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einestages

Attentat vor 50 Jahren

Drei Kugeln auf Rudi Dutschke

Am 11. April 1968 schoss ein junger Nazi Rudi Dutschke nieder. Die folgenden "Osterunruhen" waren die größten Demos in der Geschichte der Bundesrepublik. Und der Höhepunkt der Studentenbewegung der Sechzigerjahre.

Paris Match/Getty Images
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Montag, 09.04.2018   11:28 Uhr

Drei Schüsse waren gefallen. Blutüberströmt lag Rudi Dutschke auf dem Trottoir des Kurfürstendamms; vor dem Haus, in dem der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) sein West-Berliner Domizil hatte. Geschossen hatte der 23 Jahre alte Nazi Josef Bachmann, in dessen Zimmer ein selbstgemaltes Porträt von Adolf Hitler hing. "Du dreckiges Kommunistenschwein", hatte er gerufen, bevor er abdrückte.

Dutschke, 28, war Kopf und Stimme der Studentenbewegung. "Die bleiche Stirn vom nachtschwarzen Schopf überflattert, das Kinn von Stoppeln verschattet, die dunklen Augen unter buschigen Brauen ekstatisch entflammt." So beschrieb ihn der SPIEGEL damals. "Den tief in die hageren Wangen eingekerbten Mund aufgerissen zu angestrengter Artikulation: Rudi Dutschke, redend."

Für brave Bürger war Dutschke Sinnbild des Bösen und des Bedrohlichen. Die Journalisten des Springer-Verlags hatten den aus der DDR geflüchteten Soziologiestudenten zum Staatsfeind aufgebaut. Am Gründonnerstag, den 11. April 1968, war Dutschke nach den drei Schüssen schwer verletzt, aber noch bei Bewusstsein. In Todesangst rief er nach Vater und Mutter.

"Sieh mal an, wenn's ans Sterben geht, ruft sogar der nach Vater und Mutter", sagte ein Passant. Ein anderer fand: "Man braucht ja nicht gleich zu schießen, aber dass der mal einen Denkzettel abgekriegt hat, ist ganz gut."

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Mythos Rudi Dutschke: Kopf und Stimme der Studentenbewegung

So hart und erbarmungslos waren die Auseinandersetzungen auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte, die vor 50 Jahren die Bundesrepublik erschütterte. Linke gegen Rechte. Junge gegen Alte. Kriegskinder gegen Nazi-Eltern. Idealisten gegen moralisch Ausgebrannte.

Nach einem großen Vietnamkongress des SDS Mitte Februar 1968 hatten der West-Berliner Senat und die Gewerkschaften zu einer Gegendemonstration "für Frieden und Freiheit" aufgerufen. Die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes bekamen frei, und der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) versicherte ihnen: "Wir lassen uns unser freiheitliches Berlin nicht zertrampeln."

Auf Transparenten hieß es "Heute fährt Teufel zu Hölle", "Laßt Bauarbeiter ruhig schaffen - Kein Geld für langhaarige Affen" und "Dutschke - Volksfeind Nummer 1". Einen jungen Mann, der Dutschke ähnlich sah, wollte die Menge an Ort und Stelle lynchen. Er konnte sich mit letzter Kraft in ein Polizeiauto retten.

"Der Mörder heißt Springer"

Am Abend nach dem Attentat auf Rudi Dutschke versammelten sich im Audimax der Technischen Universität an die 2000 fassungslose, aufgewühlte Studenten und Jugendliche. SDS-Aktivist Christian Semler kündigte einleitend an: "Kommilitonen und Kommilitoninnen, Genossen und Genossinnen! Wir werden heute Abend nicht nur über diesen Mordversuch sprechen, sondern auch über die praktischen Konsequenzen und die Aktionen, die aus diesem Mordversuch für uns folgen."

