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Bizarrer Baby-Wettbewerb in Kanada

"Ich werde Sex zum populärsten Sport machen"

Ein kauziger Anwalt legte per Testament fest: Wer binnen zehn Jahren die meisten Kinder kriegt, erbt sein Vermögen. So begann 1926 Torontos erbittertes "Storchen-Derby".

Toronto Star/ Getty Images
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Donnerstag, 23.11.2017   11:19 Uhr

Den Pott teilen, wie Konkurrentinnen es vorschlugen? Für Lillian Kenny keine Option: "Ich will alles oder nichts!", sagte die 14-fache Mutter 1934 dem Reporter des "Toronto Daily Star". Berühmt machte sie ein Faustschlag, mit dem sie einen Journalisten niederstrecken wollte, aber aus Versehen ihren Ehemann traf - "One Punch Kenny" lautete seitdem ihr Spitzname.

Lillian Kenny wollte viel Geld gewinnen, nicht etwa für die Ausbildung ihrer Kinder. Die stämmige Kanadierin hatte anderes im Sinn: eine Band anheuern und am Grab des Mannes spielen lassen, der nach seinem Tod in Toronto für beispiellosen Wirbel gesorgt hat: Charles Vance Millar. Kinderloser Anwalt, Pferdenarr - und Initiator des "Großen Storchen-Derbys", des wohl seltsamsten Wettbewerbs, den Kanada je erlebt hat.

Mit einem Herzinfarkt fiel Millar am 31. Oktober 1926 um 16.30 Uhr tot um, auf den Treppenstufen seines Anwaltsbüros in Toronto. Die gravierenden Folgen erahnte niemand. Bis man sein Testament fand.

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Storchen-Derby: Macht Babys - letzter Wille eines Exzentrikers

Zu Lebzeiten war der vermögende Anwalt und Pferdenarr berüchtigt für seinen eigenwilligen Humor. So legte er gern Ein-Dollar-Noten auf den Bürgersteig und beobachtete, wie Passanten sich die Scheine angelten. In seinem Testament hatten es schon die Absätze eins bis acht in sich:

Die größte Aufregung verursachte der neunte Absatz: Sein gesamtes übriges Erbe sollte an diejenige Mutter in Toronto gehen, die zwischen 1926 und 1936 die meisten Kinder bekommen würde. "Der Wunsch ist durchaus unüblich und exzentrisch", kommentierte Millar seinen letzten Willen trocken.

"Abscheulichste, widerwärtigste Leistungsschau"

Die Nachwelt hielt das Dokument zunächst für einen weiteren schrägen Scherz. "Sein Credo lautete: 'Jeder Mensch hat seinen Preis'. Millar war ein notorischer Spaßvogel", sagt Mark M. Orkin, kanadischer Anwalt und Autor des Buchs "The Great Stork Derby". Per Testament habe Millar "der Gesellschaft ein letztes Mal ins Gesicht lachen wollen".

Um zu zeigen, was Menschen für Geld alles tun? Um die verklemmte Sexualmoral zu veralbern, die Gegner der Geburtenkontrolle? Um das Rechtswesen zu foppen, das machtlos gegenüber seinem letzten Willen war?

"Ich werde den Sex in Kanada für die nächsten zehn Jahre zum populärsten Sport machen", soll er einem Freund laut "Star" kurz vor dem Tod gesagt haben. Millars Experiment konnten weder seine leer ausgegangenen Verwandten noch kanadische Behörden stoppen.

Eine Verwandte wollte das Testament annullieren lassen, weil es gegen die "öffentliche Moral" verstoße - sie zog vergeblich vor Gericht. Politiker Mitchell Hepburn brandmarkte den Baby-Contest als "abscheulichste, widerwärtigste Leistungsschau, die jemals in einem zivilisierten Land abgehalten wurde". Es sei die Pflicht der Regierung, "dieses Fiasko zu beenden", so der Premierminister von Ontario - er wollte Millars Vermögen lieber in Torontos Universität stecken.

Für die Familien bitterer Ernst

Die Angelegenheit landete sogar beim Obersten Gerichtshof, der den Wettbewerb jedoch für rechtens erachtete - als Mann vom Fach hatte Millar sein Testament juristisch wasserdicht formuliert. Derweil wurde Politiker Hepburn allseits gescholten: 14.000 Bürger schrieben laut Orkin Schmähbriefe. "Die Regierung giert nach Geld, doch das werden wir nicht kampflos hergeben", sagte Henry Brown, Vater von 27 Kindern, dem "Star" 1932.

