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einestages

Petra Kelly und Gert Bastian

Tödliche Schüsse im Reihenhaus

Sie waren Galionsfiguren der Friedensbewegung und der Grünen: Petra Kelly und Gert Bastian wirkten unzertrennlich - bis der Ex-General 1992 erst die Pazifistin, dann sich selbst erschoss.

ullstein bild
Von Marina Friedt
Mittwoch, 29.11.2017   10:07 Uhr

Der Tatort: ein unscheinbares Reihenhaus in der Swinemünder Straße in Bonn-Tannenbusch. Eine Sackgasse. Von außen bürgerliche Idylle mit Rüschengardinen und Kitschfiguren im Fenster, an der Haustür klebt eine Friedenstaube, daneben ein Kranz von Trockenblumen.

Im Inneren spielte sich zuvor eine deutsche Tragödie ab. Um 21.27 Uhr geht am 19. Oktober 1992 der Notruf einer Nachbarin bei der Polizei ein. Um 22.10 findet die Mordkommission zwei stark verweste Leichen. Vor dem Haus tummeln sich schon Reporter. In ersten Meldungen ist die Rede von einem toten Politikerpaar. Es sind Petra Kelly und Gert Bastian, die Grünen-Mitgründerin und ihr Lebensgefährte.

Erstaunlich schnell kommen Ermittler und Staatsanwaltschaft zu einem eindeutigen Urteil. Spekulationen um einen Mordanschlag lässt Kommissar Hartmut Otto bereits am Nachmittag des 20. Oktober 1992 platzen. Kelly lag im Schlafzimmer, Bastian davor im Flur. Als Todesursache gibt die Polizei nach der Obduktion je einen Kopfschuss an; es gebe keinerlei Einbruchs- oder Kampfspuren oder Anhaltspunkte, dass die gefundene Derringer-Pistole nicht die Tatwaffe sei. Demnach hat Bastian erst Kelly getötet, dann sich selbst: "Bei Frau Kelly ist es ein absoluter Nahschuss, ein sogenannter aufgesetzter Schuss gewesen."

Auch fünf Monate später schließt Oberstaatsanwalt Peter Iwand im Abschlussbericht eine Beteiligung Dritter aus. Einem Freund gegenüber habe Bastian 1991 geäußert, mangels Perspektive denke er manchmal daran, "Petra im Schlaf zu erschießen und dann sich selbst". Kelly soll Zeugen gegenüber gesagt haben: "Wenn der Gert nicht mehr ist, will ich auch nicht mehr sein." Bastian sah sich als Lebensmaschine für Kelly, er habe ihre "Generalbevollmächtigung" - diese Formulierung bringt die These vom Doppelselbstmord in die Welt, schnell in Szene gesetzt von den Medien.

Abstürzende Friedenstauben

Kann es wirklich gemeinschaftlicher Suizid gewesen sein, war es Mord? Und wie passt dieser Tod zum Leben der beiden Ausnahmepersönlichkeiten, des konvertierten Offiziers und der rastlosen Idealistin, Leitfiguren der deutschen Friedensbewegung?

Petra Kelly, Aktivistin in der Frauen-, Umwelt- und Friedensbewegung, wäre heute 70 Jahre alt geworden. Sie war selbstbewusst, charismatisch, voller Elan. Sie war so empathisch wie rigoros, prägend für die linksalternative Szene der Siebziger- und Achtzigerjahre. Sie war auch: undiplomatisch, ungeduldig, unerbittlich - ihre Kompromisslosigkeit machte sie für manche Weggefährten zur Nervensäge.

Fotostrecke

Fotostrecke: Petra Kellys Leben und Tod

Geboren wurde Petra Karin Lehmann am 29. November 1947 in Günzburg, erzogen von ihrer Großmutter Kunigunde Birle. Mit 13 zog sie in die Heimat ihres Stiefvaters John E. Kelly, eines amerikanischen Offiziers, und war traumatisiert durch den frühen Krebstod ihrer zehnjährigen Halbschwester Grace 1970.

