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einestages

Monroe im Krankenurlaub

Entzücken auf Krücken

Er fand sie "nicht besonders sexy - dafür süß und doof". Im August 1953 erhielt der Fotograf John Vachon einen Auftrag, den er nur widerwillig annahm. Der Hollywood-Hasser sollte Bilder von der fußkranken Marilyn Monroe schießen. Es entstand eine einzigartige Fotoserie - die für mehr als 50 Jahre in Archiven verschwand.

REUTERS
Von
Dienstag, 05.10.2010   10:58 Uhr

Furchterregend fletscht er die Zähne, das geöffnete Maul nur wenige Zentimeter über ihrer platinblonden Lockenpracht. Mit der rechten Pranke hält der gigantische Grizzlybär sie fest umschlossen, die linke wird in einer Zehntelsekunde auf sie niederschnellen und ihr makelloses Antlitz zerfetzen. Und was tut die junge Frau im Angesicht des Todes? Ungerührt hakt sie den braunen Zottelpelz unter, ganz so, als würde sie mit ihm durch New York flanieren, auf dem Weg ins Theater.

Diese Frau hat keine Angst. Denn erstens ist der Grizzly längst tot, und zweitens handelt es sich um Marilyn Monroe: ein Superstar, fest in den Klauen der Hollywood-Maschinerie, der den Umgang mit weit schlimmeren Monstern gewohnt ist - nun aber überraschend einen Kurzurlaub vom brutalen Geschäft einlegen darf. Der Grund: Die Schauspielerin hat sich den linken Knöchel verletzt und muss daher pausieren bei den Dreharbeiten zum Goldgräber-Western "Fluss ohne Wiederkehr". Den Streifen dreht Regisseur Otto Preminger im Sommer 1953 inmitten der kanadischen Rocky Mountains - genau hier darf Marilyn nun ein paar Tage ausspannen.

Und das in Begleitung gleich zweier Männer. Der eine ist ihr zukünftiger Ehemann Nummer zwei, Baseball-Legende Joe DiMaggio - der andere John Vachon, Fotograf des amerikanischen Magazins "Look". Dank der Fußverletzung Marilyns erhielt Vachon die seltene Gelegenheit, die Schauspielerin abseits des Sets abzulichten, abseits von Rummel, Glamour und schönem Schein. Ein demnächst in den USA erscheinender Bildband versammelt nun seine Monroe-Fotos. Nur wenige wurden bis heute veröffentlicht.

Pressescheuer Verlobter vor der Linse

Zu sehen sind berührende Bilder, die eine 27-jährige, aufrichtig glücklich und gelöst wirkende Frau zeigen - und in herbem Kotrast sowohl zu den frisierten Starfotos der grandiosen Ikone als auch den letzten Ansichten des deprimierten, kranken Wracks stehen. Aufgenommen wurden sie von einem renommierten Dokumentarfotografen, der durch feinsinnige Sozialporträts des ländlichen Amerikas berühmt geworden war und mit Stars und Sternchen nichts am Hut hatte.

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Monroe im Krankenurlaub: Entzücken auf Krücken

John Vachon nahm die schmalzigen Celebrity-Fotostories seines Arbeitgebers "Look" eher genervt zur Kenntnis denn wirklich ernst. Dennoch hatte er den Auftrag angenommen, Hollywood-Größen bei den Dreharbeiten in Kanada zu verewigen. Hier, im Sommer 1953, bekam der Fotograf nicht nur die Monroe, sondern auch noch ihren Freund, die Baseball-Legende Joe DiMaggio, vor die Linse: eine einmalige Chance.

Denn obwohl die beiden zu diesem Zeitpunkt bereits seit über einem Jahr liiert waren, existierten praktisch keinerlei offizielle Aufnahmen der beiden. DiMaggio, der sich soeben aus einer aktiven Baseball-Karriere verabschiedet hatte, verachtete das Hollywood-System abgrundtief. Kategorisch lehnte der Sportler auch nach seiner Heirat mit Monroe Privataufnahmen ab, obwohl dem Ehepaar Unsummen dafür geboten wurden. Eine "faktisch undokumentierte Beziehung" sei die Liaison der Schauspielerin mit dem Baseball-Star gewesen, urteilte Monroe-Biograph Norman Mailer.

"Ein freundliches Mädchen, nicht besonders sexy"

Umso erstaunter muss Vachon gewesen sein, als er an jenem Nachmittag des 20. August Zutritt zu Marilyns und Joes Hotelsuite in Banff, Alberta, erhielt. Mehr als zwei Stunden lang durfte er mit seiner Kamera bleiben und als erster Fotograf das private Glück der beiden Stars dokumentieren. Vor geöffnetem Fenster, mit Blick auf die schneebedeckten kanadischen Rockies flirteten sie, tuschelten sich Zärtlichkeiten ins Ohr, schauten sich in die Augen, scherzten.

