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einestages

Amerikas mutigste Briefträger

"Dürre Kerle gesucht, Waisen bevorzugt"

Sie ritten um die Wette mit dem Steppenwind, trotzten Indianern, sengender Sonne und Schneestürmen: Mit einer Teenager-Truppe startete 1860 der legendäre Pony Express. Ein unsichtbarer Rivale brachte das jähe Ende.

Ed Vebell/Getty Images
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Mittwoch, 28.03.2018   11:32 Uhr

Als sie Billy Tate finden, steckt ein gutes Dutzend Pfeile in seiner Leiche. Skalpiert haben die Krieger vom Stamm der Paiute ihn nicht. Ein Zeichen der Anerkennung für einen mutigen Kämpfer, das wissen auch die Mitglieder des Suchtrupps, der Tate entdeckt hat.

Erst 14 Jahre alt war der Pony-Express-Reiter, als aufständische Ureinwohner ihn 1860 im Nordosten des heutigen US-Bundesstaats Nevada angriffen. Nahe Ruby Valley sprang er vom Pferd, verschanzte sich zwischen Felsen und tötete bei der Schießerei sieben Krieger. Er hatte nur einen Colt-Revolver mit sechs Kugeln plus Zusatzmagazin mit weiteren sechs Kugeln.

Einer der Paiute-Indianer sagte einem Zeitungsbericht zufolge später, Billy Tate habe Haare gehabt, "hell wie die Sonne, und Augen, blau wie das Wasser". Obwohl nur ein Kind, sei er den "Tod eines tapferen Mannes" gestorben.

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Pony Express: Die WhatsApp des Wilden Westens

Trotz des hohen Risikos war für junge Kerle wie Billy Tate die legendäre Postreiter-Stafette des Pony Express im Jahr 1860 die Möglichkeit, richtig viel Geld zu verdienen. Pro Monat als Reiter zwischen Sacramento in Kalifornien und Saint Joseph im Bundesstaat Missouri winkten den Wagemutigen 100 bis 150 Dollar Lohn, etwa 25 Mal so viel, wie ungelernte Arbeiter damals durchschnittlich verdienten.

Schon die Stellenanzeige las sich wie eine Drohung:

"Drahtige junge dürre Kerle gesucht, nicht älter als 18. Bewerber müssen hervorragende Reiter sein, bereit, dem Tod täglich ins Auge zu blicken. Waisen bevorzugt. Lohn: 25 Dollar pro Woche."

Binnen zwei Monaten warben drei Unternehmer, die zuvor Planwagentransporte organisiert hatten, 120 junge Reiter für den Höllenjob an. Ihre Aufgabe: in nur zehn Tagen Eilpost über 3200 Kilometer von Missouri nach Kalifornien und zurück zu transportieren. Quer durch die USA mussten sie täglich 320 Kilometer schaffen - durch die Wüsten Utahs und Nevadas, über die Rocky Mountains, durch Blizzards, Tornados und das Territorium feindlicher Indianer.

Bis zu 24 Stunden im Sattel

Am 3. April 1860 war es so weit: Der Pony Express legte los, mit 184 Stationen, 400 Pferden und mehreren hundert Angestellten. Die jugendlichen Kuriere ritten jeweils Etappen von 15 bis 20 Kilometer Länge und nach dem Pferdewechsel weiter zur nächsten Station. Nach 120 bis 160 Kilometern übernahm ein frischer Kurier. Bei Ausfällen kam es vor, dass einer der "drahtigen Kerle" zwei Schichten übernehmen und 24 Stunden durchreiten musste - oft im Galopp.

William Cody, 15, rühmte sich, sogar 515 Kilometer ohne Pause geritten zu sein. Später wurde er unter seinem Spitznamen Buffalo Bill weltberühmt, allerdings auch als Aufschneider und hemmungsloser Selbstvermarkter. Ein anderer Reiter soll 610 Kilometer mit einer neunstündigen Schlafpause geschafft haben.

Die Burschen, zumeist Teenager, durften bis zu 60 Kilogramm schwer sein, damit das Gesamtgewicht auf den Pferden unter 75 Kilo blieb. Was sie neben den in imprägnierte Seide eingewickelten Briefen in der "mochila", einer maximal zehn Kilo schweren Satteltasche, mitführten: einen Revolver, einen Wassersack, eine Bibel sowie eine Trompete, um die nächste Station auf ihr Herannahen aufmerksam zu machen. Vertraglich mussten die Männer geloben, sich stets wie Gentlemen zu benehmen, weder zu fluchen noch Alkohol anzurühren.

