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einestages

Nachkolorierte Schwarz-Weiß-Fotos

Plötzlich ist die Welt ein bisschen bunter

Jahrzehntelang war die Welt auf Fotos schwarz-weiß, nun hauchen Spezialisten alten Aufnahmen Farbe ein. Der Unterschied ist verblüffend - aber wird die Vergangenheit dadurch verfälscht?

ullstein bild
Von
Donnerstag, 14.07.2016   14:52 Uhr

Ein Bild wie die Weltlage: Eine große Gruppe Männer steht in einer Warteschlange. Graue Gestalten in grauen Mänteln vor einer grauen Wand, in der Zeit der großen Depression - eine Szene aus den USA von 1931. Millionen wurden während der Weltwirtschaftskrise arbeitslos. Ohne Job hatten sie kein Geld, nichts zu essen. Das Bild zeigt Wartende vor einer Suppenküche in einem "Coffee & Doughnuts"-Laden in Chicago.

Dana Keller, Grafiker und Archivar aus Boston in Massachusetts lädt die Aufnahme ins Bildbearbeitungsprogramm seines Computers. Mit einem Wacom-Tablett, einer Art Flachbildschirm, und einem Spezialstift wird er die folgenden Stunden daran arbeiten. Pixel für Pixel, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter. Zwei ganze Tage lang. Erst dann ist er mit dem Ergebnis zufrieden.

Das Bild ist jetzt nicht mehr schwarz-weiß. Rote Buchstaben leuchten auf dem Schild über dem Laden FREE FOR THE UNEMPLOYED. Golden glänzt der Schriftzug FREE SOUP an der Glasscheibe über den Köpfen der Männer, die nun braune, beige oder ockerfarbene Mäntel, blaue oder braune Mützen und Hüte tragen.

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Einige stehen dort in abgewetzten, verwaschenen Arbeitsjacken, dazwischen ein Mann in elegantem dunkelblauen Anzug mit farblich abgestimmter Krawatte und passendem Hut. Auch die Gesichter haben Farbe bekommen. Es wirkt, als träte jeder Einzelne heraus aus dieser traurigen grauen Warteschlange.

Die Vergangenheit in lebendigen Farben - der Fotohistoriker Anton Holzer beobachtet ein Bedürfnis danach: Buchverlage veröffentlichen neue Bände mit vergessenen Farbbildern bekannter Fotografen, historische Farbfotoverfahren werden wieder diskutiert, wie das der Brüder Lumière, die schon vor über 100 Jahren mit Autochromplatten farbige Bilder herstellten. Und zunehmend werden historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen, ob Filme oder Fotos, nachträglich digital eingefärbt.

Wie Gemälde oder wie das echte Leben

Solche Aufnahmen verändern unseren Blick auf die Vergangenheit. Sie sollen eine Welt näher heranrücken, die man zuvor nur in Grauschattierungen kannte, und sie fassbarer machen. Holzer sieht das kritisch. Das Bildmaterial, so sagt der Herausgeber der Zeitschrift "Fotogeschichte", werde dadurch "geradezu verfälscht".

Dana Keller, 29, beschäftigt sich seit einigen Jahren mit Kunst und Fotografie. Er kennt solche Kritik seiner Kollegen. "Archivare, aber auch viele andere mit Passion für Geschichte sehen das Kolorieren als eine falsche Darstellung der Geschichte oder sogar als vorsätzliche Entstellung oder Verletzung der ursprünglichen Aufnahmen." Als Archivar aber gehöre es zu seiner "Verantwortung und Natur, historische Dokumente und Fotografien zu bewahren und für zukünftige Generationen zu erhalten".

Mai 1945: Amerikanische Truppen befreien das KZ Wöbbelin bei Ludwigslust.

Vor rund drei Jahren entdeckte er im Internet eine Sammlung kolorierter Fotos, die viele Betrachter als sehr realistisch empfanden. "Für mich zeigten sie aber nicht wirklich 'das wahre Leben', sondern wirkten eher wie Gemälde." Das weckte Kellers Ehrgeiz: "Ich begann, Fotos selbst zu kolorieren, und versuchte, mich mehr auf die Feinheiten der realistischen Farben und Schattierungen zu konzentrieren."

Das Bild als Farbfoto glaubhaft machen

Dahinter steckt viel historische Recherche. Keller sammelt Informationen über den Aufnahmeort des Originalfotos, sucht nach Referenzen für die Farbwahl. Oft allerdings sind inzwischen Gebäude verändert oder ganz verschwunden; Original-Firmenschilder lassen sich zumindest bei großen Marken oder Unternehmen finden, ähnlich wie Kleidung. "Das ultimative Ziel ist, das Bild als Farbfoto glaubhaft zu machen", so Keller. Er wolle beim Betrachter so weit wie möglich das Bewusstsein dafür beseitigen, dass das Foto koloriert wurde.

