Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Horrormeister John Carpenter zum 70.

Fürst der Dunkelheit

Mörder, Monster, Marsgeister: Schock-Regisseur John Carpenter lehrte die Welt das Gruseln. Jetzt wird der Meister des Horrors 70 Jahre alt. Und hat das Filmset gegen die Synthesizer eingetauscht.

Moviestore Collection/face to face
Von
Dienstag, 16.01.2018   09:59 Uhr

Die Kamera streift um ein Haus und nimmt durch ein Fenster ein küssendes Paar in den Blick. Sie schwankt im Schrittrhythmus - wir realisieren, dass wir durch die Augen eines heimlichen Beobachters schauen. Der betritt unbemerkt das Haus, nimmt ein Messer aus einer Küchenschublade und schleicht in das Schlafzimmer des Mädchens. Bevor er das Zimmer betritt, setzt er eine Clownsmaske auf.

Das Mädchen sitzt auf dem Bett und nennt seinen Namen: "Michael" - dann beginnt es zu schreien. Durch die Sehschlitze der Maske ist zu sehen, wie das Messer niedergeht. Das Mädchen ist tot, der Mörder tritt vor das Haus. Zwei Erwachsene kommen ihm entgegen, der Mann nimmt ihm die Maske ab. Ein Gegenschuss zeigt sein Gesicht: ein Junge in einem Clownskostüm, der verstört dreinschaut.

Fotostrecke

John Carpenter: "Lachen, weinen, Angst haben"

Mit der schockhaften, filmisch perfekten Eröffnungsszene von "Halloween - Die Nacht des Grauens" begann 1978 ein ganzes Horror-Subgenre. Regisseur: John Carpenter, der heute seinen 70. Geburtstag feiert. Auf "Halloween" folgte eine Welle von Slasherfilmen, in denen meist maskierte Killer viele, viele Teenager umbrachten. Keiner erreichte diese formale Brillanz - und kaum einer war je wieder kommerziell derart erfolgreich: "Halloween" wurde in nur drei Wochen gedreht, kostete 325.000 Dollar und spielte allein in den Kinos 70 Millionen Dollar ein.

Verneigung vor den alten Meistern

John Carpenters Einfluss auf das Genre war enorm. Jüngere Horrorfilme wie "It Follows", "The Green Room" oder "The Guest" zitieren freimütig aus Carpenters Werk. Dabei gehörte bereits der junge Carpenter in gewisser Weise zur alten Schule. "Vier Jahre lang habe ich fast nichts anderes gemacht als Filme angesehen", erinnert er sich an seine Zeit an der University of Southern California. "Ich habe Retrospektiven aller großen Regisseure gesehen, ich habe eine John-Ford-Perspektive gesehen, in der wir mit seinem Stummfilm begannen und mit seinem letzten Film aufhörten. Ich habe alle Filme von Howard Hawks gesehen. Das sind die Giganten des Kinos."

Die in vielen Interviews immer wieder betonte Liebe zum Kino der alten Meister war ebenso prägend wie die Science-Fiction-B-Movies seiner Kindheit. Die Filme, die John Carpenter als Kind mit der Super-8-Kamera seines Vaters drehte, hießen "Revenge of the Colossal Beasts" oder "Terror from Space".

An der Universität galt Carpenter bald als Überflieger. Für den mit Kommilitonen produzierten Film "The Resurrection of Broncho Billy" schrieb er das Drehbuch und fungierte als Cutter. Der Film bekam den Oscar in der Kategorie "Bester Kurzfilm". Sein gemeinsam mit Dan O'Bannon ebenfalls noch an der Uni gedrehtes Langfilmdebüt "Dark Star" drehte er 1974 auf einem drei Meter breiten Set in einem Schuppen auf dem Campus. Die Persiflage auf Stanley Kubricks epochalen Sci-Fi-Film "2001 - Odyssee im Weltraum" wurde bei Festivals in London und Chicago sowie bei den Filmtagen in Hof gezeigt.

"Ständig wirksame Seelenmassage"

Sein nächster Film "Assault - Anschlag bei Nacht" wurde von der Kritik gelobt, zumindest in den USA und in Frankreich. Der Rezensent des SPIEGEL war nicht begeistert, brachte John Carpenters Stil aber präzise auf den Punkt: "Virtuose Technik, pragmatische Handlungsführung, eine effektvolle Musik als ständig wirksame Seelenmassage; das Ganze gewürzt mit Sarkasmus, explosionsartigen brutalen Schocks und verschlüsselten Hinweisen für eingeweihte Filmfans."

