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einestages

Mit Doppeldecker zum Everest

Mount Möchtegern

Bergsteigen konnte er so wenig wie Fliegen - und tat 1934 beides, um als erster den Mount Everest zu bezwingen, den höchsten Gipfel der Welt. Maurice Wilson vertraute auf seine Frömmigkeit: Ob das gutgehen konnte?

Gamma-Keystone/Getty Images
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Montag, 19.02.2018   07:50 Uhr

Glaube, da war Maurice Wilson sicher, konnte Berge nicht nur versetzen. "Alles, was man braucht, um einen Berg zu besteigen", sagte er seinen Freunden in London, "ist ein Zelt, ein Schlafsack, warme Kleidung, Nahrung und Glaube." Sie lachten.

Er ließ sich nicht beirren. Weder von ihnen noch von seiner Familie. Auch nicht von Abstürzen, Pistolen, Schneestürmen und seiner Regierung, die ihn um die halbe Welt verfolgte - oder dem Fakt, dass er gar nicht bergsteigen konnte.

Wo waren jetzt die Spötter, als er am 31. Mai 1934 rund 6500 Meter über Null am Mount Everest erwachte? Er würde ihn als erster bezwingen - ganz allein. Wilson schrieb ins Tagebuch: "Wieder geht's los, herrlicher Tag!"

Es waren die letzten Worte, die er hinterließ. Zusammen mit dem Mysterium, was einen 36-jährigen Briten ohne jeden Bezug zu Bergen auf das Dach der Welt verschlagen hatte. Eine Frage mit zwei Antworten.

Die kurze lautet: eine Fastenkur.

Die längere beginnt mit Wilsons 18. Geburtstag im britischen Bradford, am 21. April 1916. Und dem Ersten Weltkrieg.

Der Prophet muss zum Berg

Am Tag nach dem Geburtstag wurde er Soldat. Seit er an der Front in Ypern seine Freunde sterben sah, verfolgte ihn Schwermut. Davor floh er um die halbe Welt, jobbte in New York, San Francisco, Neuseeland, mal als Vertreter für selbstgemixte Medizin, mal als Farmer. Erst 1932 kehrte er heim.

Dann wurde er krank, hustete und wurde immer dünner, Zeichen einer Tuberkulose. Er konsultierte einen Heiler, der versprach, jede Krankheit zu besiegen - allein durch Beten und Fasten.

35 Tage hungerte Maurice Wilson. Dann, notierte er, habe er um Wiedergeburt gebetet - und Gott habe sie ihm geschenkt: Er wurde nicht nur körperlich gesund, auch die Depression war fort. Der Glaube, da war er sicher, hatte ihm das Leben gerettet.

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Mount Möchtegern: "Wieder geht's los, herrlicher Tag!"

Wilson folgerte, wie er seinen Freunden Enid und Leonard Evans sagte, "dass ein Mann mit genug Glauben alles vollbringen kann". Dies wolle er weitergeben, indem er etwas tue, "das so schwer ist, dass man es nur mit göttlicher Hilfe vollbringen kann". Er zeigte ihnen einen Zeitungsausschnitt über die gescheiterte Everest-Expedition von 1924. Die Amüsiertheit seiner Freunde wich Entsetzen. "Genau", bestätigte Wilson, "ich werde allein den Mount Everest besteigen."

Seit der ersten Expedition 1921 wollten viele den Gipfel bezwingen - vergebens. Allein 1922 und 1924 starben dabei neun Menschen.

Verwegener Plan: Per Flugzeugabsturz Weg sparen

Wilson hatte noch nie einen Berg bestiegen, aber er lieh sich Everest-Bücher und trainierte mit Wanderungen für die 8848 Höhenmeter. Grundtechniken wie den Gebrauch von Steigeisen sparte er sich. Denn er wolle, erklärte er, einen Großteil des Berges ohne Klettern überwinden: Gezielt werde er mit dem Flugzeug auf dem Everest abstürzen, von dort sei es nur noch "ein gerader, kurzer Anstieg bis oben".

Vom Fliegen hatte Wilson allerdings auch keinen Schimmer.

