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einestages

Selbstverbrennung eines Umweltaktivisten

Feuerzeichen gegen "atomare Lügen"

Es war sein radikalstes, das finale Statement: Aus Protest gegen Helmut Schmidts Atompolitik zündete sich Hartmut Gründler an und starb vor genau 40 Jahren. Der flammende Appell blieb fast ohne Echo.

Wilfried Hüfler
Von
Dienstag, 21.11.2017   14:28 Uhr

Am Buß- und Bettag 1977 sitzt ein hagerer Mann in der Hamburger Sankt-Petri-Kirche, er trägt Jeans, Pullover und eine Jacke, ausgestopft mit Papier. Nach dem Gottesdienst verlässt er die Kirche. Gegen 12.20 Uhr gießt er sich aus einem Kanister fünf Liter Benzin über den Körper und zündet sich an.

Passanten sehen den brennenden Menschen und stoppen eine zufällig vorbeikommende Streife. Die Polizisten ersticken die Flammen mit ihrem Feuerlöscher, Sanitäter bringen den Mann ins Krankenhaus. Fünf Tage später, am 21. November 1977, erliegt er seinen Verletzungen.

In seiner Aktentasche findet man ein Testament, außerdem Briefe an Politiker und Gesinnungsgenossen. Einer ist an Bundeskanzler Helmut Schmidt adressiert: "Wenn ich Sie und drei andere Hauptverantwortliche der Atompolitik als Erben meiner persönlichen Habe einsetze, so ist das zwar polemisch gemeint, aber nicht böse. Polemos ist der Streit. Ja, wir streiten, Herr Bundeskanzler. Wir streiten um Worte. Ich falle in diesem Streit."

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Selbstverbrennung gegen Atompolitik: Das Fanal eines Fanatikers

Diese Zeilen schrieb Hartmut Gründler, er starb mit 47 Jahren - ein Tübinger Umweltaktivist mit starken, zunehmend rigorosen Überzeugungen. Seine Selbstverbrennung sah er als "letzte und äußerste Form des Protestes" gegen die Atompolitik der Bundesregierung.

Sein Zorn war über viele Jahre gewachsen. Geboren wurde Gründler 1930 als Pastorensohn in Hümme bei Kassel, absolvierte nach dem Abitur eine Maurerlehre und begann ein Architekturstudium. Mit 26 zog er in eine christliche Wohngemeinschaft, die Kommunität Imshausen, gegründet unter anderem von Vera von Trott zu Solz, einer Schwester des 1944 von Nazis hingerichteten Widerstandskämpfers Adam von Trott.

176 Tage verbrachte Gründler dort, der Aufenthalt prägte sein späteres Handeln, wie der Journalist und Autor Nicol Ljubic bei den Recherchen für sein Buch "Ein Mensch brennt" herausgearbeitet hat. Eine von Ljubics wichtigsten Quellen war Wilfried Hüfler, der 2015 verstorbene Mitbegründer der Grünen und ein enger Gründler-Vertrauter.

Gründler brach sein Architekturstudium ab und wurde Volksschullehrer. In den späten Sechzigerjahren, als die Studenten rebellierten, studierte er Pädagogische Psychologie und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Tübinger Uni. In dieser Zeit formierte sich der internationale Experten-Zusammenschluss Club of Rome, in Deutschland erwachte allmählich das Umweltbewusstsein, die zunächst verbreitete Atom-Euphorie wich zusehends Skepsis und Angst vor den Gefahren der Atomenergie.

Kernkraft klingt gleich viel gesünder als Atomkraft

Anfang 1971, Gründler arbeitete inzwischen als Privatlehrer, rief er den Tübinger "Bund für Umweltschutz" (BfU) ins Leben. Im Herbst veröffentlichte die Bundesregierung unter Willy Brandt ihr Umweltprogramm. Die Strahlenbelastung für die Bevölkerung durch Kernkraftwerke liege unter der durch natürliche Quellen, hieß es darin, und: "Die Entsorgung kerntechnischer Anlagen wirft keine akuten Probleme auf." Eine Rechtfertigung für die Planung neuer Reaktoren in den kommenden Jahren. Gründler war empört. Bis zu seinem Tod sollte er in seinen Briefen, Essays und Flugblättern diese, wie er es in einem seiner Abschiedsbriefe nannte, "groben Irreführungen in der Atompolitik" geißeln.

Sie waren Beginn und Ursache seines immer unerbittlicheren Aktionismus.

Gründler verfolgte seine Linie so unnachgiebig, dass es selbst seinen Mistreitern zu viel wurde. Er überwarf sich mit BfU-Mitgliedern und gründete im Juli 1972 den "Arbeitskreis Lebensschutz - Gewaltfreie Aktion im Umweltschutz". Jedem Mitglied des Bundestags schrieb er Briefe, verfasste zahlreiche Essays und Flugblätter, immer kritisierte er darin die Atompolitik. 1975 versuchte er, Forschungsminister Hans Matthöfer (SPD) wegen Völkermordes vor Gericht zu bringen - vergebens.

