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einestages

KZ-Zwangsbesichtigung 1945

Konfrontation mit der Hölle

Auf Befehl der Amerikaner mussten Weimarer Bürger am 16. April 1945 das KZ Buchenwald besichtigen. Mit dabei war Edelgard Schlegelmilch, damals 17. Was sie dort sah, verfolgt sie bis heute.

Getty Images
Von und Alexandra Frank (Video)
Freitag, 23.02.2018   15:19 Uhr

Irgendwann an diesem ungewöhnlich warmen Frühlingstag konnte Edelgard Schlegelmilch nicht mehr. Als die 17-Jährige aufgefordert wurde, über einen Leichnam zu steigen, der auf dem Boden vor ihr lag, verschloss sie die Augen.

Da versetzte ihr ein amerikanischer Soldat mit der Faust einen Schlag in den Rücken und schrie sie an. Sie solle gefälligst die Augen wieder öffnen und sich alles ganz genau anschauen: Dazu sei sie schließlich hier.

Edelgard Schlegelmilch gehorchte, kletterte über den Toten, lief weiter, immer weiter, wie in Trance. Vorbei an den ausgemergelten Leichen, dem Krematorium, den Baracken voller Sterbender, Gepeinigter, Verhungernder. "Es war so fürchterlich. Ich dachte: 'Das kann doch nicht wahr sein. Du träumst doch oder was ist hier los?'", sagt die betagte Dame mit dem kurzen, grauen Haar im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Foto: Alexandra Frank / DER SPIEGEL

Edelgard Schlegelmilch, Jahrgang 1928, gehört zu den gut 1000 Menschen aus Weimar, die am 16. April 1945 auf Geheiß der amerikanischen Soldaten das KZ Buchenwald besichtigen musste.

"Nichts hat mich je so erschüttert wie dieser Anblick"

Hier Goethe, Schiller, Hochkultur - dort bestialische Terrorherrschaft: Nicht einmal zehn Kilometer liegen zwischen dem Zentrum von Weimar, Stadt der Dichter und Denker, und dem Konzentrationslager Buchenwald. 1937 auf dem Ettersberg errichtet, gehörte das KZ zu den größten im Deutschen Reich.

Fast 280.000 Menschen aus über 50 Nationen wurden in Buchenwald und seinen 139 Außenlagern ausgebeutet, gefoltert, zu medizinischen Experimenten missbraucht. 56.000 von ihnen überlebten das Martyrium nicht. Am 11. April 1945 trafen US-amerikanische Truppen im Lager ein. Was sie dort sahen, verschlug ihnen die Sprache.

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Weimarer im KZ Buchenwald: "Männer wurden weiß vor Entsetzen"

Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, besuchte Ohdruf, ein Außenlager des KZ Buchenwald, am 12. April 1945. In seinen Memoiren schrieb er:

"Ich bin niemals im Stande gewesen, die Gefühle zu schildern, die mich überkamen, als ich zum ersten Mal ein so unbestreitbares Zeugnis für die Unmenschlichkeit der Nazis und dafür vor Augen hatte, dass sie sich über die primitivsten Gebote der Menschlichkeit in skrupelloser Weise hinwegsetzten. (...) Nichts hat mich je so erschüttert wie dieser Anblick."

Zutiefst schockiert über das, was sie vorgefunden hatten, entschieden die Amerikaner: Weimars Bevölkerung muss umgehend mit dem Ausmaß der Gräueltaten konfrontiert werden. "Der Kommandierende General hat gestern Nacht befohlen", so Erich Kloss, kommissarischer Oberbürgermeister von Weimar, "dass mindestens 1000 Einwohner der Stadt, davon die Hälfte Frauen, das Lager Buchenwald und die zugehörigen Lazarette heute noch besichtigen."

"Habt Ihr uns Eure Kinder zum Fressen mitgebracht?"

Vor allem Angehörige der NSDAP sollten auf den Ettersberg mit. "Sie müssen kräftig genug sein, die Anstrengungen des Marsches und der Besichtigung (Dauer etwa 6 Stunden, rund 25 km Marschweg) auszuhalten", so Kloss. Die Amerikaner dokumentierten die Entnazifizierungsmaßnahme in zahlreichen Fotos - auch Filmaufnahmen entstanden, wie hier zu sehen:

Foto: National Archives

Die Zwangsbesichtigung dokumentiert u.a. eine von der Gedenkstätte Buchenwald produzierte DVD. Der Zufall wollte, dass auch Edelgard Schlegelmilch, Flüchtling aus Ostpreußen und erst seit wenigen Tagen in der Stadt, mit ins KZ gehen musste. Am Morgen sei die Polizei gekommen und habe alle Hausbewohner aufgefordert, sich unten im Hof einzufinden: "Wir stellten uns in einer Reihe auf. Dann hieß es: 'Du kommst mit, und du, und du.' Auch auf mich zeigte ein Uniformierter mit dem Finger." Da Schlegelmilch erst 17 Jahre alt war, meldete sich ihre Tante freiwillig, um sie zu begleiten.

Zu Fuß marschierten die Menschen den Ettersberg hinauf bis zum Lager. Hinter dem Tor warteten mehrere Insassen - laut Schlegelmilch empfingen sie die Weimarer mit den Worten: "Habt ihr uns eure Kinder zum Fressen mitgebracht?"

Die Männer hätten die Weimarer Bürger umgebracht, wären sie ohne Polizeischutz gekommen, so Schlegelmilch: "Unfassbar wütend waren die, was man ja auch verstehen kann."

