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Nana Mouskouri

Schwarze Brillen aus Athen

"Weiße Rosen aus Athen" und eine markante Sehhilfe machten Nana Mouskouri zum Star - von ihrem Jazz wollte Deutschland nichts wissen. Die zweiterfolgreichste Sängerin der Welt über Marlene Dietrich, Bob Dylan und ihren Politik-Ausritt.

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Ein Interview von
Dienstag, 06.02.2018   14:13 Uhr

Zur Person

einestages: Frau Mouskouri, mal ehrlich - nervt es, in jedem Interview auf die Brille angesprochen zu werden?

Nana Mouskouri: Ach, geht schon, ich habe mich daran gewöhnt. Die Brille gehört nun mal zu mir. Fast wie die Tolle zu Elvis.

einestages: Harry Belafonte soll Sie einmal eindringlich gebeten haben, die Brille für einen gemeinsamen TV-Auftritt abzunehmen - aus optischen Gründen.

Mouskouri: Das ist richtig. Harry fand sie hässlich. Ich hab sie aber nicht abgenommen - auch aus optischen Gründen: Ohne Brille sehe ich nämlich nichts. Auch der Produzent meinte, ich sähe mit Gläsern aus wie eine verklemmte Sekretärin. Ich ließ mich nicht einschüchtern, aber es hat Mut gekostet. Ich war ja noch ein junges Ding, Harry der große Star.

einestages: Sie sind 83 Jahre alt und gehen noch immer auf Welttournee. Ihr neues Album mit Coverversionen heißt "Forever Young". Haben Sie es nach dem Bob-Dylan-Song von 1974 betitelt?

Mouskouri: Ja, aber der Titel bezieht sich nicht auf mich, sondern auf die Musik. Alle Künstler, die ich hier interpretiere, die Beatles, Elvis, Marlene Dietrich, Leonard Cohen oder Amy Winehouse, werden durch ihre Songs für immer jung bleiben, zeitlos.

einestages: Vielen von ihnen sind Sie persönlich begegnet.

Mouskouri: Ich habe die Beatles in London getroffen, als sie gerade "Hey Jude" veröffentlicht hatten. Und Leonard Cohen war ein guter Freund von mir, den ich oft zu Hause in Montreal besucht habe...

einestages: ...und der Sie wiederum mit Bob Dylan bekannt gemacht hat.

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Nana Mouskouri: "Ich war Marlene Dietrichs kleine Nachtigall"

Mouskouri: Eine irre Geschichte. Es war 1979 in Los Angeles. Ich hatte einen Auftritt im berühmten Greek Theatre, Leonard war dabei. Hinter der Bühne raunte er mir zu, Dylan komme später auch vorbei, er wolle mich kennenlernen. Gott, war ich aufgeregt. Bob erschien tatsächlich, er wusste, dass ich einige seiner Nummern wie "Le ciel est noir" ("A Hard Rain's A-Gonna Fall") im Programm hatte und wollte mich singen hören. Er hat sogar ein Interview abgesagt, um meine Show zu sehen.

einestages: Wie reagierte er auf Sie?

Mouskouri: Bob besuchte mich in der Konzertpause in meiner Garderobe und war ganz charmant. Er sagte, ich sei neben der berühmten ägyptischen Sängerin Oum Kalthoum seine Lieblingsstimme. Ich dachte, ich träume! Wir wurden Freunde, ich habe ihn oft bei seinen Konzerten besucht.

einestages: Ihre weltweiten Plattenverkäufe werden auf über 300 Millionen geschätzt, getoppt nur von Madonna. Aber Sie sorgten, anders als das "Material Girl", nie für Skandale.

Mouskouri: Dafür bin ich bin nicht der Typ. Disziplin ist mir wichtig, ich bin schon früh sehr ernsthaft an diesen Beruf herangegangen und habe am Konservatorium von Athen Musik studiert. Ich wollte lernen, lernen, lernen - und mit meiner Stimme überzeugen. Mehr brauchte es nicht, zumindest damals.

einestages: Bis heute verbindet man Sie in Deutschland mit Schlagern wie "Weiße Rosen aus Athen" von 1961 und "Guten Morgen Sonnenschein" von 1977. Dabei hat Produzent Quincy Jones Sie schon 1962 als Jazzsängerin nach New York geholt. Fühlen Sie sich verkannt?

