Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Kraftweib Katie Sandwina

Frau Herkules in High Heels

Sie jonglierte Kanonenkugeln, verbog Hufeisen, stemmte drei Kerle einhändig. Vor gut hundert Jahren verblüffte die Niederbayerin Katharina Brumbach als "stärkste Frau der Welt" Amerika. Ihr Geheimnis: Gymnastik, Bier und Sex-Appeal.

Von Stefan Wagner
Freitag, 27.07.2018   11:39 Uhr

Früh schon hatten Reporter dem Kind einen Spitznamen verpasst: "Superbaby". Als Zweijähriger wog der kleine Teddy Roosevelt Martin Beck Sandwina schon 24 Kilogramm. Er aß zum Frühstück zwei Eier, drei bis vier Brötchen und trank mindestens fünf Gläser Milch. Sein Lieblingsspielzeug: Zehn-Kilo-Hanteln.

Superbabys Superkräfte schrieben die Zeitungen den Genen zu. Immerhin war Teddys Mutter die Zirkuskünstlerin Katie Sandwina, "stärkste Frau der Welt", wie die Plakate kündeten. Hochschwanger mit Teddy war sie noch aufgetreten, hatte Eisenstangen verbogen, Ketten zerrissen, 14-Kilo-Eisenkugeln mit dem Genick aufgefangen. Vier Tage nach ihrer Niederkunft stand sie bereits wieder in der Manege und bezwang Muskelmänner im Gewichtheben.

Der "weibliche Herkules", die "perfekte Frau", "Europas Kraftkönigin", "göttliche Titanin" mit "Schultern wie von Michelangelo geschaffen" - zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich um Katie Sandwina ein regelrechter Kult entwickelt. Die Medien beschrieben sie als achtes Weltwunder. Ihre Shows in der Manage waren umjubelt. Ärzte vermaßen ihren Körper, Fanbriefe stapelten sich in der Garderobe. Und ganz nebenbei hob sie das gängige Frauenbild - grazil, häuslich, devot - aus den Angeln.

Fotostrecke

Sandwina und andere Kraftweiber: "Pass auf, oder ich hole Katie!"

Wer war die Frau, die ihren schmächtigen Gatten schon mal mit einer Hand in der Luft herumwirbelte?

Geboren wurde sie 1884 als Katharina Brumbach in einem Zirkuswagen nahe Wien, eines von 15 oder 16 Kindern des Wanderzirkusbesitzers Philipp Brumbach aus dem niederbayerischen Ort Viechtach. Im zarten Alter von zwei Jahren führte sie bereits einen Handstand auf dem ausgestreckten Arm ihres Vaters vor. Akrobatik, Hanteltraining, Gewichtheben und drei Zirkusauftritte täglich füllten ihre Kinder- und Jugendjahre.

Und dann warf sie ihren Mann umher

Mit 16 bezwang sie den erfolglosen Artisten Max Heymann, 19, beim Schauringen in Zwickau und trug ihn huckepack aus der Manege. Heymann, so zitierte ihn zumindest eine Zeitung, machte ihr sogleich einen Heiratsantrag, beide heirateten ohne Zustimmung der Eltern und flohen nach Norwegen.

Nach Jahren des Tingelns als Artisten entdeckte der amerikanische Zirkusmagnat John Ringling das ungleiche Paar 1910 in Paris. In den USA wurden die beiden rasch zur Hauptattraktion des Zirkus Barnum & Bailey. Sie nannten sich nun "die großen Sandwinas", eine Anspielung auf Eugen Sandow, den berühmtesten Kraftsportler dieser Zeit.

Mehr zum Thema

Ein Triumphzug folgte. Max Heymann (1,67 Meter groß, 70 Kilogramm schwer) und seine Katie (1,82 Meter, 100 Kilo) eroberten erst New York, dann den Rest der USA. Die starke Katie lag mit dem Rücken auf einem Nagelbrett und trug einen 200 Kilogramm schweren Amboss auf dem Bauch, auf den mehrere Männer mit schweren Vorschlaghämmern eindroschen. Menschen, Pferde, ja sogar Autos überquerten eine Holzbrücke, montiert auf ihren Leib.

Sie hob auch ein Karussell, auf dem sich 14 Personen im Kreis drehten. Der schmächtige Max - immer korrekt in Anzug und Krawatte gekleidet - wurde durch die Luft gewirbelt, in die Höhe gestemmt, geworfen und wieder aufgefangen. Man glaubt fast, das sehnsüchtige Seufzen der Journalistin Kate Carew zu vernehmen, die im "New York American" schwärmte: "Oh, ich würde alles geben, einen Mann so herumschlagen zu können wie Katie Sandwina."

Die Publicity-Maschine lief auf Hochtouren. Immer neue angebliche Rekorde und Sensationen pumpte die Zirkus-Werbeabteilung in die Öffentlichkeit. Sie engagierte auch ein Dutzend Ärzte und Wissenschaftler, die Katie vermaßen, wogen, untersuchten. Ergebnis: Sandwina ist die "perfekte Frau", ihre Proportionen stimmen, stark, aber keineswegs vierschrötig.

Kraftweib bei den Suffragetten

Auf Plakaten, in Broschüren, in den Medien überschlugen sich die marktschreierischen, alles andere als verlässlichen Aussagen: Mal war Katie 1,90 Meter groß, mal nur 1,80. Mal konnte sie 120 Kilogramm stemmen, mal 160. Mal war sie 28 Jahre alt, ein halbes Jahr später 23. In einem Interview kokettierte sie damit, noch ledig zu sein - während sie jeden Tag zwei-, dreimal mit ihrem Mann in der Manege auftrat.

Der Leibesertüchtigungszeitschrift "Physical Culture" erzählte sie von täglicher Gymnastik, disziplinierter Diät und ihrem Abstinenzlertum. Zwei Monate darauf schwor sie einem Journalisten, nie zu trainieren und "seit ihrer Jugend zu jeder Mahlzeit außer dem Frühstück zwei oder drei Biere" zu trinken.

Fakt? Fiktion? Who cares!

Video: Ted und Katie Sandwina beim Boxen (1929)

Was die niederbayerische Kraftprotzin von anderen zu dieser Zeit populären Athletinnen unterschied: "Ihr Körper ist voller Symmetrie und nicht verunstaltet von zu großen Muskeln", notierte der "New York Herald", "zwar ist ihr Kopf groß, doch ihre Züge sind überraschend schön, ihr Kinn ist klassisch geformt, der ganze Eindruck ist wie der einer heldenhaften Marmorstatue." Der Kraftsportler Ottley Coulter beschrieb Katie Sandwina als "schlichtweg schön". Sie habe "einfach alles, sogar Sex-Appeal".

Niemals trat sie ohne Schuhe mit hohen Absätzen auf, die Fingernägel lackiert, das Kleidchen knapp, das Haar stets hochtoupiert, um ihre Größe stärker zu betonen. Auch Katies Sprüche trugen zum erotischem Knistern beim männlichen Publikum bei: "Männer sind wie Luft. Ich kann nicht ohne sie leben. Und ab und zu brauche ich mal frische Luft. Sie verstehen, was ich meine..."

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere begann sie, sich für die Frauenbewegung zu engagieren. Katie Sandwina wurde Vizepräsidentin der "Barnum & Bailey Women's Equal Rights Society" und unterstützte bei Auftritten die Suffragetten, die für das Frauenwahlrecht kämpften. Und so marschierte die Frau, die so viel größer und kräftiger als ihr Mann war, die mit Spitzengagen von bis zu 1500 Dollar in der Woche ihre Familie ernährte, als Musterbeispiel einer starken Frau an der Spitze von Zirkusartistinnen durch die Straßen New Yorks.

"Kein Mann, der eine Frau umarmt, will einen Hummer in der Hand halten"

Die Gazetten berichteten von der "Gigantin", die Anti-Frauenrechtler zittern lasse: "Übernehmen alle Frauen in ihren Heimen mit solchen einfachen und primitiven Methoden die Herrschaft wie Sandwina, die Suffragette, werden sie das Wahlrecht erhalten - oder es sich nehmen."

Kraft, Schönheit, Mutterwitz faszinierten Anhänger und Gegner. Das damals durchaus noch übliche Korsett bei Frauen tat Katie als ungesund ab: "Kein Mann, der eine Frau umarmt, will einen Hummer in der Hand halten."

Mehrere Jahrzehnte dauerte die Laufbahn als Kraftweib. Sandwina, ihr Max und die zwei Söhne bereisten Nordamerika und Europa. "Superbaby" Teddy behielt den Bühnennamen seiner Eltern und mauserte sich zu einem der besten Schwergewichtsboxer seiner Zeit.

Erst 1942 verließen Katie, mit 58 Jahren, und Max die Zirkuswelt, in der sie inzwischen ins Nebenprogramm, ins Kuriositätenkabinett abgestiegen waren. Sie eröffneten mit den Söhnen eine Kneipe im New Yorker Stadtteil Queens. "World's Strongest Woman", stand über der Eingangstür.

Wenn Gäste sie baten, gab Katie an Samstagabenden Kostproben ihrer Kraft. Ein Foto aus dem Jahr 1947 zeigt sie wie in alten Zeiten mit dem Rücken auf einem Nagelbrett liegend, während ihre Söhne mit Hämmern auf einen Amboss einschlagen, der auf ihrem Bauch befestigt ist. Sie verbog Eisenstangen, jonglierte mit Kanonenkugeln.

1952 starb Katie Brumbach Sandwina an Krebs. Ihr Rekord aus dem Jahr 1911 im Gewichtheben - 136 Kilogramm - hielt bis 1986. In einem Interview ein Jahr nach Katies Tod erinnerte sich ihre große Liebe Max daran, dass ein Satz stets reichte, um betrunkene Kneipengäste oder Randalierer zur Räson zu bringen: "Pass auf, oder ich hole Katie!"

insgesamt 2 Beiträge
Peter Neumer 27.07.2018
1. na und?
Dicke Frauen in High Heels sind für den RTL II Zuschauer tägliches Brot
Dicke Frauen in High Heels sind für den RTL II Zuschauer tägliches Brot
Pat Lambertus 29.07.2018
2. starke Frauen gibt es heute noch!
Die Dame hier trägt zwar keine High Heels, kann aber auch ganze Männer hochheben: https://youtu.be/mSs8O0RVvZs
Die Dame hier trägt zwar keine High Heels, kann aber auch ganze Männer hochheben: https://youtu.be/mSs8O0RVvZs

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP