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Nelson Mandela

"Gottes Geschenk für Südafrika"

Am 18. Juli 1918 wurde der Mann geboren, der es schaffte, das Apartheid-Regime Südafrikas zu beenden. Dank Nelson Mandela endete die Revolution nicht im Blutbad - sondern in einer friedlichen Wende.

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Mittwoch, 18.07.2018   06:49 Uhr

Wenn er in den Himmel kommen sollte, so pflegte Nelson Mandela als Pensionär zu scherzen, würde er sich als Erstes beim Ortsverein des African National Congress (ANC) anmelden. Der alte Herr wollte über sein Leben hinaus mit der Befreiungsbewegung verbunden bleiben, die 1955 in ihrer Charta geschrieben hatte: "Südafrika gehört allen, die darin leben, Schwarzen und Weißen."

Mandela glaubte an diese Vision, ungeachtet der damals herrschenden Realität: Am Kap regierten die Weißen. Ihre Staatsdoktrin der Apartheid erniedrigte Schwarze zu Menschen zweiter Klasse. Weil er den bewaffneten Kampf gegen dieses Unrecht unterstützte, kam Mandela vor Gericht. Der Staatsanwalt forderte die Todesstrafe; die Richter verurteilten den "Terroristen" 1964 zu lebenslanger Haft.

Dass Mandela damals am Leben blieb, sollte sich als historischer Glücksfall erweisen. Denn 27 Jahre später verhinderte der gerade aus dem Gefängnis Entlassene das weltweit befürchtete Blutbad am Kap. In dramatischen Gesprächen steuerte Mandela den Machtwechsel von der weißen Minderheit hin zur schwarzen Mehrheit. Statt Rassenkrieg erzielte er eine Verhandlungslösung: Die Weißen sollten sich weiter in Südafrika zu Hause fühlen, jetzt freilich nicht mehr als Herrenmenschen, sondern als gleichberechtigte Bürger in einer "Regenbogengesellschaft".

Video: Obamas Rede zur Ehren von Mandela - mit Seitenhieb auf Trump

Foto: REUTERS

Seine versöhnliche Haltung erklärte das Apartheids-Opfer Mandela mit der Erkenntnis, dass "nur ein Mensch ohne Hass frei" sein könne. Deshalb habe er "nicht zugelassen, dass der Hass mein Denken bestimmt". "Im Menschen ist eine Neigung zur Güte", schrieb er in seinen Memoiren. Nach Bischof Tutus Beobachtung sah Mandela einen Feind als "jemanden, der darauf wartet, zum Freund bekehrt zu werden".

Dank seiner außergewöhnlichen Ausstrahlung bekehrte der hochgewachsene Mann viele Feinde - Apartheidspolitiker wie die Präsidenten P.W. Botha und Frederik Willem de Klerk, rassistische Offiziere und Gefängniswärter. "Er war eine Erscheinung", schrieb der Vollzugsbeamte James Gregory, "die signalisierte: Ich bin ein Führer. Mich kann niemand einschüchtern."

Mandela schaffte es, aufgebrachte Menschenmassen und gewaltbereite Revolutionäre zu besänftigen. Er beruhigte zum Putsch entschlossene Generäle und hasserfüllte Stammesführer. Er überzeugte verängstigte Weiße nach der Wende, im Land zu bleiben, überredete westliche Industrielle zu Investitionen am unsicheren Kap. "Madiba Magic" nannten die Südafrikaner den seltsamen, von Mandela ausgehenden Zauber - nach seinem Clan- und Ehrennamen Madiba.

Angst vorm Fliegen mit schwarzem Piloten

Rolihlahla Mandela, geboren am 18. Juli 1918 in der Transkei, hütete als Junge Kühe und unterzog sich den traditionellen Initiationsriten seines Xhosa-Volkes - "stolzen Menschen mit einem unerschütterlichen Glauben an Recht, Erziehung und Höflichkeit". Seinen britischen Vornamen Nelson erhielt Mandela auf der Missionsschule. Als Spross eines Häuptlingsgeschlechts durfte er als einer von ganz wenigen Schwarzen Jura studieren. Mit seinem Freund Oliver Tambo eröffnete Mandela die erste schwarze Anwaltskanzlei in Johannesburg. In der Metropole lernte er die Apartheid mit ihren getrennten Wohngebieten, Bussen und Parkbänken kennen; er traf aber auch Weiße, die mit ihm im ANC gegen den Rassenstaat kämpften.

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Nelson Mandela: "Gottes Geschenk für Südafrika"

Mandela organisierte Massenproteste gegen die Apartheid und fand zudem Zeit, das Großstadtleben zu genießen. Er hielt sich in einem Boxklub fit, besuchte Musikshows und ging ins Kino. Für den stets modisch gekleideten jungen Juristen bedeutete es keinen Widerspruch, stolzer Afrikaner zu sein und "in vieler Hinsicht" im "englischen Gentleman ein Vorbild" zu sehen. Mandela reflektierte unbefangen über vom Rassismus ausgelöste Komplexe: In seiner Autobiografie erzählt er, wie er erschrak, als er 1961 in Äthiopien zum ersten Mal in ein Flugzeug stieg, das von einem schwarzen Piloten gesteuert wurde. Bald aber erfüllte ihn das mit Stolz.