Mouskouri: Nein, es ist, wie es ist. Das kam wohl daher, dass die Medien früher in Sachen Kultur nur über Lokales berichteten. In Deutschland schrieb keiner, dass ich nach New York gehe, das war weit weg. Es interessierte nur, was im deutschen Fernsehen lief, und da sang ich "Weiße Rosen aus Athen". Für mich völlig okay, ich mag das Lied ja.

einestages: Wie kamen Sie als Griechin dazu, deutsch zu singen?

Mouskouri: Das war die Idee meiner Manager in Deutschland. Ich sagte, ich spreche zwar kein Deutsch, aber ich will es probieren. Also sang ich nach Gehör, mit Hilfe eines Kassettenrekorders und eines Wörterbuchs. Als ich plötzlich einen deutschen Hit hatte, musste ich schleunigst die Grundkenntnisse lernen, damit ich zumindest unfallfrei "Guten Tag" sagen konnte. Mir lag aber auch daran, denn die Deutschen hatten mich sehr herzlich aufgenommen.

einestages: Dabei waren Ihnen die Deutschen nicht in guter Erinnerung: Sie waren noch ein Kind, als die Wehrmacht auf dem Balkanfeldzug 1941 Ihre Heimat Griechenland überfiel.

Mouskouri: Ich war sechs, als uns der Zweite Weltkrieg erreichte. Mein Vater Costas betrieb in Athen ein Freiluftkino, meine Mutter Aliki kümmerte sich um die Gastronomie. Plötzlich fielen Bomben, Soldaten marschierten auf. Wir mussten in den Luftschutzbunker flüchten, da spielten sich dramatische Szenen ab. In unserer Familie wurde zum Glück niemand verwundet, aber ich habe tote Menschen auf der Straße liegen sehen. Ich fragte: "Papa, was ist Krieg?" Er antwortete: "Krieg ist, wenn sich die Menschen nicht mehr lieben."

einestages: Hat das Kino Ihres Vaters Sie beeinflusst?

Mouskouri: Na klar. Ich liebte Filme, in denen Musik die Hauptrolle spielte. Judy Garland, Marlene Dietrich und Maria Callas wurden meine Heldinnen. Ohne Musik wäre die Welt doch furchtbar trostlos! Deshalb sang ich immerzu Filmlieder nach. Und mein Vater beschloss, mich aufs Konservatorium zu schicken: "Nana, du hast eine schöne Stimme, aber du sollst richtig singen lernen." Er wusste, wie wichtig Bildung ist, weil er zu seiner Zeit selbst nie Bildung genießen durfte. Ich habe bis heute nie aufgehört zu lernen.

einestages: Marlene Dietrich begegneten Sie erst kurz vor ihrem Karriereende selbst. Wie ergab sich das?

Mouskouri: Es war nach einem ihrer letzten Auftritte in Paris, im L'Espace Pierre Cardin an der Champs-Élysées. Zusammen mit Catherine Deneuve, Jane Birkin, Serge Gainsbourg und Alain Delon wartete ich aufgeregt vor ihrer Garderobe. Ich war sehr schüchtern und hielt mich im Hintergrund, ich wollte ja nicht, dass mich die anderen Berühmtheiten für eine Stalkerin hielten. Da trat sie aus der Tür, die große Marlene! Sie begrüßte ihre Gäste, da trafen sich unsere Augen: "Meine kleine Nachtigall", entfuhr es ihr. Ausgerechnet Marlene Dietrich, bekannt für ihre Distanziertheit, herzte mich innig, mir kamen die Tränen. Es war einer der schönsten Momente meines Lebens.

einestages: Auch zu Udo Lindenberg haben Sie ein gutes Verhältnis. Der Panik-Präsident und die Grande Dame des Chanson - schon eine ungewöhnliche Kombination, oder?

Mouskouri: Mag sein, aber da steh' ich drauf. Udo ist wirklich einmalig. Wir kennen uns nun gut 40 Jahre, seit uns Fritz Rau, unser Agent, vorgestellt hat. Ich erinnere mich an einen Auftritt Mitte der Siebziger in der TV-Show von Alfred Biolek. Da sangen Udo und ich im Duett "Alles klar auf der Andrea Doria", das Publikum traute seinen Augen und Ohren kaum. Für uns war's ein großer Spaß.

einestages: Von 1994 bis 1999 saßen Sie als Abgeordnete der griechischen Partei Nea Dimokratia im Europaparlament. Hatten Sie genug von Singen und Showgeschäft?