John Carpenter ging es nie um etwas anderes als darum, eine Geschichte möglichst effektiv zu erzählen und Gefühle beim Publikum zu wecken: "Meine ganze Kino-Philosophie besteht darin: Filme sind nicht intellektuell, sind keine Ideen", sagte John Carpenter einmal im Interview. "Filme sind emotional, das Publikum muss weinen oder lachen oder Angst bekommen."

Insofern hätte eigentlich nicht viel schiefgehen dürfen. Nach "Halloween" machte Carpenter drei weitere bis heute legendäre Filme: den klassisch anmutenden Gruselfilm "The Fog - Nebel des Grauens", den Actionfilm "Die Klapperschlange" und den für ihn ungewohnt drastischen Körperhorrorfilm "Das Ding". Danach wurde seine Karriere allerdings kompliziert.

Komödien von Carpenter floppen

Was nach dem Beginn einer glänzenden Laufbahn aussah, entwickelte sich wechselvoller als gedacht. Anders als Regisseure wie Wes Craven oder Tobe Hooper, die in den Siebzigerjahren gemeinsam mit Carpenter den Horrorfilm neu erfanden, blieb er nicht auf das Genre beschränkt. Er drehte eine Komödie, eine Science-Fiction-Romanze und ein Biopic über Elvis Presley für das Fernsehen - mit vergleichsweise geringem Erfolg. Einige der Filme, die Carpenter in den Achtzigerjahren für große Studios wie 20th Century Fox machte, "Das Ding" zum Beispiel oder die Action-Komödie "Big Trouble in Little China" (1986), fielen an den Kinokassen durch.

Danach beschränkte Carpenter sich für ein paar Jahre wieder auf Independent-Produktionen und drehte "Fürsten der Dunkelheit" (1987) und "Sie leben" (1988). Rückblickend sieht er es abgeklärt: "Du versuchst immer, die Erwartungen der Menschen zu erfüllen, die dir das Geld geben. Du kannst nicht einfach tun, was du willst. Du versuchst, ihnen zu geben, was sie wollen. Und alles, was sie wollen, ist ein Hit."

Spätestens mit seinem Abschied von millionenschweren Großproduktionen galt er als einer der unverwüstlichsten Sturköpfe Hollywoods, der effektiv und kostengünstig produzieren konnte. "Keiner kann so schnell Filme drehen wie John Carpenter", schwärmte "Halloween"-Hauptdarstellerin Jamie Lee Curtis im Fanzine "Fangoria". Und in seinen besten findet man kein einziges überflüssiges Bild.

"Ich hatte meine Liebe für das Kino verloren"

Carpenter machte so viel wie irgend möglich autonom und fühlte sich dann am wohlsten, wenn er sich auf eine vertraute Clique von langjährigen Gefährten und auf Geldgeber verlassen konnte, die ihm nicht reinredeten. Kurt Russell und seine erste Ehefrau Adrienne Barbeau beispielsweise spielten in mehreren seiner Filme mit; der Kameramann Dean Cundey war ein jahrelanger Begleiter. Seine Ex-Freundin Deborah Hill arbeitete auch nach der Trennung weiter mit Carpenter zusammen. Das Team sei mit den Jahren zu einer Familie geworden, sagt Carpenter.

Die Drehbücher zu den meisten seiner Filme schrieb der Sohn eines Musikers selbst, oft unter Pseudonym. Und er schrieb und spielte die Soundtracks überwiegend selbst ein, zuerst aus rein pragmatischen Gründen: "Das ging schon an der Filmhochschule los, wenn du einen Studentenfilm machst, hast du kein Geld." Die aus der Not heraus geborene Musik zu "Halloween" oder "Die Klapperschlange" ist heute fast so populär wie die Filme selbst.

Zweitkarriere als Musiker: Video "Christine" von 2017

In den Neunzigerjahren erschienen die Filme, die heute nicht als Carpenters beste gelten. Nach dem kommerziellen Flop "Ghosts of Mars" legte er 2001 eine fast zehnjährige Kino-Pause ein und drehte in dieser Zeit nur für das Fernsehen. "Ich wollte keine Filme mehr machen, ich hatte meine Liebe für das Kino verloren", erinnerte er sich 2010 in einem Interview. Seit dem im selben Jahr erschienenen Film "The Ward" hat John Carpenter nicht mehr für die große Leinwand gedreht.