Weiße Wahlstimmen für den Versöhner

Mandelas Lebenskraft war unerschütterlich. Nach seiner Verurteilung 1964 schrieb er in Haft eine Examensarbeit für einen Fernkurs an der Universität London - obwohl ihm die Hinrichtung drohte. In den Jahren auf der Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt machte er das Zuchthaus zu einer "Gefängnisuniversität": Gebildete Häftlinge hielten Vorträge über Geschichte und Literatur und lehrten Analphabeten Lesen und Schreiben.

Als loyaler ANC-Mann lehnte Mandela in den Achtzigerjahren Angebote ab, sich vom bewaffneten Kampf loszusagen und dafür entlassen zu werden. Gleichzeitig nahm er jedoch geheime Verhandlungen mit dem Regime auf - zunächst im Alleingang. Falls sie damit nicht einverstanden wären, übermittelte Mandela den im Exil agierenden Führungsgenossen, könnte sie sich ja vom Fehltritt eines isolierten alten Mannes distanzieren.

Doch der ANC zog mit und zwang das durch Protestaktionen und Wirtschaftssanktionen unter Druck geratene Apartheid-Regime zu sensationellen Konzessionen: 1990 ließ die Regierung Mandela frei; der ANC und alle anderen verbotenen Parteien wurden wieder zugelassen; für 1994 kündigte man Wahlen nach dem Prinzip "one man, one vote" an. Die gewann Mandelas ANC überlegen, auch viele Weiße gaben dem großen Versöhner ihre Stimme.

Video: Die Wahl Nelson Mandelas - Ein Land am Rande des Bürgerkriegs (1994)

Foto: SPIEGEL TV

Als Südafrikas Präsident versuchte Mandela, das Los der schwarzen Massen zu verbessern. Er ließ Hunderttausende Wohnungen bauen, brachte Wasser und Elektrizität in Slumgebiete. Ein Drittel seines Gehaltes spendete er für bedürftige Kinder. Wenn er zum Dinner eingeladen wurde, schüttelte er auch Köchen und Putzfrauen die Hand. Das Potenzgehabe und die Protzerei vieler afrikanischer Amtsbrüder waren ihm fremd. Lieber genoss er seine Stellung, indem er in seinen lässig geschnittenen, farbenfrohen Hemden Popstars und Sportidole aus aller Welt empfing.

Dinner mit dem Todfeind

Unter Mandela begann ab 1996 eine "Wahrheitskommission", die südafrikanische Geschichte aufzuarbeiten. Der Präsident liebte eindrucksvolle Gesten. So vermittelte er Treffen von Frauen und Witwen früherer Apartheidspolitiker mit Frauen und Witwen schwarzer Aktivisten. Den pensionierten Staatsanwalt Percy Yutar, der einst seinen Tod gefordert hatte, lud er zum Mittagessen ein.

Mehr zum Thema - SPIEGEL BIOGRAFIE 2/2018

Unvergessen ist Mandelas Einsatz für Südafrikas Rugby-Nationalteam. Das war damals noch völlig weiß; die Schwarzen des Landes pflegten zu jubeln, wenn Südafrika verlor. Denn Rugby galt, anders als Fußball, als Sport der Weißen. Bei den Weltmeisterschaften 1995 in Südafrika erschien der Präsident indes im Trikot der ungeliebten Nationalmannschaft im Johannesburger Ellis-Park-Stadion und feuerte die Spieler an. Unter Mandelas Augen schlugen die Südafrikaner die favorisierten Neuseeländer und wurden Champion. Eine Sensation mit Folgen: Heute gehören sechs Schwarze zu Südafrikas Rugby-Kader. Im Juni 2018 spielte die Nationalmannschaft zum ersten Mal mit einem schwarzen Kapitän.

Weniger erfreulich steht es heute um Mandelas lebenslange politische Heimat, den African National Congress. Zwar gewann der ANC alle Wahlen, seit der damals 79-jährige Präsident 1999 seine Amtsperiode beendete. Doch verglichen mit Mandela blieben die ihm folgenden Staatsoberhäupter Schattenfiguren. Der ruhmreiche ANC verlor immer mehr Anhänger; seit Mandelas Ausscheiden verkommt der einstige Zusammenschluss opferbereiter Idealisten zu einer Versorgungsinstitution für alte Kämpfer und zu einem politischen Machtinstrument für Karrieristen. Schon lange vor Mandelas Tod im Dezember 2013 sagte Thabo Mbeki, sein erster Nachfolger auf dem Präsidentenposten, was viele Südafrikaner glauben: "Nelson Mandela ist Gottes Geschenk für unser Land."

