Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Welterbe in Peru

Wie eine Deutsche die Nazca-Linien rettete

Die 1500 rätselhaften Scharrbilder im Süden Perus sind weltberühmt. Maria Reiche, Forscherin aus Leidenschaft, bewahrte die Nazca-Linien vor der Auslöschung. In Deutschland kennt die gebürtige Dresdnerin fast niemand.

Archivo privado Maria Reiche/ Ana Maria Cogorno
Von
Freitag, 08.06.2018   14:33 Uhr

Tausende Kilometer winden sich die Schnellstraßen der Panamericana durch die Landschaften Südamerikas. Nahe der peruanischen Stadt Nazca ist links und rechts der Straße nur Wüste zu sehen, ab und zu ein vertrockneter Strauch oder umherwehender Müll. Bis plötzlich, mitten in der Ödnis, Touristen aus einem Bus strömen. Ein rostiger, gut 25 Meter hoher Metallturm ist ihr Ziel.

Nach 48 Stufen geschieht oben Erstaunliches. Die Landschaft verändert sich. Während der Wind einem scharf ins Gesicht bläst, sind im Sand Muster zu erkennen: Ein Kolibri, ein Wal, ein Affe oder auch eine Spinne - Reliefs mit riesigen Figuren spannen sich Hunderte Meter weit über den Wüstensand. Mehr als 1500 dieser jahrtausendealten Bilder wurden hier geschaffen.

Um 800 vor Christus scharrten die einstigen Bewohner bei Fruchtbarkeitsritualen die Geoglyphen in die obere Gesteinsschicht des Wüstenbodens. Längst sind die Nazca-Linien weltberühmt, 1994 wurde das Gebiet zum Weltkulturerbe erklärt. Jedes Jahr ziehen die gigantischen Figuren Hunderttausende Touristen an. So wie am Metallturm bei Nazca, benannt nach seiner deutschen Stifterin zu "Torre Maria Reiche".

Video: Peru - Archäologen filmen neue Wüstenbilder

Foto: REUTERS

Entlang der Panamericana begegnet man diesem Namen bald wieder. 25 Kilometer weiter beschäftigt sich das "Maria Reiche Museum" mit der unglaublichen Lebensleistung der deutschen Forscherin. Jahrzehnte ihres Lebens opferte sie der Aufgabe, die mysteriösen Zeichnungen im Wüstenboden zu erforschen und das Geheimnis der Entstehung zu lüften.

Überflug auf den Kufen eines Helikopters

Maria Reiche, am 15. Mai 1903 in Dresden geboren, studierte dort an der Technischen Universität Mathematik, Astronomie, Geografie und Fremdsprachen. Sie wanderte nach Südamerika aus und arbeitete ab 1932 als Kindermädchen und Lehrerin für den Nachwuchs eines deutschen Konsuls in der Anden-Stadt Cuzco. 1940 wurde sie Assistentin von Paul Kosok. Der US-Archäologe erforschte die Nazca-Linien, die man nur aus der Luft in ihrer ganzen Pracht erkennen konnte und die zunächst für Bewässerungsgräben gehalten wurden.

Kosok kehrte in die USA zurück, Reiche machte weiter und fand ihre Lebensaufgabe. Mit langen, anstrengenden Gänge durch die Wüste bei Temperaturen um die 40 Grad im Schatten kartierte sie das Gebiet. Die Einheimischen machen es ihr nicht leichter. Eine "gringa", die ohne Mann durch die Wüste zieht und uralte Symbole betrachtet - ein Unding für die Machogesellschaft. Die Peruaner verlachten sie zunächst als "bruja", als Hexe.

Fotostrecke

Nazca-Forscherin: In Deutschland unbekannt, in Peru verehrt

Bis zu 14 Stunden war Reiche täglich an den Scharrbildern unterwegs, um ihren Zweck zu ergründen. Sie vermutete, dass die Erbauer sie als Sonnenkalender und Sternwarte für astronomische Zyklen genutzt hatten. Im Juni 1955 nutzte Reiche eine Mitfluggelegenheit - indem sie einen Hubschrauberpiloten in der Colorada-Pampa dazu überredete.

