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einestages

Kodaks historische Panoramabilder

Bin ich heute wieder breit!

Traumwelten auf 6 mal 18 Metern: Jahrzehntelang staunten New Yorker Pendler am Hauptbahnhof über die "größten Fotos der Welt". Geschickt tarnte Kodak seine aufwendige Fotokunst - als simple Schnappschüsse.

George Eastman Museum
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Freitag, 20.07.2018   05:13 Uhr

Der Cowboy im Holzfällerhemd schießt. Ganz lässig auf seinem Pferd sitzend und natürlich in einer dieser uramerikanischen Landschaften: eine weite Ebene, dahinter schroffe Berge, ein Stück Wilder Westen.

Nur ein Schuss. Mit der Kamera allerdings. Und schon ist das ideale Foto gelungen.

Die Aufnahme perfektioniert einen alten Trick: Sie zeigt einen reitenden Fotografen in herrlicher Landschaft, wie der gerade andere Reiter in herrlicher Landschaft dabei fotografiert, wie sie eben diese herrliche Landschaft bestaunen.

Die Aussage dahinter: Dieses Bild kann jeder machen! Ein simpler Schnappschuss. Alles wirkt so einfach. Und ist genau das nicht.

George Eastman Museum

Water skiers 1968, photographed by Hank Meyer

Die vermeintliche Leichtigkeit war die große Illusion der beeindruckenden Panoramabilder, die Kodak ab 1950 herstellte und stolz die "größten Bilder der Welt" nannte: 18 Meter breit, 6 Meter hoch, in brillanten Farben. Diese "Coloramas" waren alles - nur keine Schnappschüsse. Es war aufwendig inszenierte Fotokunst, manche von weltberühmten Fotografen wie Ansel Adams. Kodak tarnte sie perfekt als Schnappschüsse.

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Autumn seaplane 1966, Lee Howick / Neil Montanus

Das Unternehmen wollte damit die zunehmend erschwingliche Farbfotografie bewerben und dafür nicht nur Experten, sondern Millionen Käufer begeistern. Die Technik sollte für jedermann bezahlbar und bedienbar erscheinen.

Dafür dachte Kodak groß. Sehr groß. Und mietete 1949 eine brachliegende Galerie im Ostflügel des New Yorker Hauptbahnhofs, auf der zuletzt im Zweiten Weltkrieg für Kriegsanleihen geworben worden war. "Ästhetisch und architektonisch" würden die Fotos perfekt mit dem Gebäude "harmonieren", schwärmte Kodak-Manager Adolph Stuber damals in der "New York Times". Stuber hatte den Ort klug gewählt: Den kuppelgekrönten Bahnhof aus dem 19. Jahrhundert, römischen Kaiserbädern nachempfunden, machte er zum Tempel für seine XXL-Bilder.

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Family in convertible 1968 by Jim Pond

565 Coloramas stellte das Unternehmen dort zwischen 1950 und 1990 aus. Zu übersehen waren sie kaum, nicht nur wegen ihrer Ausmaße: Die Fotos leuchteten. Sie waren transparent und wurden wie Dias von hinten mit Tausenden Leuchtröhren bestrahlt. Ein kleines Lichtkraftwerk, mit insgesamt 61.000 Watt Leistung. Alle Röhren hintereinander hätten eine Strecke von 1,6 Kilometern ergeben.

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Man and woman at sailboard 1968, Norman C. Kerr / Donald Buck

Wie Motten schwirrten Pendler bald um diese neue bunte Fotowelt. Im Mai 1950 war das erste Colorama feierlich enthüllt worden. "Kolossal und schön" sollte es sein und zeigte eine Mutter, die ihre Kinder fotografierte. "Nach einem harten Tag im Büro", so Stuber, sollte dieses Bild Männer motivieren, voll Vorfreude auf ihre Familien zum Zug zu eilen. Bald wurde jedes neue Colorama fast mit einem kulturellen Festakt geweiht. ALLE FÜHLEN SICH EINFACH NUR GUT, telegrafierte 1950 Edward Steichen, Direktor der Fotoabteilung des Museum of Modern Art, nach so einem Event an die Kodak-Zentrale.