Späte Genugtuung?

In letzter Zeit tourte der heute Siebzigjährige offenbar recht vergnügt mit Sohn, Patensohn und Synthesizer durch die USA und durch Europa, um seine Alben "Lost Themes" und "Lost Themes II" live zu spielen. In seinen Interviews klang er mitunter verbittert, wenn auch nie ohne Ironie. Für die Geschichten, die er erzähle, gebe es heute kein Geld mehr. "Und wer das Geld geben könnte, denkt, dass so was keiner sehen will", erzählte er 2016 dem "Rolling Stone". Carpenter: "Und das will ja auch keiner mehr sehen."

Trotz der langen Pause erleben seine Filme seit einiger Zeit eine unerwartete Renaissance, die viel mit der zurzeit grassierenden Achtzigerjahre-Nostalgie zu tun haben könnte. "Halloween", "Assault - Anschlag bei Nacht" und "The Fog - Der Nebel" wurden als Remakes neu gedreht. Eine späte Genugtuung für den von der Kritik oftmals schlecht behandelten Regisseur? Vielleicht. Eventuell ist es ihm aber auch egal.

"John Carpenter doesn't give a fuck whether we like his films or not", schrieb der Fantasy-Regisseur und Carpenter-Verehrer Guillermo del Toro 2016 auf Twitter - und er hat wahrscheinlich recht damit.

insgesamt 10 Beiträge
G. Kook 16.01.2018
1. congratulations, Mr Carpenter!
The Fog oder Assault und den ersten Snake sind für mich immer noch Meilensteine und endcoole Standards, die ich jederzeit wieder gucken kann. Ist mal jemand zu seiner Filmmusik nachts mit runter gekurbelten Scheiben im [...]
The Fog oder Assault und den ersten Snake sind für mich immer noch Meilensteine und endcoole Standards, die ich jederzeit wieder gucken kann. Ist mal jemand zu seiner Filmmusik nachts mit runter gekurbelten Scheiben im Schritttempo durch einen nebligen Wald gefahren? Macht das mal.
Günter Vrauer 16.01.2018
2. In
den 80igern "Christine" mit ner Freundin, nebenbei was rauchend, im Autokino gesehen. Danke John für das Erlebnis.
den 80igern "Christine" mit ner Freundin, nebenbei was rauchend, im Autokino gesehen. Danke John für das Erlebnis.
Christoph Färber 16.01.2018
3. Ein Detail sollte nicht fehlen.
Und zwar, wer die (geniale) Computerstimme in der deutschsprachigen Fassung von Dark Star spricht. Es war die leider viel zu früh verstorbene Evelyn Hamann. Interessanterweise ist es weder mir, noch jemandem in meinem Freundes- [...]
Und zwar, wer die (geniale) Computerstimme in der deutschsprachigen Fassung von Dark Star spricht. Es war die leider viel zu früh verstorbene Evelyn Hamann. Interessanterweise ist es weder mir, noch jemandem in meinem Freundes- und Bekanntenkreis jemals augefallen, obwohl gerade diese Stimme ("Bombe Nummer zwanzig, Du hast eine Fehlfunktion") immer wieder für Begeisterung sorgte.
Dale Cooper 16.01.2018
4.
Man könnte hier noch erwähnen, dass die Remakes von The Fog oder Assault unterirdischer Schrott im Gegensatz zu den Originalen sind.
Man könnte hier noch erwähnen, dass die Remakes von The Fog oder Assault unterirdischer Schrott im Gegensatz zu den Originalen sind.
Alfred Bloetz 16.01.2018
5. Herzlichen Glückwunsch
Ob die Kritiker die Filme verissen haben oder nicht, ich fand die Carpenterfilme immer gut. Für mich waren Carpenterproduktionen immer ein Garant für gutes Kino, ich habs mir angeschaut ohne mich vorher zu informieren und wurde [...]
Ob die Kritiker die Filme verissen haben oder nicht, ich fand die Carpenterfilme immer gut. Für mich waren Carpenterproduktionen immer ein Garant für gutes Kino, ich habs mir angeschaut ohne mich vorher zu informieren und wurde nicht entäuscht. Und die meisten Romane dazu hat er ja auch selbst geschrieben, in meinen Augen ein toller Künstler. Aber wir alle werden älter nun ist er auch schon eine Siebzige.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP