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einestages

Grenzsicherung in der DDR

"Der Schlag hat gesessen"

Zur Not sollten sie auch auf die eigene Mutter schießen: Um die Grenzer auf Linie zu bringen, hatte das DDR-Regime besonders gute Überzeugungsarbeit zu leisten. Rund 1500 NVA-Propagandafilme geben jetzt Einblick in die perfiden Mechanismen eines Grenzstaates.

DPA
Von
Freitag, 18.04.2008   19:03 Uhr

Stolzer könnte er nicht strahlen, der kleine blonde Bursche, der da in den Schützenpanzerwagen lugt. Der markige Grenzsoldat im Innern des Gefährts ist für ihn ein Held - ebenso wie für den Rest der Nation: Frauen strömen heran und drücken den strammstehenden Soldaten selbstgefertigte Eulenspiegel-Puppen in die Hände. Mitarbeiter des Verlages der Nation überreichen Bücher, Soldaten aus den sozialistischen Bruderländern schwenken Blumen. Die Botschaft der kleinen Schwarz-Weiß-Filmsequenz aus dem Jahr 1961: Wer Grenzer ist, der hat's geschafft. Regie führte: die Nationale Volksarmee (NVA).

Mit Produktionen wie "Der Schlag hat gesessen", "Grenzsoldaten in Berlin" oder "Unsere Staatsgrenze" beabsichtigten die Macher des 1960 gegründeten Armeefilmstudios, die Grenzer auf Linie zu bringen. Enorme Energien wurden aufgebracht, um die zwischen Ost und West patrouillierenden Soldaten auf ihre Aufgabe vorzubereiten; mit hunderten von Propagandafilmen versuchte die NVA, das Image der - mit einem eigenen Feiertag am 1. Dezember bedachten - Grenzer zu heben.

Das Bundesarchiv hat jetzt rund 1500 bislang weitgehend unbekannte Produktionen rund um die Themen DDR-Grenzsicherung, sozialistische Wehrerziehung und politische Motivation innerhalb der Armee in sendefähiger Qualität aufbereiten lassen. Weltweit exklusiver Auswerter: der Progress Film-Verleih in Berlin. Rund ein Zehntel der Filme sind bereits im Handel erhältlich, der Rest ist im Bundesarchiv einzusehen.

"Aktion Ungeziefer" gegen Westsympathisanten

Propaganda für Grenzsoldaten hatte bei der NVA oberste Priorität, gehörte die Grenzsicherung doch seit Bestehen der DDR zu einer ihrer elementaren Aufgaben: ein Offenbarungseid, den der Historiker Stefan Wolle besonders gut auf den Punkt gebracht hat: Die DDR sei kein Staat mit einer Grenze, sondern eine Grenze mit einem Staat, schrieb Wolle in Abänderung des Diktums, Preußen sei kein Staat mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem Staat gewesen. Die DDR war noch nicht einmal gegründet, da gab es schon das Bestreben, die beiden Hemisphären Ost und West voneinander abzuriegeln - wenn es sein musste, auch mit Gewalt.

So erließ Marschall Sokolowskij, seines Zeichens "Oberkommandierender der sowjetischen Okkupationstruppen und Hauptbevollmächtigter der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland", schon am 23. August 1947 den Befehl, zur Not auf Flüchtlinge zu schießen. Der neu gegründeten Grenzpolizei befahl er, "von der Waffe Gebrauch zu machen... bei Flucht von Grenzübertretern und Übertretern der Demarkationslinie, wenn andere Möglichkeiten der Festnahme erschöpft sind".

Die Führung der neugegründeten DDR erklärte es dann zur vorrangigen Aufgabe, die Abriegelung der Grenzen voranzutreiben. Bereits 1952 versah sie die innerdeutschen Grenze vom Dreiländereck bis zur Lübecker Bucht mit einer fünf Kilometer breiten Sperrzone; unter dem Decknamen "Aktion Ungeziefer" machte man sich daran, Systemgegner, Westsympathisanten und andere Unbequeme aus dem Grenzbereich zu vertreiben.

"Wer provoziert, auf den wird geschossen"

Noch im gleichen Jahr erhielt die Grenzpolizei militärischen Charakter, modernste sowjetische Schusswaffen und schicke, khakifarbene Uniformen; zudem scheute die Regierung weder Kosten noch Mühen, die Grenze zu einem unüberwindbaren Bollwerk auszubauen. Trotz allem verließen bis 1961 mehr als drei Millionen Menschen den SED-Staat. Härtere Maßnahmen mussten her, eine Mauer wurde hochgezogen, um die deutsche Teilung in Zement zu gießen.

Zudem verfeinerte die DDR-Führung ihre Grenzsicherung bis zur Perfektion: Die fast 1400 Kilometer lange Grenze mit ihren "Grenzsicherungsanlagen", Zäunen, Beobachtungstürmen und KfZ-Sperren erhielt Streckmetallgitterzäune und elektronische Alarmsysteme. Selbstschussanlagen wurden installiert und Minen verlegt. Lichttrassen leuchteten den Todesstreifen taghell aus, um Flüchtlinge besser zu orten, Hunderte von Hunden mussten her, um das Sperrland zwischen Ost und West zu sichern.

