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Historische Deutschlandreisen

"Die Frauen waren wie Furien!"

Mark Twain war von Heidelberg verzaubert, Andy Warhol von Barbarinnen umzingelt, und 1937 verliebte sich der junge John F. Kennedy - in einen Dackel: Wie prominente Touristen Deutschland erlebten.

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Dienstag, 28.11.2017   15:00 Uhr

Wie die Zeit rast! Eben noch zitterten wir mit dem spielsüchtigen Fjodor Dostojewski am Roulettetisch in Baden-Baden. Bleich und verstört bettelt der große Schriftsteller im Juli 1867 um Geld und verzockt sogar seinen Ehering, während seine Frau ihn und Deutschland verflucht.

Dann lästern wir mit Virginia Woolf bei den Bayreuther Festspielen über "abscheuliche" Deutsche und ihr fettiges Essen, betrinken uns 1927 mit Thomas Wolfe beim Oktoberfest, erleben einige unbeschwerte Tage mit der betörenden Asta Nielsen auf Hiddensee - und schon ist die Weimarer Republik tot.

SA und SS morden, vertreiben die Deutschlandbesucher. Nur einen Wimpernschlag später überlisten wir mit Frederick Forsyth die Stasi, begleiten einen äthiopischen Prinzen zu Uschi Obermaier, dem schönen Partygirl der Apo, fliehen mit Andy Warhol vor wild gewordenen Frauen. Schon fällt die Mauer, Glückstaumel, wir landen im Jahr 2015 in Neuschwanstein, umringt von Chinesen.

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Historische Deutschland-Reisen: "Herrliche Ferien, wie ein Märchen"

Was für ein irrer Trip durch die deutsche Geschichte. Doch er ist drogenfrei, real, authentisch. Es hat sich eben bisher niemand die Mühe gemacht, all die besonderen Erlebnisse zu sammeln, die prominente Deutschlandbesucher niedergeschrieben haben.

Jetzt hat sie der Berliner Herausgeber Rainer Wieland im "Buch der Deutschlandreisen" zusammengetragen: 56 historische Erzählungen, beginnend, als es Deutschland noch nicht wirklich gab. Von Cäsar über Casanova bis zum Weltenbummler Cees Nooteboom reist der Leser im Zeitraffer durch ein sich wandelndes Land. Und staunt über das Staunen der Besucher.

Ein oft zwiespältiges Staunen zwischen Begeisterung und Beklemmung, begleitet von düsteren Vorahnungen. Thomas Wolfe hat das bei seinem Oktoberfestbesuch 1927 meisterhaft festgehalten.

Tödliche Furcht

Erst war der Amerikaner maßlos enttäuscht von dem "Brimborium von doppelköpfigen Ungeheuern, Spukhäusern, fetten Damen, Zwergen, Handlesern, Hypnotiseuren und der ganzen ausgeklügelten Maschinerie zur Erzeugung von Schwindelzuständen". Abstoßend fand er die Einfältigkeit der bierbenebelten Deutschen, die ihn in einem Bierzelt in Panik versetzten:

"Die Halle erdröhnte von ihrer Stimmengewalt, sie erzitterte von ihren mächtigen Leibern, und als sie sich hin und her wiegten, schien es mir, dass nichts auf Erden ihnen widerstehen konnte - dass sie zerschmettern mussten, worauf immer sie trafen. Ich begriff jetzt, warum andere Völker sie so sehr fürchteten; unversehens wurde ich selbst von einer tödlichen Furcht vor ihnen gepackt."

Dann aber ließ sich der Schriftsteller von der Stimmung mitreißen. Ein "mörderischer Hunger" packte ihn, wollte ihn riesige Stücke vom gebratenen Ochsen verschlingen lassen. Bald schon tanzte er, "hochrot und glücklich", mit Unbekannten: "Nun gab es keine Fremdheit mehr. Mir war, als hätte ich diese Leute mein ganzes Leben lang gekannt."

Ähnlich hin- und hergerissen war 1878 Mark Twain. Deutschland im Sommer? "Der Gipfel der Schönheit". Das nächtlich erleuchtete Heidelberg? Bezaubernd, eine "herabgestürzte Milchstraße". Aber: die deutsche Sprache? "Schrecklich". Noch grausamer war für ihn der Besuch einer deutschen Oper:

"Das Gedröhn und Gekrache war einfach unglaublich. Der quälende und unbarmherzige Schmerz, den es verursachte, ruht in meinem Gedächtnis gleich neben der Zeit, als ich meine Zähne in Ordnung bringen ließ. (...) Dass man es schweigend und stillsitzend ertragen musste, machte es nur noch schlimmer. (...) Wenn das Heulen, Jammern und Kreischen der Sänger und das Rasen, Tosen und Krachen des gewaltigen Orchesters immer lauter, immer toller, immer wilder wurden, hätte ich weinen können."