Mouskouri: Das war mehr ein Gefallen für einen Freund: Staatspräsident Konstantinos Karamanlis bat mich, das Amt als Vertreterin für Griechenland anzunehmen. Da kann man schwer nein sagen. Kurz zuvor war Melina Mercouri verstorben, die berühmte Schauspielerin und Politikerin. Jetzt sollte ich so was wie das bekannte Gesicht Griechenlands in der Europapolitik werden. Anders als Mercouri, die Kultusministerin war, aber nebenher weiter Filme drehte, legte ich eine Kunstpause ein. Ich konnte nicht singen und gleichzeitig Politik machen.

einestages: Wie sind Ihre Erfahrungen in der Politik?

Mouskouri: Eine mühsame Angelegenheit. Schon das ständige Reisen machte mir zu schaffen, ich war ja in Straßburg und Brüssel aktiv, konnte kaum bei Mann und Kindern sein. Schlimmer als auf Tour. Und die ewigen Debatten, das kann wirklich nerven. In diesen fünf Jahren habe ich immer nach bestem Wissen und Gewissen agiert und bin dankbar für die Erfahrungen. Ich liebe Europa. Aber vom Politikleben habe ich genug. Ich bin zu sehr Künstlerin.

einestages: Seit 50 Jahren leben Sie in Genf. Ihre Nachbarin ist Filmdiva Sophia Loren, im gleichen Alter wie Sie. Hat die Schauspielerei Sie nie gereizt?

Mouskouri: Nie, obwohl ich Filme über alles liebe. Ich kam ja sogar in einem Kino, dem meines Vaters, zur Welt - wer kann das schon von sich behaupten? Aber es liegt mir nicht, Rollen zu spielen oder etwas vorzugeben, das ich nicht bin. Ich kann nur ich selbst sein.

einestages: 2008 nahmen Sie nach einer Welttournee Abschied von der Bühne, schon drei Jahre später starteten Sie ein Comeback. War's Ihnen zu ruhig?

Mouskouri: Ja! Zunächst fühlte sich die Entscheidung richtig an, denn zu dieser Zeit ging es mir nicht gut. Ich sah all die neuen Sängerinnen und zweifelte, noch mithalten zu können. Nach drei Jahren Pause begann ich aber, unter Depressionen zu leiden. Der Kontakt zum Publikum fehlte mir, ich wusste zu Hause nichts mehr mit mir anzufangen. Irgendwann suchte ich händeringend nach einem Grund für ein Comeback. Da kam mir 2011 das 50-jährige Jubiläum von "Weiße Rosen aus Athen" gerade gelegen. Und seit ich wieder singe, geht's mir wieder gut. Singen ist für mich wie Luft zum Atmen.

insgesamt 9 Beiträge
Henning Wehrmann 06.02.2018
1. 300 Mio verkaufte Platten
Respekt, dass hätte ich nicht erwartet. Nur Madonna hat mehr verkauft. Also es ist ja jetzt nicht so, dass ich das anzweifeln will. Aber ist das tatsächlich so verifiziert?
Respekt, dass hätte ich nicht erwartet. Nur Madonna hat mehr verkauft. Also es ist ja jetzt nicht so, dass ich das anzweifeln will. Aber ist das tatsächlich so verifiziert?
Jay Bates 06.02.2018
2. Sie kann auch Klassik
Man höre sich Schuberts "Ständchen" auf YouTube an: Eine wunderbare glockenreine und gut geschulte Stimme.
Man höre sich Schuberts "Ständchen" auf YouTube an: Eine wunderbare glockenreine und gut geschulte Stimme.
Robert Squatter 06.02.2018
3. Hallo Henning
Welche Dame soll denn noch mehr verkauft haben? Mir kommen „nur“ Ella, Edith oder Om Khalsoum in den Sinn.
Welche Dame soll denn noch mehr verkauft haben? Mir kommen „nur“ Ella, Edith oder Om Khalsoum in den Sinn.
Henning Wehrmann 07.02.2018
4. naja
Ich hätte jetzt gedacht, dass in der heutigen Zeit, wo es so leicht wie noch nie ist, Songs zu kaufen, auch eher heutige Stars diese Mengen verkauft hätten. Also solche wie Adele, Taylor Swift oder so. Wobei ich allerdings [...]
Ich hätte jetzt gedacht, dass in der heutigen Zeit, wo es so leicht wie noch nie ist, Songs zu kaufen, auch eher heutige Stars diese Mengen verkauft hätten. Also solche wie Adele, Taylor Swift oder so. Wobei ich allerdings nicht weiß, wie da gezählt wird.
Andreas Quintern 07.02.2018
5. Eine
absolut tolle Sängerin!
absolut tolle Sängerin!

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