Wer es trotz allem noch wagte, den "antifaschistischen Schutzwall" zu überwinden, musste nicht selten mit dem Leben bezahlen. "Schießt nicht auf die eigenen Landsleute", appellierte Westberlins Regierender Bürgermeister Willi Brandt in jenem Sommer 1961 - "Wer provoziert, auf den wird geschossen", hielt SED-Generalsekretär Walter Ulbricht dagegen. Der erste, der das zu spüren bekam, war Günther Litfin - nur wenige Tage nach Beginn des Mauerbaus.

Demarkationslinie zwischen den Welten

Am 24. August 1961 versuchte der ledige Schneider aus Weißensee die Spree zu durchschwimmen, um sich in den Westen zu retten. Nur noch 20 Meter trennten ihn von der Freiheit - da trafen den 24-Jährigen die tödlichen Schüsse. Gegen 19.10 Uhr wurde seine Leiche in der Nähe der S-Bahn-Brücke Humboldthafen geborgen. Ähnlich wie ihm ging es Hunderten, wobei die Grenzer ihre Waffe nicht nur gegen Zivilisten, sondern auch gegen Fahnenflüchtige in den eigenen Reihen richten mussten.

Um die eigenen Männer sowie Zivilisten an der Flucht zu hindern, wurden seit 1968 Stasi-Mitarbeiter in die regulären Grenztruppen eingeschleust, die mit aller Härte vorzugehen hatten. "Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wen die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben", heißt es in einer Dienstanweisung vom 1. Oktober 1973. Spätestens seit Auftauchen dieses Schriftstücks kann auch der zäheste Altkommunist nicht mehr die Existenz von Schießbefehlen leugnen.

Die Verwaltungsgrenze zwischen den Besatzungszonen von 1945 mutierte zur Demarkationslinie zwischen zwei Welten - selbst der oberste Kommunist Nikita Chruschtschow gab 1961 gegenüber dem Botschafter der BRD in Moskau zu, dass die Mauer "eine hässliche Sache" sei. Trotzdem dauerte es volle 28 Jahre, bis die Mauer fiel und die Grenze zwischen beiden deutschen Staaten aufhörte zu existieren.

Plötzlich war auch die Grenzsicherung kein Thema mehr. Das NVA-Filmstudio wurde aufgelöst; dessen Produktionen gingen in das Eigentum des Bundesarchivs über. Und anders als in den zahlreichen Propagandafilmen wurden die Grenzer nicht mehr mit Blumen beschenkt und als Helden verehrt - sondern wegen Totschlags vor Gericht gebracht.

Unter dem Titel "Damals bei der NVA" ist im Verlag Breucom-Medien eine vierteilige DVD-Reihe mit einer Spieldauer von 48 Stunden erschienen. Sie enthält eine Auswahl von 156 NVA-Filmen. Die übrigen Filme können private Nutzer im Bundesarchiv einsehen.

