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Diktatorengattin Jiang Qing

"Ich war Maos Hund"

Chinas Großer Vorsitzender Mao Zedong erlag ihren Verführungskünsten - und machte Schauspielerin Jiang Qing zur mächtigsten Frau im Land. Bei der Bevölkerung verhasst, räumte sie ihre Gegner brutal aus dem Weg.

Getty Images/ Hulton Archive
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Donnerstag, 11.10.2018   07:51 Uhr

Wie eine Furie bellt Jiang Qing ins Mikrofon. Immer wieder ballt sie die Faust, hasserfüllt blitzen ihre Augen hinter den Brillengläsern hervor. Es ist 1966, das Jahr, in dem Chinas Großer Vorsitzender Mao Zedong zur Kulturrevolution aufgerufen hat. Und seine Ehefrau Jiang Qing will selbst an die Macht. Die Frau, die sich als Maos "Sprachrohr" sieht, führt bald einen unerbittlichen Vernichtungsfeldzug in der Öffentlichkeit.

Alle Relikte der Vergangenheit sollen verschwinden. Bücher landen auf dem Scheiterhaufen, Denkmäler werden umgestürzt, traditionelle Opern und Theaterstücke verboten. Zahlreiche Intellektuelle, Professoren und Lehrer kommen an den Pranger und werden zu Tode gefoltert.

Zu dieser Zeit ist Jiang Qing (gebürtig: Li Shumeng) bereits seit fast 30 Jahren mit Mao verheiratet. Als drittklassige Schauspielerin hatte sie in Shanghai vor allem durch Affären mit Männern für Aufsehen gesorgt. Als sie dann den Großen Vorsitzenden Mao im Hauptquartier der Kommunistischen Partei in Yan'an becircte, erlag auch er bald ihrem Charme. Die anderen Frauen um ihn herum trugen kurzes Haar und Kampfanzüge. Die vergnügungssüchtige Jiang Qing dagegen schminkte sich und wollte tanzen gehen.

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Diktatorengattin Jiang Qing: "Ich war Maos Hund"

Den anderen Genossen war das junge Starlet ein Dorn im Auge. Doch Mao setzte sich durch. Er ließ sich von seiner damaligen Frau scheiden und heiratete 1939 die aparte Schönheit. Er gab ihr den Namen Jiang Qing, was so viel bedeutet wie "grüner Fluss". Sie war 24, Mao fast doppelt so alt.

"Er war die Vaterfigur, die sie nie hatte", erklärt der Biograf Ross Terrill in der kürzlich ausgestrahlten ZDF-Dokumentation "Madame Mao - Aufstieg und Fall der Jiang Qing". Ihr echter Vater, ein gewalttätiger Alkoholiker, hatte sie als Kind schwer misshandelt. Seitdem war sie fieberhaft auf der Suche nach Anerkennung. Und ergriff jede Gelegenheit, um andere Leute auf sich aufmerksam zu machen.

Von Mao betrogen

Die Kommunisten in Yan'an verlangten für ihre Zustimmung zu der Ehe einen für Jiang Qing enorm hohen Preis. Mindestens 20 Jahre lang sollte sie nicht gemeinsam mit ihrem Mann in der Öffentlichkeit auftreten. Jegliche politische Betätigung war ihr ebenfalls verwehrt. Immerhin erreichte sie, dass im Hauptquartier der Kommunisten fortan getanzt werden durfte. Auch Liebeslieder aus Hollywoodfilmen wurden gespielt. Ihr Gatte Mao kümmerte sich aber wenig um sie. Stattdessen ging er mit anderen Frauen ins Bett.

Derart gedemütigt entwickelte Jiang Qing immer größere Machtgelüste und einen wachsenden Hass auf weibliche Konkurrenz. Die Rolle der braven Ehefrau im Hintergrund passte ihr nicht, zumal Mao sie zunehmend links liegen ließ. Spätestens in den Fünfzigerjahren war ihre Liebe längst erloschen.

"Doch sie hatte keine Wahl, sie konnte nirgends hin", erläutert Biograf Terrill. "Peking war ihre letzte Station. Und sie war in guten wie in schlechten Zeiten in dieser Ehe mit Mao Zedong gefangen."

Rachefeldzug Kulturrevolution

Bald kam Jiang Qing Mao jedoch als Instrument gelegen, mit dem er seine Macht im Staat sichern konnte. Sein Plan, China so rasch wie möglich zu industrialisieren, hatte sich als folgenschwerer Fehlschlag erwiesen. Die 1958 initiierte Kampagne "Großer Sprung nach vorn" führte zu einer gigantischen Hungersnot mit bis zu 40 Millionen Opfern. Mao trat daraufhin als Staatspräsident zurück, hielt im Hintergrund jedoch weiterhin die Fäden in der Hand.

Und Jiang Qing sollte ihm dabei helfen, während der Kulturrevolution verhasste Gegner zu beseitigen. Sie sah nun ihre Chance gekommen, als Maos Verbündete endlich im politischen Scheinwerferlicht zu stehen. Dazu musste sie die Kultur zerstören, die ihr früher viel bedeutet hatte.