Während Dutschke nach dem Attentat im Krankenhaus um sein Leben rang, erklärte der SDS-Aktivist und Kommunarde Hans-Joachim Hameister: "Der Lügner und der Mörder heißt Springer. Das Attentat von heute Nachmittag ist ein öffentlich vorbereitetes Attentat, begonnen durch den Springer-Konzern."

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Hameister erklärte zum "Problem der Gewalt", dass diese vom Springer-Konzern, dem Senat und dem Attentäter ausgegangen sei: "Ich möchte sagen, dass unsere Kampagne gegen den Springer-Konzern das Problem der Illegalität überhaupt nicht kennen kann."

Nach dem Teach-in zogen 2000 Demonstranten von der Uni zum Kreuzberger Sitz des Springer-Verlags unmittelbar an der Mauer. Sie riefen: "Springer, Mörder!" Schließlich hatte die "Bild-Zeitung" gefordert: "Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt!" Wobei man "auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen" sollte. Springers "BZ" hatte Dutschke "Polit-Gammler" genannt.

Ein paar der Militanten warfen bei der Belagerung des Springer-Hauses zum ersten Mal "Molowtow-Cocktails" genannte Brandbomben, die ein Agent des Verfassungsschutzes mitgebracht hatte. Doch die meisten Zeitungen wurden ausgeliefert. Die Schlagzeile der Bild: "Terror in Berlin".

Die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof erklärt am nächsten Tag bei einer Versammlung: "Wirft man einen Stein, so ist das ein strafbare Handlung. Werden tausend Steine geworfen, ist das eine politische Aktion."

"Gestern Dutschke, morgen wir"

Mit der Nachricht vom Attentat auf Dutschke sprang der Funke der Revolte von West-Berlin nach West-Deutschland über. In 27 Städten kam es an den Ostertagen 1968 zu Protesten, teilweise zu Straßenkämpfen. So etwas hatte die 19 Jahre junge Bundesrepublik bislang nicht erlebt.

"Gestern Dutschke, morgen wir", skandierten Demonstranten in München. In der bayerischen Landeshauptstadt kamen der Fotograf Klaus-Jürgen Frings, 32, und der Student Rüdiger Schreck, 27, zu Tode. Frings wurde von einem Stein am Kopf getroffen, Schreck von einem stumpfen Gegenstand. Ihre Todesumstände wurden nie genau aufgeklärt. Rund 21.000 Polizisten wurden in der gesamten Republik aufgeboten, um die "Osterunruhen" niederzuschlagen.

In Ost-Berlin dichtete Wolf Biermann, der in der DDR nicht auftreten durfte, ein Lied mit dem Titel "Drei Kugeln auf Rudi Dutschke, ein blutiges Attentat". Darin heißt es: "Die Kugel Nummer eins kam aus Springers Zeitungswald". Das Fazit der bitteren Moritat des späteren Kulturkorrespondenten des Springer-Blattes "Welt": "Wenn wir uns jetzt nicht wehren, wirst du der Nächste sein."

Die Studierenden waren 1968 die kommende Elite der Nation, nur rund 300.000 statt wie heute 4,5 Milionen, zu drei Vierteln Männer. Noch im Dezember 1967 hieß es in einem Bericht der "Deutschen Wochenschau": "Die deutsche Jugend ist brav. Sie ist unkritisch gegenüber Staat und Gesellschaft. Und sauber. Von der deutschen Jugend 67 ist keine Revolution zu erwarten."

21.000 Polizisten mit Wasserwerfern

Wie Journalisten sich irren können. An den Ostertagen 1968 kam es in 27 Städten der Bundesrepublik zu Straßenkämpfen zwischen jugendlichen Demonstranten und Polizisten, wie sie Westdeutschland seit dem Ende der Weimarer Republik nicht erlebt hatte. Ob in Essen oder Esslingen, insgesamt rund 21.000 Polizisten gingen mit Wasserwerfern und Gummi-Knüppeln gegen Demonstranten vor.

In der Folge leiteten Staatsanwälte gegen 827 Demonstranten Ermittlungen ein. Dabei zeigte sich, dass der Geist der Revolte auf Schüler, Lehrlinge und Jungarbeiter übergesprungen war. Von den 110 Festgenommenen in München waren nur weniger als ein Drittel Studenten.

In Bonn regierte eine Große Koalition unter Führung von Kurt-Georg Kiesinger, einem Christdemokraten und vormaligen NSDAP-Parteigenossen. Rudi Dutschke hatte gesagt: "Wir sind die einzige Opposition im Land."

An Ostern 1968 erlebte Westdeutschland den Höhepunkt jener internationalen Rebellion, die von Studenten in Berkeley in Kalifornien ausgehend die Jugend der westlichen Welt ergriffen hatte, aber auch Studenten in Polen, Jugoslawien oder Mexiko in Bewegung gebracht hatte. Eine globale Revolte, bei der es nicht nur um Protest gegen die herrschende Politik ging, wie den Krieg der USA in Vietnam, sondern auch um Mode, Musik, Sex und Drogen. Der Soundtrack zum globalen Aufstands des Jahres 1968 kam von den Rolling Stones: "Street Fighting Man".

Nach den Osterunruhen '68 wandten sich die radikalen Studenten gegen die von der Großen Koalition geplanten Notstandsgesetze. Doch die überwältigende Mehrheit der Westdeutschen verstand die Ängste und Proteste der Studenten nicht. Schon das abstrakte "Soziologendeutsch" der Jungakademiker war ihnen fremd.

So wie die Forderungen nach einer Hochschulreform, die Kritik an den Springer-Zeitungen und die Proteste gegen den Vietnamkrieg war der Kampf der Studenten gegen die Notstandsgesetze der Kampf einer kleinen Minderheit.

Die Revolte von 1968 hatte ihren Zenit erreicht. Bei der Kundgebung am 1. Mai in West-Berlin habe eine "seltsam gedämpfte Stimmung" geherrscht, schrieb Hans-Magnus Enzensberger später. Nicht nur er habe gedacht, "dass wir uns auf einem sinkenden Dampfer befanden".

Teile des Textes stammen aus dem vergangenen Monat erschienen Buch von Michael Sontheimer und Peter Wensierski: "Berlin - Stadt der Revolte". Am 11. April um 16.30 Uhr ist ein Teach-in am Ort des Attentats, Kurfürstendamm 140 angesetzt. Sprechen soll auch Gretchen Dutschke. Es wird darum gebeten, alte Schuhe mitzubringen.