Torontos Familien, allen voran die sozial schwachen, waren wild entschlossen, Millars Erbe zu ergattern. Aus dem kauzigen Gag wurde spätestens mit der "Großen Depression" bitterer Ernst. 1933 war ein Drittel aller Bewohner von Toronto arbeitslos, zugleich sanken die Monatslöhne um fast die Hälfte. Reihenweise wurden Ersparnisse vernichtet.

Nur Millars Reichtum vervielfachte sich während der Krise. Zu Lebzeiten hatte er in eine Firma investiert, die einen Tunnel zwischen Detroit (USA) und Windsor (Kanada) bauen wollte. Kaum jemand glaubte damals an das Projekt - die Tunneleröffnung 1930 machte die Aktionäre reich. Und ließ das Preisgeld des "Great Stork Derby" auf rund 750.000 kanadische Dollar schnellen (entspricht heute rund neun Millionen Euro).

Baby nach Millar benannt

Wie viele Frauen genau sich am Fortpflanzungswettbewerb beteiligten, ist nicht überliefert. 1936 schrieb der "Star", dass in Toronto wegen des Derbys 120 Kinder zur Welt kamen. Anderen Berichten zufolge präsentierten sich zum Ende der Zehnjahresfrist zwei Dutzend Mütter mit je mindestens acht Kindern.

Um möglichst schnell wieder schwanger zu werden, hatten einige ihr Leben riskiert, Tot- und Fehlgeburten erlitten. So auch Lillian "One Punch" Kenny, die lange als Favoritin galt. Von ihren angeblich 14 Kindern waren laut einem "Time"-Bericht von 1936 nur sieben am Leben; ein Kleinkind soll an einem Rattenbiss gestorben sein. Bis zuletzt war sie davon überzeugt, den Preis zu holen, ihr jüngstes Kind hatte sie Charles Vance Millar genannt - es starb kurz nach der Geburt.

Laut Gerichtsbeschluss zählten jedoch nur Lebendgeburten und eheliche Kinder. Daher sanken Lillian Kennys Chancen, ebenso die von Pauline Mae Clarke: Die attraktive 24-Jährige, in der Presse lange die ominöse "Mrs. X", hatte binnen zehn Jahren zwar zehn Kinder geboren - doch nur fünf waren von ihrem Gatten.

Die Frist lief am 31. Oktober 1936 ab, exakt zehn Jahre nach Millars Tod. 32 Anwälte waren laut "Star" zugegen, als Richter William Edward Middleton, selbst ältester Spross einer elfköpfigen Familie, am 3. November 1936 seine Entscheidung verkündete.

Vor den Pforten von Torontos Justizpalast drängten sich seit den frühen Morgenstunden Schaulustige, Reporter suchten nach den Gesichtern der Favoritinnen - vergebens. Bis auf Lillian Kenny war keine der sechs Damen erschienen. "Heute ist ein prima Tag, um endlich mal ungestört zu arbeiten", sagte Kathleen Nagle dem "Star" - sie zog es vor, den Wäscheberg ihrer Kinderschar zu bezwingen.

Nagle zählte zu den vier Gewinnerinnen des "Great Stork Derby". Sie hatte binnen zehn Jahren neun Babys bekommen, genau wie Annie Smith, Isobel MacLean sowie Lucy Timleck, eigentlich ein Verhütungsfan: "Geburtenkontrolle ist eine wunderbare Sache", zitierte das "Milwaukee Journal" 1935 die 14-fache Mutter.

Endlich ein Mantel aus Robbenfell

Am Ende bekamen die vier Siegerinnen je 125.000 Dollar ausbezahlt (heutiger Wert knapp 1,5 Millionen Euro). Als Trostpreis erhielten Kenny und Clarke 12.500 Dollar - unter der Bedingung, dass sie keine Prozesse mehr anstrengen. Denn bis die richterliche Entscheidung im März 1938 rechtskräftig war, zankten die Anwälte der Supermütter 17 Monate lang.