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Children breaking wishbone 1968, photographed by Lee Howick

Die Wohlfühlatmosphäre war hart erarbeitet. Die Coloramas waren die technisch aufwendigsten Bilder ihrer Zeit. Es dauerte oft Monate, sie herzustellen. Die Arbeit ähnelte einem riesigen Puzzlespiel: Wegen des extremen Formats benötigte man drei hochwertige Großformat-Aufnahmen, die eine 50-fache Vergrößerung ohne Detailverluste zuließen.

Diese Bilder wurden dann vergrößert und aufgeteilt in anfangs 41 Einzelbahnen, die etwa 50 Zentimeter mal sechs Meter maßen. In mühevoller Handarbeit wurden sie mit durchsichtigem Klebefilm zusammengebastelt. Erst mit besserer Technik wurden die Bahnen breiter und damit das Puzzle einfacher. Doch selbst 1987 mussten noch zehn Einzelstücke zusammengeklebt werden.

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Family at Yosemite National Park, California 1969, photographed by Peter Gales

Die größte Herausforderung aber war die Entwicklung. Farben und Sättigung durften nicht mal minimal abweichen, sollten die vielen Übergänge unsichtbar bleiben. Und dazu kamen ganz ungewöhnliche Probleme: Wo bitte trocknet man die riesigen Abzüge? Kodak fiel nichts anderes ein als ein noch nicht fertiggestellter Pool in ihrem firmeneigenen Freizeit-Zentrum.

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Snow sled train 1969, Ozzie Sweet

Der Aufwand lohnte sich. Das Unternehmen spielte die Stärken des Panoramaformats aus. 1958 etwa, als sich Dutzende rot bestrumpfte Frauenbeine irgendwo in der Unendlichkeit des Bildes verloren. Man musste schon akribisch nachzählen, um auf 72 Beine zu kommen. Gekonnt setzte Kodak die Länge der Chinesischen Mauer und die Dynamik einer Segelregatta in Szene. Selbst ein breitkrempiger Hut wurde in diesem Format zum Hingucker.

Berauschende Landschaften, durchtrainierte Surfer, bodenständige Farmer, Zahnpastalächeln im Sonnenuntergang: Stets vermittelte Kodak eine heile, plüschige Welt, auch als die im Kalten Krieg am Abgrund stand. Unbeschwert fuhren auf den Fotos Eltern im Cadillac mit Kindern und Hund in den Urlaub. Und immer wieder gab es weiße Weihnachten.

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Taj Mahal, Indien 1964 by Norman C. Kerr

Nur wenn die Amerikaner siegreich waren, tauchte in dieser rauschhaften Bilderwelt schemenhaft die große Politik auf: Die ersten Aufnahmen von der Mondlandung 1969 waren auf einem Colorama zu sehen - und damit früher als auf den Titelseiten der US-Zeitschriften. Dem Russen Juri Gagarin, erster Mann im All, hatte man zuvor hingegen lieber kein fotografisches Denkmal gesetzt.

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Gleichzeitig verrieten die Coloramas, wie man sich aus Werbesicht das Idealbild der US-Gesellschaft vorstellte: gutaussehende Familien aus der Mittelschicht, die mit ihren Kindern am Wochenende am See zelten oder im Wohnzimmer toben. Natürlich immer dabei: eine Kodak-Kamera. Fast nie dabei: schwarze Amerikaner und die Unterschicht. In dieser notorisch gutgelaunten Foto-Welt war für sie kein Platz.

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Skiers and airplane 1964 by Neil Montanus

Selbst den eigenen Abschied feierte Kodak noch mit leicht aufgesetzter Fröhlichkeit: Das letzte Colorama, Nummer 565 von 1990, zeigte die nächtliche Skyline von New York, in das Lichtermeer war ein riesiger Apfel montiert - ein fotografisches Dankeschön an Big Apple, wie New York auch genannt wird.