Schüchtern wirkt Marilyn an der Seite des großnäsigen, nicht besonders ansehnlichen Sportlers, fast scheint sie nervös. Und sehr verliebt. "Sie ist wirklich anders als das Bild, das man gemeinhin von ihr hat", schrieb Vachon in einem Brief an seine Frau, "einfach ein freundliches Mädchen, nicht besonders sexy, dafür süß und doof. Anscheinend völlig verknallt in diesen DiMaggio-Typen." Später lichtete der Fotograf Marilyn auch außerhalb der intimen Hotelzimmer-Atmosphäre ab, diesmal überwiegend vor nadelbaumgrüner Kulisse - ganz im Sinne des "Look"-Auftrags "Hollywood comes to Canada".

Mal schwebt sie mit einem Sessellift durch das Gebirgspanorama, mal schmiegt sie sich an besagten Grizzly, taucht das Ruder eines Kajak in einen eiskalten See, schwingt den Golfschläger. Nur einmal lässt der Weltstar die Hüllen fallen und tauscht für Vachon die biedere Rock-Blusen-Kombi gegen einen schwarzen Bikini. Die Aufnahmen zeigen Marilyn am Pool, den schönen Kurvenkörper auf zwei Holzkrücken gestützt, den bandagierten Fuß vorsichtig in Richtung Wasser streckend.

Cheerleader statt Superstar

Die doppelte Verletzlichkeit der Lichtgestalt - selten hat ein Fotograf sie so sichtbar gemacht wie Vachon mit seinen Pool-Aufnahmen. Allein, seinem Arbeitgeber passte diese Marilyn nicht sonderlich. Er verbannte die Fotostory auf Seite 150 der "Look"-Ausgabe vom 20. Oktober 1953 - von Monroe wurden ganze drei Bilder gezeigt. Und statt eines Fotos der Schauspielerin mit ihrer Baseball-Liebe zierte ein langweiliger Football-Hüne nebst betont sportivem Cheerleader das Cover des Magazins.

Der Rest der rund 100 von Vachon geknipsten Aufnahmen landete im "Look"-Archiv. Als das Magazin dann 1971 pleite ging, wurde dessen Fotofundus dem Orkus der "Library of Congress" in Washington überantwortet. Hier schlummerten die Marilyn-Juwelen einen beinahe 40-jährigen Dornröschenschlaf - bis ein Foto-Forscher sie jetzt ausgegraben hat. Warum damals niemand den Wert der Fotos erkannte, wird wohl ein Mysterium bleiben.

1953, im Jahr der "Look"-Aufnahmen, war Marilyn just der Durchbruch gelungen: Es liefen ihre Filme "Niagara", "Blondinen bevorzugt" und "Wie angelt man sich einen Millionär?" in den Kinos an - und bescherten der Twentieth Century Fox einen Geldsegen von 25 Millionen Dollar. Warum also, landeten die Abzüge Vachons unbeachtet im Papierkorb?

"Ich kam nach Banff, um Hollywood hassen zu lernen"

Offenbar passten die Fotos der glücklichen, unbeschwerten Marilyn nicht ins Raster der Traumfabrik, die die Images ihrer Stars willkürlich zurechtzimmerte. Die größte Ikone Hollywoods, Hand in Hand mit einem erklärten Feind des Filmrummels, abgelichtet von einem Mann, der ebenfalls keinerlei Sympathie fürs Diven-Ambiente hegte - das konnte nicht gut gehen.

"Ich kam nach Banff, um Hollywood richtig hassen zu lernen", schrieb Vachon aus der kanadischen Einöde an seine Frau - dieser Hass verband den Fotografen mit dem pressescheuen Mann an der Seite Marilyns. Mehrfach versuchte dieser, seine Angebetete davon zu überzeugen, ihren Job an den Nagel zu hängen, vergeblich. Gerade einmal 274 Tage dauerte die Ehe des Sexsymbols mit DiMaggio, dann reichte Monroe die Scheidung ein. Die Schauspielerin ging ihren Star-Pfad ohne ihn weiter - am Ende zerbrach sie daran.

Erst kurz vor ihrem Tod im August 1962 trat die Baseball-Legende wieder in Monroes Leben, zu spät. Die Beisetzung des größten weiblichen Stars aller Zeiten fiel laut dem DiMaggio-Biographen Richard Ben Cramer auf den Tag, an dem die beiden ein zweites Mal heiraten wollten.

Der Sportler sperrte die versammelte Hollywood-Mischpoke bei der Beerdigung aus - genau wie sie im kanadischen Banff kurzzeitig außen vor gewesen war. Vielleicht wirkte die humpelnde Grizzly-Bezwingerin genau deshalb so aufrichtig glücklich, in jenen Sommertagen 1953.

Zum Weiterlesen:

Brian Wallis (Hrsg.)/John Vachon (Fotos): "Marilyn: August 1953: The Lost Look Photos". Calla Ed, 2010, 128 Seiten.

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