"Einige fielen in Ohnmacht"

Die Weimarer wurde gezwungen, sich das gesamte Lager anzuschauen. Auch wurden ihnen Präparate der SS-Pathologie präsentiert. Darunter, so Schlegelmilch, ein aus Menschenhaut gefertigter Lampenschirm. Er habe Ilse Koch gehört, erklärte man den Anwesenden, der Ehefrau des KZ-Kommandanten Karl Koch.

Mehr dazu in SPIEGEL GESCHICHTE 1/2018

Ob das stimmt, konnte nie zweifelsfrei geklärt werden. Fest steht: Für die Existenz eines solchen Lampenschirms gibt es mehrere glaubwürdige Zeugen. Und: Koch, die "Hexe von Buchenwald", war berüchtigt für ihre Grausamkeiten gegenüber Gefangenen. Einer von ihnen: Rolf Weinstock, Buchenwald-Häftling Nr. 59 000. Auch er war an jenem 16. April 1945 zugegen. Und schilderte, wie die Menschen reagierten:

"Angesichts der Scheußlichkeiten, die ihren Augen geboten wurden, schrien die Frauen auf, einige fielen in Ohnmacht (...). Aber auch die Männer mussten sich zwingen, ihre Gefühle zusammenzuhalten. Immer und immer wieder fragten sie sich und schauten sich an: 'Wie ist so etwas möglich? Warum haben wir nie etwas davon erfahren?'"

"Bleiches Entsetzen"

Laut Schlegelmilch verbrachten die Weimarer den ganzen Tag auf dem Ettersberg. Etwa zwei Stunden lang habe man bei glühender Hitze auf dem Krematoriumshof ausharren müssen, direkt neben einem Leichenwagen. "Es war ein grauenvoller Gestank", sagt die heute 89-Jährige, beim Erzählen stockt ihr die Stimme.

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Margarete Bourke-White, die erste US-Kriegsberichterstatterin, fing die Szenerie fotografisch ein. Über ihre Erfahrung schrieb die Reporterin später:

"Dieser Apriltag in Weimar hatte etwas Unwirkliches (...). Ich sagte mir ständig vor, ich würde erst dann an das unbeschreiblich grässliche Bild in dem Hof vor mir glauben, wenn ich meine eigenen Fotos zu sehen bekäme. Die Kamera zu bedienen, war fast eine Erleichterung, es entstand dann eine schwache Barriere zwischen mir und dem bleichen Entsetzen, das ich vor mir hatte."

Sie habe sich kaum noch auf den Beinen halten können, erzählt Schlegelmilch - auch weil man ja den ganzen Tag nichts habe essen dürfen. Irgendwann setzte sich die 17-Jährige einfach auf den Boden, "mitten rein in den Dreck".

Leichengeruch an der Kleidung

Nach wie vor kann sie sich nicht vorstellen, dass die Weimarer Bescheid gewusst hatten über die Verbrechen dort oben auf dem Ettersberg, in direkter Nachbarschaft. Fassungslosigkeit sei das Gefühl gewesen, das damals alle einte. Reporterin Bourke-White:

"Als die Zivilisten immer wieder riefen: 'Wir haben nichts gewusst! Wir haben nichts gewusst!', gerieten die Ex-Häftlinge außer sich vor Wut. 'Ihr habt es gewusst', schrien sie. 'Wir haben neben Euch in den Fabriken gearbeitet. Wir haben es euch gesagt und dabei unser Leben riskiert. Aber ihr habt nichts getan.'"

Bis zum Abend wurden die Menschen im Konzentrationslager festgehalten, so Schlegelmilch. Obwohl die Sperrstunde längst überschritten war: "Wir hatten große Angst, dass wir nie mehr dort wegkommen. Dass sie die Häftlinge freilassen und uns einsperren."

Erst gegen 21 Uhr am Abend, erzählt sie, wurden die Tore geöffnet. "Wir stießen ein Dankgebet gen Himmel aus und rannten, so schnell wir konnten, den Ettersberg hinunter." Als Schlegelmilch vor der Wohnungstür stand, entledigte sie sich ihrer kompletten Kleidung - um den Leichengeruch nicht mit hineinzunehmen.

"Keinerlei Mitschuld"

Die Besichtigung des Lagers beschäftigte in den Tagen und Wochen danach die ganze Stadt - auch Richard Kade. Der Weimarer Probst und Superintendent schrieb eine Erklärung, die am Sonntag, den 22. April 1945, in allen evangelischen Kirchen Weimars verlesen wurde. Sie gipfelte in dem Satz: "So dürfen wir vor Gott bekennen, dass wir keinerlei Mitschuld an diesen Gräueln haben."

Der 16. April 1945 verfolgte Schlegelmilch jahrelang bis in ihre Träume. Nachts sei sie oft im Schlaf aufgeschreckt: "'Oh mein Gott, ich bin noch immer da oben', dachte ich dann für einen kurzen Moment." Das KZ Buchenwald hat sie nie mehr besucht, auch kein anderes. "Da bringt mich niemand mehr hin", sagt die zweifache Urgroßmutter resolut.

Für Holocaust-Leugner wie die 89-jährige Ursula Haverbeck hat Edelgard Schlegelmilch eine klare Botschaft: "Wenn mir heute einer erzählen will, das hätte es alles gar nicht gegeben, da kann ich nur sagen: Ich habe es mit eigenen Augen gesehen! Und werde es nie, nie mehr vergessen."

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