Wer die alten Formen von Oper, Theater, Musik und Film liebe, sei kein guter Kommunist, erklärte sie. Bereits Anfang der Sechzigerjahre hatte sie begonnen, sogenannte Modellopern zu schreiben. Kommunistische Helden siegten in diesen Stücken stets über kapitalistische Schurken. Zeitzeugen berichten jedoch, dass sie hinter verschlossenen Türen heimlich weiter Hollywoodfilme anschaute.

"Sex funktioniert nur am Anfang"

Ihre uneingeschränkte Kontrolle über die chinesische Kultur verschaffte ihr in der Öffentlichkeit eine Position, die sie immer angestrebt hatte. Maos Aufmerksamkeit brauchte sie dafür nicht mehr. "Sex funktioniert nur am Anfang. Auf Dauer ist es Macht, die das Interesse am Leben hält", meinte sie.

Auf Geheiß von Mao und Jiang Qing verbreiteten Kämpfer der "Roten Garden" Angst und Schrecken. Auch ehemalige Weggefährten, die inzwischen in Ungnade gefallen waren, wurden durch deren Schnellgerichte zum Tode verurteilt. Bis 1976 wurden im Zuge dieser Verfolgungskampagnen schätzungsweise zwei Millionen Menschen ermordet.

"Ich habe Jiang Qing einmal als 'Rachegöttin' bezeichnet", sagt der Biograf Ye Yonglie. "Sie war sehr kleinlich und ein Leben lang ausgesprochen nachtragend. Als sie an die Macht kam, zahlte sie es allen heim."

"Dämon mit weißen Knochen"

Ihr blinder Hass richtete sich unter anderem gegen die Frau von Liu Shaoqi, der 1959 an Maos Stelle als Staatspräsident eingesetzt wurde. Wang Guangmei, die bei einem Staatsbesuch in einer engen Robe aufgetreten war, wurde nun in diesem Kleid und mit Stöckelschuhen einem aufgebrachten Mob in Peking vorgeführt. Um den Hals musste sie eine Kette aus Ping-Pong-Bällen tragen. Wang Guangmei kam für zwölf Jahre ins Gefängnis, ihr Mann starb in der Haft.

Die beim Volk verhasste "Madame Mao" wurde immer mächtiger und kam als erste Frau in das Politbüro. Der Plan, ihren Mann im Amt zu beerben, ging jedoch nicht auf: Nach Maos Tod am 9. September 1976 wurde Jian Qing selbst Opfer ihrer Gegner, allen voran Deng Xiaoping, der bis 1997 über China herrschen sollte.

Als "Dämon mit weißen Knochen" verdammte die Öffentlichkeit nun die einstige First Lady. In einem aufsehenerregenden Prozess, den Millionen Menschen im Fernsehen verfolgen konnten, wurde sie zum Tode verurteilt. Da eine Exekution der Witwe Maos aber wohl zu heikel erschien, wandelte man die Strafe in lebenslange Haft um.

Immer habe sie nur Mao Zedongs Befehle befolgt, verteidigte sie sich vor insgesamt 35 Richtern. "Ich war Maos Hund. Der 'Große Vorsitzende' erlegte mir auf, zu beißen. Und ich biss zu."

1991 wurde Jiang Qing aus dem Gefängnis in den Hausarrest entlassen. Sie war durch eine Krebserkrankung geschwächt und völlig desillusioniert. Das Land, das sie einst beherrscht hatte, war ihr fremd geworden. Zehn Tage später erhängte sie sich in ihrem Bad mit einer Schlinge, die sie selbst aus Taschentüchern geknüpft hatte.

