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Irrwitzige DDR-Karriere

Der real existierende Millionär

Siegfried Kath lebte den amerikanischen Traum - in der DDR. Vom Kellner stieg er auf zum Handelsmillionär, residierte prunkvoll, fuhr teure West-Autos. Das Regime profitierte von seinem Geschäftssinn. Dann schlug es zu.

Annelies Kath
Von
Freitag, 25.05.2018   10:46 Uhr

Für Siegfried Kath lag das Geld auf der Straße. "Du musst dich nur bücken und es aufheben", sagte er seiner Frau Annelies. Und wenn die mit Geld gepflasterten Straßen in der sozialistischen DDR lagen - dann eben dort.

Siegfried Kath wollte reich werden, und er wollte Kunst und Antiquitäten sammeln. "Mir war es völlig gleichgültig, ob ich mir diese Existenz in einem sozialistischen oder kapitalistischen Staat aufbauen konnte", gab er Offizieren der Stasi einmal zu Protokoll. Eine Existenz hatte er sich wahrlich aufgebaut: Mitte der Siebzigerjahre betrug sein Vermögen wohl etwa fünf Millionen Ostmark.

Ein Millionär, der zudem betont protzig auftrat, im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat?

Es war sogar noch abstruser. Denn Siegfried Kath kam aus dem Westen und lebte erst seit 1961 in der DDR. Vier Monate nach dem Bau der Berliner Mauer setzte er sich, frisch geschieden und arbeitslos, in den Interzonenzug, um seine Großeltern in Thüringen zu besuchen. Er suchte eine Luftveränderung - und fand ein neues Leben. DDR-Grenzer holten ihn aus dem Zug und brachten ihn in ein Aufnahmelager für westdeutsche Migranten.

Er kam freiwillig, musste bleiben, wollte wieder raus

Damit war er nicht allein: Mehr als eine halbe Million Westdeutsche zogen in die DDR. Manche lockten die Versprechen des Sozialismus - sichere Arbeit, gutes Gesundheitswesen. Selbst im Jahr des Mauerbaus strömten noch etwa 17.000 in die DDR.

Siegfried Kath, geboren 1936 in Pommern, aufgewachsen in Niedersachsen, hatte Bergmann gelernt. Sein DDR-Empfang muss ihm wie der Plot eines schlechten Films vorgekommen sein: Freiwillig war er eingereist, unfreiwillig musste er bleiben. Beamte nahmen ihm seine Papiere ab, drückten ihm einen vorläufigen DDR-Ausweis in die Hand - und schickten ihn zur Arbeit ins Metallwerk.

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Einmalige DDR-Karriere: Aufgestiegen aus Ruinen

Unaufhörlich schrieb Kath Ausreiseanträge. Vergebens. Seinen DDR-Verbleib habe man als "Kompensation für die in den Westen abgeworbenen Fachkräfte" betrachtet, erinnert sich Kath später. Schon im Sommer 1962 wagte er einen Fluchtversuch, wurde geschnappt und wegen Republikflucht verurteilt.

Was dann folgte, war der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär, der American Dream - nur im Sozialismus. Nach einiger Zeit als Kellner eröffnete Kath mit seiner Frau 1966 das Café Baltimore in Dresden. Wie besessen arbeitete er, knüpfte Kontakte und umging die sozialistische Mangelwirtschaft, wo immer er konnte. Ein ruheloser Geist, spontan, mit enormem Fleiß, oft aufbrausend.

Antiquitäten als Goldgrube

Ein Ventil für seine Lebensenergie fand Kath im Sammeln und Handeln von Antiquitäten. Am Anfang standen ein Antiquariat neben seinem Café und ein paar alte Zinnkrüge. Jede freie Sekunde investierte Kath, studierte Kataloge, kannte bald alle Händler und Sammler im Dresdener Gebiet. Mit einem alten Hanomag-Traktor fuhren die Kaths durch Dörfer und klapperten Bauernhöfe, Scheunen, Häuser ab. Eine Goldgrube: Porzellan, Möbel, Schmuck und Bilder stöberten sie auf, alles zu Spottpreisen.