insgesamt 7 Beiträge
Peter Burger 09.04.2018
1. Die BILD-Zeitung gibt es leider immer noch
Die BILD-Zeitung gibt es leider immer noch und laut Spiegel ist auch nicht mehr böse. Man hat sich eben angenähert. Der gemeinsame Nenner ist der Marktliberalismus.
Die BILD-Zeitung gibt es leider immer noch und laut Spiegel ist auch nicht mehr böse. Man hat sich eben angenähert. Der gemeinsame Nenner ist der Marktliberalismus.
Rudolf Wötzel 09.04.2018
2. Zeit, die 68er etwas nüchterner zu sehen
Kann die SPON Redaktion bitte mal sauber die aktuelle Faktenlage darstellen, anstatt weiter die 68er Helden zu verklären? Hilfreich in dieser Hinsicht das sehr aufschlussreiche Interview mit der Tochter von Ulrike Meinhoff (nota [...]
Kann die SPON Redaktion bitte mal sauber die aktuelle Faktenlage darstellen, anstatt weiter die 68er Helden zu verklären? Hilfreich in dieser Hinsicht das sehr aufschlussreiche Interview mit der Tochter von Ulrike Meinhoff (nota bene im letzten Spiegel!) Dort wurde darauf hingewiesen, dass der vermeintliche Nazi Täter tatsächlich in den Diensten der DDR agierte. Aber das wie die etwas nüchterne Sicht der Meinhoff - Tochter zu der Generation ihrer Mutter passt vermutlich nicht in das linke Weltbild. Na ja, was Fakten anbelangt: ganz links lernt schnell von ganz rechts und umgekehrt...
Gernot Feuchtenhofer 10.04.2018
3. Schade um diesen Menschen
Politische Gegner sollte man nicht abknallen. Aber die Verklärung der 68 er stinkt. Meiner Meinung nach ein Haufen Nichtsnutze.
Politische Gegner sollte man nicht abknallen. Aber die Verklärung der 68 er stinkt. Meiner Meinung nach ein Haufen Nichtsnutze.
Volker Antes 10.04.2018
4. Falscher Inhalt
Wenn hier nur einmal richtig recherchiert werden würde. "Der Soundtrack zum globalen Aufstands (sic!) des Jahres 1968 kam von den Rolling Stones" ist der wohl größte Witz in diesem Artikel. In "Street Fighting [...]
Wenn hier nur einmal richtig recherchiert werden würde. "Der Soundtrack zum globalen Aufstands (sic!) des Jahres 1968 kam von den Rolling Stones" ist der wohl größte Witz in diesem Artikel. In "Street Fighting Man" lautet der Refrain "What can a poor boy do except to sing for a rock'n'roll band, cause in sleepy London town there's just no place for a street fighting man". Sehr revolutionär, indeed. Bevor der SPIEGEL irgendwelche Auszüge aus Büchern abdruckt, sollte vielleicht ein wenig recherchiert werden. So wirkt der Beitrag einfach sensationsheischend und abgeschmackt. Ich erwarte Besseres.
Andreas Stehl 10.04.2018
5. # No 2 und No 4
#2: Bringen Sie lieber Ihre eigenen Fakten in Ordnung, bevor Sie Verschwörungstheorien anheimfallen. Fakt ist, dass der Dutschke-Attentäter kein Einzelgänger war, sondern Kontakte zur Neonazi-Szene und zu NPD-Mitgliedern in [...]
#2: Bringen Sie lieber Ihre eigenen Fakten in Ordnung, bevor Sie Verschwörungstheorien anheimfallen. Fakt ist, dass der Dutschke-Attentäter kein Einzelgänger war, sondern Kontakte zur Neonazi-Szene und zu NPD-Mitgliedern in seinem Wohnort hatte. Der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras hingegen, der den Studenten Bernd Ohnesorge erschoss, war seit Mitte der 50er Jahre auch Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR und lieferte regelmäßig Interna aus der Westberliner Polizei an das MfS. Er war gleichzeitig Mitglied der SPD und der SED. Was allerdings über die Motivlage bezüglich der Tötung Ohnesorges nichts aussagt. Am Abend lief gestern ein Bericht zum Dutschke-Attentat vor 50 Jahren im ZDF, in dem auch der ehemalige Spiegel-Chefradakteur Stefan Aust zu Wort kam. Auch er beteiligte sich nach eigener Aussage 68 an den besagten Demonstrationen gegen Springer in Westberlin. Er gab auch zu "Steine durchgereicht" zu haben in die erste Reihe. Nur geschmissen hat er selber nicht, weil augenzwinkernd ein "zu schlechter Werfer". Heute ist er Herausgeber der "Welt", einer überregionalen Tageszeitung des - genau - Axel Springer Verlages. Eine kurze Reminiszenz an 50 Jahre deutsche Geschichte, die mehr sagt als tausend Worte. #4: natürlich wurde "Street Fighting Man" von den Stones von Protesten gegen den Vietnamkrieg inspiriert. Jagger selbst war bei einer Demonstration in London, die in einer Straßenschlacht endete, dabei. Allerdings wunderte er sich insgesamt, dass London - im Gegensatz zu dem, was in Paris oder Berkeley abging - relativ ruhig war: No Excitement, Please! We are British here. Daher die ironische Textzeile: "What can a poor boy do exept to sing in a rock ’n’ roll band.".

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