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Boris Beckers Trainer Günther Bosch

"Güntzi, bin ich Jesus?"

Einst floh er aus der rumänischen Diktatur, später schrieb er mit Boris Becker Tennisgeschichte. Hier erinnert sich Günther Bosch, 80, an Helmut Kohl, goldene Steaks - und den Jungen mit den Elefantenbeinen.

DPA
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Mittwoch, 13.12.2017   11:40 Uhr

Am Tag nach der größten Sensation der Tennisgeschichte flogen wir nach Monte Carlo und aßen Steaks in Blattgold. Boris hatte es tatsächlich geschafft: Wimbledon-Sieger mit erst 17 Jahren. Nie strahlte sein Stern heller als im Juli 1985. Und nie wieder würde sein Leben so sein wie zuvor. Mir war das damals, als wir die edlen Steaks verdrückten, schon eher bewusst. Boris vermutlich noch nicht. Wie konnte er auch ahnen, was mit ihm passieren würde?

Einige Monate später, beim Karneval in Nizza, zog ich ihm eine schwarze Perücke über. Er wurde trotzdem erkannt, die Leute drehten durch. "Güntzi", fragte mich Boris, "was soll das? Bin ich Jesus?"

Nach unserem Festmahl besorgte er zwei goldene Uhren, eine davon schenkte er mir, mit Widmung. Ich trage sie heute noch. Ich brauche nur auf die Uhr zu schauen, und all die Erinnerungen kommen wieder hoch. Dann ist es, als ob die Zeit stehen bleiben würde. Meine Gedanken gehen zurück - viele Jahre vor dieses Wunder von Wimbledon.

Ich wurde am 1. März 1937 im siebenbürgischen Kronstadt geboren. Wegen unserer deutschen Herkunft wurde mein Vater 1944 von den Sowjets verhaftet und in ein Lager bei Donezk gesteckt. Ihm gelang die Flucht: Drei Monate versteckten wir ihn auf unserem Dachboden, ehe er sich wieder auf die Straße wagte.

In Freiheit dank Helmut Kohl

30 Jahre später wurde auch ich zur Flucht gezwungen. Nach meiner aktiven Tenniskarriere wurde ich Staatstrainer in der Diktatur von Nicolae Ceauescu. Selbst in dieser Position war ich ständig Repressalien ausgesetzt. Auch weil ich mich weigerte, meinen deutschen Namen in Georgie Boschescu zu ändern. 1974 blieb ich nach dem Galea-Cup in Saarbrücken in Deutschland. Der deutsche Weltklassespieler Wilhelm Bungert, ein guter Freund, brachte mich ins Notaufnahmelager für Rumäniendeutsche in Zirndorf. Binnen zwei Tagen hatte ich einen deutschen Pass und einen neuen Personalausweis.

Meine Frau Rodica und unsere Tochter Christina wollte ich umgehend nachholen, aber der Fluchtplan scheiterte. Die rumänische Geheimpolizei Securitate bestrafte sie für meine Aktion. Sie wurden Tag und Nacht beobachtet, alles wurde beschlagnahmt, unsere Wohnung, unsere Möbel, selbst der Kühlschrank. Zu Wucherpreisen mussten sie ihr Hab und Gut anschließend zurückkaufen.

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Fotoalbum von Becker-Trainer Günther Bosch: "Ich hab' da einen aus Leimen"

Immerhin gelang es mir, sie von Deutschland aus finanziell zu unterstützen. Ich versuchte alles, um meine Familie rauszuholen. Einmal bot sich eine Frau als Fluchthelferin an, in meiner Not überwies ich ihr die geforderten 20.000 Mark - aber sie entpuppte sich als Betrügerin. Inzwischen arbeitete ich als Bundestrainer für den Deutschen Tennis-Bund (DTB), kannte viele einflussreiche Menschen und bat sie alle um Hilfe. Die meisten wollten mir helfen, hatten aber keinen Erfolg. Bis auf einen: Helmut Kohl, damals noch Bundesvorsitzender der CDU.