Petra Kelly stürzte sich in die Antiatomkraftbewegung und wurde nach einem Politikstudium EG-Verwaltungsrätin. 1973 gründete sie die Grace P. Kelly Vereinigung für krebskranke Kinder und ihre Familien, war 1980 Mitgründerin und erste Vorstandssprecherin der Grünen, die sie als "Antiparteien-Partei" sah und bewahren wollte. Mit als Wahlkämpferin in den USA gelernten Aktionsformen führte Kelly die Grünen 1983 in den Bundestag; sie machte auch den Dalai Lama in Deutschland und Europa gesellschaftsfähig. Und das alles mit "Letter-Power", der Macht der Briefe lange vor dem Internet.

Gert Bastian, geboren am 26. März 1923 in München, zog als 18-Jähriger überzeugt in den Krieg, wurde später Bundeswehrgeneral und wandelte sich dann zu einer Galionsfigur der Friedensbewegung. Er hatte bereits zwei erwachsene Kinder, er fuhr gern schnell Auto und besaß ein paar Waffen. Auch die eher kleine zweiläufige 38-Derringer spezial. Wegen ihres enormen Rückstoßes braucht sie eine starke Hand und ist nur aus nächster Nähe treffsicher.

Grün war die Hoffnung

Am 1. November 1980 begegneten sich Kelly und Bastian bei einer Podiumsdiskussion. Die zunächst geheime Beziehung bestimmte für die nächsten zwölf Jahre ihr Leben. Gemeinsam kämpften sie gegen Atomraketen und Aufrüstung, stritten für eine bessere Welt. Das gut eingespielte Duo agierte im Parlament wie eine Unterfraktion der Grünen, nie wie Parteisoldaten. Nicht nur spaßeshalber nannte man sie "Fraktion Kelly/Bastian".

Ihre Verbindung galt als symbiotisch. Dabei hatten beide weitere Partner. Bastian ließ sich nie von seiner Frau Charlotte scheiden, Kelly hatte zuletzt eine Beziehung zu einem tibetischen Arzt.

SPIEGEL TV (2012): Der Tod von Petra Kelly und Gert Bastian

Foto: AP

Bastian schied 1987 aus dem Bundestag aus, Kelly mit dem Wahldebakel der Grünen 1990. Beide hatten sich dem Rotationsprinzip widersetzt, das die Mandats-Aufgabe nach zwei Jahren vorsah. Kelly blieb zwar auf Distanz zu den rivalisierenden Parteiflügeln der "Fundis" wie "Realos", verstrickte sich aber in Konflikte. Die Bedeutung des zunehmend isolierten Paares schwand, dennoch arbeitete Kelly ohne Unterlass weiter. Ihr umfangreiches Werk beherbergt heute die Heinrich-Böll-Stiftung .

Die Kopfschüsse im Reihenhaus setzten allen weiteren Plänen ein abruptes Ende. Erst nach fast drei Wochen wurden die beiden Leichen entdeckt, die Tat datierte man auf den 1. Oktober. Es war der Geburtstag von Kellys geliebter "Omi Birle" - und der chinesische Nationalfeiertag.

Die letzten Tage

Anfang September hatte man sich beim damaligen Grünen-Geschäftsführer Lukas Beckmann daheim getroffen: Petra, Gert und die alte Gruppe aus der Ost-West-Arbeit, es ging um die gemeinsame Einsichtnahme in die Stasi-Akten. Aber Kellys Terminkalender war voll, man einigte sich auf Anfang Dezember. Dazu sollte es nicht mehr kommen.