Zehn Tage für die Briefe, spektakulär klingt das nicht. Aber Mitte des 19. Jahrhunderts dauerte die Zustellung von der Ost- an die Westküste der USA mindestens einen und bis zu zwei Monate - wenn die Post überhaupt jemals ankam. Transportiert wurde sie per Schiff entlang der Atlantikküste zur Landenge von Panama, wurde dann durch den Dschungel getragen (den Kanal gab es noch längst nicht) und die Pazifikküste entlang gen Norden verschifft.

Die Postkutschen waren eine Alternative, aber langsam. Sie blieben im Winter oft im Schnee, bei Sturm und Regen im Schlamm stecken und bildeten zudem ein leichtes Ziel für Raubüberfälle oder Indianerangriffe.

Rekordritt in sieben Tagen und 17 Stunden

Einen Telegrafenservice gab es 1860 von der Ostküste nur bis Saint Joseph in Missouri. Viele Amerikaner hatte es damals tief in den Westen gezogen; in Kalifornien schienen seit dem Goldrausch von 1848/49 unermessliche Reichtümer zu locken. Angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung in Kalifornien und der politischen Lage - die Nation stand kurz vor dem Bürgerkrieg - waren Nachrichten immens wichtig.

Getty Images

Route des Pony Express: 3200 Kilometer von Missouri bis Kalifornien

Höchste Zeit für den Pony Express. "Eine absolute Revolution", sagt Nancy Pope vom National Postal Museum in Washington, "als wäre über Nacht der Brief durch E-Mail oder WhatsApp ersetzt worden". Zehn Tage brauchte die Reiterstafette im Sommer, zwölf im Winter. Der Rekord lag bei unglaublichen sieben Tagen und 17 Stunden - ein Durchschnittstempo von gut 17 Stundenkilometern. Bei diesem wilden Ritt wurde eine Nachricht über die Amtseinführung des frisch vereidigten Präsidenten Abraham Lincoln transportiert.

Nur wenige "mochilas" kamen niemals an. Billy Tates Kollegen Robert Haslam traf ein Pfeil an der Wange; er verlor drei Zähne, schaffte es aber noch bis zur nächsten Wechselstation. Einige Kuriere starben bei schweren Stürzen, in flirrender Wüstenhitze oder Winterstürmen.

Keine Chance gegen den Telegrafen

Für die heldenhungrigen Amerikaner wurden die verwegenen Reiter erst viel später zum Stoff für Legenden. Die Quellenlage ist dünn, Fotos gibt es nur eine Handvoll, Listen mit den Namen der Reiter sind nicht erhalten. Zahlreiche Gemälde entstanden erst Jahrzehnte nach dem Ende des Pony Express, derweil erfanden Romanautoren und notorische Flunkerer wie Buffalo Bill abenteuerliche Geschichten für Wildwest-Shows.

Pony-Express-Historiker Christopher Corbett berichtet, Autor Mark Twain habe "aus einem zwei Minuten währenden Treffen mit einem Pony-Express-Reiter elf Jahre später ein ganzes Romankapitel 'rekonstruiert' - hier dürfte ein wenig Ausschmückung mitgespielt haben".

Gesichert ist: Rund 35.000 Briefe transportierte der Pony Express von April 1860 bis Oktober 1861 und machte ein mächtiges Minus mit 90.000 Dollar Einnahmen, aber 200.000 Dollar Ausgaben. "Obwohl ein Brief - in heutige Dollars umgerechnet - etwa 130 Dollar kostete, war die ganze Unternehmung ein finanzielles Desaster", sagt Nancy Pope.

Es kam noch schlimmer: Am 24. Oktober 1861 wurde die Telegrafenverbindung zwischen der Ost- und Westküste hergestellt, nun rasten Nachrichten in wenigen Minuten durchs Land. Zwei Tage später gab der Pony Express auf. Die fast schon übermenschlichen Anstrengungen der todesmutigen Reiter hatten ihren Wert verloren. In warmen Telegrafenstuben übermittelten Männer an Tickern Informationen schnell und billig - ohne ihr zu Leben riskieren und Hunderte Pferde zu verschleißen.

Es waren nur 18 Monate, und doch lebt der Mythos bis heute fort. Jeden Juni reiten Pony-Express-Fans die 3200 Kilometer lange Originalstrecke ab und transportieren etwa 1000 bis 1200 Briefe. Wer einen Brief mit dem Pony Express von 2018 senden möchte, findet hier Infos, wie das geht.

