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einestages

Handballweltmeister 1978

"Als Zweiter guckt man immer nur auf den Popo des Ersten"

Sie kamen aus dem Nichts und gingen als Handballhelden: Ehret, Brand, Klühspieß, Deckarm, Wunderlich - bei der WM vor 40 Jahren gelang ihnen eine Sensation. Auch weil Trainer Vlado Stenzel es dem Ostblock zeigen wollte.

imago/WEREK
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Montag, 05.02.2018   15:05 Uhr

Den Magier zwickte der Hunger. Also ab in die Küche, befahl Vlado Stenzel. "Ich koche uns jetzt erst mal was." Und dann stellte sich der Mann, der als Bundestrainer den westdeutschen Hallenhandball aus dem Tiefschlaf gerissen hatte, an den Herd. Und rührte, während er über seine größte Zeit als Trainer sprach, seelenruhig in einem herzhaften Gericht, das er jugoslawisches Gulasch nannte. "Man muss gut essen", sagte Stenzel, den die "Zeit" schon 1974 als "Magier" gepriesen hatte.

Am Telefon hatte ich Stenzel erzählt, wie ich als kleiner Junge am 5. Februar 1978 zitternd vor einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher hockte. Dieses mythische Endspiel um den WM-Titel, diesen sensationellen 20:19-Sieg der deutschen Handballer gegen die Sowjetunion, diese epische Schlacht in den Brøndbyhallen - das wollte ich in einem Buch aufarbeiten.

Denn einerseits hat das mein Leben maßgeblich geprägt: Kurz darauf war ich in die Handballabteilung des SV Hollingstedt eingetreten, bis heute schreibe ich als Journalist über Handball. Andererseits wollte ich ergründen, warum Namen wie Joachim Deckarm, Heiner Brand, Kurt Klühspies, Manfred Hofmann, Erhard Wunderlich oder Arno Ehret bis heute so einen großen Klang haben.

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Handballhelden mit Schnäuzer: Die Weltmeister und was aus ihnen wurde

Bis heute erinnern sich viele Fans an die WM '78 mit verträumtem Blick. Das "Wunder von Kopenhagen" im Handball kommt der WM 1954 im Fußball gleich, dem "Wunder von Bern". Die größte Erzählung in ihrer Sportart.Stenzel lud mich spontan in seine bescheidene Wohnung in Wiesbaden ein: "Komm, Junge, wann immer du willst." Aber bevor er loslegte, wollte er sich stärken. Und während Stenzel das Gulasch würzte, fragte ich mich: Wie oft hat Franz Beckenbauer wohl seine Gäste, bevor sie ihn nach dem Gewinn der Fußball-WM 1990 ausfragten, schon bekocht?

Die größte Erzählung des Handballs

Stenzel begann zu erzählen. Mit inzwischen 83 Jahren verfügt er über eine bemerkenswerte dichte Erinnerung an seine größte Zeit als Trainer. 1972 hatte er Jugoslawien bereits zum Olympiasieg geführt, der deutsche WM-Triumph von 1978 wäre ohne ihn undenkbar gewesen.

"Vieles von dem, was er damals trainiert hat, würde man heute sicher nicht mehr so machen", sagt sein Schützling Heiner Brand. Aber damals habe sich Stenzel auf der Höhe der Zeit bewegt, jeder Spieler sei dem Jugoslawen bedingungslos gefolgt. "Stenzel war der erste Trainer in der Bundesrepublik, der überhaupt richtig Hallenhandball trainiert hat", so Brand - seine Vorgänger waren allesamt noch stark dem Feldhandball verhaftet. Spezielles Torwarttraining habe erst Stenzel eingeführt, betont auch Manfred Hofmann, der Weltmeister-Keeper vom TV Großwallstadt.

Bundestrainer wurde Stenzel nach dem Desaster bei der WM 1974 (9. Platz). Er verzichtete auf alte Stars wie Hansi Schmidt vom VfL Gummersbach und setzte voll auf die Jugend. Auf Talente wie Deckarm, Brand, Klühspies oder Ehret. Und er forcierte das Trainingspensum. Seine Radikalität erinnert an den Isländer Dagur Sigurdsson, der 2014 die Nationalmannschaft in einem ähnlich jämmerlichen Zustand übernahm und 2016 Europameister wurde.

Der Magier hasste den Kommunismus

Zur Olympiaqualifikation für Montreal 1976 fragte der Coach vor der Auslosung jeden Spieler, welche Mannschaft er sich wünsche. Alle wollten auf keinen Fall die DDR. "Die DDR war der amtierende Vizeweltmeister. Wir waren nichts", so Brand. Und was sagte Stenzel? "Ich hätte gern die DDR." Er jubelte, als es so kam.

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Trainer Vlado Stenzel: Krönung seiner Karriere

Der öffentlichkeitshungrige Trainer ahnte, wie viel Aufmerksamkeit dieser West-Ost-Kampf produzieren würde. "Ich hasste den Kommunismus", erzählte Stenzel in Wiesbaden. "Das war eines meiner großen Motive: es dem Ostblock zu zeigen."

Nach dem ersten der beiden innerdeutschen Duelle - 17:14-Sieg in München - wurde Stenzel auf Schultern getragen. Und Torwart Hofmann war, nachdem er in der letzten Sekunde des Rückspiels den entscheidenden Siebenmeter parierte, auf Jahre der "Held von Karl-Marx-Stadt".