Zurück von Terminen in Salzburg und Berlin hatte Kelly einiges vor: Am Donnerstag - gemeint war wohl der 1. Oktober - wollte sie laut handschriftlicher Notiz aus dem Büro der Bundestagsfraktion Korrekturen an eine Autorin in den USA faxen. Zuletzt telefonierte Lukas Beckmann nach eigenen Angaben am 1. Oktober mit Gert Bastian; Petra Kelly sei im Hintergrund gewesen.

Die Mutmaßungen, was dann passiert sein könnte, sind so vielfältig wie die Beziehungen der Menschen zu dem Ausnahmepaar. Gert Bastians Sohn, der Arzt Till Bastian, schrieb dazu das Buch "Die Finsternis der Herzen - Nachdenken über eine Gewalttat". Er nimmt an, dass sein Vater an jenem Donnerstagmorgen einen heftigen Herzinfarkt oder eine Lungenembolie hatte, in seiner soldatischen Fürsorge zur Pistole griff und Kelly mit in den Tod nahm. Das Geschehen bleibe aber, so Bastian, "letzten Endes rätselhaft".

Ein ehemaliger Liebhaber sieht Eifersucht als Ursache, wegen Petra Kellys Parallelbeziehung. Eine Freundin nennt den Altersunterschied. Tibet-Autor Stephen Batchelor, der beide noch Ende September in Berlin getroffen hatte, verwahrte sich schnell gegen die Selbstmordtheorie. 1993 beschäftigte Batchelor in seinem Text "A convenient fiction", dass der Schnellschreiber Bastian abrupt durch irgendetwas aufschreckte, um mitten im Wort "müssen" zu stoppen. Ein Geräusch? In einem Geschäftsbrief kam Bastian nur bis "müs", die elektrische Schreibmaschine lief weiter. Zudem war die Terrassentür nur angelehnt, die Alarmanlage blieb stumm.

Verwegene Spekulationen

Zudem fand sich weder ein Testament noch ein Abschiedsbrief, keine letzte Botschaft an die Welt. Ein derart sprachloser freiwilliger Tod eines Paares, das so lange so missionarisch und öffentlich lebte - kaum vorstellbar. Auch deshalb glauben manche bis heute an einen politisch motivierten Mord oder eine Tat von Agenten, wie etwa Christiane Gollwitzer, Nichte des bekannten Pfarrers Helmut Gollwitzer. Atommafia oder Nazis, Chinas Geheimdienst oder KGB - man könnte meinen, je weiter weg, desto abenteuerlicher die Ideen.

Staatsanwaltschaft und Polizei indes schlossen einen Mord sofort aus. Dagegen begann das mediale Raunen über einen gemeinsamen Suizid gleich nach dem Leichenfund: Petra Kelly und Gert Bastian, eingereiht in die Riege berühmter Selbstmordpaare wie Stefan Zweig und seine Frau Lotte, Heinrich von Kleist und Henriette Vogel, gestorben wie ihre Vorbilder Martin Luther King, Gandhi und John F. Kennedy - durch eine Kugel im Kopf.

Auch diese Spekulationen unterschlugen jedoch das Ermittlungsergebnis: Petra Kelly wurde im Schlaf erschossen - von ihrem "Helden in der Wirklichkeit". Die Pazifistin, sie starb eines gewaltsamen Todes. Einzig die "Hamburger Rundschau" titelte damals: "Mord in Bonn".

In der Titelgeschichte "Der rätselhafte Tod" schrieb der SPIEGEL 1992 zu Kelly: "Sie wollte die ganze Welt verändern, die Parteifreunde erschienen ihr provinziell." Angesichts der Gedenkveranstaltungen zu ihrem 70. Geburtstag und zum 25. Todestag - in Bad Teinach, Chemnitz, Eppendorf und Freising - scheint es, als habe man die internationale Aktivistin von der Weltbühne in die Provinz abgeschoben. Ihren grünen Parteifreunden von einst gelingt es nachhaltig nicht, die Welt zu retten.

