympiastadion. "Sehr sympathisch" sei der Kaiser gewesen, sagt König, der seinen sechsjährigen Enkel mitbrachte - "ein Bayern-Fan. Der war noch aufgeregter als ich." Franz Beckenbauer kennt ja jedes Kind.

Warum Beckenbauer dankbar sein sollte

"Eigentlich muss er froh sein, dass ich ihm eine geschmiert habe", zitierte später der "kicker" Gerhard König, der seine Geschichte nie öffentlich erzählt hatte, "aus Angst vor Chaoten, die mir meinen Laden kaputtmachen". Nachtragende Löwen-Fans zum Beispiel.

Was König meinte: Froh sein sollte Beckenbauer, weil er bei Bayern "genau die richtigen Leute" fand. Manager Robert Schwan machte aus dem Fußballer einen Werbe-Millionär. Torwart Sepp Maier bügelte die seltenen Fehler seines Liberos aus. Und ohne die Tore von Gerd Müller wäre "der FC Bayern nicht der Klub, der er heute ist" - so sagte Beckenbauer es selbst.

Zu diskutieren, wie die kaiserliche Karriere ohne königliche Ohrlasche verlaufen wäre, mag müßig sein. Aber unterhaltsam. So fragte das Fußball-Magazin "11Freunde" 2006: "Was wäre, wenn...?". Und zeigte auf dem Cover Franz Beckenbauer bierbäuchig im Trainingsanzug, in den Händen eine Kippe und eine Plastiktüte mit Pfandflaschen. "Der Max Merkel, der verrückte Hund, hatte sich was ausgedacht", erinnerte sich Beckenbauer als imaginierter "König der Löwen", als 1860-Altstar. "Einen Libero sollte ich spielen. Das hab' ich ein, zweimal gemacht, dann war's das. Was soll ich hinten rumstehen ohne irgendeinen Gegenspieler?"

Der echte Beckenbauer beantwortete die "Was wäre, wenn...?"-Frage im "BZ"-Interview deutlich optimistischer: "Dann wäre ich heute Löwen-Präsident, und wir hätten dreimal in Folge die Champions League gewonnen." Und was glaubt Gerhard König? "Beckenbauer wäre trotzdem ein berühmter Fußballer geworden. Aber vielleicht nie der Kaiser."

Als Fußballer ist Beckenbauer eine Legende, bei den Sportkollegen von SPIEGEL ONLINE unter den Top Five der 50 besten Spieler der WM-Geschichte. Der FC Bayern wurde zuletzt sechs Mal in Folge Meister; 1860 sackte nach anhaltenden Turbulenzen und einem Zwangsabstieg in die Regionalliga und spielt nächste Saison in der 3. Liga.

Gerhard König schaut nur noch wenig Fußball. Auch weil die Bundesliga dank der Bayern so öde geworden ist. Vielleicht braucht der deutsche Fußball mal wieder eine derbe Watschn.

