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Private Kriegsaufzeichnungen

Abgrund in der Schreibtischschublade

Held oder Täter? Lange Jahre hielt Michael Bellmann seinen Urgroßvater Ernst Ritter von Brunner für einen ruhmreichen und ehrenhaften Kämpfer des Ersten Weltkriegs. Dann entdeckte er in einem Geheimfach dessen Kriegstagebücher.

Michael Bellmann
Freitag, 22.10.2010   14:24 Uhr

Der Siegelring meines Großvaters übte auf uns Kinder eine magische Anziehungskraft aus. Wir bestaunten das edle Stück oft und löcherten den Opa mit Fragen. Was hat das zu bedeuten? Bereitwillig begann er dann von seinem Vater Ernst Brunner, meinem Urgroßvater, zu erzählen. Dass er im Ersten Weltkrieg eine steile Offizierskarriere gemacht hatte und für seinen tapferen Einsatz an der Front nicht nur den Max-Joseph-Orden verliehen bekam - die höchste Auszeichnung des bayrischen Militärs - sondern auch den Adelstitel "Ritter von". Ihm also hatten wir den Siegelring und das Familienwappen zu verdanken.

Lange Jahre war der Erste Weltkrieg für mich nichts anderes als zwei Daten: 1914 und 1918 - viel mehr als das Anfangs- und das Endjahr wusste ich nicht. Mit etwa 15 Jahren las ich Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" und begann mich angesichts dieser hautnahen Schilderung des europäischen Alptraums erstmals für den Ersten Weltkrieg zu interessieren. Mein Großvater hatte sich über dessen Brutalität stets ausgeschwiegen. Wahrscheinlich brachte ich deshalb meinen Urgroßvater nie wirklich mit den von Remarque geschilderten Kriegsgräueln in Verbindung - obwohl ich wusste, dass er an der Westfront war.

Das änderte sich, als mein Großvaters 1999 starb und wir seinen Sekretär aufräumten, den er wiederum von seinem Vater geerbt hatte. Die oberste Schublade war mit altem Wachspapier ausgekleidet, das wir heraus rissen, weil es offensichtlich in die Jahre gekommen war. Darunter entdeckten wir mehrere schwarze Büchlein, deren pergamentartige Seiten dicht mit deutscher Schreibschrift beschrieben waren. Als ich die erste Seite des ersten Bands aufschlug, war mir sofort klar: Ich hielt das Kriegstagebuch meines Urgroßvaters in den Händen. Offensichtlich hatte mein Großvater diesen Schatz über Jahrzehnte ahnungslos gehortet.

Berichte eines schneidigen Oberst

Die Eintragungen begannen am 4. August 1914 und endeten am 2. Mai 1918 - das Lesen gab ich aber schnell wieder auf. Die Schrift war zu verwischt und undeutlich. Im Frühjahr 2008, fast zehn Jahr später, traf mich dann beim Abstauben meines Scanners ein Geistesblitz! Ich nahm die Tagebücher, scannte eine Seite ein, passte den Kontrast an und konnte plötzlich lesen, was da stand. Ich war überwältigt. Beim Lesen wurde mir klar, dass mein Urgroßvater als Offizier an der Westfront ein wesentliches Rädchen im Getriebe des Schlachtens, das Remarque so plastisch geschildert hatte, gewesen sein musste. Ich sah nicht mehr die namhafte Münchener Persönlichkeit vor mir, sondern den ehrgeizigen Offizier, der durch seine Befehle viele Leben auf dem Gewissen hatte.

Ich begann, das Tagebuch zu transkribieren und so erschloss sich mir Schritt für Schritt die Welt eines Offiziers an der Westfront. Sie erstreckte sich vom Ärmelkanal bis an die Schweizer Grenze - mitten durch Belgien und Frankreich. Ihr Verlauf veränderte sich zwischen Herbst 1914 bis zum Sommer 1917 kaum. Über Jahre hockten die Soldaten verschanzt in ihren Schützengräben. Großangriffe der Infanterie, Luftattacken, tagelanger Artillerie-Beschuss oder Giftgasangriffe gehörten für sie zum Alltag, ohne dass dabei eine Seite nennenswerte Erfolge hätte verbuchen können. Millionen von Soldaten wurden so sinnlos verletzt oder getötet. Die vielen hundert Soldatenfriedhöfe sind noch heute Zeugnisse des Leids, das die Männer täglich erlebten.