Und die Deutschen? "Sie sahen so hingerissen und dankbar aus wie Katzen, wenn man ihnen den Rücken streichelt", notierte Twain befremdet. Die Beifallsstürme waren ihm "unbegreiflich".

"Aber natürlich wird Blut fließen, Schatz!"

Dieser humorvolle Blick auf die Deutschen verdüsterte sich in den folgenden Jahrzehnten. 1933, ein halbes Jahrhundert später, rechnete Christopher Isherwood mit Berlin ab - das freizügige Nachtleben dort hatte der homosexuelle Autor jahrelang genossen.

Nun kam ihm die Stadt "kalt, grausam und tot" vor. Isherwood traf auf Menschen, die sich radikalisierten. Auf Martin etwa, einen Kommunisten, der sagte: "Ich bin jetzt die meiste Zeit am Bombenbauen." Und da war dieser betrunkene Nazi, der mit der Faust auf den Tisch schlug und brüllte: "Blut muss fließen!" Seine Freundin besänftigte ihn: "Aber natürlich wird Blut fließen, Schatz!"

Und es floss. Isherwood erlebte, wie SA-Männer einen Jugendlichen jagten:

"Im Handumdrehen hatten sie ihn in den Schatten einer Tordurchfahrt gezerrt, wo sie ihn zu Boden traten und mit den Metallspitzen ihrer Fahnenstangen auf ihn einstachen. Das alles geschah so unglaublich schnell. (...) Der junge Mann lag zusammengekrümmt in der Ecke wie ein weggeworfener Sack. Als man ihn aufhob, sah ich sein Gesicht, und mir wurde übel - das linke Auge halb ausgestochen."

Kurz darauf verließ Isherwood Berlin. Seiner Vermieterin verschwieg er die Gründe: "Sie passt sich jetzt schon an", schrieb er resigniert, "wie ein Tier, das sich ein Winterfell wachsen lässt."

Deutschland veränderte sich rasant. Bissig reimte Jean-Paul Sartre 1934: "Ah, ah, ah, wer hätte das gedacht / jetzt werden wir alle umgebracht." Wie hatte Thomas Wolfe noch in friedlichen Zeiten über die Massen auf dem Oktoberfest geschrieben?

"Die Deutschen bewegten sich langsam und geduldig vorwärts, mit der ungeheuren Massivität, die ein Wesenszug ihres Daseins zu sein scheint, und nahmen die Bewegung der Menge mit tiefer Genugtuung hin, während sie selbst aufgingen und Teil des großen Tiers um sie herum wurden."

Nun versuchte dieses große Tier die Welt zu zerreißen. Und doch gab es auch in der NS-Zeit noch diese unbeschwerten, fast skurrilen Momente. Etwa im Sommer 1937, als der junge John F. Kennedy mit einem Studienfreund durch Deutschland reiste und sich auf dem Weg nach Nürnberg, Zentrum der NS-Bewegung, verliebte - in einen Dackel.

"Offie ist so süß"

"Wunderschön" sei der Hund, den er für acht Mark kaufte, schwärmte der 20-Jährige in seinem Tagebuch. Er taufte ihn "Offie". Schwierig allerdings: Offie hatte Haare. Viele Haare.

"Bekam sofort Heuschnupfen etc., die Chancen stehe also in etwa 1:8, dass Offie es bis Amerika schafft."

Dennoch hielt Kennedy ein paar Tage später nach weiteren Dackeln Ausschau, "weil Offie so süß ist".

Kurz vor Kriegsende reiste seine Landsfrau Lee Miller durch Deutschland, dieses "schöne Land mit Dörfern wie Juwelen und zerbombten Stadtruinen". In Buchenwald beobachtete die Kriegsreporterin, wie die Deutschen reihenweise umkippten, als sie das befreite KZ besuchen mussten. In München nahm sie am 30. April 1945 ein symbolisches Bad in Hitlers Badewanne. Und als Miller zuvor in Aachen über Trümmer kletterte, löste sie eine folgenreiche Schuttlawine aus:

"Kaum hatte sich die festgetretene Erde gelockert, stieg fauliger Grabesgestank empor. Halb vergrabenes, verwesendes Fleisch drehte sich in seinem Grab herum und klebte an meinen Händen, meinen Ellbogen und meinen Hintern. Tausende nicht registrierte namenlose Leichen verpesteten die Luft."