Fotohistoriker Holzer nennt es eine Art Fiktion. Kolorierte Fotos und Filme brächten "keinen Zugewinn an historischer Erkenntnis" und verwischten vielmehr den Entstehungszusammenhang - welche Rolle Fotografie damals spielte, wer wozu welche Bilder machte, für welche Öffentlichkeit sie gedacht waren, wie und in welcher Form sie vervielfältigt wurden. "Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden lebendige Zeichnungen in der Berichterstattung aktueller Ereignisse als authentischer eingeschätzt als die damals noch recht statische Fotografie", sagt Holzer.

Farbbilder wie etwa Autochrome aus dem Ersten Weltkrieg beschreibt er als "ganz und gar nicht authentisch" im heutigen Sinne. 999 von 1000 Bildern dieser Zeit seien schwarz-weiß gewesen. Denn das Verfahren für Autochrome war enorm aufwendig: Man musste immer mit Stativ arbeiten und schnelle Bewegungen vermeiden. Deshalb zeigen solche Bilder kaum anderes als Landschaften, Straßen, Schützengräben.

Der Mensch, nicht die Software koloriert

Die nachträgliche Kolorierung historischer Fotos hingegen verändere die Bildaussage - "wir überziehen sie mit einer Lasur heutiger Wahrnehmungswünsche", sagt Holzer, anders als bei Schwarz-Weiß-Fotos, die bereits kurz nach ihrer Aufnahme um 1900 herum per Hand eingefärbt wurden: "Dieses historische Verfahren ermöglicht auch Rückschlüsse auf Wünsche und Sichtweisen vergangener Zeit."

Archivar und Künstler Dana Keller sieht das ganz anders. Dass Bilder praktisch schon seit Beginn der Fotografie händisch getönt wurden, sieht er als Beweis dafür, "dass Menschen immer schon nach mehr Realismus strebten. In der Schwarz-Weiß-Fotografie schauen wir auf ein gefiltertes Bild und können seine Realität nicht in der gleichen Weise erfassen, als wenn es Farbdimensionen hätte."

Auch Marina Amaral, 22, ist überzeugt, dass es möglich ist, "extrem realistische Bilder zu erzeugen". Es ist ihr Beruf - die in Brasilien lebende Künstlerin färbt Schwarz-Weiß-Aufnahmen ein und begeistert sich für Geschichte und Photoshop: "Alle meine Bilder durchlaufen einen langen Prozess der Erforschung. Erst dann bin ich in der Lage, einige der Hauptfarben zu identifizieren. Es gibt keine Software, die alles automatisch macht - anders, als viele Leute denken."

Das digitale Kolorieren, räumt sie ein, hat allerdings Grenzen. Entscheidend sei die Qualität des Originals. Die ursprüngliche Fotografie sollte keine starken Kontraste aufweisen, besser eine breite Palette mittlerer Grauwerte. Aber auch dann liefern analoge Aufnahmen keine Farbinformationen mit - es gibt keinen standardisierten Rückschluss von einem bestimmten Grauton auf die Originalfarbe.

"Eine zweite Perspektive - mit viel Respekt"

Die Reaktionen auf ihre Arbeit seien überwiegend positiv, sagt Marina Amaral. "Ich versuche nicht, die Schönheit der Schwarz-Weiß-Fotos zu ersetzen. Ich versuche nur, eine zweite Perspektive zu bieten - und das mit viel Respekt."


Mehr Bilder von Marina Amaralund Dana Keller

Mehr Infos Webseite der Zeitschrift "Fotogeschichte"


"Natürlich ist es unmöglich, alles zu erforschen", erklärt auch Dana Keller. Dann komme es auf Sachkenntnis und Wahrscheinlichkeiten an. "Die Grauwerte deuten mögliche Farben an - aber nur mit Kontext-Hinweisen und historischem Wissen können Sie eine realistische Darstellung bauen, wie die Szene in diesem Moment für den Fotografen ausgesehen haben könnte" - und das sei das Schlüsselwort: "Es wird immer einen beträchtlichen Spielraum für Ungenauigkeit und 'künstlerische Freiheit' geben."

