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einestages

Bekenntnisse einer Katalog-Leserin

Otto... fand ich gut!

2019 endet eine Ära: Ein bekanntes Hamburger Versandhaus schafft seine gedruckten Kataloge ab. Für einestages-Autorin Philine Gebhardt Anlass zurückzublättern - in ihre Jugend in den Neunzigern.

Otto
Sonntag, 22.07.2018   12:13 Uhr

Meine Geschwister und ich haben viel mit Otto angestellt: Abschussrampen für Matchbox-Autos gebaut, Wettbewerbe im Gewichtheben veranstaltet, auf Mäuse geschlagen und kleine Brüder vermöbelt.

Mein Interesse an Mode weckte der Versandhauskatalog, der im Dezember zum letzten Mal erscheinen wird, aber erst 1993, da war ich elf. Claudia Schiffer - damals 23 und schon Supermodel - lächelte vom Cover. Ich kannte sie natürlich... nicht. Ich verstand auch nicht, was dieses Mädchen mit Schlupflidern qualifizierte, als "Starmodell" gepriesen zu werden.

Blättern statt Bummeln

Trotzdem blätterte ich langsam durch die Seiten, im Teil "Mode für die Frau" suchte ich diese Claudia in der flauschigen Daunenjacke von der Titelseite. Ich fand Modelle in Rollkragenpullis und Karottenhosen, die nach Mutti aussahen. Dann endlich der "Star" jener Herbst/Winter-Ausgabe: Lieb und brav schaute sie aus meinem Hochglanz-Bilderbuch.

Fotostrecke

Durchgeblättert: Zeitreise mit dem Otto-Katalog

In der Ausgabe zwei Jahre später - ich war nun mitten in der Pubertät - sah das schon anders aus: Claudia im roten, tief dekolletierten Kleid mit Spaghettiträgern, von denen ihr einer von der Schulter rutscht. Sie blickt aus den Augenwinkeln in die Kamera. Im Innenteil des Katalogs trägt sie ein kleines Schwarzes mit Tüllrock, wirft die blonde Mähne zurück. Sie zeigt nackte Haut, ihr Mund ist leicht geöffnet, der Blick "verrucht". Der "Playboy" hätte sie auch nicht besser in Szene setzen können. Meine großen Brüder hätten mir nie erlaubt, ein solches "Pretty Woman"-Negligé zu tragen.

Dutzende Seiten später folgten Herrenanzüge und Hemden - langweilig. Dann: "Young Fashion", Klamotten für Twens und Teenies - das war aufregend: Ich schwärmte für die Otto-normal aussehenden Model-Jungs, wenn sie in Boxershorts und Schwimmhose posierten. Die Mädchen-Models beneidete ich. Sie waren fesch und guckten so cool. Outfits, die mir am besten gefielen, pappte ich an eine Pinnwand.

Keine virtuelle, wie man sie aus sozialen Netzwerken kennt. Damals hatten wir kein Internet, keinen Musik-Streamingdienst, keine Smartphones. Wir hatten einen klotzigen Computer mit grün-schwarzem Monitor zum Pac-Man-Spielen. Wir hatten selbstbespielte Kassetten. Wir hatten ein Telefon mit Schnur und Wählscheibe.

Von der Badewanne ins Bett

Meine Welt war analog, Printprodukte waren meine Leidenschaft. In der Schule las ich Goethe und Kafka, daheim schmökerte ich in Fernsehzeitschriften, Prospekten, Anzeigenblättern - und eben dem Otto-Katalog. Er war Ersatz für die "Bravo", die ich nicht lesen durfte. Der - bis auf Claudia - züchtige Otto dagegen war genehmigt. Mit ihm verkroch ich mich in meinem Zimmer.

Der gewichtige Werbe-Wälzer war in unserem Zuhause begehrt: auf dem Sofa in die Badewanne, im Bett und in meinen Händen.

Er weckte einen Haben-Wollen-Reflex, den ich bislang nur bei Barbies verspürt hatte. Von meinem Taschengeld aber konnte ich mir maximal ein T-Shirt für fünf Mark leisten. Die Tischtennisplatte von Seite 800 blieb unerreichbar. Kühlschränke, Kochtöpfe, Teppiche, Tupperdosen rangierten auf der "Echt öde"-Skala oben; die Hi-Fi-Anlage mit mp3-Player und der pinkefarbene Walkman hingegen "waren total abgefahren".

Otto wird omnipräsent

Dann weitete Otto sein Werbe-Imperium aus. Der Jingle "Otto...find ich gut", der im Radio dudelte, hängt mir noch immer in den Ohren. Die TV-Spots finde ich heute noch lustig:

Allerdings: Je älter ich wurde, umso uncooler wurde es, nach Katalog auszusehen. Mein Teenager-Look war abgewetzt: schmuddelige, selbstgestrickte Oversize-Pullis, zerrissene, geflickte Jeans und schwarze Doc Martens. Dessen ungeachtet versuchte der Postbote weiterhin zweimal im Jahr, das 1200-Seiten-Ding in unseren Briefkasten zu stopfen. Doch ich ließ den Dicken links liegen.

Heute würde ich gern einen Trip in die Vergangenheit unternehmen und einen Otto-Katalog wälzen. Aber woher bekommen? Er liegt noch nicht mal mehr auf dem Tisch meiner Oma, die nie im World Wide Web ist. Meine Mutter entsorgte vor Jahren alle Kataloge, die sich in einem Sideboard getürmt hatten. In der Kommode stapeln sich jetzt Fotoalben mit Hochglanzfotos von meinen Geschwistern und mir.

Der gedruckte Otto ist begraben wie Musikkassetten und Wählscheiben-Telefone. Die Kataloge meiner Lieblingsläden landen zum Downloaden in meinem E-Mail-Postfach, wenige Megabytes stark. Die Seiten von Online-Anbietern wie Zalando, Ikea und Co. sind in meinem Browser gebookmarkt - Otto ist nicht dabei.

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