Plötzlich glaubten die Spieler, es mit dem Ostblock, der seit 1964 aufgrund professioneller Trainingsmöglichkeiten alle großen Turniere klar beherrschte, aufnehmen zu können. Auch wenn einer wie Kurt Klühspies in den Wochen vor der WM noch eine Industriemeisterprüfung ablegen musste und Lehrgänge verpasste.

"Ich kann Silber nicht leiden"

In der WM-Vorrunde 1978 gewannen sie erst gegen die CSSR und Jugoslawien und erreichten in der Hauptrunde mit zwei dramatischen Remis gegen die DDR und Rumänien das Endspiel. Da fürchtete die jüngste Mannschaft des Turniers auch den Olympiasieger Sowjetunion nicht mehr.

In der Final-Vorbereitung schickte Stenzel seine Spieler zum... Schwimmen. "Mir war wichtig, dass die Spieler gut schlafen können." Über die Sowjetunion sagte er wenig. Seine Kabinenansprache: "Ich kann Silber einfach nicht leiden. Wenn man als Zweiter auf der Leiter steht, dann guckt man immer nur auf den Popo des Ersten." So erinnert sich Gerd Rosendahl, der mit Arnulf Meffle die Rechtsaußenposition besetzte.

Der große Joachim Deckarm war es, der in diesem Finale mit seinen Durchbrüchen und Sprungwürfen sein Team zunächst in Schlagdistanz hielt. Und in der zweiten Halbzeit kam der spektakuläre Auftritt des Jimmy Waltke, der im Turnier noch keine Sekunde gespielte hatte, nun mit einem Hattrick von 13:12 auf 16:12 den entscheidenden Vorsprung herausholte - und trotzdem danach ausgewechselt wurde.

In den Schlusssekunden rettete Deckarm mit einem Block: Endstand 20:19, vom krassen Außenseiter zum Weltmeistertitel, von null auf Handballheld.

Triumph der Hobbyhandballer

"Wir waren Feierabend-Weltmeister", sagt Klühspies. Tatsächlich kam das Stenzel-Team nicht auf die enormen Trainingsumfänge ihrer Gegner aus dem Osten. "Wir, die freie Welt, haben den Kommunismus geschlagen, und das als Hobbyhandballer", sagt Waltke über das Erweckungserlebnis. Doch nicht allein deshalb wuchs dieser WM-Titel zu einem Mythos. Die Erinnerung wurde auch deshalb immer stärker, weil der westdeutsche Hallenhandball nach 1984 in eine Depression stürzte.

Zudem blieben die meisten Weltmeister ihren Vereinen treu: Brand und Deckarm, der 1979 schwer verunglückte, beim VfL Gummersbach, Klühspies und Hofmann beim TV Großwallstadt, Meffle und Ehret beim TuS Hofweier, Kapitän Horst Spengler beim TV Hüttenberg. Sie entfremdeten sich nicht vom Publikum, die Fans identifizierten sich mit ihnen, konnten nach den Spielen mit Weltmeistern ein Bier trinken.

Nur dem Trainer bekam der Höhenflug nicht. "Wenn man durch alle Hallen getragen wird, als der größte Trainer Deutschlands, dann kann man keinen Waldlauf machen", sagte Stenzel nachdenklich zu den Folgen seiner Hybris nach 1978. Nach Kopenhagen hatte er sich mehr um die Vermarktung des Titels als um die Mannschaft gekümmert.

Dabei spielte auch das Essen eine Rolle: Stenzel, der Hobbykoch, hatte einen Werbevertrag mit einer Wurstfirma laufen. 1979 ließ er wegen eines PR-Termins ein Training sausen. Es kam zum Bruch mit Teammanager Heinz Jacobsen, zuvor waren sie ein geniales Gespann. Der größte Hunger Stenzels auf den sportlichen Erfolg war, wenn man so will, nach dem WM-Triumph gestillt. Der Anfang vom Ende jener Mannschaft, die das größte Epos des modernen Handballs geschrieben hatte.

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Erik Eggers:
Mythos '78

Der Triumph der deutschen Handballer bei der WM 1978

Verlag Eriks Buchregal; 176 Seiten; 24,90 Euro.

einestages-Autor Erik Eggers hat bereits ein gutes Dutzend Bücher zu Sportthemen veröffentlicht, zuletzt "Mythos '78: Der Triumph der deutschen Handballer bei der WM 1978". Seine Homepage: www.eriksbuchregal.de

insgesamt 2 Beiträge
Thomas Hagmann 05.02.2018
1. Photoshop '78?
Das Bild von Spengler im Fallwurf sieht mir aber verdächtig nach einer analogen Vorläuferversion von Photoshop aus. Oder wo hatte Spengler seinen Unterleib mitsamt den Beinen?
Das Bild von Spengler im Fallwurf sieht mir aber verdächtig nach einer analogen Vorläuferversion von Photoshop aus. Oder wo hatte Spengler seinen Unterleib mitsamt den Beinen?
Ronald Beaugeois  12.02.2018
2. Ja die Beine hab ich eben auch gesucht..
Das Bild fiel mir natürlich sofort voll ins Auge und ich war doch irritiert und fragte mich ernsthaft ob es hier um einen Ausnahmehandballer ohne Beine geht? Ich nehme mittlerweile an das die Beine einfach durch die Perspektive [...]
Das Bild fiel mir natürlich sofort voll ins Auge und ich war doch irritiert und fragte mich ernsthaft ob es hier um einen Ausnahmehandballer ohne Beine geht? Ich nehme mittlerweile an das die Beine einfach durch die Perspektive verdeckt sind. Trotzdem, trotz bestem Willen sieht es nach Mann ohne Unterleib aus...

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