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einestages

Görings bizarres Zuchtexperiment

Die Überkuh der Nazis

Germanisch, gigantisch, blutrünstig: So stellte sich Hermann Göring ein Rind vor, das deutschen Jägern ebenbürtig wäre. Forscher schufen eine Kuh nach seinen Wünschen - als Attraktion eines NS-Urzeitparks.

picture alliance/maxppp
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Freitag, 05.01.2018   15:05 Uhr

Es war ja nicht so, dass Cäsar generell an Kuhangst litt. Er, der ganz Gallien unterjocht hatte. Die Helvetier zurückgedrängt. Die Sueben besiegt, die Belger geschlagen, die Tenkterer und Usipeter niedergemetzelt. Nein, er war bestimmt kein Angsthase. Trotzdem: Diese Kühe waren ihm nicht geheuer.

"Fast so groß wie Elefanten", schrieb er in "De bello Gallico", seien die Ungetüme in den Wäldern der Germanen. Und so stark wie aggressiv: "Sie verschonen weder Mensch noch Tier." Nur mit großen Gruben könne man sie fangen.

Tatsächlich muss der Ur, auch Auerochse genannt, furchteinflößend gewesen sein: Mit 1,85 Metern Risthöhe, 80 Zentimeter langen Hörnern und einer Tonne Gewicht pflügte der Vorfahr heutiger Hausrinder einst durch Eurasiens Auwälder.

Beeindruckt hat er schon immer: Bereits die rund 20.000 Jahre alten Höhlenmalereien von Lascaux zeigen Ure. Und im Nibelungenlied erschlägt Siegfried neben dem Drachen auch "starker Ure viere".

Leider verlegten sich die Germanen bei den Uren ganz aufs Erschlagen: Ihr Bestand schwand, das letzte Exemplar Bayerns wurde 1470 erlegt. Einige überlebten in Polen - doch Wilderer töteten auch den allerletzten Ur dort 1627.

Die Geschichte des Urs schien am Ende. Und doch würde es ein spätes Comeback erleben - im Nationalsozialismus. Denn so eifrig, wie die Germanen das Rind seit Cäsars Zeiten ausgerottet hatten, planten ihre Nachfahren, es auferstehen zu lassen.

Kanonenfutter für das "Herrenvolk"

Hermann Göring selbst wünschte, dass das ausgestorbene Rind wieder leben möge. Damit er es persönlich töten konnte. Denn Göring war unter Hitler nicht nur Gründer der Gestapo und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, sondern ab 1934 auch "Reichsjägermeister". Oft posierte er für Fotos mit erlegtem Wild in der Rominter Heide, wo er sich 1936 seinen "Reichsjägerhof" bauen ließ.

Der einzig adäquate Gegner für Jäger der vermeintlichen germanischen "Herrenrasse" schien Göring der Auerochse. Dass der seit Jahrhunderten tot war, schien ihm ein lösbares Problem - dank zweier Forscher.

Die Brüder Lutz und Heinz Heck, Zoodirektoren in Berlin und München, beschäftigten sich seit den Zwanzigerjahren mit der Rückzüchtung ausgestorbener Tiere. "Kein Lebewesen", glaubte Lutz Heck, "ist ausgestorben, dessen lebendige Erbmasse noch vorhanden ist". Sprich: Wenn man noch lebende Rinder, die Nachfahren des Urs waren, richtig kreuzte, hätte man wieder einen Ur. So der Plan.

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Görings bizarres Zuchtexperiment: Die Superkuh der Nazis

Mit Görings Förderung versuchten die Hecks, anhand von Schilderungen und Illustrationen das Aussehen der Tiere zu rekonstruieren. Sie reisten durch die Welt, um Kühe zu finden, die irgendwie nach Ur aussahen - oder besonders aggressiv waren. Über Jahre kreuzten sie korsische Kühe mit spanischen Kampfstieren, englische Hochland- mit ungarischen Steppenrindern und vielerlei mehr, bis etwas herauskam, das grob an Auerochsen erinnerte.

Das Projekt passte zum Irrwitz der NS-Ideologie. Wieso sollte ein Regime, das allen Ernstes vorhatte, eine blonde, blauäugige "Herrenrasse" zu züchten, vor der Schöpfung einer germanischen Überkuh zurückschrecken?

Klein, aber gemein

Schließlich verkündete Lutz Heck: "Der Versuch ist geglückt!" Im Herbst 1938 entließen sie auf Görings Jagdrevier in der Rominter Heide und der Schorfheide bei Berlin jene Abbildzüchtung, die heute als "Heckrind" bekannt ist. Das Ur, so Heck, sei endlich wiedererstanden - zumindest "seiner Gestalt nach". Genetisch hatte ihre Promenadenmischung wenig damit gemein.

Selbst die Gestalt stimmte nur bedingt: Zwar wiesen die Rinder Ur-ähnliche Farbe und Hörner auf sowie den "Aalstrich" auf dem Rücken. Doch waren selbst die Bullen mit 1,40 Meter Höhe und nur bis zu 600 Kilogramm im Vergleich zum Ur fast schmächtig. Immerhin - das Wesen des Vorbilds hatten sie: Die Heckrinder waren so angriffslustig, dass sie Menschen im Reservat gefährlich wurden.

Göring hatte große Pläne für die Tiere: Ein Foto von der Berliner Jagdausstellung 1937 zeigt ihn und Lutz Heck an einer Landkarte. Vor ihnen liegt ein Rinderhorn, auf der Karte stehen Wildtier-Figuren wie Heereseinheiten vor einer Schlacht.

Die Region auf der Karte ist Bialowieza, der letzte europäische Tiefland-Urwald, der sich über 100 Quadratkilometer an der Grenze von Ostpolen und Weißrussland erstreckt. Ein Jagdrevier, in dem der polnische Adel seit Jahrhunderten auf die Pirsch ging. Und nun Görings Wunschort für einen nationalsozialistischen Jurassic Park.

Jagd auf Tiere, Jagd auf Menschen

Nach Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion im Juni 1941 sicherte sich Göring eilig den Wald. Dort wollte er Heckrinder, aber auch Wisente und ausgestorbene Wildpferde ansiedeln, die die Hecks ebenfalls rückzüchten wollten. Um ein Urzeit-Reservat für "germanische" Tiere und Pflanzen zu schaffen. Sobald die störenden menschlichen Bewohner aus dem Weg geräumt waren.

An einem Julitag 1941 rückte das Bataillon 322 der deutschen Ordnungspolizei in den Wald von Bialowieza vor. Ihr Befehl laut einem Kriegstagebuch: "den Wald von allen Bewohnern säubern". Wer Widerstand leistete, starb. Eine halbe Stunde ließen sie Bewohnern zum Packen, dann brannten sie die Häuser ab - in 116 Dörfern.

Insgesamt 20.000 Menschen vertrieben die Nazis in drei Tagen aus Bialowieza. Sie erschossen 900 Männer, ihre Frauen und Kinder deportierte man in das Getto von Kobryn. Dann erst wähnten die Nazis den Wald hinreichend befriedet - jedenfalls für ihre Kühe. In Zukunft sollten nur noch Görings Urzeit-Tiere in den Wald. Und deutsche Jäger.

Und doch jagte man hier nicht nur Tiere. Der Partisanenkrieg gegen Widerstandskämpfer zog sich noch drei Jahre hin. Dabei durchkämmten "Jagdkommandos" der Nazis die Wälder. Sie übertrugen Methoden aus der Jagd auf die Menschenhatz.