Kurzerhand kaufte er einen Doppeldecker, nahm Flugunterricht - und trieb seinen Lehrer zur Verzweiflung. Der schrie schon in der ersten Stunde, Wilson steuere "wie ein Schlachter, der einen Hals durchhackt". Beim Testflug legte der Flugschüler eine Bruchlandung auf einer Weide hin: Das Flugzeug durchriss eine Hecke, überschlug sich, knallte mit der Nase nach unten auf einen Feldweg.

Nachdem die Presse berichtete, schrieb ihm das Luftfahrtministerium: Ein Nepal-Überflug sei nur mit Genehmigung der dortigen Regierung möglich - die er nicht habe. Als Wilson am 21. Mai 1933 in London zur Reise ansetzte, schickte das Ministerium noch in letzter Minute ein Startverbot per Telegramm. Er zerriss es und hob ab. Wobei er um ein Haar über die Startbahn hinaus in eine Hecke schoss.

Eine Panne jagte die nächste

Wilson kam gut voran: nach Freiburg, Rom, übers Mittelmeer bis nach Tunesien. Aber nicht überall war er willkommen. Als er im tunesischen Bizerta zum Tanken landete, zwangen ihn Polizisten mit vorgehaltenen Waffen weiterzufliegen. Heimlich tankte er in Tunis aus rostigen Fässern etwas, das er für Flugbenzin hielt. Nahe der libyschen Grenze stürzte er fast ab - weil Wasser im Tank war.

Der Arm der britischen Regierung war lang: Als Wilson in Kairo seine längst bestätigte Überflugerlaubnis für den Iran abholen wollte, gab die britische Botschaft vor, nichts davon zu wissen. In Bahrain hielt man ihn im britischen Konsulat fest. Erst als er versprach, nach England zurückzukehren, ließ man ihn abheben. Doch er flog weiter Richtung Indien.

Panne jagte Panne: Über dem Persischen Golf blieb der Motor stehen. Erst knapp über dem Wasser gelang es ihm durchzustarten. Stundenlang plagten ihn Beinkrämpfe. Dann nickte Wilson ein. Und erwachte im Sinkflug, 60 Meter über dem Meer. Dennoch kam er am 8. Juni 1933 in Britisch-Indien an - und wurde von der Presse gefeiert.

Tags darauf hielt man ihn erneut auf, der Polizeichef von Purnia beschlagnahmte den Doppeldecker. Wilson beschloss: "Nun muss ich das Gesetz in meine Hände nehmen!" Zu Fuß zog er weiter nach Darjeeling.

"Kopf dröhnte ein wenig"

Oft durchsuchte die Polizei seine Unterkunft, um zu prüfen, ob die Kletterausrüstung noch da war. Aber Wilson hatte Zeit: Die irre Idee vom freiwilligen Flugzeugabsturz hatte er aufgegeben und plante nun den ganzen Winter über seine inoffizielle Einreise - verkleidet als tibetischer Priester, obwohl er kein Wort Tibetisch sprach. Er heuerte drei Helfer an: Tewang, Tsering und Rinzing hatten 1933 die Everest-Expedition unter Hugh Ruttledge begleitet.

Im Dunkel des Morgens brachen sie am 21. Mai 1934 mit einem Pony nach Tibet auf. In Wollmantel und weiten Hosen ging Wilson mit gebogenen Knien, um seine Größe zu verbergen, eine Sonnenbrille verdeckte seine blauen Augen.

Sie wanderten nachts, schlugen erst in der Dämmerung ihre Zelte auf, versteckt im Dickicht. Um Neugierige fernzuhalten, erzählten die Helfer, Wilson sei ein taubstummer Priester mit einer ansteckenden Krankheit. Mehrmals liefen sie fast Polizisten in die Arme, einmal rettete Wilson sich per Sprung in einen Graben voller Nesseln.

Als sie endlich in 4500 Meter Höhe die schneebedeckte Grenze nach Tibet beim Kongra La überschritten, waren die Strapazen vergessen. "Mir ist danach, der Regierung ein Telegramm zu schicken: 'Hab's euch doch gesagt'", schrieb Wilson.

Menschen trafen sie kaum noch, die Verkleidung konnte er ablegen und wurde unvorsichtig: Am ersten Tag stiegen sie viel zu schnell auf und waren abends alle zermürbt. "Kopf dröhnte ein wenig", notierte der höhenkranke Wilson nur, "zu viel Sonne, schätze ich."