insgesamt 7 Beiträge
Peter Zack 11.10.2018
1. Der Irrtum des Führers und seine Rache an der Gesellschaft
Zitat: Die 1958 initiierte Kampagne "Großer Sprung nach vorn" führte zu einer gigantischen Hungersnot mit bis zu 40 Millionen Opfern. Mao war wohl der größte Unfall aller Zeiten. Eine derart gigantische [...]
Zitat: Die 1958 initiierte Kampagne "Großer Sprung nach vorn" führte zu einer gigantischen Hungersnot mit bis zu 40 Millionen Opfern. Mao war wohl der größte Unfall aller Zeiten. Eine derart gigantische Katastrophe reichte nicht aus, ihn für diesen Irrsinn bezahlen zu lassen. Die 2 Millionen Morde der Kulturrevolution waren, so betrachtet, nur die logische Folge. Wer die Schuldigen nicht bestraft, sorgt damit stets dafür, dass die Unschuldigen bezahlen müssen. An diesem Machtprinzip kommt niemand vorbei. Dieser Weg war vorgezeichnet. Der Irrtum des Führers wird zum Versagen der Gesellschaft. Ich denke, wir können aus diesem Fall hinsichtlich unserer eigenen Irrtümer viel lernen. Auch unser Weg scheint vorgezeichnet, den auch bei uns wird ja kein Schuldiger unter den Mächtigen mehr bestraft. Die organisierte Verantwortungslosigkeit, als Unschuld des Werdens in seiner komplexem Undurchschaubarkeit mythologisiert, wird wohl auch uns so eine Kulturrevolution bescheren, die die Unschuld der Führer als Versagen der Gesellschaft markiert.
Peter Weise 11.10.2018
2. Geschichtsschreibung nach alter konfuzianischer Methode
Natürlich hat Jiang Qing während er Kulturrevolution eine wichtige Rolle gespielt. Aber ob sie wirklich Einfluss auf den Lauf der Geschichte nehmen konnte, sollte hinterfragt werden. Es ist die alte Methode der [...]
Natürlich hat Jiang Qing während er Kulturrevolution eine wichtige Rolle gespielt. Aber ob sie wirklich Einfluss auf den Lauf der Geschichte nehmen konnte, sollte hinterfragt werden. Es ist die alte Methode der Geschichtsschreibung der Konfuzianer, für große Erfolge die Herrscher zu loben, aber für Misserfolge den negativen Einfluss der Konkubine oder Ehefrau verantwortlich zu machen. So gibt es einen Beschluss der Kommunistischen Partei Chinas, dass der Vorsitzende Mao insgesamt deutlich positiv zu werten ist. Seine offensichtlichen Fehler während der Kulturrevolution liegen laut Beschluss darin begründet, dass er den schlechten Einfluss seiner Frau nicht entgegengetreten ist.
Manfred Raida 11.10.2018
3. Mao's Last Dancer
Das Buch gibt einen guten Eindruck über die Zeit in der Jiang Qing einen grossen Einfluss hatte, sie hat Tänzer suchen lassen und der Autor und Balletttänzer Li Cunxin beschreibt dies sehr gut und die Lebensumstände auf dem [...]
Das Buch gibt einen guten Eindruck über die Zeit in der Jiang Qing einen grossen Einfluss hatte, sie hat Tänzer suchen lassen und der Autor und Balletttänzer Li Cunxin beschreibt dies sehr gut und die Lebensumstände auf dem Dorf mit der Hungersnot. Im Film kommt es leider etwas zu kurz. Es ist irgendwie seltsam wie Mao immer noch verehrt wird, in einem zumindest in den Städten, immer mehr modernen China. Maos Rotes Buch wurde übrigens in (fast?) alle Sprechen übersetzt und man bekam es kostenlos aus Peking geschickt, zusammen mit Maos ausgewählten Werken in 3 Bänden.
Susanne Gerber 11.10.2018
4. Muss Journalismus immer so sein?
Keine Information, kein Satz ohne massive subjektive Bewertung? Immer gespickt mit Indiskretionen und Mutmaßungen? Am besten unter der Gürtellinie? Mich interessieren aus heutiger Sicht ganz andere Fragen in Zusammenhang mit der [...]
Keine Information, kein Satz ohne massive subjektive Bewertung? Immer gespickt mit Indiskretionen und Mutmaßungen? Am besten unter der Gürtellinie? Mich interessieren aus heutiger Sicht ganz andere Fragen in Zusammenhang mit der chinesischen Kulturrevolution. Zum Beispiel: Wie kann eine demokratisierende, politische Veränderung unter Mitwirkung der betroffenen Menschen weiterentwickelt werden? Wie kann vermieden werden, dass aufbegehrende Bewegungen in Militärdiktaturen und krasser Entrechtung der Bevölkerungen enden? Wie können wir verhindern, dass gesellschaftliche Veränderung in jedem Fall zur Bereicherung der Reichen und zur weiteren Verarmung der Armen führt? Können wir dafür etwas aus der jüngeren Geschichte Chinas lernen? Können wir etwas von den Menschen und politischen Figuren wie Mao Zedong und Jiang Quing, ihren Bemühungen, ihren Fehlern verstehen. Können wir aus alle dem klüger werden für die Zukunft der Menschheit? Das fände ich wesentlich interessanter als all die Anzüglichkeiten und Abschätzigkeiten mit denen in diesem Artikel jongliert wird.
Mario Meyer 11.10.2018
5. @Manfred Raida
Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen - "Mao's last Dancer" ist eine fürchterliche Schmonzette, und Zielgruppe sind wohl eher "young adults", also junge Menschen in und kurz nach der Pubertät, als Menschen, die [...]
Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen - "Mao's last Dancer" ist eine fürchterliche Schmonzette, und Zielgruppe sind wohl eher "young adults", also junge Menschen in und kurz nach der Pubertät, als Menschen, die sich politisch bilden wollen. Da empfehle ich eher die drei Bände von Frank Dikötter zu den Mao-Jahren der VRC (um etwas über das Leben dort und damals zu erfahren), sowie die ansonsten banale Deng Xiaoping-Biographie von Ezra Vogel, in der das, was damals hinter den Kulissen ablief, um Jiang Qing und Konsorten loszuwerden, relativ plausibel erklärt wird. Zum Schluss noch eine Frage: Was soll der Hinweis auf chinesisches Propagandamaterial von anno dunnemals? Oder kriegt man das heute auch noch geschickt, wenn man nett fragt?

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