Kohl sagte: "Herr Bosch, ich bin bald in Rumänien. Ich werde versuchen, was zu machen." Einige Wochen nach Kohls Besuch jubelte Rodica ins Telefon: "Wir dürfen raus!" Kohl hatte das irgendwie möglich gemacht. Am 27. November 1976 kamen sie nach Deutschland.

Mich hatte man in Abwesenheit zu sieben Jahren Haft verurteilt. Als ich 1978 mit dem deutschen Daviscup-Team nach Bukarest musste, hatte ich furchtbare Angst, dass sie mich dabehalten würden. Meine Spieler beruhigten mich: "Wir sind deine Bodyguards, Günther."

Elefantenbeine und Babyspeck

Schon 1976, bei einer Talentsichtung in Biberach, hatte ich den damals achtjährigen Boris Becker kennengelernt. Er hatte Elefantenbeine und Babyspeck, andere wurden besser eingeschätzt als er. Aber ich fand, dass sich der Junge unheimlich gut konzentrieren konnte, er beobachtete die Bälle ganz genau. Konditionell war er nicht der Beste, antizipierte die Bälle aber so gut, dass er fast jeden Schlag des Gegners erreichte. Übrigens auch da schon mit dem berühmten Hechtsprung.

Als kurz danach bei einer Jugendwarte-Sitzung in Oldenburg über einen möglichen C-Kader entschieden wurde, sagte ich: "Ich hab' da einen aus Leimen, ich glaube, der hat Qualitäten." Von da an trainierte ich ihn regelmäßig auf Lehrgängen und begleitete ihn - parallel zu meiner Tätigkeit als Daviscup-Trainer - zu Turnieren.

Video: Boris Becker - ein Rückblick in Zahlen

Foto: Getty Images; Spiegel Online

1982 bat ich den Verband darum, ein Team von vier jungen Spielern zu betreuen: Boris, Patrick Kühnen, Charly Steeb und Udo Riglewski. Das waren spannende Jahre. Bei einem wichtigen Turnier im Februar 1983 übernachtete ich mit Boris in der Kabine, sein erstes Spiel war für 3 Uhr in der Früh angesetzt. Um 2.15 Uhr weckte ich ihn. Wir veranstalteten draußen eine Schneeballschlacht, danach war er fit. Anschließend putzte er seinen Gegner so klar, dass ich wusste: Aus dem wird mal was.

Boris brauchte dringend eine Einzelbetreuung. Ich dachte, dass mein früherer Daviscup-Mitspieler Ion Tiriac der richtige Manager für ihn wäre, und zeigte ihm Boris bei einem Turnier in Monte Carlo. Nach seinen ersten Hechtsprüngen rief Ion: "Der schmeißt sich in den Dreck und sieht aus wie eine Sau. Der wird vielleicht mal Bürgermeister von Leimen, aber bestimmt kein Tennisprofi!"

Boris gewann das Turnier. Da nahm mich Ion zur Seite: "Stell mir mal die Eltern von dem Burschen vor." Nach ihrer ersten Begegnung waren die Beckers entsetzt: "Was willst du mit diesem türkischen Teppichhändler?"

Boris tanzte wie verrückt - ideal für die Beinarbeit

Schließlich einigten sich beide Seiten doch, Ion kaufte uns beide aus dem Verband heraus. Im Juni 1984 wurde ich schließlich offiziell Boris' Trainer und Ion sein Manager. Ich spürte da schon eine besondere Beziehung zu Boris. Er war einfach anders als die anderen, deshalb trainierten wir auch anders. Zum Beispiel in der Disco, da tanzte Boris wie ein Verrückter - und ich stand mit fünf Wechsel-Shirts am Tresen, damit er sich nicht erkältete. Ideal für die Beinarbeit und den Rhythmus.