Deutschland, eine klaffende Wunde. Und doch: Die Kriegsreporter waren schnell wieder weg. Hass wandelte sich in Respekt, der Wirtschaftsboom machte das Vergessen einfach. Schon bald kehrten die Touristen, Schriftsteller und Künstler aus dem Ausland zurück. Banalitäten verdeckten die Wunden der Vergangenheit.

Warhols Wut auf wilde Weiber

So besuchte Andy Warhol 1980 die Herta-Wurstfabrik in Düsseldorf, die Inhaber sollte er per Siebdruck verewigen. Warhol liebte die Deutschen, weil die Deutschen seine teure Kunst liebten - auch wenn die dann in einer grotesken Fabrik landete:

"Mein (Bild) 'Pig' hing an der Wand. Überall Plunder, eine Menge Spielsachen, ausgestopfte Kühe, ausgestopfte Schweine - Schweine, Schweine, Schweine, wohin man blickte. Und Kunst. Von der Decke hingen komische Sachen."

Der Fabrikbesitzer zeigte ihm stolz seine Picasso-Sammlung. Dann musste sich Warhol noch mehr Schweine, Salamis und Schinken ansehen - "gekochte und gemalte".

Bis dahin war er amüsiert. Doch draußen auf der Straße tobte wieder dieses andere, wilde Deutschland, das viele Ausländer befremdet hat: Weiberfastnacht - "ein Tag, an dem die Frauen Männer jagen und ihnen die Krawatten abschneiden", so Warhol.

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"Die Frauen waren wie Furien", schrieb er. Warhol versteckte seinen Schlips. Vergebens. Eine dieser betrunkenen germanischen Barbarinnen schnitt ihm den Hemdzipfel ab. "Es war mein gutes Hemd. Und ich war wütend."

Dennoch blieb er den Deutschen treu. Wie auch Thomas Wolfe, der 1928 ein zweites Mal zum Oktoberfest gereist war. Er geriet in eine Schlägerei und kehrte mit gebrochener Nase zurück.

"München hat mich fast umgebracht", schrieb Wolfe. Und doch habe ihn diese Stadt binnen Wochen mehr über die Menschen gelehrt, als es anderswo in Jahren möglich sei.

insgesamt 6 Beiträge
Uschi Jambor 28.11.2017
1. Fotostrecke
Auf dem Bild mit Asta Nielsen sind Schweine, keine Hunde :-)
Auf dem Bild mit Asta Nielsen sind Schweine, keine Hunde :-)
Christian Matschke 28.11.2017
2. Lange nicht so gelacht
"Gefallen an Hunden fand auch Asta Nielsen". - Huch, was ist denn das auf Bild 2 in Eurer Bilderstrecke? Schweinehunde?
"Gefallen an Hunden fand auch Asta Nielsen". - Huch, was ist denn das auf Bild 2 in Eurer Bilderstrecke? Schweinehunde?
Klaus Mosler 28.11.2017
3. Nanu?
Was ist denn ein Schienenbein (Text zu Bild 29)?
Was ist denn ein Schienenbein (Text zu Bild 29)?
Dietrich Holtkamp 29.11.2017
4. die Auswahl
Man könnte z.B. auch mal einen witzig gemeinten Beitrag dazu von Mark Twain gebracht haben. Aber zumindest lässt sich dem Artikel nicht vorwerfen, den klassischen medienpezifischen Geschmack der Leserschaft nicht befriedigt zu [...]
Man könnte z.B. auch mal einen witzig gemeinten Beitrag dazu von Mark Twain gebracht haben. Aber zumindest lässt sich dem Artikel nicht vorwerfen, den klassischen medienpezifischen Geschmack der Leserschaft nicht befriedigt zu haben. Asche aufs Haupt...
Linda Zenner 29.11.2017
5.
Eine Frage: Was wurde aus Offie? Hat JFK ihn mitgenommen oder schnöde zurückgelassen?
Eine Frage: Was wurde aus Offie? Hat JFK ihn mitgenommen oder schnöde zurückgelassen?

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