Kuhjagd mit Maschinengewehr

Toby Thacker, Geschichtsdozent an der Universität Cardiff, glaubt, dass der Antrieb für den bizarren Urzeitpark nicht nur Görings Jagdliebe war. Die Zucht der Ure, so Thacker 2014 zur "Daily Mail", sei einer "der Versuche der NSDAP, sich eine längere Geschichte (...) und Legitimität gegenüber dem deutschen Volk zu geben". Mithilfe des Urs wollte man sich demnach als Teil der jahrtausendealten Kultur der Germanen darstellen.

Doch Görings Park sollte nie vollendet werden - nicht zuletzt, da die Ostinvasion der Nazis scheiterte. Bereits ab Oktober 1941 zeigte sich in der für Hitler desaströsen Schlacht um Moskau und dem Vorrücken der Roten Armee gen Westen, dass der Deutsch-Sowjetische Krieg nicht zugunsten des Deutschen Reiches verlief.

Mit dem Beginn der massiven Bombardements auf Berlin 1943 wurde der Berliner Zoo zerstört - samt Lutz Hecks Zuchtanlagen. Was mit den Uren passierte, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Wahrscheinlich wurden sie - wie viele nach den Angriffen geflohene Zootiere - vom Militär mit Maschinengewehren in den Straßen erschossen. Gerüchten nach sollen Hungernde die letzten Berliner Ure geschlachtet haben. Die in der Schorfheide ausgewilderten Exemplare soll Göring selbst niedergestreckt haben - damit sie nicht in die Hände der Roten Armee fielen.

Nach Ende des NS-Regimes wurde das Experiment der Hecks scharf kritisiert: Nur eine "unstabile" und "äußere Ähnlichkeit" mit dem Ur hätten sie erreicht, klagte Zoologe Otto Koehler laut SPIEGEL 1954. Der Genetiker Hans Nachtsheim ätzte: "Einen (...) so heterogen zusammengesetzten Bastard als wilden Urstier zu bezeichnen (...), sollte einem schon das wissenschaftliche Anstandsgefühl verbieten." Nur wenige Heckrinder überlebten in Wildparks.

Wer hat Angst vor Nazi-Kühen?

Einmal noch sorgten sie für Schlagzeilen: 2009 kaufte in einem Wildpark bei Amsterdam der Brite Derek Gow 13 Heckrinder, um eine Kleinzucht zu starten. Gow hatte sich schon um die Wiederansiedelung anderer in England ausgestorbener Tiere bemüht - Biber. Dass diese Spezies komplizierter war, lernte er schnell.

Bald gingen Schlagzeilen über Monsterkühe um: "Nazi-Kühe durchstreifen englische Provinz", warnte 2009 "Fox News". Die "Daily Mail" schrieb über "Hitlers perversen Plan, historische Bestien von den Toten auferstehen zu lassen", aol.com ergänzte: "Blutrünstige Herde höllischer Nazi-'Heck'-Kühe von Farmer aus Angst abgeschlachtet".

Gow hatte die Tiere unterschätzt: "Sobald wir nur in ihre Nähe kamen, stießen sie ihre Hörner durch den Zaun und versuchten, uns zu töten", sagte er der "Times" 2015. Dies seien "bei Weitem die aggressivsten" aller Tiere, mit denen er je gearbeitet habe. Nur auf einem Trecker mit daran befestigten Heuballen habe man die Kühe treiben können - "und selbst den griffen sie an".

Der Landwirt kapitulierte. Der Wildpark wollte seine Rinder nicht zurücknehmen. Schließlich, so Gow, habe er die cholerischen Kühe dem Zoo von Edinburgh vermacht - der könne sogar mit Löwen und Tigern umgehen. Doch: "Sie schickten sie zurück."

Am Ende sei ihm nichts übriggeblieben, als die verhaltensauffälligen Rinder zu schlachten. Er ließ nur die sanftmütigsten am Leben. Zwar war Gow froh, nicht mehr unter Lebensgefahr arbeiten zu müssen. Eines aber musste er anerkennen: "Die Deutschen haben mit ihrem Zuchtprogramm etwas wahrhaftig Urzeitliches geschaffen."

