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einestages

Frühe Fußball-Farbfotos

Die Farbe der Breslau-Elf

Im Berliner Olympiastadion gewann 1937 Deutschland gegen Norwegen. Ein Amateurfotograf hielt das in Schnappschüssen fest - es sind die ersten Farbbilder der deutschen Nationalelf, bisher noch nirgends zu sehen.

Walter Schmidt / Archiv Ralf Klee
Von Ralf Klee
Dienstag, 03.07.2018   11:26 Uhr

Walter Schmidt bewegte sich am 24. Oktober 1937 über das Reichssportfeld, als einer von Tausenden auf dem Weg zum Länderspiel Deutschland gegen Norwegen. Auf das riesige Berliner Olympiastadion hatte im Jahr zuvor bei den Olympischen Spielen die ganze Welt geschaut. Nun wollte der Erfurter Unternehmer, der sein Geld mit der Herstellung von Arzneiteemischungen verdiente, es mit eigenen Augen sehen. Und für die Familie festhalten. Dafür hatte der begeisterte Amateurfotograf seine Leica eingepackt und mit einem Agfacolor-Film bestückt.

Der neuartige Farbfilm war erst seit wenigen Monaten im Handel. Dabei liegen die Anfänge der Farbfotografie wesentlich früher. Erste Experimente gab es bereits ab 1850; frühe Farbbilder etwa aus Russland wie auch aus Deutschland waren kurz nach der Jahrhundertwende eine Sensation.

In Frankreich brachten die Gebrüder Lumière dann 1907 ihre "Autochromes" auf den Markt. Die Fotoplatten waren mit eingefärbten Kartoffelstärkepartikeln beschichtet, die als Farbfilter wirkten. So entstand bei den Bildern ein künstlerischer Effekt, der an den Pointillismus erinnerte, eine Stilrichtung der Malerei.

Das Einsatzgebiet der Platten war indes eingeschränkt: Wegen der langen Belichtungszeit fielen bewegliche Motive wie etwa Fußballspiele aus. Auf Autochromes bannte man vor allem Stillleben, Landschaftsaufnahmen und Porträts; sie sollten auch im Ersten Weltkrieg einen Eindruck vom Kriegsgeschehen vermitteln.

Hoffnung auf schöne Diaabende

Ab 1914 verwendete das Magazin "National Geographic" Autochromes für ausgewählte Bildstrecken, zu den bekanntesten Fotografen zählte der Deutsche Hans Hildenbrand. Es folgten weitere Verfahren und Produkte wie der englische Linienrasterfilm Dufaycolor (1935) oder der legendäre Kodachrome (1936) aus den USA.

Fotostrecke

Buntes Länderspiel, anno 1937: Fußball in Agfacolor

Der Erfurter Unternehmer setzte 1937 jedoch auf das heimische Produkt. Der "Agfacolor-Neu-Film" wurde als nationale Errungenschaft gefeiert. Er war viel günstiger als die US-Konkurrenz und in fast allen Fotofachgeschäften zu kaufen, die Qualität des Mehrschichten-Films zudem sehr ansprechend. Die Werbung versprach "Bilder in außerordentlicher Reinheit und Leuchtkraft der Farben".

Schmidt hoffte, das satte Grün im Olympiastadion festhalten zu können - für den heimischen Projektor in Thüringen. Er wollte an dunklen Herbsttagen der ganzen Familie zum flimmernden Lichtstrahl von seinen Erlebnissen zu erzählen. Vielleicht sogar zu einem Hitler-Foto - er hatte eigens eine teure Karte im Oberring des Stadions gekauft, nahe der Führerloge.

"Der Führer ist ganz erregt"

Als Schmidt seinen Platz einnahm, sah er einige NS-Prominenz. Hitler jedoch blieb der Veranstaltung fern, er hatte noch im Jahr zuvor ebenfalls gegen Norwegen bei den Olympischen Spielen eine bittere Blamage erlebt. Propagandaminister Joseph Goebbels notierte in seinem Tagebuch:

"Ein dramatischer, nervenaufpeitschender Kampf, bei dem die Deutschen nicht ganz verdient 2:0 unterliegen. Der Führer ist ganz erregt, ich kann mich kaum halten. Ein richtiges Nervenbad. Das Publikum rast. Ein Kampf wie nie. Das Spiel als Massensuggestion."

Das Olympia-Aus war eine sportliche Demütigung. Erfolge im Fußball konnten die Nationalsozialisten nicht einfach befehlen. Neben Kampfkraft, Disziplin, Aufopferung für die Mannschaft entscheiden eben auch Spielfreude und kreative Geistesblitze von Einzelspielern. Aber Mitte Mai 1937 in Breslau hatte die deutsche Nationalelf Dänemark 8:0 demontiert, mit fünf Treffern von Otto Siffling.

Nach dieser spektakulären Partie wollten viele Zuschauer unbedingt die "Breslau-Elf" sehen. Über den Andrang im Olympiastadion schrieb der "Hamburger Anzeiger":

"Nur die glücklichen Kartenbesitzer fanden Einlass: Vor den geschlossenen und gesicherten Stadiontoren harrte noch eine unübersehbare Menschenmenge, die keinen Zutritt mehr fand. Mit diesem Spiel hat Deutschland sicher alle Besucherrekorde unseres Festlandes geschlagen. Die im weiten Rund des Stadions versammelten 100.000 Personen befanden sich in glänzender Stimmung."