Mein Urgroßvater war im Norden Frankreichs an der Somme stationiert. Detailgetreu und bildhaft schilderte er den brutalen Alltag an der Front. Er berichtete von den vielen Granatenangriffen, bei denen teilweise Kameraden, die direkt neben ihm lagen, zerfetzt wurden, von den gefürchteten Gasangriffen und von aufgebrachten französischen Zivilisten, die einem verletzten deutschen Offizier den Kopf abhackten, statt ihm zu helfen. Seine Tagebucheintragungen quittierte er oft mit dem Satz: "Es war grauenhaft." Trotzdem ist der schneidige Unterton des Offiziers nicht zu überhören. Zweifel an seinem Tun kamen ihm ganz offensichtlich nicht.

Wachsende Abgestumpftheit

Doch nicht nur der brutale Krieg war Gegenstand seiner täglichen Reflexion. Er dokumentierte auch den nicht-kriegerischen Alltag: Wie er gemeinsam mit seinen Kameraden und seinem ältesten Sohn Ernst das Abendmahl einnahm oder wie er mit dem Bürgermeister des Dorfes, wo er stationiert war, über die Einquartierung einer weiteren Kompanie verhandelte.

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Private Kriegsaufzeichnungen: Abgrund in der Schreibtischschublade

Während ich das Tagebuch Seite für Seite abtippte, kamen mir die Vorgänge an der Westfront immer brutaler vor. Das lag nicht unbedingt an der Steigerung der Gewalt, die im Laufe der Zeit tatsächlich stattgefunden haben mag, sondern an der zunehmenden Abgestumpftheit meines Urgroßvaters. Fast emotionslos berichtet er beispielsweise im Winter 1916 von "Füßen und Händen, die aus den Wänden der Schützengräben herausragen", die sie den "Franzosen entrissen haben". Nicht das Schicksal dieser toten Soldaten beschäftigte ihn, sondern die Tatsache, dass die Leichenteile die Schützengräben unbrauchbar machten.

Ich dachte mir oftmals: Das soll der gutmütige, lustige und humorvolle Mann sein, von dem mein Großvater erzählte? Wer skrupellos Leute ins Verderben schickt und Orden dafür kassiert, andere umzubringen, kann doch nicht heimkommen und danach die Rolle des liebenden Familienvaters übernehmen. Oft war ich kurz davor, mein Projekt zu beenden und die Bücher in den Schrank zurückzustellen, da ich solch fürchterliche Vorgänge nicht mit meiner Familie in Verbindung gebracht haben wollte.

Ein gebrochener Mann

Doch das Interesse überwog und ich machte weiter, teilweise von furchtbaren Bildern verfolgt, die mir sehr nahe gingen. Den Militär-Max-Joseph-Orden bekam mein Urgroßvater dafür, dass er mit ein paar wenigen Mannschaften Neuville bei Arras gegen die Franzosen verteidigt und gehalten hatte. Über französische Verluste verliert er im Tagebuch kein Wort. Ich schätze sie auf mehrere Hundert, da "die im Abschnittsquartier befindlichen Offiziere und Mannschaften, […] durch ihr Feuer und sehr großen Munitionsaufwand den Angriff zum Stehen" gebracht hatten.

Als ich begann, das Jahr 1917 zu transkribieren, wurde mir endgültig klar, dass ich etwas Einzigartiges in den Händen hielt. Mein Urgroßvater hatte sogar seine Gefangennahme und danach täglich die englische Kriegsgefangenschaft dokumentiert. So etwas hatte ich trotz nunmehr intensiver Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg noch nicht gelesen. Jetzt änderte sich der Ton des Tagebuchs. Der schneidige Oberst von einst hatte sich zu einem Verwalter des eigenen Überlebens entwickelt, der als Gefangenensprecher darauf bedacht war, dass jeder seine Post rechtzeitig bekam und die Wärter mit den Gefangenen gerecht umgingen.

Seine Einträge lassen vermuten, dass er stark darunter litt, sich der Befehlsgewalt der Engländer unterzuordnen. Als sich drei seiner Mithäftlinge am Faschingstag 1918 heimlich betranken und dafür zur Rechenschaft gezogen werden sollten, notierte er einen Tag später fast verzweifelt: "Stellvertretender Kommandant lässt mich kommen. Offiziere sollen bestraft werden. Ich kann es nicht ändern."

Brunner wirkt müde und depressiv. "Regen. So wird wohl der ganze November sein", schrieb er am 24. Oktober 1917. Eine Woche später klagt er: "Heute Kistchen Cigarren von München erhalten, wohl Geburtstagsgabe. Kein Brief, kein Glückwunsch zum und am Tag selbst, wie ja wohl vorauszusehen war." Ihn muss unsägliches Heimweh geplagt haben - und die Angst, die Familie könnte ihn vergessen. Irgendwann hatte er komplett resigniert. Als er im Sommer 1918 endlich nach Hause durfte, kehrte ein gebrochener Mann heim. Sein Tagebuch endet an dieser Stelle.

