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einestages

Mai 1968 in Frankreich

"Unter dem Pflaster liegt der Strand"

Während in anderen Ländern Studenten wegen des Vietnamkriegs oder politischer Missstände auf die Straße gingen, begannen die Mai-Unruhen in Frankreich eher banal: mit der Empörung über geschlechtergetrennte Schlafräume.

AP
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Sonntag, 13.05.2018   19:17 Uhr

Es waren Szenen wie in einem Bürgerkrieg. Autos lagen umgekippt als Barrikaden auf den Straßen, junge Leute schleuderten Pflastersteine gegen Polizisten, die ihrerseits brutal mit Knüppeln zuschlugen. Schwaden von Tränengas zogen durch die Häuserschluchten im Pariser Quartier Latin und "machten das Atmen unmöglich", wie ein Radioreporter berichtete.

Die Revolte, die Frankreich im Mai 1968 erfasste, verlief ungleich dramatischer als die Jugend-Rebellionen jenes Jahres in anderen Ländern. Während anderswo der studentische Protest wenig Sympathie in breiten Gesellschaftsschichten fand, schlossen sich die französischen Arbeiter dem Aufbegehren an und legten die Wirtschaft landesweit wochenlang lahm.

Der Aufruhr, der Frankreich in eine veritable Staatskrise stürzte, hatte indes mit einer banalen Streitfrage begonnen. Die Studenten der Universität Nanterre, eines Ablegers der Sorbonne in einem tristen Pariser Vorort, empörten sich über die nach Geschlechtern getrennten Schlafräume in den Wohnheimen. Als der Jugend- und Sportminister François Missoffe am 4. Januar 1968 auf dem Campus in Nanterre ein Schwimmbad eröffnete, konfrontierte ihn einer der Studenten mit den "sexuellen Problemen" der Jungakademiker. Tapsig zog sich der Politiker aus der Affäre: "Springen Sie in Fällen sexueller Not doch einfach ins kalte Wasser!" Der aufmüpfige Student hieß Daniel Cohn-Bendit. Am 14. Februar besetzten männliche Studenten das Mädchenwohnheim in Nanterre.

Einen Monat später fragte die Tageszeitung "Le Monde" in einem Leitartikel mit der Überschrift: "Wenn Frankreich sich langweilt", ob die französische Jugend denn keine anderen Probleme habe. Während in anderen Ländern Studenten massenhaft gegen den Vietnamkrieg und politische Missstände demonstrierten, hätten die jungen Franzosen nur den ungehinderten Zugang zu den Mädchen-Schlafräumen im Kopf. Das sei doch "eine recht beschränkte Auslegung der Menschenrechte".

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Studentenunruhen in Paris: "Seid Realisten, verlangt das Unmögliche"

Die Stoßrichtung änderte sich rasch. Plötzlich verlangten die Studenten radikale Reformen im antiquierten Hochschulsystem. Am 22. März besetzten 140 von ihnen das Verwaltungsgebäude der Universität Nanterre. "Und dann", erinnerte sich Cohn-Bendit kürzlich in einem Radiogespräch mit dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie, "kam alles ins Rollen, viel schneller, als man es überhaupt ahnen, denken oder träumen konnte." Erstaunt konstatierte er: "Ich wurde plötzlich Akteur der Weltgeschichte."

Der 23-jährige Soziologiestudent Cohn-Bendit, Mitglied eines kleinen Anarchistenzirkels, führte auch Anhänger maoistischer und trotzkistischer Gruppierungen in der "Bewegung 22. März" zusammen. Obwohl die Revoluzzer Hierarchien ablehnten, wurde Cohn-Bendit in den Medien als ihr Anführer "Dany le Rouge" herausgestellt, so genannt wegen seines roten Haarschopfes. Er war 1945 als Sohn jüdischer Eltern, die vor den Nazis geflohen waren, in Südfrankreich geboren, hatte aber 1961 die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen.

"Lasst unsere Kameraden frei!"

Nachdem wochenlang demonstriert und Seminare gestört worden waren, ließ der Rektor die Uni am 2. Mai schließen. Tags darauf belagerten Studenten aus der Vorstadt die Pariser Sorbonne. Die Polizei führte rund 200 von ihnen ab, darunter Cohn-Bendit. Die Festgenommenen wurden in Polizeiwagen gesperrt.

Studenten mit Schlips und Jackett, ihre Aktentaschen unter den Armen, wie man damals zu den Vorlesungen ging, umringten die Polizeiautos und skandierten: "Lasst unsere Kameraden frei!" Sie zerrten an den Autotüren, Scheiben gingen zu Bruch, erste Pflastersteine flogen. Die Polizei setzte Tränengas und Knüppel gegen die Protestler ein.

