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einestages

Rechtschreibreform 1998

Dann schreib doch, wie du willst

Als vor 20 Jahren die Rechtschreibung umgepflügt wurde, wehrten sich Eltern und Lehrer, Schriftsteller und Journalisten. Ein regelrechter Kulturkampf - viele pfiffen in "zivilem Ungehorsam" auf den Neuschrieb.

DPA
Von
Mittwoch, 01.08.2018   15:58 Uhr

Die Empörung war enorm, der Widerstand ebenso. Profis wie Laien forderten, eine von oben herab verordnete Reform zu stoppen, die sie für so absurd wie unnötig hielten. Eine Bewegung wie ein paar Jahre zuvor gegen die Volkszählung machte gegen neue Rechtschreibregeln mobil. Meinungsumfragen ergaben stets breite Mehrheiten dagegen. Eltern, Lehrer und Schüler liefen Sturm, einige zogen sogar vor Verwaltungsgerichte, die teils für, teils gegen die Kläger entschieden.

Mehr als 100 deutsche Intellektuelle verurteilten die geplanten Schreib-Vorschriften in einer "Frankfurter Erklärung" zur Buchmesse 1996. Diesem "Amtsfetisch" einiger "Sesselfurzer" sollten sich die Schriftsteller nicht beugen müssen, wetterte Hans Magnus Enzensberger. Günter Grass verfügte, dass seine Werke auch künftig nach traditionellen Regeln gedruckt werden. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nannte den Neuschrieb "unzweifelhaft eine Katastrophe".

Letztlich half alles nichts. Am 1. August 1998 wurde die "neue Rechtschreibung" für Schulen und Amtsstuben verbindlich. Das Bundesverfassungsgericht ebnete kurz zuvor den Weg, indem es eine Verfassungsbeschwerde Lübecker Eltern zurückwies: Für die neue Rechtschreibung sei kein Gesetz vonnöten, es genüge ein kultusministerieller Erlass.

Die Spracheiferer der Nazizeit

Damit war der Kulturkampf aber noch keineswegs beendet. Im Gegenteil: Jetzt ging es erst richtig los. Und selten fanden Profi-Sprachforscher wie auch Hobby-Besserwisser so viel Aufmerksamkeit wie in dieser langen Debatte, die noch deutlich hitziger verlief als etwa der Streit um die Einführung der Mengenlehre oder des Sexualkundeunterrichts in den Siebzigerjahren.

Erste Reformpläne gab es, genau genommen, schon 1944. Mitten im Krieg wollte Bernhard Rust, nationalsozialistischer Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, etliche Änderungen an der seit 1901 gültigen Orthografie durchsetzen; sie basierte auf dem "Vollständigen Wörterbuch der deutschen Sprache", das der Gymnasiallehrer Konrad Duden 1880 veröffentlicht hatte.

Fotostrecke

Rechtschreibreform: Der Delfin in der Majonäse

Rust ließ eine Liste von teils rigorosen Vorschlägen erstellen:

Hitler stoppte das Vorhaben, weil eine Rechtschreibreform alles andere als kriegswichtig sei.

Später nahmen Reformer, etliche dieselben wie einst im "Dritten Reich", einen neuen Anlauf. 1954 übergaben Sachverständige einer "Arbeitsgemeinschaft für Sprachpflege" den westdeutschen Kultusministern einen Katalog an Empfehlungen, die bis auf wenige Retuschen denen von NS-Minister Rust glichen.

1980 wurde ein "Internationaler Arbeitskreis für Rechtschreibreform" von Germanisten aus der Bundesrepublik, der DDR, der Schweiz und Österreich gegründet und trieb die Bemühungen wieder voran. Sieben Jahre später beauftragte die Kultusministerkonferenz das Institut für deutsche Sprache in Mannheim, ein neues Regelwerk zu entwerfen. Die Öffentlichkeit quittierte die 1988 vorgelegten Vorschläge mit Hohn - man feixte vor allem über den Keiser im Bot. Freilich war nur wenigen bewusst, dass eben solche radikalen Änderungen schon linguistische Eiferer der Nazizeit angestrebt hatten.

Rechtschreibung als Ansichtssache

Die Kultusminister zuckten erschreckt zurück, ließen aber insgeheim reformerische Schriftgelehrte weiter werkeln. 1995 stimmten sie einem überarbeiteten Vorschlag des Arbeitskreises zu.

Am 1. Juli 1996 unterzeichneten in Wien Vertreter der deutschsprachigen Staaten eine gemeinsame Absichtserklärung, die neuen Regeln vom 1. August 1998 an in Schulen und Behörden einzuführen. Schon einen Tag nach der Paraphierung legte der Bertelsmann-Verlag ein neues Wörterbuch vor. Der Duden, bis dahin das maßgebliche Regelwerk, zog mit einer Neuauflage nach, die allerdings die neuen Regeln in zahllosen Fällen anders auslegte.