Am 1. Dezember wird der Alternative Nobelpreis in Stockholm verliehen. 1982 erhielt Kelly diesen Preis aus den Händen von Jakob von Uexküll. Ihre Rede umfasste damals 31 Seiten. Sie hatte und hätte viel zu sagen.

insgesamt 9 Beiträge
Stefan Grau 29.11.2017
1. Spekulationen und Verschwörungen...
allerorten, nur belegen lassen sich diese nicht. Wer Beweise versucht, wird Fakten so interpretieren, dass seine jeweilige These zutrifft - und sicher auch Anhänger und Befürworter finden. Unbestritten bleibt, dass die beiden [...]
allerorten, nur belegen lassen sich diese nicht. Wer Beweise versucht, wird Fakten so interpretieren, dass seine jeweilige These zutrifft - und sicher auch Anhänger und Befürworter finden. Unbestritten bleibt, dass die beiden in der Tat im Polit-Alltag schillernde Persönlichkeiten waren, Persönlichkeiten, wie man sie heute nicht mehr findet. Und das müssen sowohl Kelly/Bastian-Anhänger als auch die Gegner der beiden zugeben. Charisma und Engagement - zwei Tugenden, die selten bis kaum noch zu finden sind.
Richard Heinen 29.11.2017
2.
Petra Kelly wurde nach den Ermittlungsergebnissen von Gerd Bastian im Schlaf erschossen, also heimtückisch, das erfüllt Merkmale des Straftatbestandes Mord. Danach der Suizid des Täters. Über das Motiv kann man nur [...]
Petra Kelly wurde nach den Ermittlungsergebnissen von Gerd Bastian im Schlaf erschossen, also heimtückisch, das erfüllt Merkmale des Straftatbestandes Mord. Danach der Suizid des Täters. Über das Motiv kann man nur spekulieren. Die Theorie Till Bastians halte ich für nicht haltbar. Aus "soldatischer Fürsorge" ein Mord, weil der Täter selber eine lebensbedrohende Erkrankung erlitten hat? Das passt nicht, erst recht nicht vor dem Hintergrund, dass Petra Kelly eine andere Beziehung gehabt haben soll. Verbleibt die Spekulation eines Beziehungsdramas. Ein alternder Mann, der seine Frau wegen einer Jüngeren verlassen hat, und nun selber vor der Gefahr steht, verlassen zu werden. Keiner kann eine begründete Erklärung geben.
Oswin Grollmuss 29.11.2017
3.
Bei einem solchen Artikel fände ich interessant zu lesen, wie die Obduktionsbefunde waren. Wenn nämlich der Sohn Bastians, der Arzt ist, von einer Angina pectoris/Herzinfarkt oder Lungenembolie ausgeht, müssten ja entsprechende [...]
Bei einem solchen Artikel fände ich interessant zu lesen, wie die Obduktionsbefunde waren. Wenn nämlich der Sohn Bastians, der Arzt ist, von einer Angina pectoris/Herzinfarkt oder Lungenembolie ausgeht, müssten ja entsprechende Hinweise im Obduktionsbericht gestanden haben. Gleichfalls müsste es Schmauchspuren an Bastians Hand gegeben haben, wenn er der Täter war. Leider erfährt man hierzu nichts Näheres.
Linda Zenner 29.11.2017
4.
Ich war damals sehr traurig. Und heute denke ich: "Was würden Petra Kelly und Gert Bastian dazu sagen, was aus ihren Grünen geworden ist? -
Ich war damals sehr traurig. Und heute denke ich: "Was würden Petra Kelly und Gert Bastian dazu sagen, was aus ihren Grünen geworden ist? -
Jörg Daumer 29.11.2017
5.
Das Motiv, wie ich es sehe, geht aus dem Text indirekt hervor. Die beiden hatten einen Termin, der Bastian wohl sehr unangenehm war.
Das Motiv, wie ich es sehe, geht aus dem Text indirekt hervor. Die beiden hatten einen Termin, der Bastian wohl sehr unangenehm war.

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