insgesamt 5 Beiträge
Hermann Fesel 15.06.2018
1. Watschntanz
Watschn rahmten also die Karriere des Franz, heute die von enttäuschten Lichtanbetern. Gestern lief auf Phoenix ja eine Doku mit reichlich dunkel dräuenden Wald- und Wiesnfahrten durch die Exilgegenden des Franz. Und irgendwie [...]
Watschn rahmten also die Karriere des Franz, heute die von enttäuschten Lichtanbetern. Gestern lief auf Phoenix ja eine Doku mit reichlich dunkel dräuenden Wald- und Wiesnfahrten durch die Exilgegenden des Franz. Und irgendwie hat man das Gefühl, als ginge es eh nicht um die berüchtigten 6,7 Mio für Schmierstoffe zwecks WM-Heimholung, sondern um seine "Erfolgsbeteiligung" von 5 Mio. Die Vortäuschung von Ehrenamtlichkeit wiegt dabei offenbar schwerer als die kolportierten Beträge selbst. Denn natürlich hat man geahnt, dass wenn Fedor Radmann in der Nähe ist, vom öligen "Höfl-Mänätschment" ganz schweigen, auch Money round goes. Beckenbauer weiss um diese Nuance auch, er ahnte, dass ihm da auch seine probate Nonchalance im Umgang mit Kontroversitäten nicht mehr schützen würde und schweigt seitdem. Aber drauflosgeplaudert hat er eh schon genug in seinem Leben. Und hat damit Satiriker zu Hochform auflaufen lassen, legendär die "Laudatio" von Wiglaf Droste auf den Franz zu seinem 60er, vielleicht hätte er sich mal in diesem Spiegelbild betrachten sollen, statt mit BILD eine vermeintliche Lebensversicherung abzuschliessen.
Salfer Karl 15.06.2018
2. Endlich
mal wieder ein versöhnlicher Artikel über Beckenbauer, der doch über Jahrzehnte sehr vielen Menschen sehr viel Freude bereitet hat, als Fußballer, als Trainer, und als wohl einer der maßgeblichen Initiatoren der WM 2006 (wie [...]
mal wieder ein versöhnlicher Artikel über Beckenbauer, der doch über Jahrzehnte sehr vielen Menschen sehr viel Freude bereitet hat, als Fußballer, als Trainer, und als wohl einer der maßgeblichen Initiatoren der WM 2006 (wie auch immer diese zustande gekommen ist). Es kommt immer darauf an, aus welcher Perspektive man einen Menschen, sein Handeln und die daraus entstehenden Kausalkatten betrachtet. Man könnte soweit gehen, dass die WM 2006 der Startschuss für die erstmals wieder aufkeimende Deutschtümelei war, also wer ist eigentlich letztlich schuld an der AFD, dem heutigen nationalen Gedankengut und dessen Ausleben? Richtig, ja er, die Lichtgestalt.
Gerd Diederichs 15.06.2018
3. Was mich eher interessieren würde ...
... ist, ob der FCB ohne Franz je zu irgendeiner Bedeutung gelangt wäre und ob die vielen anderen Ikonen, die der Verein angezogen hat, sich womöglich auch bei den Löwen versammelt hätten, oder ob sich dann ein ganz anderes [...]
... ist, ob der FCB ohne Franz je zu irgendeiner Bedeutung gelangt wäre und ob die vielen anderen Ikonen, die der Verein angezogen hat, sich womöglich auch bei den Löwen versammelt hätten, oder ob sich dann ein ganz anderes Tableau ergeben hätte, an dem mehrere Vereine beteiligt gewesen wären. Ja, stimmt, ist müßig, aber als Denkexperiment doch nicht völlig uninteressant, finde ich.
Franz Pestenhofer 15.06.2018
4. Tja, die kleinen Dinge machen manchmal den Unterschied
ich wurde u.a. Löwenfan, weil ich mit einem Kumpel im zarten Alter von etwa Jahren am Trainingsgelände des FC Bayern war und die damaligen Stars (um 1973 rum) , ich weiß nimmer, ob es konkret Breitner oder Beckenbauer war, [...]
ich wurde u.a. Löwenfan, weil ich mit einem Kumpel im zarten Alter von etwa Jahren am Trainingsgelände des FC Bayern war und die damaligen Stars (um 1973 rum) , ich weiß nimmer, ob es konkret Breitner oder Beckenbauer war, einer von den beiden war es, meinem Spezl kein Autogramm geben wollten, weil er als 60er Fan erkennbar war ( die Trainingsgelände liegen in Fussreichweite auseinander, wir pilgerten von einem zum anderen). Diese Arroganz hat mich damals schon abgeschreckt.
Wilhelm Meyer 15.06.2018
5. Die PR-Maschine rollt
Tut mir leid, aber bei diesem Artikel aus gerechnet bei SPON hat so ein Geschmäckle. "Jetzt ist aber mal wieder gut, der Franz ist ja doch ein Guter." Ein paar schöne Anekdoten aus der guten alten Zeit und die [...]
Tut mir leid, aber bei diesem Artikel aus gerechnet bei SPON hat so ein Geschmäckle. "Jetzt ist aber mal wieder gut, der Franz ist ja doch ein Guter." Ein paar schöne Anekdoten aus der guten alten Zeit und die "Lichtgestalt" kann wieder makellos und ohne Schatten strahlen.

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