Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Kultfotograf Philippe Halsman

Für ihn sprangen sie alle

3, 2, 1... Jump! Philippe Halsman löste 1959 eine regelrechte Sprungbewegung aus. Er fotografierte Stars wie Marilyn Monroe und Grace Kelly, Audrey Hepburn und Salvador Dalí natürlich wie nie - in der Luft.

Library of Congress
Von
Mittwoch, 11.11.2015   13:24 Uhr

Alle waren erschöpft. Die drei Katzen, die in hohem Bogen in die Luft geworfen wurden. Der Assistent, der Wasser aus seinem Eimer schütten musste. Und Yvonne Halsman, die einen Stuhl emporhielt. Nur eine Person verlor an diesem 17. Februar 1948 nicht die Geduld. Unverdrossen ließ Philippe Halsman sein New Yorker Studio immer wieder für einen neuen Versuch herrichten.

Schließlich wollte der Fotograf ein Meisterwerk aufnehmen. Seinen Freund Salvador Dalí im Sprung - in der einen Hand einen Pinsel, in der anderen eine Palette. Um den Maler herum schwebt der Stuhl, eine Staffelei hängt an Fäden in der Luft. Genauso wie sein berühmtes Gemälde "Leda Atomica", eine nackte Frau, die einen Schwan umarmt. Zugleich schießt ein Wasserstrahl durchs Bild. Zusammen mit den fliegenden Katzen. Surrealismus eben.

Weil Halsman Katzen, Wasser, Stuhl und Dalí aber exakt im perfekten Moment in der Luft ablichten musste, wartete die gesamte Mannschaft nach jedem Foto gebannt auf seine Rückkehr aus der Dunkelkammer. Aber zufrieden war der Fotograf nie. Also hieß es: Katzen einfangen, Boden trocknen, alles auf Anfang.

"Nur die Katzen sahen aus wie neu"

"Sechs Stunden und 28 Würfe später befriedigte das Resultat mein Streben nach Perfektion", schrieb Halsman später. "Meine Assistenten und ich waren nass, dreckig und der Erschöpfung nahe - nur die Katzen sahen aus wie neu." Zur Belohnung verwöhnte Yvonne Halsman die Miezen mit feinsten Sardinen. Halsman erhielt seine Würdigung erst Monate später, als das Magazin "Life" das Bild mit seinem scheinbar schwerelosen Freund Dalí auf einer Doppelseite veröffentlichte.

Bald ließ Halsman Filmstars, Sportler und Musiker, Politiker und Wirtschaftskapitäne vor seiner Kamera springen. Marilyn Monroe, Grace Kelly und selbst der als griesgrämig verschriene Richard Nixon hüpften für ihn. Halsman hatte eine eigene Kunstform erfunden - die "Jumpology", angeregt durch die Zusammenarbeit mit Dalí, wie die Kunsthistorikerin Anna Feldhaus in ihrem Buch "Salvador Dali & Philippe Halsman: Das gemeinsame Werk" vermutet.

"Unsere gesamte Zivilisation, beginnend mit der frühesten Kindererziehung, lehrt uns, unsere Gedanken zu verbergen", schrieb Halsman in seinem "Jump Book" von 1959, das der Damiani-Verlag mit 178 Sprüngen von Prominenten neu herausgegeben hat. "Jedermann versteckt sich hinter einer Maske."

Fotostrecke

Kultfotos: Stars, scheinbar schwerelos

Als Fotograf setzte Halsman auf einen Trick, um hinter die Fassade der Prominenten zu blicken. Er ließ sie einfach springen. Seine Überzeugung: Mit der Energie, die sie für den Sprung aufbrachten, konnten sie ihre Fassade nicht mehr aufrechterhalten. "Die Maske fällt", behauptete er.

Stars scheinbar schwerelos

Mit 15 Jahren war Halsman, 1906 im lettischen Riga geboren, eine alte Kamera seines Vaters in die Hände gefallen. Das Medium machte ihn berühmt. Ab 1931 arbeitete er in Paris und veröffentlichte in Zeitschriften wie "Vogue" oder "Vu". Neun Jahre später musste Halsman im Zweiten Weltkrieg wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA fliehen und wurde in New York schnell zu einem der gefragtesten Porträtfotografen. 101 Titelbilder sollte er für das "Life"-Magazin schießen - so viele wie kein anderer Fotograf.