Die Stadt kassierte munter mit: Sobald das Baby-Rennen gelaufen war, verlangte Toronto Sozialhilfe von den Timlecks und Nagles zurück. Den Rest des Preisgeldes investierten die Familien in Urlaub, Häuser, Möbel. "Wir werden jetzt sicher nicht anfangen zu protzen", sagte Kathleen Nagle 1938. Anders Lillian Kenny: Sie leistete sich einen Mantel aus Robbenfell und eine Taxifahrt zu den Niagarafällen.

Als es vorbei war, wirkten alle erleichtert: "Das salomonische Urteil hat ein seltsames Kapitel der Rechs- und Geburtsgeschichte beendet und einen Konflikt beigelegt, der zwischenzeitlich wahnwitzige Ausmaße annahm. Es ist zu hoffen, dass wir das letzte Mal davon hören", schrieb der "Ottawa Citizen" 1938.

Es kam anders. Am 10. Dezember 1945 starb Torontos Ex-Bürgermeister Thomas Foster - und startete per Testament eine Neuauflage des "Great Stork Derby". Als Belohnung für kinderreiche Familie lobte er gleich vier Baby-Wettbewerbe aus.

Wie viele Familien bei diesen Müttermarathons genau mitmachten, bleibt unklar. "Aber die Berühmtheit Millars hat Foster nicht erlangt ", sagt Buchautor Orkin. "Eine Kopie ist nie so gut wie das Original."

insgesamt 9 Beiträge
gerald oeckl 23.11.2017
1. Lösung für Kinderarme Länder?
Tja, das könnte ja fast eine Lösung für Kinderarme und alternde Gesellschaften sein? Babyprämie ist das Zauberwort- vorausgesetzt man möchte dies eher fördern, als die Einwanderungslösung.
Tja, das könnte ja fast eine Lösung für Kinderarme und alternde Gesellschaften sein? Babyprämie ist das Zauberwort- vorausgesetzt man möchte dies eher fördern, als die Einwanderungslösung.
Thomas Müller 23.11.2017
2. Gibt doch schon genug Menschen!
Gibt es nicht schon genug Menschen auf der Erde? Wenn ein Land der Meinung ist, dass es zu wenige Bürger hat, dann soll es Menschen aus anderen Ländern aufnehmen. Interessenten gibt es genug! Klar, jeder tief religiöse Mensch [...]
Gibt es nicht schon genug Menschen auf der Erde? Wenn ein Land der Meinung ist, dass es zu wenige Bürger hat, dann soll es Menschen aus anderen Ländern aufnehmen. Interessenten gibt es genug! Klar, jeder tief religiöse Mensch wird mir bestimmt wiedersprechen. Aber wenn wir mit der ungezügelten Vermehrung immer so weitermachen, geht das "große Experiment" (insofern es eine übergeordnete Macht gibt, die das irgendwann mal gestartet hat) gewaltig in die Hose!
Tobias Lethen 23.11.2017
3. Religion?
Verstehe ich Sie richtig, dass Sie davon ausgehen, dass tief religiöse Menschen etwas gegen Einwanderung haben? Kann es sein, dass Sie da etwas verwechseln?
Verstehe ich Sie richtig, dass Sie davon ausgehen, dass tief religiöse Menschen etwas gegen Einwanderung haben? Kann es sein, dass Sie da etwas verwechseln?
Albert Augustin 23.11.2017
4. Keine Kinder
Merkwürdiges Testament. Eigentlich sollte "man" heute keine Kinder mehr zeugen, die Welt ist "überbevölkert" und Afrika sorgt für steten Nachwuchs.
Merkwürdiges Testament. Eigentlich sollte "man" heute keine Kinder mehr zeugen, die Welt ist "überbevölkert" und Afrika sorgt für steten Nachwuchs.
Heinz Rudolph 23.11.2017
5. hmm
Einige der Kommentatoren haben den Text anscheinend nicht gelesen...und naja, auch die Rubrik nicht verstanden. Also 1926 war Überbevölkerung noch nicht so das Thema. Ansonsten, sehr witziger Initiator des ganzen.
Einige der Kommentatoren haben den Text anscheinend nicht gelesen...und naja, auch die Rubrik nicht verstanden. Also 1926 war Überbevölkerung noch nicht so das Thema. Ansonsten, sehr witziger Initiator des ganzen.

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