DER SPIEGEL

SPIEGEL-Titel im Oktober 1996: "Zwangsneurotische Bürokratenlösung"

Damit war, wie die "Zeit" im September 1996 konstatierte, klar: "Die große Errungenschaft von 1901, die deutsche Einheitsorthografie, ist dahin." Rechtschreibung werde "Ansichtssache", beklagte auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ).

Zwar fanden logisch denkende Zeitgenossen auch an den herkömmlichen Schreibweisen manches auszusetzen. Aber vor den Absurditäten des neuen Verordnungsgestrüpps kapitulierten selbst viele reformbegeisterte Deutschlehrer. Willkürlich muteten vor allem die Getrenntschreibungen an: Heil bringend und heilbringend, Blut stillend und blutstillend, alles wurde erlaubt - aber hilfesuchend beispielsweise durfte nicht sein. Ebenso ächteten die Reformer feuerspeiend und fleischfressend als "alte Schreibung".

Dabei ergibt es einen jeweils anderen Sinn, ob jemand ein vielversprechender oder viel versprechender Politiker ist, sich in den wohlverdienten oder wohl verdienten Ruhestand begibt, an der meistbefahrenen Straße der Stadt wohnt oder an einer meist befahrenen Straße.

Gepfiffen auf die neuen Regeln

"Anlehnung an die Wortfamilie" lautete ein anderes Ziel der Reformer. Dabei ignorierten sie oft die tatsächliche Herkunft vieler Wörter. Beim Quäntchen wurde eine volksetymologische Verbindung zu "Quantum" hergestellt, obwohl das Quentchen auf die lateinische Ordnungszahl "quintus" (der Fünfte) zurückgeht. Man schreibt nun nicht mehr belemmert, sondern belämmert, obwohl das Wort nichts mit Lämmern zu tun hat, sondern vom niederdeutschen "belemmeren" (lähmen) abstammt.

Einbläuen hat auch nichts mit blau zu tun und gräulich nichts mit grau, sondern mit Greuel. Der Tollpatsch ist nicht etwa ein toller Mensch, sondern kam als Tolpatsch aus dem Ungarischen, wo "talpas" der Spitzname für einen Fußsoldaten ist - eines der vielen eingedeutschten Wörter mit Migrationshintergrund.

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Positiv sei die Reform nur für ein paar Legastheniker gewesen, urteilte die Pädagogin Almut Schladebach von der Hamburger Volkshochschule: "Für Leute, die vorher Schwächen hatten, ist die Reform ungeheuer entlastend. Denn sie sind jetzt nicht mehr die Einzigen, die damit Schwierigkeiten haben."

Die Karlsruher Verfassungsrichter hatten am 14. Juli 1998 über das Macht-Werk zu entscheiden - indes nur über das Verfahren, nicht über die Qualität der Reform. Sie wollten sich keineswegs als "sprachwissenschaftliche Obergutachter" einmischen, hatte schon vorab Hans-Jürgen Papier, Vorsitzender des Ersten Senats, erklärt. Allerdings hatte das Gericht nur zwei reformkritische Sachverständige, aber elf Befürworter geladen. Keine Einwände gegen die Rechtschreibreform - der Ausgang der Verhandlung war absehbar.

Nicht jedoch das Maß an "kollektiver Unfolgsamkeit", das der frühere bayerische Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) beobachtete: Die meisten Deutschen schrieben einfach weiterhin nach den alten Regeln, Buchverlage beließen es bei den bisherigen Schreibweisen, selbst Lehrer missachteten die neuen Vorschriften.

Die Reform der Reform

Im Jahr 2000 kehrte die "FAZ" zur "bewährten Rechtschreibung" zurück. Im August 2004 schlossen sich der SPIEGEL und die Zeitungen des Axel-Springer-Verlags dem "Akt des zivilen Ungehorsams" (so der damalige SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust) an: Die Reform sei eine "zwangsneurotische Bürokratenlösung".

In einer Übergangszeit von 1998 bis August 2005 waren unterschiedliche Schreibweisen vielfach parallel zulässig. Eine Zeit der orthografischen Freiheiten: Schreib' halt, wie du willst. Der Sehnsucht der Deutschen nach Verbindlichkeit kam das gar nicht entgegen. Für die Mehrheit war es zu viel Hü und Hott, sie wollte klare Regeln.

