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einestages

Liebschaften mit Kriegsgefangenen

Die vertuschte Hinrichtung

Deutschen Frauen drohte im "Dritten Reich" bei Affären mit Kriegsgefangenen Haft. Eine 39-jährige Frau starb offiziell am "plötzlichen Herztod" - aber in Wahrheit offenbar per Fallbeil.

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Mittwoch, 09.01.2019   09:50 Uhr
DPA

Haftanstalt Bützow-Dreibergen (Foto von 2014): Hier richteten die Nazis Hunderte Gefangene per Fallbeil hin

Im Zweiten Weltkrieg gerieten Millionen Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Teils wurden sie in Lagern ermordet oder starben an Hunger und menschenunwürdigen Lebensbedingungen, teils wurden sie als Zwangsarbeiter eingesetzt, vielfach auch auf dem Land. Im heutigen Mecklenburg-Vorpommern waren besonders viele französische und belgische Kriegsgefangene interniert und arbeiteten etwa auf den Feldern bei der Ernte.

Nicht selten waren sie bald unentbehrlich - und ebenfalls nicht selten verliebte sich eine deutsche Frau in einen Kriegsgefangenen. So finden sich auf Listen aus dem Landeshauptarchiv Schwerin mehr als 170 dokumentierte Namen von Kindern französischer oder belgischer Väter in der Zeit des Nationalsozialismus.

Neben den Kriegsgefangenen, die um ihr Leben fürchten mussten, gingen auch die Frauen damit ein hohes Risiko ein. Ihnen drohte nicht nur die soziale Ausgrenzung und Demütigung in ihren Dörfern oder Städten, sondern zudem die Strafverfolgung durch die Nazis und Haft. Oder Schlimmeres.

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Liebschaften mit dem Feind: Scham, Schande, Schweigen

Immer noch leben Menschen, die sogar selbst berichten könnten, wie gefährlich solche Liebschaften damals waren. Maria Wolf, die in Wirklichkeit anders heißt, ist 90 Jahre alt. Sie hätte nichts zu verlieren. Aber sie will diese Geschichte nicht erzählen, sie wühlt sie zu sehr auf, lässt sie ausrichten, selbst ihre Kinder und Enkel kennen sie nicht.

Orgien "bis morgens um drei"

Was vor 75 Jahren in einer Gemeinde nördlich von Schwerin geschah, lässt sich auch aus Gerichtsakten rekonstruieren: Demnach bändelte die noch minderjährige Maria Wolf 1943 mit einem Franzosen an und nahm ihn zu Weihnachten mit nach Hause. Ihre Mutter hatte, wie auch eine Freundin der Mutter, ebenfalls eine Affäre mit einem französischen Kriegsgefangenen. Und bezahlte dafür höchstwahrscheinlich mit dem Leben.

Wegen "verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen" wurde die 15-jährige Maria 1944 zu drei Monaten Jugendgefängnis verurteilt. In der Urteilsbegründung ist von Orgien bei "Kuchen, Bohnenkaffee, Rot- und Weißwein" die Rede; bis "morgens um 3 Uhr" hätten die drei Paare am Heiligabend "geschlechtlich" verkehrt. Ähnliches habe sich danach regelmäßig wiederholt.

Ein Urteil gegen Maria Wolfs Mutter ist in den Archiven dagegen nicht zu finden. Aber ihre Sterbeurkunde, die offenbar ihre Hinrichtung kaschieren soll: "plötzlicher Herztod" am 18. Januar 1945 in Bützow-Dreibergen um 15.17 Uhr. Im Alter von erst 39 Jahren.

Hinrichtungen im Minutentakt

Auch der Todesort macht misstrauisch. In Bützow-Dreibergen, 40 Kilometer südlich von Rostock, betrieben die Nazis eine berüchtigte Haftanstalt. In einem umgebauten Keller richteten sie dort von Dezember 1944 an Gefangene mit einem Fallbeil hin, das zuvor in der Zentralen Hinrichtungsstätte Hamburg gestanden hatte.

Olaf Both, Historiker am Volkskundemuseum in Schönberg, hat den Fall der Familie Wolf untersucht. Er ist überzeugt, dass Maria Wolfs Mutter geköpft wurde. Neben Berichten von Zeitzeugen, die sich ihm anvertrauten, passt dazu auch eine Untersuchung: Die sowjetische Militäradministration stellte nach dem Krieg fest, dass der angebliche plötzliche Herzstillstand in der Bützower Haftanstalt damals "eher im Fünf-Minuten-Takt" stattgefunden habe, sagt Both.

So erlagen an dem Tag, als Frau Wolf starb, sieben Menschen binnen 23 Minuten dem "Herztod". Und die zynische Formulierung "plötzlicher Herztod" war genau die, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Sterbeurkunden häufig gewählt wurde, um Hinrichtungen und Morde zu vertuschen.

Alles spricht dafür, dass die NS-Diktatur die Mutter von Maria Wolf mit dem Tod bestrafte: die Guillotine für eine Frau, die einen Franzosen liebte.