1969 eröffnete Kath in Pirna seinen eigenen Laden. An manchen Tagen holten er und seine Frau per Lkw die massenhaft eingeschickten Waren vom Postamt. Besonders gut liefen antike Standuhren der Jahrhundertwende. In den folgenden Jahren schien nichts mehr unmöglich: Sogar 50 Pferdekutschen ließ Kath in die Niederlande verfrachten.

Annelies Kath

Erfolgreiches Paar: Siegfried und Annelies Kath

Kath wagte Irrwitziges und gewann meist, etwa als er 1972 für 20.000 Ostmark Inserate in allen DDR-Zeitungen schaltete: Man möge ihm alte Puppen schicken, er zahle 80 Mark pro Stück. Bald trafen pro Tag bis zu 150 Puppen ein. Containerweise verschickte er sie in den Westen.

Zur ersten Million Ostmark brachte es Siegfried Kath schon drei Jahre nach der Ladeneröffnung in Pirna. Er hatte einen mächtigen Helfer: das Schattenwirtschaftsimperium von Alexander Schalck-Golodkowski, den "Bereich Kommerzielle Koordinierung" (KoKo) im Ministerium für Außenhandel. Mit der KoKo wollte die hoch verschuldete DDR an harte West-Devisen kommen; dazu gehörten auch die bekannte Handelskette Intershop und der Versandhandel Genex.

Die DDR-Regierung hatte der KoKo auch Kunstgeschäfte übertragen, zuständig war Schalck-Golodkowskis Stellvertreter Manfred Seidel. Billig in der DDR aufkaufen, in den Westen exportieren, wo Antiquitäten sehr gefragt waren - das war das Geschäftsmodell. Allein an den Puppen habe die KoKo eine Million Mark verdient, behauptete Kath später.

Da er seine Cleverness im Wareneinkauf bewiesen hatte, bot Seidel ihm Vorschüsse, staatliche Unterstützung und - besonders lukrativ - eine steuerfreie Umsatzbeteiligung an. Bereits beim ersten Treffen bekam Kath eine Tasche voll Bargeld. Rund vier Millionen Ostmark flossen 1972 und 1973 von Schalcks Devisenimperium an ihn. Am Ende beschäftigte Kath 70 Mitarbeiter, die Waren auf 61 Lager in der ganzen DDR verteilten, wie die Stasi penibel auflistete. Einmal tauschte sogar ein Dorfpfarrer seinen Talar gegen die gute Bezahlung als Einkäufer bei Kath.

Luxus pur im Mangelstaat

Der vom Staat protegierte Selfmademillionär überdrehte bald. Er hielt sich für unantastbar und dachte nicht an die Fallstricke im SED-Staat. Diskretion war seine Sache nicht. Mit seinem BMW kassierte er wegen ständiger Raserei derart viele Strafzettel, dass ihm Seidel entnervt einen neuen Audi samt Fahrer stellte. Den ließ Kath aber demonstrativ im Halteverbot in der Ost-Berliner Prachtstraße Unter den Linden parken.

Für die eigene Kunstsammlung suchte der Händler ähnlich draufgängerisch nach einem pompösen Platz. Er kaufte eine alte Wassermühle und ließ sie aufwendig in eine Art Schlösschen umbauen - mit Materialien, die kein DDR-Normalbürger bekam: meterhohe Buntglasfenster fürs Treppenhaus etwa oder farbige Fliesen für Küche und Bäder. Lkw voll edler Bodenbeläge rollten an, eine eigene Trafostation für die Stromversorgung musste her, dazu drei Garagen für die West-Autos. Dezent geht anders.

Als "barocken Prunk" und "moralischen Rückfall" empfanden das seine Neider. Dass er sich im vollen Widerspruch zur Staatsideologie befand, wollte Kath nicht sehen - er arbeitete doch für den Staat, besorgte Devisen. Auch die Stadt Pirna wurde am Umsatz beteiligt, um die örtlichen Funktionäre ruhigzustellen.