insgesamt 5 Beiträge
sterling 18.07.2018
1. Und jetzt
Sind die weißen Bürger 2ter Klasse. Aber davon etwas zu lesen das die schwarzen die weißen in Süd Afrika enteignen wollen ist natürlich fehl am Platz....Man stelle sich vor Ungarn würde alle schwarzen enteignen wollen, dann [...]
Sind die weißen Bürger 2ter Klasse. Aber davon etwas zu lesen das die schwarzen die weißen in Süd Afrika enteignen wollen ist natürlich fehl am Platz....Man stelle sich vor Ungarn würde alle schwarzen enteignen wollen, dann würde man auf SPON wahrscheinlich so viele Berichte wie über Donald Trump lesen können. Süd Afrika ist immer noch ein failed state. Ich habe das Gefühl das die Rassen Probleme dort für immer fortbestehen werden solange die schwarze Bevölkerung keine Gerechtigkeit erfährt. Und ich sehe nicht das sich die Soziale Lage der schwarzen Bevölkerung dort in Zukunft bessern wird.
Uwe Kastner 18.07.2018
2. Unabhängigkeitspräsidenten von Namibia
Als Deutsch-Namibier und seit vielen Jahren Bewohner Kapstadts bin ich etwas verwundert über Ihre Darstellung von Oliver Tambo als späteren Unabhängigkeitspräsidenten von Namibia. Sam Nujoma war der erste Präsident des [...]
Als Deutsch-Namibier und seit vielen Jahren Bewohner Kapstadts bin ich etwas verwundert über Ihre Darstellung von Oliver Tambo als späteren Unabhängigkeitspräsidenten von Namibia. Sam Nujoma war der erste Präsident des unabhängigen Namibia's, Nelson Mandela war während der Vereidigungszeremonie anwesend.
Christoph Riecker 18.07.2018
3.
Wie Uwe Kastner schon richtig schrieb, war Oliver Tambo nie Präsident von Namibia. Von Namibia erhielt es posthum 2919 den zweithöchsten Orden des Landes, den Adlerorden. That's it. Ich hatte das Glück in den 90er Jahren in [...]
Wie Uwe Kastner schon richtig schrieb, war Oliver Tambo nie Präsident von Namibia. Von Namibia erhielt es posthum 2919 den zweithöchsten Orden des Landes, den Adlerorden. That's it. Ich hatte das Glück in den 90er Jahren in SA zu leben. Was für eine Stimmung, Euphorie nach Mandelas Freilassung. Und die erhabene und gleichzeitig fröhliche Stimmung am Wahltag 1994. Schade, dass seine Nachfolger nicht einen Hauch von Mandela übernommen haben. Mbeki war schwach, Zuma korrupt und Ramaphosa ist leider ebenfalls nicht besser, obwohl gut vernetzt und intelligent. Die Art, wie er schon früh zu Reichtum gekommen ist, spricht nicht für ihn. Ich befürchte, das Land wird weiter stagnieren oder gar absinken. Schade um dieses schöne Land und den wunderbaren Leuten.
Alfred Ratner 18.07.2018
4. Mandelas Wirkung wird überschätzt
Was er geleistet hat, war sicher phänomenal. Sein Charakter, zumindest der öffentlich bekannte, einwandfrei. Aber: Sein Vermächtnis wird von denen, die ihm so viel zu verdanken haben, mit Füßen getreten.
Was er geleistet hat, war sicher phänomenal. Sein Charakter, zumindest der öffentlich bekannte, einwandfrei. Aber: Sein Vermächtnis wird von denen, die ihm so viel zu verdanken haben, mit Füßen getreten.
Jack Trevor 19.07.2018
5. Schoen geschrieben
Aber leider nicht die heutige Realitaet. SA ist ein failed Staate. Wie gesagt heute sind die Weissen Buerger 2ter Klasse. Die Buren, die die Farmen wirtschaftlich nutzen und das Rueckrad der Wirtschaft sind werden ermordet und [...]
Aber leider nicht die heutige Realitaet. SA ist ein failed Staate. Wie gesagt heute sind die Weissen Buerger 2ter Klasse. Die Buren, die die Farmen wirtschaftlich nutzen und das Rueckrad der Wirtschaft sind werden ermordet und Enteignet Davon steht nichts in den Medien, nach denen existiert kein Reversrassismuss. Mandelas Regenbogengesellschaft war ein Traum. Er wusste dieser laesst sich nicht verwirklichen, deshalb beteiligte er sich auch nicht lange an dieser Regierung. SA hat ein Beispiel vor der Haustuer. Zimbabwe . auch dort wurden die Weissen vertrieben und ermordet, nichts Erwaehnungswertes in den Medien. Viele von dort, auch Schwarze haben sich in ganz Europa niedergelassen.und sind von dort geflohen. Heute will man die Weissen zurueck, diese sollen die zerstoerte Infrastrucktur wieder aufbauen. Mugabe wurde nach 20jaehriger Misswirtschaft geausted, nicht verurteilt. Solange es gegen die eigene Rasse geht ist die Welt in Ordnung, wenigsten nach den Medien und vieler Gutmenschpolitiker, die Weltweit mehr Leid und Schaden anrichten und sich dabei noch Gutfuehlen, so wie dieser Bericht.Das ist das Perverse daran.

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