Verbotene Liebe: Lesen Sie hier, wie Rainer Gessert lange nach dem Franzosen suchte, der als Kriegsgefangener im Dorf Slate sein Vater wurde.

insgesamt 6 Beiträge
Vera von Tiedemann 09.01.2019
1. Kollateralschäden
Diese furchtbaren Begleiterscheinungen von Kriegen kommen viel zu wenig an die Öffentlichkeit; sie sind nach wie vor aktuell und ereignen sich überall auf der Welt an den Kriegsschauplätzen. Dabei ist das Mitgefühl für die [...]
Diese furchtbaren Begleiterscheinungen von Kriegen kommen viel zu wenig an die Öffentlichkeit; sie sind nach wie vor aktuell und ereignen sich überall auf der Welt an den Kriegsschauplätzen. Dabei ist das Mitgefühl für die betroffenen Frauen und Kinder in anderen Ländern wenig ausgeprägt. Umso wichtiger ist Friedensarbeit und Völkerverständigung, Aufnahme von Verfolgten und Betreuung von Menschen in Not. Nicht gegeneinander arbeiten sondern miteinander, wann wird das endlich klar. Das ganze Politiker Geschwätz ist substanzlose, denn im Falle eines Krieges verdienen immer die "Anderen" und die Zivilbevölkerung badet aus.
Jan Hildebrandt 09.01.2019
2.
Die Frage ist dann, wer die Hinrichtung angeordnet hat. Ich bezweifle stark, dass sich da das Wachpersonal auf eine Extratour eingelassen hat. Das muss also eine höhere Dienststelle gewesen sein. Und normalerweise gibt es über [...]
Die Frage ist dann, wer die Hinrichtung angeordnet hat. Ich bezweifle stark, dass sich da das Wachpersonal auf eine Extratour eingelassen hat. Das muss also eine höhere Dienststelle gewesen sein. Und normalerweise gibt es über so etwas Aufzeichnungen, denn auch Nazis liebten Bürokratie und schrieben in der Regel alles nieder.
Wilfried Huthmacher 10.01.2019
3. @Jan Hildebrandt: nicht nur das...
wie will man dem Leichenbestatter erklären, dass die Toten bei einem plötzlichen Herzstillstand den Kopf verloren? Vielleicht bin ich da auch naiv, aber spätestens wenn es darum geht, die Toten in einen Sarg zu legen, muss [...]
wie will man dem Leichenbestatter erklären, dass die Toten bei einem plötzlichen Herzstillstand den Kopf verloren? Vielleicht bin ich da auch naiv, aber spätestens wenn es darum geht, die Toten in einen Sarg zu legen, muss doch auffallen, daß der Kopf nicht mehr auf dem Hals sitzt - und dann kann sich ja jeder denken, dass es KEIN plötzlicher Herztod war. Vermutlich war aber dann auch gerade diese für die direkt Beteiligten offensichtlich falsche Todesursache mit eine Warnung dafür, sich nicht mit dem "Feind" einzulassen.
Stephan Klöcker 10.01.2019
4. Der. . .
Leichenbestatter wird die Leiche nie gesehen haben. Nach der Hinrichtung, ab in den Sarg. Zuschrauben. Versandfertig. Das schafft auch ein Henker alleine.
Leichenbestatter wird die Leiche nie gesehen haben. Nach der Hinrichtung, ab in den Sarg. Zuschrauben. Versandfertig. Das schafft auch ein Henker alleine.
Steffen Rupp 11.01.2019
5. Falschangabe der
Im NS-Staat war es -jedenfalls bei Häftlingen mit Angehörigen- und z.B. im KZ Oranienburg üblich, die tatsächliche Todesursache der Häftlinge (z.B. Tottreten durch sadistischen KZ-Wächter) durch gefälschte Totenscheine [...]
Im NS-Staat war es -jedenfalls bei Häftlingen mit Angehörigen- und z.B. im KZ Oranienburg üblich, die tatsächliche Todesursache der Häftlinge (z.B. Tottreten durch sadistischen KZ-Wächter) durch gefälschte Totenscheine (z.B. gestorben an Lungenentzündung)zu verschleiern. Die Angehörigen hätte ja Fragen stellen können. Die Leiche wurde vorgeblich "aufgrund der Seuchengefahr" stets eingeäschert- die Angehörigen durften die Urne anschließend gegen "Aufwandsentschädigung" erwerben. Der Anschein der "Ordnung" sollte nach außen gewahrt werden, tatsächlich ging es dem KZ- System um Verdeckung der Mordtaten ihrer "verdientesten" Täter gegenüber der Gesellschaft. Nach dem Krieg kam im Prozess in manchen Fällen durch Zeugenbefragungen die tatsächliche Todesursache heraus, KZ-Wächter, denen solche Taten nachgewiesen werden konnten, wurden auch von der westdeutschen Justiz bestraft. In einem Einzelfall bei 44 nachgewiesenen Morden bis zu 44x lebenslänglich (bzw. 30 Jahre).

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