Im April 1974 wurde der Aufsteiger zu seiner großen Überraschung festgenommen und verbrachte 14 Monate in Untersuchungshaft. Schon lange hatte die Stasi gegen Kath ermittelt und ein Potpourri wildester Gerüchte gesammelt: West-Agent sei er, ein Lustmolch, Waffenhändler und Kirchendieb, ein Hehler, Schmuggler und Betrüger.

Trotz etlicher Spitzel in Kaths Umfeld konnte man ihm kein Vergehen nachweisen. Dass Kath legal reich geworden war, hielten die Schlapphüte indes für unmöglich. Westdeutsch, reich, schrill - da musste was faul sein.

Neubeginn - bei alten Feinden

Dann entzog ihm Manfred Seidel, "Offizier im besonderen Einsatz" der Stasi, die Protektion, die er ihm zwei Jahre gewährt hatte. Von nun an wollte die neue Kunst und Antiquitäten GmbH den Kunsthandel mit dem Westen allein organisieren. Kath hatte seine Schuldigkeit getan.

Bei den monatelangen Verhören kam wenig Verwertbares heraus, Kath wurde in den Westen abgeschoben. Anwalt Wolfgang Vogel, erfahren als Unterhändler beim Freikauf von DDR-Häftlingen, regelte den Fall schnell zur Zufriedenheit des Regimes.

Verzichten mussten die Kaths auf ihr gesamtes Vermögen, die teuer renovierte Mühle, Autos, Barschaft und ihre Kunstsammlung. Zur Begleichung des Schadens, der durch Kaths angeblich falsche Abrechnungen gegenüber der KoKo entstanden sei, wie es hieß. Dieser Schaden betrug selbst nach den kühnen Stasi-Schätzungen nur 150.000 Ost-Mark. Allein Kaths Sammlung war mehr als das Dreifache wert.

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Als erster von vielen Kunstsammlern der DDR wurde gegen Kath eine Schuld konstruiert, um ihn zu enteignen. Was macht so ein Hansdampf in allen Gassen wie er danach?

Er fängt einfach von vorn an.

Kaum war er in der Bundesrepublik, fuhr Kath nach Ost-Berlin und wurde bei Manfred Seidel vorstellig. Er wollte sich erneut ausgerechnet mit jenem halbseidenen SED-Funktionär einlassen, der ihn so kalt hatte fallen lassen. Und das schien sogar zu klappen.

Tragödien im Westen

Wieder bekam Kath eine Tasche mit Bargeld, wieder eine Anstellung. Über Umwege ließen Seidel und dessen Mitarbeiter eine Antikhandelsfirma bei München gründen und stellten ihn dort an. Nach wenigen Monaten ging aber dieses Experiment schief. Man trennte sich im Streit.

Nun dämmerte Kath, dass man ihn ausgebotet hatte. Demonstrativ erzählte er seine Geschichte 1978 dem SPIEGEL , nachdem er Ost-Berlin noch versprochen hatte, die Presse zu meiden.

Das Glück, auf das er sich zuvor so oft verlassen konnte, blieb ihm fortan fern. Mehrere Firmen floppten. 1981 verunglückte Kath bei einem Wildunfall und war danach ein Pflegefall.

Am Ende erstickte der längst vergessene Ex-Millionär 2008 an einem Stück Salatgurke. Seine Witwe erzählte, ein Pfleger habe ihm das Gemüse nicht mundgerecht zugeschnitten.