Der große Unterschied: In diesem Jahr tragen 700 statt 20 Reiter die "mochilas" von Sacramento nach St. Joseph, jeder etwa drei bis acht Kilometer. Dean Atkin, Präsident der National Pony Express Association: "Es ist fast unmöglich, Reiter zu finden, die leisten, was die Originalreiter von damals leisteten - auch wenn heute Paiute-Überfälle ausgeschlossen werden können."

insgesamt 13 Beiträge
Michael Grinda 28.03.2018
1. ein Colt-Revolver..
....mit Zusatzmagazin? Von dem Teil würde ich gern einmal ein Foto sehen. Weiß der Autor überhaupt, worüber er schreibt?
....mit Zusatzmagazin? Von dem Teil würde ich gern einmal ein Foto sehen. Weiß der Autor überhaupt, worüber er schreibt?
Roland Neuhalfen 28.03.2018
2. Er weiß es wahrscheinlich
Laut englischen Berichten handelte es sich um eine Modell 1851 Colt Navy Pistol. Bei der kann der Zylinder getauscht werden um schneller wieder schußbereit zu sein.
Laut englischen Berichten handelte es sich um eine Modell 1851 Colt Navy Pistol. Bei der kann der Zylinder getauscht werden um schneller wieder schußbereit zu sein.
Barbara Fischer-Bossert 28.03.2018
3. @Michael Grinda
Ganz offensichtlich nicht. War auch das erste, was mir aufgefallen ist.
Ganz offensichtlich nicht. War auch das erste, was mir aufgefallen ist.
Michael Grinda 28.03.2018
4. welcher Zylinder...
....oder meinen Sie die Trommel? Die kann bekanntermaßen bei jedem Revolver getauscht werden. Wer das mal probiert hat, der weiß, wie lange das dauert. Das war bei den damaligen Situationen bestimmt nicht sehr hilfreich und ein [...]
....oder meinen Sie die Trommel? Die kann bekanntermaßen bei jedem Revolver getauscht werden. Wer das mal probiert hat, der weiß, wie lange das dauert. Das war bei den damaligen Situationen bestimmt nicht sehr hilfreich und ein zweiter Revolver wäre sicher die bessere Lösung gewesen. Aber auch das hat mit einem "Ersatzmagazin" rein gar nichts zu tun. Magazin bei Pistolen, Trommel bei Revolvern, ganz einfach.
Reinhard Kupke 28.03.2018
5. Mal bischen Licht ins Gewirr bringen
1. Der Colt 1851 Navy Pistol war ein fünfschüssiger Perkussionsrevolver, also ein Vorderlader. Im englischen hieß das Prinzip "Cap and Ball". Die Trommel, auch Cylinder genannt (m englischen Sprachraum hauptsächlich) [...]
1. Der Colt 1851 Navy Pistol war ein fünfschüssiger Perkussionsrevolver, also ein Vorderlader. Im englischen hieß das Prinzip "Cap and Ball". Die Trommel, auch Cylinder genannt (m englischen Sprachraum hauptsächlich) war also nicht komplett durchbohrt. Jede der fünf Kammern hatte hinten ein Piston, auf welches eine Zündkapsel aufgesetzt werden musste. Jede Kammer des Cylinders musste von vorn aus einem Pulverhorn mit Schwarzpulver gefüllt werden. Dann wurde vermittels der fest angebauten Ladepresse das Geschoss in jede Kammer eingepreßt und danach war der Revolver schußbereit für eben fünf Schuß. Um diesen Ladevorgang nun etwas zu beschleunigen wurden industriemäßig Fertigladungen hergestellt. Das war in Papier eingeschlagenes Schwarzpulver mit daran befestigtem Bleigeschoß. Man nannte das Papierpatrone. Zum Laden riß der Schütze das Papier auf, schüttete das Pulver in die Kammer und preßte das Geschoß mitsamt dem Papier als Kugelpflaster in die Kammer. Die Zündkapsel musste er natürlich auch noch aufstecken. Diese vorgefertigten Papierpatronen wurden in kleinen Kartons mit sechs Patronen geliefert. Das ist schon interessant, weil der Revolver ja nur fünfschüssig war. Jedenfalls kann man den Patronenkarton mit etwas Wohlwollen als Ersatzmagazin bezeichnen. Und sowohl die Bezeichnung Trommel, Cylinder oder auch Zylinder wird verwendet und ist richtig.

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