Er selbst wolle sich aber nun mehr auf ein Nischengeschäft verlegen: Würste und Burger - aus Nazi-Kühen. Die seien "absolut köstlich".

BBC Doku über Hermann Göring - Nazi ohne Reue

Foto: BBC
insgesamt 13 Beiträge
Michael Kaloff 05.01.2018
1. Terminologie
Es gibt keine "Rückzüchtungen", wenn Allele weg sind, sind sie weg. Deshalb handelt es sich auch nicht um "Ure". Gemäß ihres Domestikationsgrades sowie ihrer genetischen Stabilität sind Heckrinder so etwas [...]
Es gibt keine "Rückzüchtungen", wenn Allele weg sind, sind sie weg. Deshalb handelt es sich auch nicht um "Ure". Gemäß ihres Domestikationsgrades sowie ihrer genetischen Stabilität sind Heckrinder so etwas wie eine bessere Landrasse. Auf jeden Fall sind Sie lebende Denkmäler für das Scheitern und die Ignoranz des NS-Systems im Bereich der Biologie. Insofern sehr interessant und lehrreich.
Michael Kaloff 05.01.2018
2. Ach ja
Es gibt auch Heckpferde, die in Tierparks öfter gezeigt werden, manchmal noch unter der Bezeichnung "Tarpan". Es handelt sich um die Hecksche Vorstellung eines (eiszeitlichen) Urwildpferdes.
Es gibt auch Heckpferde, die in Tierparks öfter gezeigt werden, manchmal noch unter der Bezeichnung "Tarpan". Es handelt sich um die Hecksche Vorstellung eines (eiszeitlichen) Urwildpferdes.
Jann Wübbenhorst 05.01.2018
3. Effekthascherei
"Heckrinder" sind heute zu Tausenden in Deutschland, den Niederlanden und in Lettland in mehr oder weniger ausgedehnten Gebieten innerhalb von Beweidungsprojekten anzutreffen. Die angebliche "nazi-typische" [...]
"Heckrinder" sind heute zu Tausenden in Deutschland, den Niederlanden und in Lettland in mehr oder weniger ausgedehnten Gebieten innerhalb von Beweidungsprojekten anzutreffen. Die angebliche "nazi-typische" Aggressivität ist eine Erfindung der Boulevardpresse. Die Tiere sind nicht aggressiver als gewöhnliche Fleischrindrassen oder auch manches Milchvieh. Meist verhalten sie sich ziemlich scheu. Man kann in den großen Beweidungsgebieten völlig risikolos durch die Weideflächen der Tiere laufen.
Jürgen Wiesemann 05.01.2018
4. Urahn...
Meines Wissens haben unsere Hausrinder keine Auerochsen DNA. Sie entstammen alle Rindern die im fruchtbaren Halbmond gezüchtet wurden. Ich lasse mich aber gerne korrigieren. In diesem Sinne
Meines Wissens haben unsere Hausrinder keine Auerochsen DNA. Sie entstammen alle Rindern die im fruchtbaren Halbmond gezüchtet wurden. Ich lasse mich aber gerne korrigieren. In diesem Sinne
Michael Kaloff 05.01.2018
5. Abbildzüchtung Quagga
Auch interessant : https://www.quaggaproject.org/ Aber auch hier wird etwas versprochen, was nicht gehalten werden kann. Wer den Auerochsen, irgendein Wildpferd oder das Quagga zurück haben möchte, sollte sich aus den [...]
Auch interessant : https://www.quaggaproject.org/ Aber auch hier wird etwas versprochen, was nicht gehalten werden kann. Wer den Auerochsen, irgendein Wildpferd oder das Quagga zurück haben möchte, sollte sich aus den vorhandenen Überresten eine möglichst intakte DNA besorgen und das Tier klonen. Möglichst die entsprechende, mitochondriale DNA mitverwenden bitte! ;-)

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