Bald äußerte Halsman bei jedem Shooting eine Bitte an Stars und Prominente: "Darf ich ein Foto von Ihnen machen, während Sie springen?"

Als Erste fragte er die Witwe des Automobilmoguls Edsel Ford bei Familienaufnahmen zum 50. Jubiläum der Ford Motor Company. Eleanor Clay Ford war fassungslos: "Sie wollen, dass ich mit meinen hohen Absätzen springe?" Schließlich zog die ehrwürdige Großmutter die Schuhe aus und hüpfte vor Halsmans Kamera auf und ab. Gerade als sie fertig waren, ertönte hinter ihnen eine Stimme. "Darf ich auch für Sie springen, Philippe?", fragte die Schwiegertochter.

Mit Freude hoben bald immer mehr Berühmtheiten ab. Mit breitem Grinsen hüpfte die junge Audrey Hepburn; Dean Martin und Jerry Lewis gingen lachend gemeinsam in die Luft; für Halsman sprang selbst Robert Oppenheimer, ehemaliger Leiter des amerikanischen "Manhattan-Projekts" zum Bau der Atombombe. Den rechten Arm in die Höhe gestreckt, als wollte er die Decke berühren.

Auf allen Bildern wirken die Springer frei und unverstellt - ohne Maske, genau wie es sich Halsman gewünscht hatte.

"Durch schieres Genie"

Nur eine wollte nicht ihr wahres Ich zeigen. Marilyn Monroe hielt sich 1954 für Aufnahmen in Halsmans Studio auf. Monroe gab sich ganz als das Sexsymbol, das Millionen Männer begehrten - durch und durch beherrscht. Erst am Ende sprang Marilyn doch. Als ihr der Fotograf seine "Jumpology" erklärte, war der Filmstar zunächst pikiert. Niemand sollte ihre wahre Persönlichkeit sehen. Erst fünf Jahre später war Monroe wieder sprungbereit. Für das Titelbild des "Life"-Magazins, das einen Artikel über die "Jumpology" brachte, hüpfte sie über 200-mal vor Halsmans Kamera auf und ab.

Bald nach der Veröffentlichung von Halsmans "Jump Book" schwappte die "Springerflut", wie sie der SPIEGEL 1959 taufte, auch nach Europa. Der Kritiker des Magazins war kein großer Freund von Halsmans psychologischen Beobachtungen und von seinem besonderen Humor: "Aufgrund jumpologischer Erfahrungen glaubte es Halsman als 'außerordentlich bedeutsam' ansehen zu können, daß beispielsweise Marilyn Monroe und Brigitte Bardot mit angewinkelten Beinen in die Luft sprangen."

Andere Fotografen kopierten die "Jumpology". So zeigte das französische Magazin "Paris Match" springende Prominente, in Deutschland war die "Neue Illustrierte" Vorreiter. Auf die Frage, wie er die "Jumpology" erfunden habe, antwortete Halsman in seinem Buch zwinkernd: "Durch schieres Genie."

Anzeige
  • Anna Feldhaus:
    Salvador Dali & Philippe Halsman:

    Das gemeinsame Werk

    KEHRER; 232 Seiten; 48,00 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.

Warum aber machten so viele Prominente mit, ohne Angst sich zu blamieren? Der Fotograf hatte für die Unsicheren eine beruhigende Antwort: "Wer Würde besitzt, kann sie nicht bei einem Sprung verlieren." Und (fast) alle sprangen in die Luft.

Auch der Künstler selbst. Das Ende des "Jump Books" zeigt ihn am Strand. Bei einem wahrhaft kühnen Sprung.

insgesamt 2 Beiträge
Roland Lüke 11.11.2015
1.
"Er fotografierte sie natürlich wie nie - in der Luft!" Ist es für einen Menschen denn so natürlich in der Luft zu sein? Ist es nicht eher unnatürlich?
"Er fotografierte sie natürlich wie nie - in der Luft!" Ist es für einen Menschen denn so natürlich in der Luft zu sein? Ist es nicht eher unnatürlich?
Frank Widmann 11.11.2015
2.
Warum werden hier Fotos gezeigt die aufgenommen wurden als Halsman schon tot war?
Warum werden hier Fotos gezeigt die aufgenommen wurden als Halsman schon tot war?

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP