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Fotos von Kegel- und Bowlingbahnen

Der Kegel-Knipser

Stefan Neubauer hat ein Faible für Kegeln und Bowling. Hunderte Bahnen von muffig bis modern hat er schon überall in Deutschland besucht. Wo es sonst so turbulent zugeht, fotografiert er ganz ohne Remmidemmi.

Stefan Neubauer
Von
Samstag, 28.04.2018   18:07 Uhr

Wenn Fotograf Stefan Neubauer Kegelbahnen betritt, ist es still. Fast andächtig still, wie in einer Kathedrale, findet er. Keine dröhnenden Ansagen und Jubelschreie, keine grummelnden Kugeln und knallenden Kegel.

Die Besitzer der Anlagen lassen Neubauer meist in der Mittagspause herein. Er ist dann ganz für sich, stellt in Ruhe seine analoge Panoramakamera aufs Stativ, eine Technorama 617. Das Licht ist an, die Pins sind aufgestellt, die Böden, Bahnen und Kegel glänzend poliert. Der Fotograf ist da, bevor die ersten Besucher kommen. Die "schlichte Eleganz der sonst so quirligen Anlage" will er im Bild festhalten.

Für Probeaufnahmen benutzt Neubauer zunächst eine Digitalkamera. Das gehe ihm "als Analog-Liebhaber zwar gegen den Strich", aber sie sei ein wichtiges Hilfsmittel, sagt er. Dann kommt das Großformat: Er richtet die Technorama frontal auf die Bahn aus, zwischen 15 bis 60 Sekunden Belichtung. Klick. Fertig. Für den nächsten Schuss spult er manuell nach vorn. Meist braucht Neubauer nur 20 Minuten, bis er eine gelungene Aufnahme im Kasten hat.

Fotostrecke

Fotograf Stefan Neubauer: Gut Holz! Der Charme der Kegelbahnen

Seit 2003 lichtet Stefan Neubauer Bowling- und Kegelanlagen ab, schon mehrere hundert bundesweit. Alle hätten einen "gewissen Charme", sagt der 46-Jährige. Die Linien, Formen und Symmetrien faszinieren ihn.

Ursprünglich wollte er eine Reportage über urige Wirtshäuser machen, die auch Kegelbahnen betreiben. Kleine Kaschemmen in Kaffs, stellte er sich vor, mit einer Einrichtung in Eiche rustikal und Wimpeln an holzvertäfelten Wänden. Doch dann reizten ihn auch bunte, moderne Bowlingbahnen, "die mit ihren spektakulären Wandbildern und Motiven eine besondere Optik und Ästhetik haben".

Mönche liebten das "Heidentöten"

Das Kegeln ist uralt und entstand vermutlich aus einem Wurfspiel der Germanen mit Steinen auf Knochen. Schon im 18. Jahrhundert fehlte auf keinem Volksfest eine Kegelbahn im Freien. Oft verwetteten angetrunkene Spieler Hab und Gut, es kam zu Prügeleien. Ob der Exzesse untersagten Regierungen das als gotteslästerlich geschmähte Spiel. Kurios: Hinter Klostermauern schoben Mönche selbst gern Kugeln - und nannten es "Heidentöten".

Europäische Auswanderer brachten das Kegeln nach Übersee. Nach einem Verbot in den Vereinigten Staaten wollten "Kugel-Athleten", so die Legende, sich den Spaß nicht verderben lassen und wandelten die Regeln ab: Aus neun Kegeln wurden zehn, die jetzt "Pins" hießen und im Dreieck statt im Quadrat standen. Aus Kegeln wurde "Bowling".

Ab Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus dem Freiluftvergnügen ein Breitensport, es ging gesitteter zu. Vereine entstanden, der Deutsche Keglerbund wurde gegründet und 1891 die erste Deutsche Meisterschaft ausgetragen.

Lange waren Kegelbahnen ungemein beliebt. Kinder feierten hier Geburtstage, Angestellte vergnügten sich nach Feierabend, Senioren trafen sich zur geselligen Runde. Meist ging es nicht vorrangig um Sport: Es wurde geplaudert, gegessen und getrunken, gelacht und - vor dem Rauchverbot - viel gequarzt. In Kneipenkegelkellern hing eine Wolke aus Bier- und Zigarettendunst, Frischluft kam kaum hinein.

Unpopulär wie Schützenvereine

Mittlerweile seien viele der Anlagen saniert, sagt Stefan Neubauer. Doch den Muff von einst wird die Freizeitbeschäftigung nicht los und ist bei Jugendlichen so unpopulär wie Schützenvereine. Vereine klagen über massiven Mitgliederschwund, der frühere Volkssport ist im Niedergang.

Mehr Erfolg hat die US-Variante: Bowling, das GIs in der Nachkriegszeit nach Deutschland brachten, zieht auch beim jüngeren Publikum. Abends verwandeln sich die riesigen Center in Diskos, häufig ist eine Bar mit Lounge oder ein American Diner angeschlossen.

Eine Kegelbahn betreiben nur noch wenige Gaststätten. Neubauer sucht nach solchen "Raritäten" im Internet, verabredet sich mit den Betreibern und fragt, ob er außerhalb der Öffnungszeiten zu Besuch kommen darf. Wann er genug Bahnen fotografiert haben wird? "Niemals", sagt der gelernte Diplom-Kaufmann. "Mir fehlen noch die ganz alten, traditionellen Anlagen, die im Stil der Fünfzigerjahre gebaut sind."

Neubauer wurmt, dass die alte Kegelbahn im "Bierkrug" seiner Heimatstadt im hessischen Taunus schloss, bevor er sie fotografieren konnte. Das nächste Motiv hat er aber schon im Visier: den "Dream Bowl Palace" im bayerischen Unterföhring. Die größte Anlage Europas punktet mit 52 Bahnen plus Sportübertragungen auf XXL-Leinwand, Steakhouse sowie Billardtischen und "Moonlight-Minigolf" - urig geht es hier nicht mehr zu.

Aber Stefan Neubauer, der Kegel-Knipser (Homepage), wird ja wieder zur Mittagspause kommen. Ganz still wird es sein im "Dream Bowl Palace". Beinah wie in einer Kathedrale.

insgesamt 3 Beiträge
Uli Zimmermann 29.04.2018
1. Und, was soll das?
Bonjour Tristesse? Oder: Wie langweile ich den Leser, Fleissarbeit für Lehrlinge, oder .....?
Bonjour Tristesse? Oder: Wie langweile ich den Leser, Fleissarbeit für Lehrlinge, oder .....?
thetruetruth 29.04.2018
2. @ 1
Es gibt ganz einfach Menschen die ein Faible für sowas haben. Wenn jemandem sowas missfällt empfehle ich das gleiche wie bei nichtgefallendem TV Programm: Um- oder Ausschalten.
Es gibt ganz einfach Menschen die ein Faible für sowas haben. Wenn jemandem sowas missfällt empfehle ich das gleiche wie bei nichtgefallendem TV Programm: Um- oder Ausschalten.
Ronald Vogel 30.04.2018
3.
Mal wird der Fotograf als Künstler und ein anderes Mal als Knipser bezeichnet. Was stimmt denn nun? Den Bildern nach zu urteilen wohl eher als Knipser oder hat jemand neben der dokumentarischen auch eine künstlerische Note [...]
Mal wird der Fotograf als Künstler und ein anderes Mal als Knipser bezeichnet. Was stimmt denn nun? Den Bildern nach zu urteilen wohl eher als Knipser oder hat jemand neben der dokumentarischen auch eine künstlerische Note entdecken können?

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