Gründler wurde ein bekanntes Gesicht in der rasch wachsenden Anti-AKW-Szene. In seinem "Wörterbuch des ZwieDenkens" kritisierte er das Blendwerk der Atomlobby: "Planmäßig sorgt z.B. das Deutsche Atomforum für die Sprachregelung, 'Atom' durch 'Kern' zu ersetzen. Auch hier gibt es Assoziationen, aber höchst liebenswürdige: Haselnußkerne, Kernobst, kernig, kerngesund."

1974 wurde Helmut Schmidt (SPD) Bundeskanzler, dessen Umweltpolitik Parteifreund Erhard Eppler später mit "Krisenmanagement nach rückwärts" beschrieb. Schmidt wurde auch: Gründlers erklärter Konfliktgegner. Der Tübinger Aktivist schrieb ihm unzählige Briefe, der Kanzler antwortete nie - ein zusätzlicher Antrieb. "Gründler sagte immer: 'Wir müssen mehr machen! Wir müssen radikaler sein!'", zitierte die "Zeit" 2011 den Theologie-Professor Ulfrid Kleinert.

"Unbefristetes Besinnungsfasten"

Gründler rang um Aufmerksamkeit, indem er sich im Kölner Dom und in der Stuttgarter Stiftskirche ankettete. Im Juli 1975 eiferte er seinem Vorbild Gandhi nach und begann auf dem Bauplatz des AKW Wyhl-Weisweil seinen ersten Hungerstreik. Ziel: Minister Matthöfer solle endlich "die volle Wahrheit" über die nukleare Gefahr verbreiten. Drei Wochen später meldete sich Matthöfers Büro und schlug einen "Bürgerdialog Kernenergie" vor. Gründler beendete seine Aktion - und stellte kurz darauf fest, "getäuscht und enttäuscht" worden zu sein. Immerhin: Erstmals berichteten bundesweite Medien über den "Lehrer aus Tübingen".

Am 2. Dezember 1976 startete Gründler auch in Kassel ein "unbefristetes Besinnungsfasten", wandte sich damit direkt an Helmut Schmidt und hielt zwölf Tage durch. Ein weiterer Hungerstreik im Frühjahr 1977 brachte ebensowenig den gewünschten Erfolg: Schmidt und andere namhafte Politiker ignorierten Gründler.

Seine radikale Aufforderung zur Wahrheit gipfelte in absurder Kritik nach der erfolgreichen Geiselbefreiung aus der Lufthansa-Maschine "Landshut" im Oktober 1977 durch die GSG 9: Man habe die Entführer bewusst getäuscht, monierte Gründler.

Am 14. November reiste Gründler nach Hamburg, wo tags darauf der Bundesparteitag der SPD begann. In der Wohnung eines Bekannten schrieb er letzte Briefe, sein Testament und ein Flugblatt, in der dritten Person über sich selbst: "Gründler nennt seine Aktion eine Tat nicht der Verzweiflung, sondern des Widerstands und der Entschlossenheit."

"Gründler war davon überzeugt, dass seine Selbstverbrennung ein gewaltiges Echo erzeugen würde. Damit lag er allerdings völlig falsch", stellte Buchautor Nicol Ljubic bei seinen Recherchen fest.

"Ein Besserwisser und Querulant"

Denn als Gründler am 21. November starb, schrieb etwa die "Zeit": "Hartmut Gründler ist schon wieder vergessen, kaum, dass sein Tod vermeldet worden ist." Und Helmut Schmidt, dem dieser flammende Appell gegolten hatte, kommentierte trocken, er lasse sich seine Politik nicht von einem "wohlmeinenden Idealisten" kaputtmachen.

Gründlers entsetzlicher Tod wurde als Tat eines einsamen Fanatikers gewertet; die "Bild" zitierte einen Hamburger Psychologen: "Ein Besserwisser und Querulant. Dieses Ende war zu erwarten." Seine Weggefährten sahen das anders, erinnern sich an Gründlers Gradlinigkeit: "Es war kalkuliert, ein Akt des Muts und der Entschlossenheit", sagte Wilfried Hüfler 2011 der "Zeit".

In der ökologischen Protestbewegung, die 1980 mit der Gründung der Grünen ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte, war Gründler ein besonders leidenschaftlicher Mitstreiter. Aber wäre so ein Idealist im "Kampf gegen die Atom-Lügen" nicht lebend viel wertvoller gewesen denn als Feuerzeichen?

"Wollt ihr etwas Gutes über mich sagen", schrieb Hartmut Gründler in einem seiner letzten Briefe, "dann vielleicht dies: Er stellte sich in den Dienst der Notwendigkeit. Eine kleine kurze Not nahm er auf sich, um seinen Anteil zur Wende einer großen langen Not zu leisten."

insgesamt 8 Beiträge
Dirk Backen 21.11.2017
1. Ich bin verwirrt ...
Es ist bedauerlich, wenn jemand freiwillig Suizid begeht. Diesem Schicksal jedoch einen politischen Sinn einzuhauchen, ist perfide. Die Tat war und bleibt ohne Sinn. Es gibt kein höheres Ziel, das den Selbstmord gerechtfertigt [...]
Es ist bedauerlich, wenn jemand freiwillig Suizid begeht. Diesem Schicksal jedoch einen politischen Sinn einzuhauchen, ist perfide. Die Tat war und bleibt ohne Sinn. Es gibt kein höheres Ziel, das den Selbstmord gerechtfertigt hätte.
Werner Degen 21.11.2017
2. Fakt ist
Je besser die Menschen wissenschaftlich gebildet umso weniger Angst haben sie. Weshalb ist kaum ein großer Wissenschaftler bei den Grünen?
Je besser die Menschen wissenschaftlich gebildet umso weniger Angst haben sie. Weshalb ist kaum ein großer Wissenschaftler bei den Grünen?
Pascal Michielin 21.11.2017
3. Sinnlos
Sand zu sein im Getriebe der Welt funktioniert nur mit sehr viel Sand - ein einzelnes Sandkorn wird zermalmt. So gesehen war sein Opfer sinnlos.
Sand zu sein im Getriebe der Welt funktioniert nur mit sehr viel Sand - ein einzelnes Sandkorn wird zermalmt. So gesehen war sein Opfer sinnlos.
Leo Pesch 21.11.2017
4.
Wer heute nach den Wurzeln der deutschen "Energie- und Umweltpolitik" fragt, dem sei folgender Beitrag empfohlen: [...]
Wer heute nach den Wurzeln der deutschen "Energie- und Umweltpolitik" fragt, dem sei folgender Beitrag empfohlen: http://www.spiegel.de/einestages/hartmut-gruendler-selbstverbrennung-des-umweltaktivisten-1977-a-1178242.html Das Irrationale, das Fanatische, ja das Kranke was sich heute noch in der Diskussion um "Atomstrahlen", "Energiewende" und "Klimarettung" zeigt, hat seine Wurzeln in dieser quasi-religiösen Bewegung deren extremste Auswüchse in dem Artikel vorgeführt werden. Die Grün*Innen haben ihre Wurzeln genau in dieser pathologischen Sicht auf die Physik und Technik und selbst heute, nach vielen politischen Häutungen, können sie nicht verstecken wessen Blut politisch durch ihre Adern fließt - das von Irren! Erschreckend ist jedoch dass sich dieser Fanatismus bis weit in die Masse der Bevölkerung gefressen hat. Grüne Ideen sind moralisch positiv belegt, keine Partei, kein Verband, ja sogar keine Werbung kommt ohne den Bezug zu dieser Ideologie aus. Als Höhepunkt der Unterwerfung unter das Primat der Ökologie kann man die 100% Zustimmung (das hatte selbst die SED nicht geschafft) des Bundestages zu den Beschlüssen des Pariser Klima-Konzils verstehen sowie das sich daraus ergebende Ziel eine „dekarbonisierten Gesellschaft“. Letztendlich vollzieht sich dadurch gesellschaftlich genau so eine Wahnsinnstat wie die des geisteskranken Gründler – eine soziale Selbstverbrennung! Vielleicht ist aber jetzt der Höhepunkt des Wahnsinnes überschritten und man findet wieder zurück zu einer rationalen Energie- und Umweltpolitik. Das geht aber nur ohne die Grün*Innen, dann die sind unbelehrbar…
Günter Berger 21.11.2017
5. Falsche Freunde
Beim Thema Ökologie war Gründler damals sicher seiner Zeit weit voraus. Sowohl im Lehrkörper als auch in der Studentenschaft kam Umweltschutz an der Tübinger Universität so gut wie nicht vor. Soweit ich mich erinnere war die [...]
Beim Thema Ökologie war Gründler damals sicher seiner Zeit weit voraus. Sowohl im Lehrkörper als auch in der Studentenschaft kam Umweltschutz an der Tübinger Universität so gut wie nicht vor. Soweit ich mich erinnere war die Tübinger Ortsgruppe des BfUs fest in der Hand der Spätzleskommunisten vom maoistischen KABD, es war also kein Wunder, dass Hartmut Gründler schließlich seinen eigenen Verein gründete. Allerdings konnte man die Ein-Mann-Initiative Gründler auch wenig unterstützen. Der hatte sich Beistand vom Hochschulring Tübinger Studenten geholt (HTS), einer neofaschistischen Studentengruppe, die mit der Wehrsportgruppe Hoffmann zusammenarbeitete und aus deren Mitte ein paar rechtsextreme Terroristen hervorgegangen sind. Alles Gründe warum es um den Mann in Tübingen einsam wurde.
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