Von nun an kam das Quartier Latin nicht mehr zur Ruhe.

20.000 Demonstranten versammelten sich am 6. Mai rund um die von Polizei abgeriegelte Sorbonne. An diesem Tag entstand ein Foto, das zur Ikone der Pariser Mai-Unruhen wurde: Daniel Cohn-Bendit, der zwei Tage zuvor aus Polizeihaft wieder freigelassene Anführer der zornigen Jugend, lächelt darauf keck und ironisch einen schwarzbehelmten Gardisten der "Compagnies Républicaines de Sécurité" (CRS) an.

Getty Images/ Jacques Haillot/ Sygma

Cohn-Bendit im Mai 1968

Am Abend des 10. Mai zogen 30.000 Studenten durch das Pariser Univiertel. Der Physiker Alain Geismar, Vorsitzender des Verbands der Uniassistenten, verhandelte telefonisch mit einem Regierungsvertreter über die Forderungen der Demonstranten: Freilassung der Verhafteten, Wiedereröffnung der Sorbonne, Demokratisierung der Uni. Als Bildungsminister Alain Peyrefitte die Verhandlungen abbrechen ließ, entlud sich der Volkszorn in Gewalt: Autos wurden umgeworfen und in Brand gesetzt, Platanen entwurzelt, das Straßenpflaster aufgerissen - hier entstand der Studenten-Slogan: "Unter dem Pflaster liegt der Strand." Es gab Hunderte Verletzte, 460 Studenten wurden festgenommen. Die meisten Franzosen sympathisierten mit den Studenten und nicht mit der Polizei.

Die "Nacht der Barrikaden" bewog Premierminister Georges Pompidou scheinbar zum Einlenken. Er kündigte die Wiedereröffnung der Sorbonne an. Doch sein machtpolitisches Taktieren um die Nachfolge des offenbar überforderten 77-jährigen Staatspräsidenten Charles de Gaulle heizte die aufgeladene Stimmung nur weiter an.

Eine Welle wilder Streiks begann, im ganzen Land besetzten Arbeiter die Fabriken. Was 1968 in keinem anderen Land gelang, wurde in Frankreich Wirklichkeit: Die Werktätigen schlossen sich der Studentenrevolte an - zum Missfallen der Gewerkschaften. Vor allem der kommunistischen CGT entglitt die Macht über ihre Mitglieder. KP-Chef Georges Marchais schrieb in der Parteizeitung "L'Humanité", ein "deutscher Anarchist" wolle die französische Arbeiterklasse verführen.

Für die Rechten war Cohn-Bendit ohnehin das Feindbild. Sie forderten schon lange seine Ausweisung. In einem öffentlichen Interview mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre am 20. Mai erklärte der Studentenführer, angesichts der Ausmaße der Bewegung sei nun der Sturz der Regierung unter de Gaulle das Ziel.

Nachdem Cohn-Bendit am 21. Mai als Redner bei einer Kundgebung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Berlin aufgetreten war, verwehrte ihm die französische Regierung die Wiedereinreise. Pariser Kommilitonen protestierten mit der Parole "Wir sind alle deutsche Juden". Erst 1978 wurde das Aufenthaltsverbot für den späteren Grünen-Politiker aufgehoben.

Zwischen dem 14. und 22. Mai legten bis zu zehn Millionen Franzosen die Arbeit nieder. Nun herrschte gespenstische Ruhe im Land: Busse und Bahnen fuhren nicht, Müll türmte sich zu Bergen, die Versorgung mit Benzin wurde knapp, Schulen und Ämter blieben geschlossen.

Pompidou legte es darauf an, die Allianz von Arbeitern und Studenten zu sprengen. Am 27. Mai vereinbarte er mit Gewerkschaften und Unternehmen kräftige Lohnerhöhungen, doch die unzufriedenen Arbeiter bestreikten weiter viele Fabriken.

Der Mai 1968 beschleunigte den Niedergang des Gaullismus

Präsident de Gaulle - unschlüssig, ob er zurücktreten solle - war am 29. Mai stundenlang unauffindbar. Erst später stellte sich heraus, dass er per Hubschrauber nach Baden-Baden geflogen war, um sich mit französischen Militärs zu treffen. Offenbar glaubte er, einen bevorstehenden Staatsstreich vereiteln zu müssen. Nun machte sich im Land die Angst vor einer Anarchie breit. Als de Gaulle tags darauf wieder in Paris auftauchte, wurde seine Rückkehr als die eines Retters der Nation empfunden.

