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einestages

Karl Mays echte Orientreise

Ende Legende

Lange machte Karl May der Welt vom Schreibtisch aus weis, er selbst sei Old Shatterhand. Mit 57 Jahren reiste der Hochstapler erstmals wirklich in die Ferne und musste feststellen: Auch sich selbst hatte er einiges vorgemacht.

Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden
Von Philipp Schwenke
Sonntag, 16.12.2018   07:10 Uhr

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Etwa zwei Monate, bevor Friedrich Schillers Geist ihn rettet, besteigt Karl May in Genua einen Dampfer. Es ist der 4. April 1899, die "Preussen" wird May zu einer fast anderthalbjährigen Reise durch den Orient tragen. Als das Schiff ausläuft, steht May lang am Heck und blickt zurück, sentimental. Ewig hat er sich im Hafen von seiner Frau verabschiedet - und auch von seinem alten Leben.

Das allerdings ahnt er noch nicht.

Fast ein Jahrzehnt währt Mays famoser Aufstieg zu dieser Zeit schon. Der Sohn einer bitterarmen Weberfamilie, der als junger Mann jahrelang im Gefängnis saß, hat sich mit "Winnetou" oder "Durch die Wüste" ganz emporgeschrieben: Riesenauflagen, eine prächtige Villa bei Dresden. Auch an Bord wird der größte Held des Kaiserreichs bald erkannt. Von Mays Hunderttausenden Lesern reisen zufällig einige auf demselben Schiff, schnell spricht sich herum: der famose Old Shatterhand, auf dem Weg ins nächste Abenteuer! Große Begeisterung.

Was keiner weiß: In Wahrheit ist es Karl Mays erste Fahrt nach Übersee. Damit beginnt der letzte Akt im bis heute erstaunlichsten Skandal der deutschen Literaturgeschichte.

Die Silberbüchse im Arbeitszimmer

Mays Bücher haben bis dahin nicht nur die Sehnsucht des Kaiserreichs nach Größe, Stärke, Achtung in der Welt bedient. Der unfehlbare Held darin - im Wilden Westen kennt man ihn als Old Shatterhand, im Orient als Kara Ben Nemsi - bedient auch Mays eigene Sehnsucht. Seit Jahren nämlich behauptet er, dieser Held ganz höchstpersönlich zu sein. Man glaubt ihm gern.

Noch hat niemand öffentlich angezweifelt, dass der 1,66 Meter große May Gegner mit einem Fausthieb niederstrecken kann, 15.000 Apachen befehligt und 1200 Sprachen spricht. In seinem Arbeitszimmer hängen die berühmten Gewehre, die "Silberbüchse" und der "Bärentöter"; gelegentlich verschenkt May einzelne Haare Winnetous, und man hat diesen Teufelskerl sogar am kaiserlichen Hof in Wien empfangen.

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Karl Mays Orientreise: "So oberflächlich, schmutzig und lärmvoll"

Als May nun jedoch das Mittelmeer überquert, reist er vor allem einer Angst davon - der vor Entdeckung. Dass er mit 57 Jahren zum ersten Mal tatsächlich Europa verlässt, hat vor allem einen Grund: Er hofft, Zweifel an seiner Legende unter einer Brieflawine zu ersticken. Poststempel aus der Ferne sollen seine Abenteuer beglaubigen. Am 9. April landet er in Ägypten, seine Leser reißen sich darum, mit ihm gemeinsam Afrika zu betreten.

Mit Old Shatterhands Leben im Sattel hat die komfortable Tour jedoch wenig tun. May fährt erster Klasse und nächtigt in den edelsten Hotels. Die vielen Monate werden ihn mehr kosten als seine Villa, doch von den Widrigkeiten des Fernreisens bleibt er nicht verschont. "Schmutz!!!", notiert der Mann, dessen liebstes Bett doch angeblich der Boden der Prärie ist, über ein Hotel. "Konnte das Essen nicht ansehen und habe nur den Kaffee förmlich hinuntergezwungen."