insgesamt 9 Beiträge
Mustrum Ridcully 25.05.2018
1.
Warum sieht man auf den Bildern eigentlich immer nur einen Wartburg und keinen "Westwagen"?
Warum sieht man auf den Bildern eigentlich immer nur einen Wartburg und keinen "Westwagen"?
Reinhard Kupke 25.05.2018
2. Der war ja nicht der Einzige
Es gab mehrere solche Leute, welche mit ihrem Geschäft Devisen verdienten. Der Staat ließ die gewähren, solange sie nicht über die Stränge schlugen und schön unauffällig blieben. Falls das nicht mehr gegeben war, schlug die [...]
Es gab mehrere solche Leute, welche mit ihrem Geschäft Devisen verdienten. Der Staat ließ die gewähren, solange sie nicht über die Stränge schlugen und schön unauffällig blieben. Falls das nicht mehr gegeben war, schlug die Hand des Gesetzes zu. Da war der sattsam bekannte VEB Antikhandel Pirna, an welchem Herr Klath beteiligt war. Die verwendeten ein besonders perfides Geschäftsmodell. Zuerst wurden in der DDR Preise für Antiquitäten künstlich in die Höhe getrieben. Das ging leicht, weil ja die Preise einfach festgelegt werden konnten. Jetzt stelle man sich vor, man habe schöne Dinge geerbt, z.B. alte Möbel. Da konnte es leicht geschehen, dass man einen Schrank besaß, der plötzlich mit 100.000,00 DDR-Mark bewertet wurde. Wenn man das dem Aufkäufer vom Antikhandel oder einer anderen einschlägig bekannten Firma aus Leipzig zeigte, dann konnte es geschehen, dass die erklärten, dass man bei so wertvollem Besitz ja Vermögenssteuer hätte bezahlen müssen. Das hatte natürlich keiner getan. Deshalb kam dann die Alternative, entweder Verkauf für einen Apfel und ein Ei oder Anzeige, Enteignung, Anklage wegen Steuerhinterziehung und Verurteilung. Der Chef der bekannten Leipziger Firma stand dann auch selbst vor dem Kadi. Der hatte in seiner Außenwirkung auch übertrieben. Hier gab es auch einen großen Briefmarkenhändler, welcher auch Devisen verdiente. Auch so mit Aufkauf von Massenware, gern zum Kilopreis, und ganzen Sammlungen. Von dem hat man allerdings nie gehört, dass er seine Kunden hier betrogen hätte. Die aufgekaufte Marken wurden dann im Westen verkauft und brachten Devisen. Der Mann wurde für die Oberen nicht mehr tragbar, als eine Bezirksklassemannschaft im Fussball plötzlich mit von ihm gesponserten Trikots von Puma auflief. Das Prinzip war eben: Westgeld gerne in jeder Menge, aber bitte leise und unauffällig.
Lars Mach 25.05.2018
3. (Einkommens-)Millionäre in der DDR - gab es einige
Meist waren es Künstler, die in der DDR Millionäre oder sogar Einkommensmillionäre wurden. Der realexistierende Sozialismus hatte sich außerdem auf die Verstaatlichung großer Betriebe und Konzerne konzentriert; [...]
Meist waren es Künstler, die in der DDR Millionäre oder sogar Einkommensmillionäre wurden. Der realexistierende Sozialismus hatte sich außerdem auf die Verstaatlichung großer Betriebe und Konzerne konzentriert; Kleinunternehmer und kleine Betriebe waren nicht auf dem Schirm.
Reinhard Kupke 25.05.2018
4. Zu 3 (Einkommens-)Millionäre
Sehr geehrter Herr Mach, zu den Künstlern kann ich nichts sagen, aber was die Verstaatlichung, also Enteignung, angeht, liegen Sie völlig falsch. In der DDR wurden Privatbetriebe bis herunter zu ca. 8 Angestellten zu tausenden [...]
Sehr geehrter Herr Mach, zu den Künstlern kann ich nichts sagen, aber was die Verstaatlichung, also Enteignung, angeht, liegen Sie völlig falsch. In der DDR wurden Privatbetriebe bis herunter zu ca. 8 Angestellten zu tausenden enteignet und zu "Volkseigentum" gemacht. Ich glaube nicht, dass diese zur Sparte "große Betriebe und Konzerne" gehörten.
Andreas Großmann 25.05.2018
5. Sirgfried Kath
Was hat der VEB ANTIKHANDEL PIRNA mit diesem Beitrag gemein?
Was hat der VEB ANTIKHANDEL PIRNA mit diesem Beitrag gemein?

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