"Ich habe meinen Entschluss gefasst", verkündete der Präsident über Radio und Fernsehen: "Ich werde mich nicht zurückziehen." Er löste die Nationalversammlung auf und kündigte Neuwahlen an. Eine Stunde nach der Ansprache zogen eine halbe Million Anhänger de Gaulles über die Champs-Elysées zum Triumphbogen. Bei der Parlamentswahl Ende Juni errangen die Gaullisten die absolute Mehrheit. Die Revolution war gestorben, der Gaullismus - so schien es - glorreicher wiedererstanden denn je. Tatsächlich beschleunigte der Mai 1968 den Niedergang des Gaullismus. Nach einem gescheiterten Referendum zur Regionalreform trat de Gaulle im April 1969 doch noch zurück.

Daniel Cohn-Bendit, der Motor der Mai-Rebellion, schloss sich der Sponti-Szene in Frankfurt am Main an und gab ein Stadtmagazin mit dem beziehungsreichen Titel "Pflasterstrand" heraus.

Der Historiker Wilfried Loth warf in seinem kürzlich erschienenen Buch "Fast eine Revolution. Der Mai 68 in Frankreich" die Frage auf, ob "die Bewegung des Mai … auch ohne den Soziologiestudenten Daniel Cohn-Bendit zustande gekommen" wäre. Loth glaubt: "Sehr wahrscheinlich ist das nicht."

insgesamt 12 Beiträge
Angst Hase 13.05.2018
1. So ganz kann ich das immer noch nicht nachvollziehen!
Ich bräuchte mal einen guten Literaturhinweis, um 68 global nachvollziehen und verstehen zu können, v.a. auch unter dem Gesichtspunkt dass "die 68er" für die Rechte "an allem Schuld' sein soll. Dank G20 in meiner [...]
Ich bräuchte mal einen guten Literaturhinweis, um 68 global nachvollziehen und verstehen zu können, v.a. auch unter dem Gesichtspunkt dass "die 68er" für die Rechte "an allem Schuld' sein soll. Dank G20 in meiner Heimatstadt HH fällt es mir schwer zu verstehen, wie ein paar tausend randalierende Studenten (damals v.a. Kinder der Oberschicht) irgendwas hätten bewegen können sollten.
Franziska Kreß 14.05.2018
2.
Erstens, der Bildungsminister hatte recht. Zweitens, was ist schlimm an geschlechtergetrennten Schlafräumen? Es gab und gibt viele gute Gründe für Protest (damals z.B. der Vietnamkrieg), aber das ist lächerlich. Aber der [...]
Erstens, der Bildungsminister hatte recht. Zweitens, was ist schlimm an geschlechtergetrennten Schlafräumen? Es gab und gibt viele gute Gründe für Protest (damals z.B. der Vietnamkrieg), aber das ist lächerlich. Aber der "rote Dahny" war sowieso eher eine lächerliche Figur.
Volker Podworny 15.05.2018
3. ewig gestrige (post 2)
mit den altbackenen Moralvorstellungen der 50er Jahre ist es für die ewig gestrigen natürlich ein Problem, daß es gemeinsame Schlafräume gibt. Das ist aber eigentlich auch egal. Vögeln kann man schließlich überall.
mit den altbackenen Moralvorstellungen der 50er Jahre ist es für die ewig gestrigen natürlich ein Problem, daß es gemeinsame Schlafräume gibt. Das ist aber eigentlich auch egal. Vögeln kann man schließlich überall.
Franziska Kreß 15.05.2018
4. Herr Podworny
Was haben getrennte Schlafräume (die es noch heute gibt) mit "altbackener Moral" zu tun? Es hat den Studenten schließlich niemand den Sex verboten, aber nach Geschlechtern getrennte Toiletten, Umkleideräume und [...]
Was haben getrennte Schlafräume (die es noch heute gibt) mit "altbackener Moral" zu tun? Es hat den Studenten schließlich niemand den Sex verboten, aber nach Geschlechtern getrennte Toiletten, Umkleideräume und Schlafsäle gibt es noch heute. Deswegen einen Aufstand anzuzetteln zeugt lediglich davon, daß die Studenten offenbar noch lange in der Pubertät verharrten.
Volker Podworny 16.05.2018
5. @Franziska Kreß*
Ich seh darin kein Problem das es gemeinsame Bad und Schlafräume gibt. Aber ich muß ihnen recht geben. Deshalb einen Aufstand anzuzetteln ist schon grotesk. Aber es war auch nur der Aufhänger für das was im Mai 68 in Paris [...]
Ich seh darin kein Problem das es gemeinsame Bad und Schlafräume gibt. Aber ich muß ihnen recht geben. Deshalb einen Aufstand anzuzetteln ist schon grotesk. Aber es war auch nur der Aufhänger für das was im Mai 68 in Paris passierte.

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