Als er zum ersten Mal auf einem anständigen Rasenplatz spielte, war er sofort fasziniert. Hier konnte er rennen, sich schmeißen, nach Bällen hechten. Zu Beginn unserer ersten Rasensaison meldete ich uns extra bei den Turnieren mit den furchtbarsten Rasenplätzen an. Je schlechter die Plätze, desto besser. Als er dann das erste Mal auf dem Rasen von Queens stand - im Vergleich zu den anderen Grüns ein Billardteppich -, da traf er jeden Ball richtig.

Boris war kein einfacher Schützling. Einer seiner Lieblingssätze war: "Müssen muss ich nur sterben!" Ich musste clever sein. Seine große Leidenschaft war damals schon das Wetten. Also sagte ich: "Ich wette, wenn ich zehnmal aus dem Stand auf den Tisch springen kann, schaffst du keine zwanzig!" Oder: "Wetten, dass du in der Zeit, die ich für fünf Klimmzüge brauche, nicht mal zehn schaffst?"

"Boris ist dein Sohn, aber ich bin nicht deine Tochter"

Wir verbrachten unglaublich viel Zeit zusammen. 1985 war ich genau fünf Tage zu Hause! Meine Tochter sagte mir irgendwann: "Boris ist dein Sohn, aber ich bin nicht deine Tochter." Das hat mich natürlich tief getroffen. Ich war besessen von meiner Arbeit mit Boris. Und er war besessen vom Erfolg. Was sich schließlich in jenem legendären Sommer 1985 auszahlte.

Vor dem Finale gegen Kevin Curren war ich mir ganz sicher, dass Boris ihn besiegen würde. Curren schlug seine Rückhand meistens mit dem Slice, seine Passierbälle waren nicht sehr wirkungsvoll. Am Abend vor dem Spiel saßen Boris und ich wie immer beim Italiener San Lorenzo in London und gingen den Schlachtplan durch. Er sollte Curren konsequent über die Rückhand attackieren.

Dann war der Tag gekommen. Es lief alles nach Plan. Tage nach dem Sieg fuhren wir im offenen Mercedes durch Leimen, wo 40.000 Menschen den neuen deutschen Sporthelden feierten. Es war unglaublich.

Dass sich unsere Wege 1987 trennten, hat mich damals ziemlich mitgenommen. Heute denke ich, dass es vielleicht sogar sehr gesund für mich war, so ein Job geht an die Substanz. Als die Trennung überstanden war, fing ich an, den nächsten Boris Becker zu suchen. Aber ich habe nie wieder einen gefunden wie ihn.

insgesamt 6 Beiträge
Magnus von Benz 13.12.2017
1. Toll!
Hat mir ungemein gefallen, dieser Text!
Hat mir ungemein gefallen, dieser Text!
reinhard breuell 13.12.2017
2. Steaks in Blattgold
Davon mal abgesehen, dass dies wohl pervers ist, ( Blattgold schmeckt nicht mal ) erklärt dieses auch, warum dann die Elefantenbeine in der realen Welt ausgerutscht sind.
Davon mal abgesehen, dass dies wohl pervers ist, ( Blattgold schmeckt nicht mal ) erklärt dieses auch, warum dann die Elefantenbeine in der realen Welt ausgerutscht sind.
Oliver Burkhardt 13.12.2017
3. super
was viele Vergessen ist dass Boris Becker vor Wimbeldon auch das Rasentunier in Queens gewann und auch das war schon eine riessen Überraschung
was viele Vergessen ist dass Boris Becker vor Wimbeldon auch das Rasentunier in Queens gewann und auch das war schon eine riessen Überraschung
Arno Nymus 13.12.2017
4. @reinhard breuell, in der realen Welt ausgerutscht..
Wieso ausgerutscht? Lief ihr Leben immer nach Plan?
Wieso ausgerutscht? Lief ihr Leben immer nach Plan?
Ulrich Warna 13.12.2017
5. Tennis und
.. sind zwei Paar Schuhe.
.. sind zwei Paar Schuhe.

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