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einestages

Die Frau(en) unter Hitchcocks Dusche

Mörderische Verwechslungen

Marli Renfro schrieb Filmgeschichte, doch keiner kannte sie. Das Bodydouble aus der berühmten "Psycho"-Duschszene wird heute 80 - obwohl sie vermeintlich schon 1988 in einem realen Mordfall starb.

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Dienstag, 03.04.2018   15:35 Uhr

Allein, endlich. Jetzt eine Dusche und dann schlafen! Die junge Frau dreht das Wasser auf, hält ihr Gesicht in den Strahl. Ein wohliges Lächeln umspielt ihre Mundwinkel. Plötzlich taucht in ihrem Rücken, hinter dem Vorhang, ein Schatten auf. Die schemenhafte Gestalt kommt näher. Reißt den Duschvorhang beiseite. Ein Messer blitzt auf. Und die junge Frau stößt einen panischen Schrei aus.

Die Duschszene aus dem Film "Psycho" von 1960 ist eine der berühmtesten Kinoszenen überhaupt - und besonders aufwendig inszeniert.

Überall in den USA waren 1960 entsetzte Blicke auf das blitzende Küchenmesser des Killers gerichtet, das eigentlich nur in einer Einstellung den Körper des Opfers erkennbar berührte. Doch die hektischen Schnitte von Alfred Hitchcock und schrille Streichermusik - Iiieek, iiieek, iiieek, iiieek! - täuschten meisterhaft darüber hinweg.

In 78 Einstellungen und 52 Schnitten ließ Starregisseur Hitchcock seine weibliche Hauptfigur durch einen der berühmtesten Filmpsychopathen aller Zeiten niedermetzeln. Für damalige Zuschauer ein Schock. Das vielleicht Ungeheuerlichste aber war: Im Schatten des Horrors schmuggelte Hitchcock einen nackten Nabel auf die Leinwand - und eine nackte Brust in Großaufnahme! Zensoren meinten, gar eine Brustwarze auszumachen. In den prüden USA 1960 eigentlich ein No-Go.

Es war Marli Renfro, die mit diesem Bauchnabel Filmgeschichte schrieb. Denn in der Duschszene sind ihre Brüste, Hände, Beine zu sehen, immer dann, wenn man das Gesicht von Schauspielerin Janet Leigh nicht eindeutig erkennt. Doch den Namen Marli Renfro kannte kaum jemand. Erst Jahrzehnte später sollte er Schlagzeilen machen - in einem ganz realen Mordfall.

Vom Pin-up zum "Mystery Girl"

Renfros Schauspielkarriere war kurz: 1960 trat sie in zwei Nacktfilmchen auf - einem Western mit dem vielsagenden Titel "Wide Open Spaces" und in "The Peeper", in dem ein Voyeur Pin-up-Girls heimlich beim Fotoshooting begaffte. Inszeniert wurde der Spanner-Streifen von einem jungen Filmstudenten namens Francis Ford Coppola.

Er bekam auch den Auftrag, die beiden Kurzfilme zu einem Langfilm zusammenzupfriemeln. Heraus kam die trashige Erotikkomödie "Nackt im Wilden Westen", sein Spielfilmdebüt. Eine schlüpfrige, alberne Revue vollbusiger Schönheiten in allen Haarfarben. Renfro gab darin die feurige Rothaarige. Es blieb ihr einziger Auftritt als Schauspielerin.

Schon ein Jahr zuvor hatte Renfro bei einem Fotoshooting von einem "Playboy"-Fotografen erfahren, dass Universal International für einen Film ein Model suchte. Die 21-Jährige, die bereits erfolgreich als Revue- und Pin-up-Girl gearbeitet hatte und im September 1960 auf dem Cover des "Playboy" erscheinen sollte, bewarb sich. Nacheinander musste sie sich vor dem Regisseur und der Hauptdarstellerin ausziehen. Da ihre Maße denen von Janet Leigh ähnelten, bekam sie den Job als Bodydouble.

Fotostrecke

Bodydouble Marli Renfro: Die Frau aus der Dusche

Ursprünglich wurde Renfro nur für zwei oder drei Tage gebucht. Am Ende wurden es anderthalb Wochen. Sieben Drehtage, fast ein Drittel der Zeit, die Leigh am Set von "Psycho" verbrachte. Für eine einzige, dreiminütige Szene.

Bei den Dreharbeiten wussten nur wenige, wer die rothaarige junge Frau mit den türkisfarbenen Augen war, die Tag für Tag splitternackt über das Studiogelände spazierte. Die überzeugte Nudistin zog die Blicke auf sich, wenn sie sich völlig unbekleidet mit Hitchcock unterhielt, der stets einen dunklen Anzug trug. Oder wenn sie vor der versammelten Presse Dehnübungen veranstaltete, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Hitchcock, der das PR-Spiel mit den Medien verstand wie kaum ein anderer, hatte Journalisten eigens einbestellt und in Bereiche gelotst, die normalerweise für Besucher gesperrt blieben. Sollten sich die versammelten Reporter ruhig fragen, was die geheimnisvolle Nackte dort zu suchen hatte. Weil aber am Set kaum jemand ihren Namen kannte, nannte man sie bald das "Mystery Girl".

Die dritte Frau unter der Dusche

Erst nach und nach wurde in den Sechzigerjahren nach Erscheinen von "Psycho" ihr Geheimnis gelüftet: dass in jener bahnbrechenden Mordszene nicht nur Janet Leigh gefilmt worden war, sondern auch Marli Renfro. Dabei hatte sogar noch eine dritte Frau in der Dusche gestanden.