Ende einer Militärkarriere

Ich aber wollte nun wissen, wie es weiterging. Ich fuhr ins Kriegsarchiv nach München und forschte nach. Im Sommer 1918 wurde mein Urgroßvater des Hochverrats bezichtigt, da er angeblich "nicht unfreiwillig" in Kriegsgefangenschaft geraten war. Dass ihm nun der Prozess gemacht werden sollte, muss für ihn ein wirklicher Schock gewesen sein. Noch in Gefangenschaft hatte er in gewohnt großspurigen Worten erklärt, er sei in seinem Unterstand überrascht und gefangen genommen worden. Nach seiner Heimkehr gab er schließlich kleinlaut zu, dass sein nervlicher Zustand wohl sehr angeschlagen gewesen sei und er einen so genannten Blackout gehabt hätte.

Der Prozess endete in einem Freispruch, da sich mächtige Militärs für ihn einsetzten. Danach war mein Urgroßvater ein anderer Mensch. Abgestumpft im Krieg, gebrochen in Kriegsgefangenschaft, nach dem Krieg seiner Meinung nach ein Opfer von Intrigen. Hinzu kam, dass sein Lebensinhalt, das bayerische Militär, gemäß den Vorgaben des Versailler Friedensvertrags abgeschafft wurde. Brunner versuchte, auf neuem Terrain Fuß zu fassen und begann Volkswirtschaftslehre zu studieren. Doch von dem Ehrgeiz und dem Elan des einst so selbstbewussten Offiziers war nichts übrig geblieben. Nach nur zwei Semestern brach er das Studium ab und zog sich ins Privatleben zurück, still und introvertiert. Vielleicht kannte mein Großvater, der 1913 geboren wurde, ihn deshalb nur als ruhigen, gutmütigen Mann.

Am 12. September 1929 starb Ernst Ritter von Brunner, 64-jährig, an einer Erkältung. Etliche Offiziere und ehemalige Kameraden kamen zu seiner Trauerfeier - in Uniform. Sein Sarg war mit Helm und Degen geschmückt. Acht Angehörige der Reichswehr hielten daneben Ehrenwache. Obwohl das Bayrische Militär aufgelöst worden war, wurde Ernst Ritter von Brunner am Grab die letzte militärische Ehre erwiesen - so, wie er es sich wohl gewünscht hätte.