Die drei Verlage verließen ihren Sonderweg Anfang 2006 wieder. Weil schwer zu vermitteln war, warum die Schulen nun eine andere Rechtschreibung lehrten, als in den Zeitungen zu lesen war. Und weil inzwischen eine Gegenreform die schlimmsten Auswüchse beseitigt hatte.

Denn um die Reform zu retten, wurde 2004 der "Rat für deutsche Rechtschreibung" gegründet. Vorsitzender war der langjährige Kultus- und Wissenschaftsminister Zehetmair, der an der Reform mitgewirkt hatte und nun mit seinen Kollegen Korrekturen vornahm. "Von den rund 10.000 reformierten Duden-Einträgen", rechnete der Erlanger Germanistikprofessor und Reformgegner Theodor Ickler nach, "wurden etwa 4000 nochmals geändert."

Der SPIEGEL folge "den bisherigen Ergebnissen der Zehetmair-Kommission, insbesondere den Änderungen in der Getrennt- und Zusammenschreibung", verkündete Chefredakteur Aust. "Sie sind eine Rückkehr zur Vernunft."

Ex-Minister Zehetmair zeigte sich überraschend reumütig. In einem Interview bekannte er 2003: "Wir hätten die Rechtschreibreform nicht machen sollen."

insgesamt 45 Beiträge
Ulrich Hartmann 01.08.2018
1.
Die Rechtschreibreform war schon deshalb ein "Frefel" (schreibt man das jetzt so?), weil sie so willkürlich war. Auch wenn man sie inzwischen zu weiten Teilen zurückgenommen hat, hinterläßt sie außerdem ein [...]
Die Rechtschreibreform war schon deshalb ein "Frefel" (schreibt man das jetzt so?), weil sie so willkürlich war. Auch wenn man sie inzwischen zu weiten Teilen zurückgenommen hat, hinterläßt sie außerdem ein Trümmerfeld, weil zu den seltsamen neuen Schreibweisen ungezählte Fehler kommen, die früher - so mein Eindruck - seltener waren, etwa bei der Großschreibung. Der "Reisverschluß" auf dem Foto hat mich an ein Schild erinnert, das mir an Baustellen öfter begegnet ist: "Rechts Einordnen!" Ich habe jedesmal nach rechts geschaut, konnte aber keine Einordne entdecken.
Gunnar Schuster 01.08.2018
2. Nicht zu vergessen...
...dass (sic!) es in Schleswig-Holstein sogar eine Volksabstimmung zum Thema gab. Das Volk eilte zu den Wahlurnen und lehnte die neue Rechtschreibung ab. Mit dem Resultat, dass... sie einfach trotzdem eingeführt wurde. So schafft [...]
...dass (sic!) es in Schleswig-Holstein sogar eine Volksabstimmung zum Thema gab. Das Volk eilte zu den Wahlurnen und lehnte die neue Rechtschreibung ab. Mit dem Resultat, dass... sie einfach trotzdem eingeführt wurde. So schafft man also Politikverdrossenheit.
Darth Vader 01.08.2018
3.
Tja und jetzt kennt sich keiner mehr aus. Völliges Chaos, das die Unfähigkeit der Politikerkaste dieser Bundesrepublik durch die Bank belegt.
Tja und jetzt kennt sich keiner mehr aus. Völliges Chaos, das die Unfähigkeit der Politikerkaste dieser Bundesrepublik durch die Bank belegt.
Daniel Hübner 01.08.2018
4. Typisch
es muss halt immer 15 oder 20 Jahre dauern bis man kapiert dass da einfach Millionen unnötig aus dem Fenster geschaufelt wurde. Als wenn es keine wichtigeren Dinge gegeben hätte.
es muss halt immer 15 oder 20 Jahre dauern bis man kapiert dass da einfach Millionen unnötig aus dem Fenster geschaufelt wurde. Als wenn es keine wichtigeren Dinge gegeben hätte.
Christian Koezle 01.08.2018
5. Damals
Während der Debatten hatte man oft das Gefühl, das hier ältere Semester keine Lust hatten, sich auf das Neue einzulassen. Schule war lange vorbei, warum sollte man jetzt das mühsam erlernte Wissen über den Haufen werfen? [...]
Während der Debatten hatte man oft das Gefühl, das hier ältere Semester keine Lust hatten, sich auf das Neue einzulassen. Schule war lange vorbei, warum sollte man jetzt das mühsam erlernte Wissen über den Haufen werfen? Spätestens als es damals eine Allianz zwischen Spiegel und der BILD für den gemeinsamen Kampf gegen die neue Rechtschreibung aufkam, wurde es lächerlich. Sprache und Schrift verändern sich -glücklicherweise - sonst würden wir alle noch wie im Mittelalter miteinander kommunizieren.

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