Die leidenschaftliche Forscherin trieb eine hochwertige, wuchtige Plattenkamera auf, befestigte sie unter der Maschine und ließ sich selbst mit einem Seil an den Streben der Kufen festzurren. So startete Reiche, im Alter von schon 52 Jahren, zum Überflug und konnte die rätselhaften Erdzeichnungen mit "einem Elefant von Kamera", wie sie sagte, dokumentieren.

Ein Leben in Armut

Reiche führte ein spartanisches Leben in der Wüste, mal im Zelt, mal in einem Häuschen. Im Schlafzimmer standen nur ein Bett, die Schreibmaschine und ein Tisch, das musste reichen. Statt Schuhen trug sie Teile alter Autoreifen an den Füßen und notierte: "Für mich und die Mäuse war es eine aufregende Zeit. Einmal fing ich in einer Nacht 18 Mäuse in der Falle. Dass sie mein Brot fraßen, hätte ich verziehen, dass sie meine Zeichnungen fraßen, konnte ich ihnen nicht verzeihen."

Nach Jahrzehnten forderte dieses raue Leben unter härtesten Bedingungen seinen Tribut: Ab 1987 erblindete Reiche, sie erkrankte an Morbus Parkinson und Hautkrebs. Mit ihrer Arbeit wollte sie dennoch nicht aufhören und ließ sich am Ende huckepack zu den Riesenbildern tragen.

Nachdem der Schweizer Pseudowissenschaftler Erich von Däniken in den Siebzigerjahren seine Theorie vorgestellt hatte, die Nazca-Linien seien Teile einer Art Landebahn für Außerirdische gewesen, schrieb Reiche ihm wütende Postkarten. Sie konnte seine unwissenschaftliche Arbeit nicht ausstehen. Däniken wurde mit seinen Fantastereien reich, sie blieb arm. Doch das störte Reiche nicht.

Im Juni 1998 lag Reiche, inzwischen 95, schließlich in einem Luftwaffenkrankenhaus in Lima. Eierstockkrebs. An ihrem Bett saß Adoptivtochter Ana Maria Cogorno, streichelte Reiches schlohweißes Haare und spielte ihr per Kopfhörer Lieblingslieder vor. Bis Maria Reiche vor genau 20 Jahren starb: Am 8. Juni 1998 fand die Forscherin, die Jahrzehnte unermüdlich in der Wüste schuftete, ihre letzte Ruhe. Sie wurde neben dem Museum beerdigt.

Sie rettete die berühmten Scharrbilder

Verbitterung scheint mitzuschwingen, wenn Cogorno an die mangelnde Anerkennung erinnert, die Reiches Arbeit zeitlebens in ihrer Heimat erfuhr: "Aus Deutschland gab es keine Hilfe. Nur in den Achtzigerjahren interessierte sich ein deutscher Botschafter für die Arbeit. Es ist eine Schande." Immerhin: 1983 zeichnete man die gebürtige Dresdnerin mit dem Bundesverdienstkreuz aus; finanzielle Unterstützung blieb jedoch aus.

In Peru erhielt sie auch zwei Orden sowie fünf Ehrendoktortitel. Ohne Reiche würde es die berühmten Nazca-Linien heute wohl gar nicht mehr geben. "In den Fünfzigerjahren sollte ein großes Bewässerungsprojekt das gesamte Areal überfluten", erklärt Cogorno, "die Zeichnungen wären verloren gewesen. Sie verhinderte das."

Sicher sind die Nazca-Linien noch lange nicht: So hinterließen 2012 und 2013 Fahrer der nach Südamerika verlegten Rallye Dakar Schäden. 2014 beschädigten ausgerechnet Greenpeace-Aktivisten das Weltkulturerbe bei einer Protestaktion zur Weltklimakonferenz. Und im Januar 2018 bretterte ein Fahrer mit seinem Lkw einfach quer durch die Linien. Regengüsse und andere Witterungseinflüsse gefährden sie ohnehin.