insgesamt 20 Beiträge
Norbert Lang 25.10.2010
1.
Sehr interessant. Wurden die Tagebücher schon veröffentlicht, gibts sie evtl. als Buch zu kaufen?
Sehr interessant. Wurden die Tagebücher schon veröffentlicht, gibts sie evtl. als Buch zu kaufen?
Michael Bellmann 25.10.2010
2.
Ja, die wurden schon veröffentlicht, und zwar mit dem Titel "Kriegstagebuch 1914 - 1918 Ernst Ritter von Brunner" Autor: Michael Bellmann Verlag: BOD Danke für die Nachfrage!
Ja, die wurden schon veröffentlicht, und zwar mit dem Titel "Kriegstagebuch 1914 - 1918 Ernst Ritter von Brunner" Autor: Michael Bellmann Verlag: BOD Danke für die Nachfrage!
Chr. H. 26.10.2010
3.
Das Tagebuch ist gewiß hoch interessant, es ist jedoch aus der Perspektive eines "Kaiserlichen" Offiziers aus dem 19. Jahrhundert zu bewerten, und nicht aus der nebelhaften Ferne eines Besserwissers (mit Verlaub) und [...]
Das Tagebuch ist gewiß hoch interessant, es ist jedoch aus der Perspektive eines "Kaiserlichen" Offiziers aus dem 19. Jahrhundert zu bewerten, und nicht aus der nebelhaften Ferne eines Besserwissers (mit Verlaub) und der Gnade dreier Gesellschaftsformen (und -umbrüchen) später und einer langen, 65jährigen Friedenszeit. Es ist einfach weltfremd vom Autor, zum einen von einem WK I-Offizier zu erwarten, daß er nicht "professionell" denkt wie ein Militär (sonst wäre er kein Offizier geworden, von der Würdigung seiner Fähigkeiten durch Adelstitel und Orden ganz zu schweigen), und sich darüber zu empören, daß er sich wie JEDER andere auch nach einiger Zeit ein "dickes Fell" angesichts des Furchtbaren, von dem er jeden Tag umgeben ist, zulegt. Mit welcher "Haltung", glaubt der Autor, befreien Rettungshelfer jeden Tag Schwerstverletzte aus Unfallwagen? Und sich zum anderen, inkonsequent, darüber zu mokieren, daß sich der Urgroßvater anscheinend unter dem Druck der psychischen Belastung nicht ganz unfreiwillig in Kriegsgefangenschaft begab? War das wiederum nicht heroisch genug? Und der Urgroßvater hatte, als Militär vor dem Kriege von höherem gesellschaftlichen Ansehen, nach Kriegsende die gleichen Probleme wie zahllose andere auch, in der nunmehr "zivilen" Gesellschaft einen Standort zu finden. Mit scheint, daß das eigentliche Problem des Autors im zerstörten Kinderbild des verehrten "Familienhelden" besteht. Der verwandelte sich auf einmal von einem "Portrait eines dekorierten Offiziers in schmucker Uniform" in einen leibhaftigen Arbeiter des Krieges, der im - sagen wir - gehobenen mittleren Management, seiner ihm selbst fortschreitend widerwärtigen Arbeit nachging, bis er, neudeutsch, "nicht mehr konnte". Und sich, auch hernach, als Mensch mit allzumenschlichen Schwächen entpuppte. Diesen Weg der Selbsterkenntnis ging er anscheinend auch selbst, und er zerbrach daran. Der Tragik dieses Mannes sollte sich der Autor widmen, auch an dieser Stelle ("einestages"), das wäre konstruktiv und ein Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel nach dem Ende der Kaiserzeit. Und sich nicht in selbstgefälliger Empörung über die "vom Podest gefallene Heldenstatue" zu erregen.
Jab Reiter 26.10.2010
4.
Held oder Täter? Ein missverständlicher Titel. Er suggeriert, dass sich der Kriegstagebuchschreiber eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht haben könnte, was sich im Text dann nicht bestätigt. Dass ein Soldat mittelbar [...]
Held oder Täter? Ein missverständlicher Titel. Er suggeriert, dass sich der Kriegstagebuchschreiber eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht haben könnte, was sich im Text dann nicht bestätigt. Dass ein Soldat mittelbar oder unmittelbar den Gegner bekämpft und auch gegebenenfalls tötet, ist nicht sehr überraschend. Das Entsetzen, das den Veröffentlicher des Tagebuches ergreift, weil ihm klar wird, dass sein Urgroßvater als Offizier an verschiedenen Kämpfen teilgenommen hat, ist seltsam weltfremd. "Soldat der Reichswehr im Weltkrieg an Kampfhandlungen beteiligt, es soll sogar Tote gegeben haben !" -welche Überraschung !
Ralf Hübner 26.10.2010
5.
Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Personen solcherart Aufzeichnungen ihrer Vorfahren nicht veröffentlichen, da sie dann von solchen Leuten wie die der 2 Beiträge vor mir zerrissen werden. Dabei geht es hier einzig und [...]
Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Personen solcherart Aufzeichnungen ihrer Vorfahren nicht veröffentlichen, da sie dann von solchen Leuten wie die der 2 Beiträge vor mir zerrissen werden. Dabei geht es hier einzig und allein um die Darstellung von persönlichen Aufzeichnungen eines "gehobenen" WK-Teilnehmers, seinen persönlichen Wahrnehmungen und den Wirkungen, die diese Aufzeichnungen in der heutigen Zeit auf seinen Urenkel haben. Natürlich ist jedem klar, dass in einem Krieg grausam getötet wird. Aber wo bitte ist hier eine Weltfremdheit des Autors, wo stellt er seinen Urgroßvater als Helden dar, der irgendwann heruntergefallen ist???? Der Autor ist auch nicht ensetzt über das Töten und die Agestumpftheit, sondern darüber, auf welche Art sein Urgroßvater diese Erlebnisse und Taten selbst verarbeitete. Der Autor hatte auch keine "Erwartungen" an seinen Urgroßvater, er "empört" sich über gar nichts und mokiert sich erst Recht nicht über die unfreiwillige Gefangennahme. Der Urgroßvater (!!!) ist entsetzt, als er sich wegen dem Vorwurf Fahnenflucht verteidigen muss - aus damaliger Sicht und der damaligen Lebenseinstellung mehr als verständlich. Mit dem Autor hat das überhaupt nichts zu tun - man sollte die Beiträge schon richtig lesen und verstehen können, wenn man sie unbedingt beurteilen muss. Wobei diese Erlebnisse nur die bewerten werden können und sollten, die dieses Grauen erlebt haben. Dies tut der Autor nicht, dies tue auch ich nicht! Zum Schluss noch vielen Dank dem Autor für die Veröffentlichung dieses Tagebuches! Ralf Hübner

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