Einsame Spitze

Eiskalter Wind peitschte ihnen oft ins Gesicht, manchmal krochen sie nur noch blind vorwärts. Selbst das mit Vorräten behängte Pony war mit den Kräften am Ende und riss sich los. Panisch rannten die Männer hinterher, erst nach einer Meile holten sie es ein.

Am Rongpu-Kloster, letzter Flecken Zivilisation vor dem Gipfel, ließ Wilson am 14. April die Begleiter zurück, um allein der Route der Ruttledge-Expedition zu folgen. Schon am ersten Tag irrte er zwischen Eisspitzen umher, musste immer wieder seine Schritte zurückverfolgen. Er hatte zwar eine Eisaxt - aber keine Ahnung, wie man sie benutzt. Als er das alte Camp II erreichte, fand er zwei Steigeisen, unverzichtbare Hilfsmittel. Er warf sie weg.

Video: Der Mount Everest in 3D

Foto: DLR/3D Reality Maps/ Digital Globe

Tagelang hielt ein Schneesturm ihn fest, bis er notierte: "Der Klügere gibt nach." Als er nach neun Tagen ins Kloster zurückkehrte, konnte er kaum noch stehen und schlief 38 Stunden. Jetzt korrigierte Wilson seine Definition von "Alleinbesteigung": Rinzing und Tewang sollten ihn mit Vorräten bis zum Camp III auf 6400 Metern begleiten. Danach wollte er allein weiter.

Am 12. Mai brachen sie auf. Die Sherpas brachten ihn problemlos in drei Tagen zum Camp III. Zum Camp IV wollte er Handseilen vom Vorjahr folgen. Dass die im Schnee und Sturm längst fort waren, wurde ihm nun erst klar.

Über vier Tage drang Wilson unter Strapazen zu der Eiswand vor, an der Frank Smythe 1933 gescheitert war. Stunden mühte er sich daran ab - und hielt schließlich fest: "Wer sich diese Route ausgesucht hat, gehört mit der Streitaxt erschlagen." Am 25. Mai torkelte er ins Camp zurück.

Verschollen im Eis

Die erfahrenen Sherpas weigerten sich, im Schneesturm noch höher zu steigen. Stundenlang versuchten sie, Wilson zum Aufgeben zu bringen. Er hörte nicht. Und zog am Morgen des 29. abermals los.

2500 Höhenmeter waren es noch bis zum Gipfel. Im Gepäck hatte er nur Proviant für sieben Tage, dazu einen kleinen Union Jack mit Unterschriften seiner Freunde, den er am Gipfel aufstellen wollte. Fünf Tage sah er für den Aufstieg vor. Der Abstieg, glaubte er, werde durch den Glücksrausch schneller gelingen. Er notierte: "Dies wird der letzte Versuch, und ich spüre, er wird erfolgreich."

Die Sherpas warteten mehr als eine Woche. Als der Monsun einsetzte, packten sie ein - und machten sich auf den Heimweg, ohne Wilson. Ein Jahr sollte jede Spur von ihm fehlen.

Erst als am 9. Juli 1935 Eric Shipton mit seiner Expedition den östlichen Rongpu-Gletscher überquerte, sah er in der Ferne ein grünes Bündel und hielt es zunächst für ein Zelt: "Als ich mich dem Haufen näherte, erschrak ich, als ich sah, dass es der Körper eines Mannes war, zusammengekauert im Schnee." Daneben ein Union Jack und ein grünes Tagebuch - Wilson war gerade 100 Meter über Camp III hinausgekommen.

Seine letzten Notizen waren knapp. Am 29. Mai 1934 hatte er nur wenige Meter geschafft, am 30. fehlte ihm die Kraft aufzustehen. Und am 31. notierte er: "Wieder geht's los, herrlicher Tag!" Es folgte unleserliches Gekritzel.

"Glaube", hatte er einmal geschrieben, "ist kein Glaube, der wankt, wenn Gebete ohne Antwort bleiben." Bis zuletzt muss Maurice Wilson auf ein Wunder gewartet haben. Doch sein Glaube hatte ihn versetzt.

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