insgesamt 4 Beiträge
john wayne 21.04.2008
1.
kennt zufällig den titel des lieds ab ca 0:20? ;)
kennt zufällig den titel des lieds ab ca 0:20? ;)
Kurt Wolf 20.04.2008
2.
Volkssoldaten sollen auf Mütter schiessen, wie entsetzlich; natürlich erzeugt der Beitrag diese Wirkung; prima vista. Beim zweiten politisch korrekten Kopfschütteln über die menschenverachtende Infamie der (oft ebenfalls schon [...]
Volkssoldaten sollen auf Mütter schiessen, wie entsetzlich; natürlich erzeugt der Beitrag diese Wirkung; prima vista. Beim zweiten politisch korrekten Kopfschütteln über die menschenverachtende Infamie der (oft ebenfalls schon verblichenen) Organe der jedenfalls verblichenen DDR fallen mir dann aber doch Ereignisse aus meiner Schulzeit ein. Ende der siebziger Jahre, am einem grundkatholischen Gymnasium in der bayrischen Provinz, kurz vor dem Abitur: Da kamen doch diese freundlichen Dauerlächler in Bundeswehruniform in jede Abiturklasse (Anwesenheit Pflicht, auch für Mädchen!), erklärten die Vorzüge des Dienstes fürs Vaterland; und unterlegten den Vortrag durch FILME! Und die, mit Verlaub waren uim nichts weniger schmalzig, einseitig, klassenkämpferisch als die der DDR. Klar, das hört man nicht gern... Schadet aber nichts gelegentlich daran zu denken dass die Gnade der Geschichte uns die Ex_Post_Perspektive ermöglicht als Bessermenschen mit dem Zeigefinger auf die Relikte des anderen Systems zu zeigen, das eben verloren hat... Kurz: Auf beiden Seiten war Kalter Krieg. Was, notabene, weder Mauer noch Schiessbefehl rechtfertigt. Aber hier geht es um Propaganda; und die gab es eben auch auf beiden Seiten. Mir hat auf meine aufsässige Fragen nach dem Sinn vom Armeen der freundliche Bundeswehroffizier, nachdem er festgestellt hatte dass ich Leistungskurs Latein besuche, erklärt, nichts sei doch süsser als fürs Vaterland zu sterben; im Bayern des Jahres 1979... KW
Christian Forberg 20.04.2008
3.
Ob der Schiessbefehl auch für die eigene Mutter galt, dazu sollten sich vielleicht mal ein paar ehemalige Grenzsoldaten äussern. Der Beitrag und die Videos schweigen sich ja dazu leider aus, aber immerhin ist die Einleitung [...]
Ob der Schiessbefehl auch für die eigene Mutter galt, dazu sollten sich vielleicht mal ein paar ehemalige Grenzsoldaten äussern. Der Beitrag und die Videos schweigen sich ja dazu leider aus, aber immerhin ist die Einleitung reisserisch genug. Ich weiss noch, wie ich (Baujahr 1974) 1990 furchtbar stolz war, weil ich von einem 'Westlehrer' im neu eingeführten Fach PW (Politische Weltkunde) meine erste 1 bekam, weil ich (mit Hilfe eines Geschichtsbuches aus dem Westen) analysiert hatte, dass die Chance auf ein nicht zweigeteiltes Deutschland von allen Alliierten vertan wurde. In dem Zusammenhang Frage ich mich bis heute ab und an warum die BRD eigentlich mehrere Tage _vor_ der DDR gegründet wurde. Was den Mauerbau angeht, meinte ein Bekannter mal zu mir: 'Die mussten die Mauer hochziehen, der Brain-Drain (die Abwanderung von Ingeneuren, Ärzten usw. in den Westen) war zu enorm...'. Das ist sicherlich keine Rechtfertigung für so etwas grausames wie den Schiessbefehl, aber immerhin eine Erklärung, warum die Mauer gebaut wurde.
Hubert Rudnick 20.04.2008
4.
Propagander ist alles. Die Grezsicherung in der ehemaligen DDR war nur ein Ausdruck der Menschenverachtung der Regierenden gegenüber seiner eigenen Bevölkerung. Wenn man heute noch darüber diskutiert ob es einen Schießbefehl [...]
Propagander ist alles. Die Grezsicherung in der ehemaligen DDR war nur ein Ausdruck der Menschenverachtung der Regierenden gegenüber seiner eigenen Bevölkerung. Wenn man heute noch darüber diskutiert ob es einen Schießbefehl gab, oder auch nicht, so ist das für mich nicht von Bedeutung, denn ich war bei der NVA mußte dort meinen Wehrdienst ableisten. Uns wurde jedes mal im Politunterricht beigebracht, dass es einen Schießbefehl gebe und jeder Soldat mit der Waffe in der Hand hätte jeglichen Grenzverletzer aufzuhalten und dieses nicht in dem er mit der Waffe zuschlägt um diesen Grenzverletze nur zu verletzen, sondern damit schieß und es sei volkommen egal wer es sei. Wir haben oft darüber gesprochen, ob man auch seinen eigenen Bruder erschießen müsste, es wurde immer darauf hingewiesen, wer die Grenze der DDR verletzt ist ein Feind der DDR und er muß daran mit aller Macht gehindert werden. Zum Glück war ich nur bei den Motschützen in Brandenburg und mußte nie an einer Grenze Wache stehen. Ich finde es heute, ja heute nach so vielen Jahren es nur widerlich, was sich da die DDR Oberen so ausgedacht hatten, wie müssen sie denn jeden Bürger gehasst haben, der nicht im Paradies des Sozialismus mehr leben wollten, denn wenn es den Menschen in der DDR doch so gut ginge, dann würde sich kaum einer überlegen wie er diesen Arbeiter und Bauernstaat verlassen könnte. Also war es doch nicht so schön bei uns und unsere Parteiführung hatte sich anscheinend auch nie die Gedanken gemacht was da schief liefe, man hatte wie üblich immer nur die Fehler beim bösen Klassenfeind gesucht. Ich finde es zwar in Ordnung, dass ein Staat seine Grenzen schützen sollte, aber nicht so, so war es nur menschenverachtend, so wie das ganze System war, aber darauf bin ich auch viel zu spät gekommen, sonst hätte ich mich von diesen verbrecherischen Staat abgewandet, aber die Erkenntnisse kommen oft sehr spät, aber sie kommen. Ich kann nur diese Leute nicht verstehen, die immer noch die DDR so hoch loben. Ich bin glücklich, dass dieser Staat untergegangen ist, weiß aber auch, dass das kapitalistische System nicht das Gute für einen arbeitenden Menschen ist, denn auch hier wird er nur ausgebeutet, aber man wird beim Verlassen der Bundesrepublik nicht wie einen freilaufenden Hasen abgeschossen. Ob ich damals auf meinem Bruder geschossen hätte, ich weiß es nicht. Hubert Rudnick

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