"Die meisten Menschen", so die Erfahrung von Dana Keller, "sehen die Fotos auf eine neue Art. Sie sagen, dass es ihnen hilft, die Ereignisse und Persönlichkeiten der Vergangenheit als relevanter einzuschätzen." Für seine Kritiker habe er auch "eine gute Nachricht": Durch seine Arbeit werde keine Original-Fotografie beschädigt, übermalt oder gar zerstört. "Sie sind alle noch hier, für uns alle zu sehen und zu genießen, für die Zukunft aufbewahrt."

insgesamt 40 Beiträge
Lennart Lammers 14.07.2016
1. Sind dann halt keine Orignal(quellen) mehr...
Für originäre historische Forschung ist diese Nachkolorierung natürlich ohne Nutzen. Da aber die Originale als Quellenbestand erhalten bleiben, sollte man diese neuen Techniken nicht verteufeln. Für populärwissenschaftliche [...]
Für originäre historische Forschung ist diese Nachkolorierung natürlich ohne Nutzen. Da aber die Originale als Quellenbestand erhalten bleiben, sollte man diese neuen Techniken nicht verteufeln. Für populärwissenschaftliche Arbeiten sicherlich eine nette "Dreingabe", aber für andere Arbeiten nicht zu gebrauchen. Denn, wie schon im Text beschrieben, sind es Interpretationen "wie es gewesen seien könnte".
Siegfried Wittenburg 14.07.2016
2. Mode
Dana Keller sagt es selbst: Sie folgt einem Markt, einem Bedürfnis vieler Menschen, Farbbilder sehen zu wollen. Nein, sie fälscht nicht, sie koloriert. Doch sie weiß nicht endgültig, welche Farben die richtigen sind und für [...]
Dana Keller sagt es selbst: Sie folgt einem Markt, einem Bedürfnis vieler Menschen, Farbbilder sehen zu wollen. Nein, sie fälscht nicht, sie koloriert. Doch sie weiß nicht endgültig, welche Farben die richtigen sind und für dokumentarisch genaue Schwarzweißfotos ist es auch unerheblich, denn der Fotograf wusste, wie er mit dem ihm zur Verfügung stehenden Material umzugehen hatte. Der Farbauftrag ist also nur Schminke. Ich hoffe nur, dass Dana Keller nicht noch damit beginnt, Pablo Picassos "Guernica" einzufärben, weil es ihrer Ansicht nach Leute geben mag, die das Elend lieber in bunten Farben "genießen" möchten.
Michael Fritzsche 14.07.2016
3. Entmystifizierung
Mir gefallen die kolorierten Bilder ausgesprochen gut. Denn so, wie viele neu gedrehte Filme über das dritte Reich in bestimmten Farben gehalten werden und ein Art romantisches Gefühl erzeugen, so verklären die alten [...]
Mir gefallen die kolorierten Bilder ausgesprochen gut. Denn so, wie viele neu gedrehte Filme über das dritte Reich in bestimmten Farben gehalten werden und ein Art romantisches Gefühl erzeugen, so verklären die alten SW-Aufnahmen die Geschichte. Dabei sah die Welt damals genauso aus wie heute, der Himmel hatte das gleiche Blau und während des Krieges gab es auch schönes Frühlingswetter. Durch das Kolorieren wird für mich die Abgrenzung der Vergangenheit verringert, das, was damals geschah kann in ähnlicher Weise heute geschehen. Am besten gefallen mir nachkolorierte Bilder die der natürlichen Wahrnehmung am nächsten kommen und nicht die, welche ein Farbschema alter Filme kopieren. So sieht Oswald in Farbe aus wie ein Mensch aus heutiger Zeit. Es ist für mich damit keine Person der Geschichte mehr, sondern einfach nur ein Mensch im Strudel von Ereignissen. Danke für den Artikel.
Richard Wallmann 14.07.2016
4.
Natürlich gibt es SW die das auch automatisch macht. Die ist natürlich nicht so gut wie eine vollständige Handbearbeitung, aber geben tut es Sie.....oder denkt jemand das bei den ganzen SW-Filmen, die jetzt nachträglich [...]
Natürlich gibt es SW die das auch automatisch macht. Die ist natürlich nicht so gut wie eine vollständige Handbearbeitung, aber geben tut es Sie.....oder denkt jemand das bei den ganzen SW-Filmen, die jetzt nachträglich eingefärbt wurden, dass das jemand vollständig per Hand gemacht hat. Wäre viel zu teuer.
Solnzevo Wolkow 14.07.2016
5. SW Originale
oder wurden die colorierten Originale wieder entsättigt. Irgendwie erscheinen die SW Aufnahmen etwas flau... Hinweise auf verschiedene Filmtypen, Körnung, pan- und orthochromatische SW Filme so wie Verwendung von Farbfiltern [...]
oder wurden die colorierten Originale wieder entsättigt. Irgendwie erscheinen die SW Aufnahmen etwas flau... Hinweise auf verschiedene Filmtypen, Körnung, pan- und orthochromatische SW Filme so wie Verwendung von Farbfiltern bei der SW Fotographie fehlen zudem. Schon daher ist eine "automatik" sehr unwahrscheinlich.

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