Myra Davis war während der Dreharbeiten zu "Psycho" als sogenanntes Stand-in für Janet Leigh tätig. Art-Director Saul Bass hatte mit Davis Probeaufnahmen für die Duschszene gemacht. Anders als ein Double erscheint ein Stand-in nicht im fertigen Film, sondern kommt lediglich bei Kamera- oder Lichttests zum Einsatz. Außerhalb der Filmbranche werden die beiden Begriffe häufig synonym verwendet.

So war das auch im Frühjahr 2001, als Kenneth Dean Hunt, damals 34, wegen zweifachen Mordes in Los Angeles vor Gericht stand. 1998 hatte er eine 60-jährige Frau, bei der er gelegentlich im Haushalt aushalf, vergewaltigt und ermordet. Erst im Zuge dieser Ermittlungen stellte sich heraus, dass Hunt, genannt "Sonny", noch für einen weiteren bis dahin ungelösten Mord verantwortlich war: 1988 hatte er seine 71-jährige Nachbarin vergewaltigt und erdrosselt - es war Myra Davis.

Die Dame, so war zu lesen, habe eine gewisse Berühmtheit erlangt, indem sie einst am Set von "Psycho" als Stand-in für Janet Leigh gearbeitet habe. Andere bezeichneten sie als Bodydouble. Da man mittlerweile wusste, dass Leigh unter der Dusche von Marli Renfro gedoubelt worden war, lag es nahe, dass es sich um dieselbe Person handelte. Marli Renfro war offenbar Myra Davis' Künstlername. "Marli/Myra", so wurde berichtet, das Mädchen aus Hitchcocks Dusche, war tot.

Verwechslungen über Verwechslungen

Den Irrtum klärte Robert Graysmith auf, als 2010 sein Buch "The Girl in Alfred Hitchcock's Shower" erschien. Dass Marli Renfro als Stand-in bezeichnet wurde, hatte ihn stutzig gemacht. Dass sie zur Zeit des Drehs bereits 43 gewesen sein sollte, konnte er kaum glauben - auf dem "Playboy"-Cover sah sie deutlich jünger aus. Auch dass Myra Davis' Enkeltochter Sherry darauf beharrte, ihre Oma habe sich nie nackt vor der Kamera gezeigt, passte nicht ins Bild.

Graysmith machte Renfro ausfindig. Sie wohnte zurückgezogen in einer Oase in der Mojave-Wüste, war aber quicklebendig.

Ihr vermeintlicher Mörder wurde als besessener "Psycho"-Fan beschrieben. War Myra Davis 1988 also Opfer einer Verwechslung geworden, und Kenneth Dean Hunt hatte es in Wirklichkeit auf Marli Renfro abgesehen? So legten es jedenfalls Zeitungsberichte nahe. "Jeder verwechselte die beiden", zitierte der "Guardian" Buchautor Graysmith 2010, "sogar ein Mörder". Eine makabre Pointe. Allerdings keine sehr glaubwürdige.

Wahrscheinlicher scheint, dass die Fakten hier abermals wild durcheinanderflogen. Anfang der Sechzigerjahre gab es tatsächlich einen Serienkiller namens Sonny, der behauptete, Hitchcocks Film habe ihn zu seinen Taten getrieben. Der "Psycho-Killer", wie ihn die Medien damals nannten, hatte drei Frauen erwürgt. Alle deutlich älter als er. Mit seinem zweiten Opfer hatte er sich 1960 gemeinsam "Psycho" im Kino angesehen, ehe er zuschlug.

Henry Adolph "Sonny" Busch, wie der "Psycho-Killer" in Wirklichkeit hieß, war jedoch bereits im Frühsommer 1962 in der Gaskammer des Gefängnisses San Quentin hingerichtet worden - vier Jahre bevor Kenneth Dean Hunt, der Mörder von Myra Davis, im Mai 1966 geboren wurde.

insgesamt 4 Beiträge
Hans-Gerd Wendt 03.04.2018
1. Mother Bates
Wer hat eigentlich die Mutter des Norman Bates gespielt? Das zu wissen wäre interessant... ;-)
Wer hat eigentlich die Mutter des Norman Bates gespielt? Das zu wissen wäre interessant... ;-)
Peter Panna 03.04.2018
2. Scherz
Ihre Frage ist ein Scherz, oder? Falls nicht, dann mal den Film ansehen.
Ihre Frage ist ein Scherz, oder? Falls nicht, dann mal den Film ansehen.
Jan Kleinmann 04.04.2018
3. Tippi Hedren
war aber nicht in "Psycho" Hauptdarstellerin (wie in der Fotostrecke suggeriert) sondern in "Die Vögel".
war aber nicht in "Psycho" Hauptdarstellerin (wie in der Fotostrecke suggeriert) sondern in "Die Vögel".
Franziska Kreß 05.04.2018
4. @Peter Panna
So dumm ist die Frage gar nicht. An der Duschszene war Anthony Perkins nicht beteiligt, weil er sich in New York auf eine Theaterinszenierung vorbereitete. Die "Mutter" (bzw. Norman Bates) wurde in der Szene auch von [...]
So dumm ist die Frage gar nicht. An der Duschszene war Anthony Perkins nicht beteiligt, weil er sich in New York auf eine Theaterinszenierung vorbereitete. Die "Mutter" (bzw. Norman Bates) wurde in der Szene auch von einer Statistin dargestellt.

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