"Thut Petersilie in die Suppe - ist orientalisch, aber sehr gut"

Was er den Zeitungen schreibt, klingt da vertrauter, etwa im Brief am 6. Juni 1899 an die "Pfälzer Zeitung". May hat soeben das Lager einiger Beduinen besucht. Die Touristenattraktion, die sein Baedeker-Reiseführer wärmstens empfiehlt, inspiriert May zu abenteuerlicher Prosa: "Wenn Sie sehen und hören könnten, wie es hier um mich her im Lager zugeht. (...) Ich bin nämlich beim Kamelkaufe, und die halbkopf geschorenen Nomaden lassen mir keine Ruhe."

Kamele? Nun: "Ich gehe jetzt nach dem Sudan. Die Engländer dulden das nicht, darum reite ich als Kara Ben Nemsi meine alten Karawanenwege." Das Wichtigste jedoch: "Sie sehen, dass meine Bücher nicht in meiner Studierstube entstehen, wie hier und da ein kluger Mann sich ausgesprochen hat."

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Der seltsame Zufall dieser Reise ist, dass daheim ausgerechnet jetzt, als der berühmte Schriftsteller erstmals wirklich in der Ferne weilt, Mays Fantastereien auffliegen. Die "Frankfurter Zeitung" schrieb drei Tage, bevor May blumig von den Beduinen berichtet: "Auf die Gefahr hin, die zahlreichen Anhänger des Autors aufs schmerzlichste zu verletzen, geben wir (...) der Meinung Ausdruck, dass Karl May die fremden Länder, die er so anschaulich schildert, mit keinem Fuß betreten hat." Eine Welle von Artikeln anderer Blätter folgt, die "Frankfurter" druckt in den nächsten Wochen Briefe über Briefe von spottenden Lesern. "Der Mann ist wohl nur vom Standpunkte des Psychiaters zu betrachten", schreibt einer.

May ahnt davon nichts. Er besichtigt Ägypten und ist mit sich selbst beschäftigt. Die Fremde ist doch ganz anders als gedacht, und der Tourist May, der so gern in den Orient eingetaucht wäre, spricht eben keine 1200 Sprachen, auch kein Arabisch. Er folgt brav den Baedeker-Empfehlungen, fährt etwa mit der Straßenbahn an die Pyramiden - verzichtet aber auf die anstrengende Besteigung. Eigene Entdeckungen sind wenig abenteuerlich: "Wenn Ihr wieder einmal kleine Semmelwürfel röstet, um sie in die Suppe zu thun", schreibt er nach Hause, "so thut etwas kleingeschnittene Petersilie dazu. Ist orientalisch, aber sehr gut."

Und dann erscheint ihm Schiller

Tatsächlich hat diese Reise May längst zutiefst erschüttert. Die Fiktion nämlich, er selbst sei Old Shatterhand, ist ihm mit den Jahren über den Kopf gewachsen. Schon als jungen Mann hatte May Stimmen gehört, Halluzinationen quälten ihn. Eine heutige plausible Diagnose: dissoziative Identitätsstörung, auch bekannt als multiple Persönlichkeitsstörung.

"Es bildete sich bei mir das Bewußtsein heraus, daß ich kein Ganzes mehr sei, sondern eine gespaltene Persönlichkeit", schreibt May selbst am Ende seines Lebens. "In diesem Drama gab es verschiedene, handelnde Persönlichkeiten, die sich bald gar nicht, bald aber auch sehr genau voneinander unterschieden."

Mehr noch als andere Hochstapler ist May anfällig dafür, sich in seinen eigenen Lügengebäuden zu verirren. Fantasie und Wirklichkeit kann er nicht immer unterscheiden. Nun aber, da er mit dem Reiseführer durch Ägypten stiefelt und sich nicht einmal verständigen kann, bricht Mays heldenhafte Idee von sich selbst vollständig zusammen.

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Winnetous Tod: Ein Schuss, ein Schrei, das war Karl May

Er flüchtet dorthin, wo er früher schon Trost gefunden hat: in den Glauben. "Grad weil das Leben des Orientes so inhaltslos, so oberflächlich, schmutzig und lärmvoll ist", schreibt er seiner Frau Emma, "wirkt es auf die besser veranlagten Menschen vertiefend, bereichernd, reinigend." Statt abenteuerlicher Geschichten schreibt er nun christliche Gedichte. Die Verwerfungen in seiner Seele aber kann auch das nur lindern, nicht heilen.