Anders als Siege auf dem Rasen konnte die NS-Führung das Drumherum planen. Große Spiele inszenierte sie als nationale Feste, bei denen Menschen aller Schichten die vielbeschworene Volksgemeinschaft bilden sollten.

"Nie wieder Grieg"

Als Walter Schmidt auf den Auslöser seiner Leica drückt, hielt er eine solche Inszenierung fest: Das Individuum war im weiten Rund nicht mehr erkennbar. Man sah nur noch eine amorphe Masse in monumentaler Architektur, darüber wehende Fahnen und auf dem Feld - ganz wie im alten Rom - die Gladiatoren.

Plötzlich ist die Welt ein bisschen bunter

Die Spieler wussten längst um ihre neue Rolle im nationalsozialistischen Deutschland. "Reichstrainer" Otto Nerz hatte ihnen per Rundbrief am 27. Dezember 1933 eingerieben:

"Neue und erhöhte Aufgaben erwachsen dem Sportsmann im neuen Reich. Besonders aber dem Spieler der Nationalmannschaft. Er gehört nun zur Elite und ist dazu berufen, Deutschland gegenüber der Welt zu vertreten. Nur wenn wir Deutschland gut und würdig vertreten, haben wir unsere Pflicht erfüllt und den Erwartungen unseres Führers entsprochen."

An diesem Tag in Berlin war die Breslau-Elf auch von Norwegen nicht zu stoppen und siegte 3:0. Alle Tore erzielte der Mannheimer Otto Siffling - Olympia-Revanche geglückt, viel Hoffnung für die nahende Weltmeisterschaft geweckt. Danach ließ sich der "Hamburger Anzeiger" in Anspielung auf den norwegischen Komponisten Edvard Grieg zu einem verwegenen Wortspiel hinreißen: "Nie wieder Grieg".

Die Mannschaft präsentierte sich schnell, spielfreudig, taktisch diszipliniert. Sie trug die Handschrift von Otto Nerz und Sepp Herberger, als Doppelspitze gleichermaßen für die Nationalmannschaft verantwortlich.

Desaster für das Dreamteam

Walter Schmidt machte die ersten bis heute erhaltenen Farbfotos der deutschen Nationalmannschaft und hielt auch eine Spielszene aus dem Olympiastadion fest. Es sind lebendige Momentaufnahmen - mit einem Davor und Danach.

Ein Jahr danach nämlich zerschellte die legendäre Breslau-Elf an der großen Politik. Herberger gewann zwar den schwelenden Machtkampf mit seinem Ziehvater Nerz, musste aber nach dem "Anschluss" Österreichs, dem Einmarsch der Wehrmacht, seine eingespielte Mannschaft umstellen, um die vielgerühmten Wiener "Scheiberl"-Ballkünstler einzubauen - Befehl von oben.

Das vermeintliche Dreamteam erwies sich jedoch als sportpolitisches Eigentor. Bei der Weltmeisterschaft in Frankreich scheiterte Herberger, nunmehr alleinverantwortlich, mit einem unausgereiften Systemgemisch gegen die Schweiz: Blamage in der ersten Runde, schlechtestes deutsches Ergebnis bis zur WM 2018.

Otto Siffling, gefeierter Torschütze von Berlin, saß bei der 2:4-Niederlage nur auf der Bank. Am 20. Oktober 1939 starb der Mittelstürmer dann an einer Rippenfellentzündung; sein Schalker Kollege Adolf Urban wurde ein Opfer des von den Nationalsozialisten entfesselten Krieges und fiel 1943 bei schweren Kämpfen am Illmensee. Zur gleichen Zeit befand sich Asbjørn Halvorsen, Norwegens Trainer und früherer HSV-Star, als Widerstandskämpfer in einem Konzentrationslager.

Und der Erfurter Amateurfotograf? Aus seinen gemütlichen Diaabenden wurde nichts. Erst hinderte ihn wohl die Arbeit in seiner Firma, später der Wehrdienst. Ungeschnitten legte er seinen Berliner Film in eine Holzkiste und zog in den Krieg. Seinen zweiten. Auch den überlebte er. Walter Schmidt starb 1987 im Alter von 94 Jahren.

Sein Urenkel Michael entdeckte die Kiste später auf dem Dachboden. Inspiriert davon wurde er in Leipzig Berufsfotograf und hat jüngst die Farbdias aus dem Olympiastadion mit allen Rechten an den Verfasser veräußert: "Mir war wichtig, dass die Fotos in gute Hände geraten", sagt er, "sie sollten nicht im Schrank verstauben, sondern erforscht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden."

insgesamt 1 Beitrag
Gerd Meinhold 03.07.2018
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Ob das Ergebnis 2018 schlechter war sei dahingestellt. 2018: 1 Sieg, 2 Niederlagen, 1938: 1 Unentschieden, 1 Niederlage. Achja, die Spielminute lässt sich sicher genauer eingrenzen, wenn man weiß in welche Richtung in der [...]
Ob das Ergebnis 2018 schlechter war sei dahingestellt. 2018: 1 Sieg, 2 Niederlagen, 1938: 1 Unentschieden, 1 Niederlage. Achja, die Spielminute lässt sich sicher genauer eingrenzen, wenn man weiß in welche Richtung in der 1.Halbzeit gespielt wurde. Da es angeblich Filmaufnahmen gab, müsste man dies ja nachvollziehen können.

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