Indes gibt es Hoffnung, dass ambitionierte Forscherinnen künftig mehr Unterstützung erfahren werden, als sie Maria Reiche zuteil wurde. Cornelia Hähne leitet die Stabsstelle Diversity Management an der TU Dresden, wo die junge Maria 1928 ihr Staatsexamen ablegte. "Seit 2011 haben wir 51 junge Wissenschaftlerinnen gefördert, damit sie zum Beispiel eine Habilitation machen können", erklärt Hähne und ist sicher, dass die Erforscherin der Nazca-Linien sich darüber gefreut hätte. Name der Fördermaßnahme: das "Maria-Reiche-Programm".

insgesamt 8 Beiträge
Joachim Kappert 08.06.2018
1. bekannt
Für Leute, die sich mit vorkolumbianischen Kulturen beschäftigen, ist Maria Reiche schon eine bekannte Person. Jetzt ist auch ein peruanischer Flughafen nach ihr benannt.
Für Leute, die sich mit vorkolumbianischen Kulturen beschäftigen, ist Maria Reiche schon eine bekannte Person. Jetzt ist auch ein peruanischer Flughafen nach ihr benannt.
Matthias Winkler 08.06.2018
2. Maria Reicht ist nicht unbekannt
Wer sich nur ansatzweise mit den Linien beschäftigt hat, kennt Maria Reiche. Es gibt da auch schöne Veröffentlichungen auf dem Buchmarkt. Allerdings wäre es in der Tat schön, wenn mehr auf sie hinweisen könnte. An dem Haus [...]
Wer sich nur ansatzweise mit den Linien beschäftigt hat, kennt Maria Reiche. Es gibt da auch schöne Veröffentlichungen auf dem Buchmarkt. Allerdings wäre es in der Tat schön, wenn mehr auf sie hinweisen könnte. An dem Haus in Dresden, in dem sie lange wohnte, zum Beispiel. Oder wenn die Medien bei neuen Meldungen über die Linien (wie die jüngsten Entdeckungen, die vom Flugzeug aus gemacht wurden), sie als eigentliche "Entdeckerin" der Linien nennen würden.
koyaanisqatsi 08.06.2018
3. nochmal unbekannt
War auch mein erster Gedanke: die kenne ich doch seit den frühen 80-ern! Hoimar v. Dithfurth, und auch den unsäglichen Däniken gelesen. Aber trotzdem: in der breiten Öffentlichkeit fehlt ihr bisher die verdiente Anerkennung. [...]
War auch mein erster Gedanke: die kenne ich doch seit den frühen 80-ern! Hoimar v. Dithfurth, und auch den unsäglichen Däniken gelesen. Aber trotzdem: in der breiten Öffentlichkeit fehlt ihr bisher die verdiente Anerkennung. Es hat heute nicht einmal zu einem Google-Doodle gereicht :(
Birgit Schimmer 08.06.2018
4. Ganz so unbekannt.....
ist Frau Reiche nicht. Eine Doku aus der Reihe Terra X hat sich im Jahr 2009 mit ihrem Leben/ihrer Arbeit beschäftigt 'Im Bann der Nazca Linien'; steht lt. Wiki auf YouTube.
ist Frau Reiche nicht. Eine Doku aus der Reihe Terra X hat sich im Jahr 2009 mit ihrem Leben/ihrer Arbeit beschäftigt 'Im Bann der Nazca Linien'; steht lt. Wiki auf YouTube.
Karin Sampers 09.06.2018
5. Keine Unbekannte
Menschen die sich für Peru interessierten und viele Pack-Packer der 70-80 er Jahre kannten sie und haben sie besucht. Sie hielt Vorträge vor vielen Interessierten aus den USA, Frankreich, England, Schweiz ,Spanien und [...]
Menschen die sich für Peru interessierten und viele Pack-Packer der 70-80 er Jahre kannten sie und haben sie besucht. Sie hielt Vorträge vor vielen Interessierten aus den USA, Frankreich, England, Schweiz ,Spanien und vereinzelte Deutsche die sich für die Inkas und das Land begeistern konnten. Für Viele war sie ein Geschenk. Das die regierenden aus Deutschland sie vergessen haben ist kein Wunder Wer interessiert sich aus diesen Kreisen denn um eine Wissenschaftlerin mit eigenem Kopf, die auch noch in Peru lebt. Die meisten kennen doch nur ihren Wahlbezirk, dann hört es schon auf. Und wenn ein Land für die Wirtschaft uninteressant ist, wissen diese Leute noch nicht mal das es das Land gibt.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP