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einestages

Judenretter Helmut Kleinicke

"Der Schindler von Chrzanów"

2016 führte der SPIEGEL Josef Königsberg mit der Tochter des NS-Mannes zusammen, der ihm einst das Leben rettete. Seither sind weitere Überlebende aufgetaucht. Über eine seltene Freundschaft und ein bewegendes Treffen.

Jutta Scheffzek
Von
Samstag, 27.01.2018   08:03 Uhr

Da ist das Ding!

Ein kurzer, gerührter Blick, dann stemmt Josef Königsberg, 93, das beigefarbene Album mit beiden Händen in die Höhe. Handys werden hochgereckt, Blitzlicht flirrt über sein Gesicht. In dieser Pose verharrt der alte Mann Sekunden, als präsentiere er kein jahrzehntealtes Briefmarkenalbum, sondern den WM-Pokal.

Für Josef Königsberg ist dies ja auch ein Moment des Triumphs. Ein Triumph, dass er lebt, dass er dem Holocaust entkommen ist und an diesem Abend im November 2017 seinen 93. Geburtstag feiert. Und sein Pokal ist dieses verblichene Album, weil es vom ungewöhnlichen Mut und Anstand eines deutschen Ingenieurs und NS-Funktionärs zeugt: Helmut Kleinicke rettete ihm 1942 wohl das Leben - und zu dessen Familie pflegt Königsberg längst eine emotionale Beziehung.

Denn die Frau, die Königsberg das Album mit vor Rührung stockender Stimme überreicht hat, ist Jutta Scheffzek - die Tochter seines Lebensretters. Das Briefmarkenalbum hat sie im Nachlass ihres längst verstorbenen Vaters gefunden. Einst hatte es Josef Königsberg gehört, Hobbysammler und damals noch ein Teenager. Aus Angst vor seiner Deportation gab er es 1942 im polnischen Chrzanów - nicht weit von Auschwitz - dem einzigen Deutschen, dem er vertraute: Helmut Kleinicke.

Fotostrecke

Judenretter Helmut Kleinicke: "Unser Schutzengel"

75 Jahre später kann Königsberg es also zum ersten Mal wieder durchblättern; einige Marken sind lose, die meisten ordentlich eingeklebt. "Ich habe es sofort wiedererkannt", sagt er. "Es ist nach 75 Jahren heimgekehrt." Und hat den Krieg genauso wundersam überlebt wie er. Über diese wundersame Reise berichtet nun auch eine Dokumentation auf 3Sat ("Der Briefmarkensammler. Die Geschichte einer wunderbaren Rettung", 27. Januar, 19:30 Uhr).

Dass Königsberg seinen 93. Geburtstag überhaupt gemeinsam mit Familie Scheffzek feiern kann, liegt auch an den Recherchen des SPIEGEL.

Josef Königsberg, Zeitzeuge für das Zeitgeschichte-Ressort einestages und das ZDF, hatte nach dem Krieg lange erfolglos nach den Spuren seines einstigen Retters gesucht. Er konnte nicht vergessen, wie ihn Kleinicke nach einer Razzia im jüdischen Getto von Chrzanów in letzter Minute aus der Schlange der Männer riss, die schon für die Deportation vorgesehen waren: "Als Herr Kleinicke mich sah, wandte er sich an seine Begleiter: 'Meine Herren, wie Sie wissen, bin ich Leiter des Kreisbauamts. Dieser Mann hier gehört zu meinen besten Arbeitern. Ich kann ihn noch nicht entbehren. Lassen Sie ihn wieder gehen'."

Foto: 3sat

In einer ersten Recherche konnte einestages zumindest eine hochbetagte Nichte von Helmut Kleinicke finden, die sich daraufhin mit Königsberg traf. Doch andere Verwandte waren bereits verstorben, von der einzigen Tochter Kleinickes fehlte jede Spur. Zum Glück las Jutta Scheffzek den Artikel und meldete sich beim SPIEGEL. Schon bald kam es zu einem ersten Treffen zwischen ihr und Königsberg, über das auch das ZDF im "heute"-Journal berichtete.

Seitdem ist noch mehr Bewegung in die Sache gekommen. Den ZDF-Bericht sah Antonia Yamin, Korrespondentin des israelischen Fernsehsenders KAN. Sie machte sich in Israel auf die Suche nach weiteren Menschen, denen Helmut Kleinicke half. Denn Kleinicke hatte nach dem Krieg Dankesbriefe von Überlebenden aus Israel erhalten, die seine Tochter aufbewahrt hatte.

Nachdem einestages Jutta Scheffzek befragt hatte, deutete sich an, dass Josef Königsberg kein Einzelfall war. Dass Kleinicke systematisch seine Stellung als Kreisbaumeister von Chrzanów genutzt hatte, um Juden zu retten. Reporterin Yamin lieferte nun die endgültige Bestätigung dafür - sie fand tatsächlich weitere Überlebende aus Chrzanów.

Tränen am Telefon

Josef Weissler etwa. "Als ich ihn anrief und von Kleinicke erzählte, war er so überwältigt, dass er sofort anfing zu weinen", erzählt Yamin. "Er nannte Kleinicke einen Engel." Später, im Interview, sprach er gar vom "Oskar Schindler von Chrzanów".

Ein augenscheinlicher Unterschied: Eine Liste führte Kleinicke offenbar nicht. Eine kleine Ähnlichkeit: Wie Oskar Schindler zog sich Kleinicke nach dem Krieg zurück. Er zerbrach wohl auch an dem Gedanken, er hätte noch mehr Menschen helfen müssen. Die Briefe aus Israel beantwortete er nicht - auch nicht den von Josef Weissler.

"Er war ein trauriger, zurückgenommener Mensch", sagt seine Tochter Jutta Scheffzek in Yamins zehnminütiger Fernseh-Dokumentation "Der Engel aus Auschwitz" : "Es gibt auch kein Foto, auf dem er wirklich lacht."

Foto: Antonia Yamin/KAN-Israeli Broadcasting Corporation 

Weissler jedenfalls, 1924 in Wien geboren, hat ein bewegtes Leben hinter sich. Ihm wäre womöglich viel Leid erspart geblieben, wenn seine Eltern, die mit ihm früh nach Palästina auswanderten, dort geblieben wären. Doch der kleine Joseph erkrankte bald an Malaria. Die Familie beschloss, nach Europa zurückzukehren, diesmal aber nicht nach Wien, sondern zu den Eltern seiner Mutter: nach Chrzanów.

Die vermeintlich sichere Familien-Idylle in der polnischen Kleinstadt wurde Jahre später zur Todesfalle: Josef Weissler war der der Einzige aus seiner Familie, den die Nazis nicht ermordeten.

Das lag auch an Helmut Kleinicke, wie Weissler erzählt. Ab Mitte 1941 habe er für Kleinicke Sümpfe trockengelegt, auch auf dem Gelände, auf dem bald Auschwitz-Birkenau errichtet wurde. Er habe sich sogar extra bei Kleinicke beworben, sagt Weissler, weil der im Ghetto von Chrzanów den Ruf genossen habe, seine Arbeiter ungewöhnlich gut zu behandeln. Und tatsächlich erhielt Weissler von Kleinicke in der Arbeitswoche eine sichere Unterkunft in einem Kloster sowie regelmäßig Extrarationen an Verpflegung, die er seiner Familie mitbrachte.

Versteckte Warnung

Und dann gab es noch diese kaum verklausulierte Warnung im Dezember 1941. Morgen werde es "sehr heiß" im Ghetto Chrzanów, soll Kleinicke gesagt haben. Jedem war klar, dass er damit nicht das Wetter meinte. Sondern eine geplante Razzia mit Deportation.

In den Wirren des Kriegs geriet Weissler später zwar doch noch in mehrere Konzentrationslager. Aber er überlebte, abgemagert auf 28 Kilo. 1946 kam er ein zweites Mal nach Palästina, das seine Familie wegen seiner Malaria zwei Jahrzehnte zuvor verlassen hatte.

Aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina wurde bald der Staat Israel. Und hier, in Tel Aviv, trifft sich Weissler bis heute jeden Montag mit ein paar weiteren hochbetagten Überlebenden aus Chrzanów, die alle von Kleinickes Mut schwärmen.

Landesweit, so Antonia Yamin, gebe es derzeit in Israel noch etwa 30 Überlebende aus Chrzanów, von denen zehn von Kleinicke profitierten, manche mehr, manche weniger: Einigen gab er Schutz für ein paar Nächte und Essen, andere bewahrte er vor dem KZ. "Schutzengel" nennen sie ihn hier.

Schließt man statistischen Zufall aus, mag man sich in etwa vorstellen, wie vielen Menschen Kleinicke geholfen haben muss, wenn über sieben Jahrzehnte nach Kriegsende noch so viele Überlebende ausfindig zu machen sind.

"Du hast keine Schuld!"

Und einige von ihnen bekamen im Mai 2017 Besuch aus Deutschland - von der Tochter ihres Retters. Ein emotionales Treffen, bei dem Jutta Scheffzek unter Tränen sagte: "Ich habe einfach das Gefühl, dass ich geboren bin, um jetzt hier diesen Kreis für meinen Vater zu schließen, weil er so unglücklich war. Dass ich deshalb auf der Welt bin, um ihm zu sagen: Du hast keine Schuld!"

Ähnlich aufwühlend war auch die Reaktion der Überlebenden. Nach ein paar Stunden fielen sich Unbekannte zum Abschied in die Arme, wie Yamins Film zeigt. Und Scheffzek versprach, auf einen traditionellen jüdischen Festtagswunsch anspielend: "Nächstes Jahr in Jerusalem!"

Foto: Antonia Yamin/KAN-Israeli Broadcasting Corporation 

Inzwischen läuft in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem ein Antrag, Helmut Kleinicke in die "Allee der Gerechten" aufzunehmen - wie einst schon Oskar Schindler und andere berühmte Judenretter. Doch das Prüfungsverfahren läuft noch und dauert in der Regel lange.

Bleibt zu hoffen, dass Josef Königsberg die späte Ehrung seines Retters noch erlebt. Es würde ihn "sehr glücklich" machen, sagt er. Aber wie schrieb er noch auf seiner Einladungskarte zu seinem 93. Geburtstag? "Nur 0,017 Prozent" der Menschen in Deutschland erreichen das 93. Lebensjahr.

Königsbergs Chancen wären weit schlechter gewesen, hätte er nicht Helmut Kleinicke getroffen.

Sendehinweis

"Der Briefmarkensammler. Die Geschichte einer wunderbaren Rettung" von Peter Hartl, 3Sat, Samstag, 27. Januar, 19:30 Uhr
insgesamt 2 Beiträge
Wulfing von Rohr 27.01.2018
1. Danke !
Dank an ALLE Beteiligten und die Journalisten, die dies überliefert haben.
Dank an ALLE Beteiligten und die Journalisten, die dies überliefert haben.
Peter Alef 29.01.2018
2. ...ewigen Dank an diesen unglaublich...
...wunderbaren Menschen...!
...wunderbaren Menschen...!

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