Eines Abends etwa sitzt er in seinem Hotelzimmer und versucht zu dichten. Vergebens. Bevor er jedoch verzweifelt, naht Hilfe aus dem Jenseits: Friedrich Schiller, so schildert May es seiner Frau, sei höchstpersönlich zu ihm getreten. Er "stand bei mir und dictirte mir jedes einzelne Wort mit deutlich vernehmbarer Stimme", schreibt er. "Ich habe den Zettel sofort auf besseres Papier gezogen. (...) Hebe ihn ja so heilig auf, als ob er mich 10,000 Mark und noch mehr gekostet hätte!"

Old Shatterhand ist aufgeflogen

Seine Reisepläne ändert er. Statt in den Sudan geht es ins Heilige Land, nach Palästina. Ende Juni schifft May sich nach Beirut ein und reist weiter nach Jerusalem. Gerade auf diesen Besuch hat er sich gefreut, gerade hier erreichen ihn Ende Juli die Anwürfe aus der heimischen Presse.

May ist außer sich. Unter dem Namen seines besten Freundes setzt er eine scharfe Replik auf und hofft, das Problem damit zu erledigen. Ein Irrtum. Old Shatterhand ist aufgeflogen, der Skandal nicht mehr zu stoppen.

Und so werden diese ersten Monate der Reise ein Auftakt: zur vollständigen Wandlung des Autors. May fährt weiter, nach Jaffa, durch den Suezkanal, bis nach Ceylon. Dort flackert der alte May, der Old-Shatterhand-May, ein letztes Mal auf - doch der Abschied von der Legende ist unausweichlich. Im November erreicht May schließlich Sumatra und erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Die Begegnung mit der Wirklichkeit, der Druck der Öffentlichkeit... Die Reise formt aus dem Abenteuerschriftsteller schließlich den Karl May seines Spätwerks: einen christlichen Großmystiker und Menschheitserzieher - dem seine Leser allerdings kaum mehr folgen wollen.

Dabei ist May unter den Eindrücken seiner Reise zu einigen durchaus klugen Gedanken über den Kolonialismus und den drohenden Krieg in Europa gelangt (ebenso zu einigen weniger klugen). Und wie er dann noch mit seiner Frau, dem besten Freund und dessen Frau die letzten Etappen der Reise bestreitet; wie nach der Heimkehr der Freund stirbt und May sich in die Witwe verliebt, ohne zu wissen, dass diese bereits eine Affäre mit seiner eigenen Frau hat; wie er sich unter diesen Umständen und den Rückzugsgefechten aus der Old-Shatterhand-Legende zum Friedensbringer und Weltbeglücker aufschwingt... das alles ist selbst ein Stoff, erstaunlicher als jeder von Karl Mays Romanen.

insgesamt 66 Beiträge
Frank Kampmann 16.12.2018
1. So viele Nationen basieren auf Legenden...
dass sie gegen die von Old Shatterhand oder Perry Rhodan,dem modernen Penadant des Wetsmannes, verblassen; ich möchte die Lektüren nicht missen, und die Entzauberung Mays zu seinem Jahrhundertwechsel zeigt doch mehr die boshafte [...]
dass sie gegen die von Old Shatterhand oder Perry Rhodan,dem modernen Penadant des Wetsmannes, verblassen; ich möchte die Lektüren nicht missen, und die Entzauberung Mays zu seinem Jahrhundertwechsel zeigt doch mehr die boshafte natur an Phantasie minder begabter Wettbewerber der schreibenden Zunft! War May ein Hochstapler? Ja, aber er hat am Ende das Beste daraus gemacht; dass eine nach solchen Märchen hungernde Gemeinde ihren Propheten für die Erkenntnis dann schlachtet ist aber auch eine sich wiederholende Erfahrung von vielen Visionären. Und: angesichts eine Inflation von Superhelden, die uns von der Leinwand her davon abhalten, realstischerer Probleme als deren selber zu lösen bleiben die Idole Karl Mays vergleichsweise nachahmbarer...
Werner Schweiger 16.12.2018
2. na und??
lieber Herr Schwenke-sind die Märchen,Fake new's und das bewusste Verschweigen von Tatsachen,die bewussten Lügen,das Verleugnen der Realität unserer Politiker,sowie der linkshörigen Medien heutzutage löblicher?Es ist mir [...]
lieber Herr Schwenke-sind die Märchen,Fake new's und das bewusste Verschweigen von Tatsachen,die bewussten Lügen,das Verleugnen der Realität unserer Politiker,sowie der linkshörigen Medien heutzutage löblicher?Es ist mir trotz Ihres Artikels geradezu "scheißegal" ob Karl May niemals die Prärie oder den Orient vor seinen Reisen je gesehen hat.Ich erinnere mich,dass ich seine Karl May Bände als Kind geradezu unter der Bettdecke gelesen ,ja-verschlungen habe.Von daher sind Ihre Versuche,die Helden meiner Kindheitsträume zu verunglimpfen klar dem geschuldet,dass Sie ihr Buch besser verkaufen können.Auch wenn Ihre Angaben stimmen,in Wirklichkeit ist Ihr Geschreibsel ein Parasit von Kara ben Nemsi, in dessen Namen Sie sich ein besseres Verkaufsergebnis erhoffen.
Alexander John 16.12.2018
3. Na und?
Dieser Mann hat es geschafft, mehrere Generationen an Kindern und Erwachsenen mit seinen harmlosen Geschichten zu begeistern! Die Rowling war ja auch nie in Mittelerde, musste aber ihre Zwergengeschichte irgend wie verkaufen. Was [...]
Dieser Mann hat es geschafft, mehrere Generationen an Kindern und Erwachsenen mit seinen harmlosen Geschichten zu begeistern! Die Rowling war ja auch nie in Mittelerde, musste aber ihre Zwergengeschichte irgend wie verkaufen. Was macht man also? Klar doch, die Werbetrommel rühren...Fühlt Ihr Euch gut dabei SPON? Fühlt Ihr Euch gut dabei, das nächste deutsche Denkmal zu zerstören? Übrigens war das in den Siebziger Jahren schon bekannt und verbreitet unter denjenigen, die es interessierte, dass May niemals im Wilden Westen war. Zudem konnte man alleine schon an seinem Körperbau erkennen, daß er weder Old Shatterhand, noch Kara Ben Nemsi sein kann. Nur hat es niemanden gestört, denn das wichtgiste sind und waren seine Geschichten, bzw. die Aussagen seiner Geschichten! Und die waren wesentlich besser, als die von SPON!
Andreas Bremermann 16.12.2018
4. Peter Scholl-Latour
sagte einmal in einem Interview, man solle ruhig Karl May lesen, die Beschreibungen wären gar nicht so schlecht. Der Mann muss sich mit den damaligen Möglichkeiten erstaunlich gut informiert haben.
sagte einmal in einem Interview, man solle ruhig Karl May lesen, die Beschreibungen wären gar nicht so schlecht. Der Mann muss sich mit den damaligen Möglichkeiten erstaunlich gut informiert haben.
Günter Ed 16.12.2018
5. Hochstabler?
Und wenn schon. Ich habe die meisten seiner Bücher gelesen. Das fing Mitte der 60er mit dem Schatz im Silbersee an. Auch wenn damals schon bekannt war, daß das alles nur Phantastereien waren, so waren seine Bücher immer [...]
Und wenn schon. Ich habe die meisten seiner Bücher gelesen. Das fing Mitte der 60er mit dem Schatz im Silbersee an. Auch wenn damals schon bekannt war, daß das alles nur Phantastereien waren, so waren seine Bücher immer spannend und unterhaltsam. Und wer hat nicht mitgefiebert, ob der Held unverletzt aus dem Kampf hervorgeht? Für mich eine schöne Kindheits- und Jugenderinnerung. Und das Lesen und sich Konzentrieren, das lernte man auch noch nebenbei.

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