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New York City, subway and Skyline 1949, photographed by Steve Kelly

Dann rückten die Bauarbeiter an, gestalteten den Hauptbahnhof komplett neu und rissen das berühmteste Werbeplakat der Metropole ab, für das Kodak jährlich 500.000 Dollar Miete bezahlt hatte. Doch 1989 war der Vertrag nicht erneuert worden.

Damit verlor die Stadt eine Ikone, die längst Kulturgeschichte geschrieben hatte. Nicht alle waren darüber traurig, denn die riesige Werbetafel hatte auch viel Tageslicht verdrängt.

"Es war, als ob dem Gebäude neues Leben eingehaucht worden wäre", schrieb John Belle, Chefplaner des Umbaus später euphorisch in seinem Buch über den Hauptbahnhof. "Viele Pendler stoppten auf ihrem Weg, sprachlos und verblüfft über den Wandel, der sofort die Erhabenheit des Raums zurückgebracht hatte."

Ähnlich staunend waren die Pendler vier Jahrzehnte zuvor stehengeblieben, als sie fassungslos das erste Riesenbild bestaunten.

Geschichte der Action-Kamera -"Das habt ihr so noch nie gesehen"

Foto: ORF
insgesamt 10 Beiträge
Theodor Nuber 20.07.2018
1. Ergänzung
Heute hat jedes Mittelklasse-Smartphone eine ansehnliche Panoramabild-Einstellung. Und schon zu Spätzeiten der Kodak-Kampagne gab es eine Mittelformat-Linhoff und aus Japan eine Kleinformat-Panoramakamera namens Widelux mit sich [...]
Heute hat jedes Mittelklasse-Smartphone eine ansehnliche Panoramabild-Einstellung. Und schon zu Spätzeiten der Kodak-Kampagne gab es eine Mittelformat-Linhoff und aus Japan eine Kleinformat-Panoramakamera namens Widelux mit sich drehender Optik. Entscheidend bleibt, was Fotograf/in daraus macht.
Philipp Kuhn 20.07.2018
2. Beschriftung
Beim letzten Foto "New York City, subway and Skyline 1949, photographed by Steve Kelly", scheint sich ein Tippfehler eingeschlichen zu haben. Anhand der Gebäude lässt sich erkennen, dass das Foto später entstanden [...]
Beim letzten Foto "New York City, subway and Skyline 1949, photographed by Steve Kelly", scheint sich ein Tippfehler eingeschlichen zu haben. Anhand der Gebäude lässt sich erkennen, dass das Foto später entstanden sein muss. Das Citigroup Center, ganz rechts im Bild, wurde z.B. 1977 fertiggestellt.
Tom Solde 20.07.2018
3.
"Die Coloramas waren die technisch aufwendigsten Bilder ihrer Zeit. Es dauerte oft Monate, sie herzustellen" Und dennoch: "Die ersten Aufnahmen von der Mondlandung 1969 waren auf einem Colorama zu sehen - und damit [...]
"Die Coloramas waren die technisch aufwendigsten Bilder ihrer Zeit. Es dauerte oft Monate, sie herzustellen" Und dennoch: "Die ersten Aufnahmen von der Mondlandung 1969 waren auf einem Colorama zu sehen - und damit früher als auf den Titelseiten der US-Zeitschriften." Haben die Zeitungen also monatelang gewartet, ehe sie die Bilder der Mondlandung publizierten...?
ano nymous 20.07.2018
4. Zu #3
... oder eine Panne bei der sonst so perfekt inszenierten vermeintlichen Mondlandung? Omg... 8-D
... oder eine Panne bei der sonst so perfekt inszenierten vermeintlichen Mondlandung? Omg... 8-D
Walter Wasser 20.07.2018
5. zu #3
Habe ich mich auch gefragt...vielleicht das erste Farbfoto der Landung??
Habe ich mich auch gefragt...vielleicht das erste Farbfoto der Landung??

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