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einestages

Gotteshäuser auf Schienen

Als die Kirchen Walzer tanzten

Als Rumäniens Despot Ceausescu 1982 Bukarest radikal umbaute, standen Kirchen im Weg. Sieben wurden verschoben statt abgerissen. Fotos zeigen, wie komplette Kolosse spektakulär auf Wanderschaft gingen.

Eugeniu Iordachescu
Von
Dienstag, 10.04.2018   11:36 Uhr

Im März 1977 bebt die Erde in den rumänischen Karpaten, so heftig wie seit Jahrzehnten nirgends in Europa. 1570 Menschen sterben, selbst im 160 Kilometer entfernten Bukarest wanken und stürzen Häuser ein. Diktator Nicolae Ceausescu aber kommt die Katastrophe gelegen - die Natur hat für ihn die Drecksarbeit erledigt.

Denn das Beben liefert ihm den passenden Vorwand und Anlass, Bukarest brachial umzubauen. Mit kilometerlangen Prachtalleen im sozialistischen Monumentalstil. Mit Platz für Aufmärsche von 500.000 Jubelbürgern. Mit einem neuen Wahrzeichen, dem auf einem Hügel thronenden "Haus des Volkes", von der Partei als "unsere Akropolis" gefeiert: ein neoklassizistischer Protzpalast mit 3000 Zimmern und 365.000 Quadratmetern, noch heute eines der flächenmäßig größten Gebäude der Welt.

Ärgerlich nur für Ceausescu, dass selbst das Erdbeben zu schwach war für diese raumgreifenden Pläne. So müssen in den Jahren danach doch noch Sprengkommandos und Bulldozer ran.

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Kirchen auf Rädern: Rumäniens rollende Gotteshäuser

Ab 1982 reißen sie ein Drittel des historischen Zentrums ab, mehr als 400 Hektar. Das Uranus-Viertel hatte dem Beben getrotzt, nun wird es plattgemacht. Die historischen Villen und Gartenpavillons der einstigen Bourgeoisie verschwinden. Etwa 40.000 Menschen werden enteignet und zwangsevakuiert, mindestens zwölf nehmen sich das Leben.

Doch selbst Ceausescus Zerstörungswut kennt Grenzen. Zunächst lässt er auch 20 Kirchen, drei Klöster und drei Synagogen abreißen. Als aber Priester und Intellektuelle protestieren, auch das Ausland und die Unesco entsetzt sind, lässt Ceausescu sieben der für seine Baupläne lästigen Kirchen einfach wegtransportieren - und zwar rollend auf Schienen.

Als Erste trifft es 1982 die Verkündigungskirche der Nonnen-Einsiedelei, ein schmuckes, kleines Gotteshaus von 1726.

Versetzt - und verstümmelt

Fünf Monate dauert die Operation: Arbeiter legen das Fundament frei, treiben Bohrlöcher in die Mauern, zerschneiden die Kirche unten horizontal. Dazu entfernen sie den Kirchenboden und ersetzen ihn durch eine Stahlkonstruktion, in die Flüssigbeton gepumpt wird. Auf dieser Platte kann die 745 Tonnen schwere Kirche angehoben, um 13 Grad gedreht und dann auf Schienen versetzt werden.

Eugeniu Iordachescu

Transport der "Nonnen-Einsiedelei", Juni 1982

Winden ziehen sie mit zwei bis drei Metern pro Stunde voran. Nach 101 Stunden auf Schienen hat die Kirche 245 Meter zurückgelegt. Am neuen Bestimmungsort wird sie erneut gedreht, aufs neue Plateau herabgelassen - fertig.

Wenn man so will, hat der Patient überlebt, fühlt sich aber desorientiert. Denn zuvor haben Klosterbauten die Kirche umgeben; sie bleiben zurück und werden abgerissen. Das kleine Gotteshaus steht nun isoliert - und verschwindet später im Schatten wenig religiöser Bauten: Der neue Nachbar ist der rumänische Geheimdienst.

Schneise der Verwüstung

Ähnlich ergeht es auch den sechs anderen Kirchen: Religion hat in Rumäniens Sozialismus offiziell kaum Platz, also verdrängt das Regime die Kirchen aus dem Stadtbild und versteckt sie in dunklen Hinterhöfen.

Der Fotograf Anton Roland Laub erinnert mit dem Bildband "Mobile Churches" an diese absurde, bis heute kaum bekannte Operation und die versteckten Kirchen. Um sie fotografisch nicht zu verzerren, verzichtete er dabei auf ein Weitwinkelobjektiv, trotz der Enge der Hinterhöfe.

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Tempel, Paläste, Leuchttürme: Berühmte Bauwerke auf Wanderschaft

Für Laub ist seine Arbeit eine Reise in die eigene Vergangenheit. Als Schüler in Bukarest erlebte er, wie Ceausescu die Stadt "systematisierte", wie es verharmlosend hieß, und gewaltige Wohnblöcke und Verwaltungsgebäude hochziehen ließ, inspiriert von Postmoderne und Art déco. Mit einer Schneise der Verwüstung ließ der Diktator Platz schaffen für die 3,5 Kilometer lange Allee "Sieg des Sozialismus", die unbedingt breiter sein sollte als die Pariser Prachtstraße Champs-Élysées.

"Meine Mutter hat mich nach der Schule oft zu den riesigen Baustellen geführt", erinnert sich Laub im einestages-Gespräch. Auf ihn wirkte das nicht wie der Aufbruch in die Moderne, sondern "wie eine Bedrohung" in einer "traumatischen Zeit", in der es keine Grenzen, keine Regeln mehr gab.

Die Baupläne trafen auch Laubs Familie: Das Elternhaus seiner Mutter wurde enteignet, der Zwangsabriss stand bevor. "Mein Großvater erlitt daraufhin einen Schlaganfall", erzählt Laub. "Er verstarb und musste nicht mehr miterleben, wie sein Haus abgerissen wurde."

"Ich habe mit den Kirchen Walzer getanzt"

Davon blieben die sieben Kirchen immerhin verschont. Der Mann, der die technisch anspruchsvolle Verschiebungsmethode entwickelte, wird in Bukarest noch heute als Kirchenretter verehrt: Eugeniu Iordachescu, 88. Der Bauingenieur ist stolz auf sein Werk. Bauten drehen, versetzen, wieder drehen - "ich habe mit den Kirchen Walzer getanzt", sagt er gern.

Damals aber erklärten ihn die meisten Fachkollegen für verrückt, erzählte Iordachescu 2016 dem "Guardian". Also grübelte er allein weiter und beobachtete einen Kellner, der Getränke auf einem Tablett balancierte. "Ich erkannte: Das Geheimnis der Gläser, die nicht herunterfielen, war das Tablett." Fehlte nur noch ein Tablett für tonnenschwere Gebäude.

Ganz neu ist diese Idee nicht: Schon 1907 war im württembergischen Ebingen eine historische Villa auf Schienen umgezogen. Zwei Jahre später wechselte im US-Bundesstaat Kansas gleich eine ganze Stadt auf von Pferden gezogenen Gleitkufen den Standort - so wollten die hoch verschuldeten Bewohner ihren Gläubigern entkommen.

In Rumänien wird Iordachescu nach seinem ersten Erfolg immer mutiger, wagt sich an größere, schwerere Gebäude, meistert auch Gefälle. Wie 1985 beim bedeutendsten Bauwerk, das er versetzt: der prächtigen Sankt-Nikolaus-Kirche von 1591, Teil des schon abgerissenen Klosters Mihai Voda.

Rumäniens Mondlandung

289 Meter sind diesmal zurückzulegen - und zwar im Tandem, Kirche plus freistehender Glockenturm. Der Gebäudewalzer ist perfekt choreografiert: erst 25 Meter Richtung Süden. Drehung. 15 Meter gen Westen. Drehung. 242 Meter nach Osten. Drehung. Sieben Meter Richtung Süden. Applaus.

Unter Ceausescu arrangierte sich die Kirche, beruhigt durch die Rettung ihrer Bauten, am Ende mit dem Regime. Der Diktator dankte es auf seine eigene, zynische Weise: Nur einen Monat, nachdem 1982 die erste Kirche so aufwendig verrückt war, ließ Ceausescu sie plötzlich schließen. Erst 1995 wurde sie wieder geweiht und eröffnet. "Das System war launisch", sagt Fotograf Laub lakonisch.

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Mobile Churches

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Ingenieur Iordachescu brachten diese Launen Ruhm. Neben den sieben Kirchen durfte er 22 weitere Häuser und Gebäude versetzen. Das schwerste war ein Kloster und wog 9000 Tonnen. Diese Leistung, so schwärmten die Menschen, war für das kleine Rumänien so begeisternd wie für die USA die Mondlandung.

Derzeit verändert sich Bukarests Stadtbild wieder radikal. Hinter Ceausescus "Palast des Volkes", für den einst so viele Kirchen weichen mussten, erhebt sich der Rohbau einer 120 Meter hohen Kathedrale. Sie wird einer der größten orthodoxen Kirchen der Welt sein und den pompösen Palast des 1989 gestürzten Tyrannen deutlich überragen.

Es wirkt wie eine späte Rache der rumänisch-orthodoxen Kirche an Ceausescu. Ein Triumph der Religion über den Kommunismus. Dazu passt der Name des neuen Wahrzeichens: Kathedrale der Erlösung des rumänischen Volkes.

insgesamt 7 Beiträge
Reinhard Kupke 10.04.2018
1. Und dieser Ceausescu,
dieser wahnsinnige Verbrecher, wurde in der DDR von vielen systemkritischen Menschen lange Zeit in Ehren gehalten, weil er sich den Sowjets widersetzte und die aus Rumänien raus gehalten hatte. Das sein eigenes Regime um keinen [...]
dieser wahnsinnige Verbrecher, wurde in der DDR von vielen systemkritischen Menschen lange Zeit in Ehren gehalten, weil er sich den Sowjets widersetzte und die aus Rumänien raus gehalten hatte. Das sein eigenes Regime um keinen Deut besser war, als das der Sowjets, das sah man nicht oder wollte man nicht sehen.
Franziska Kreß 10.04.2018
2.
Nein, Ceaucescu galt auch unter DDR-Bürgern, auch unter den Systemkritikern, als größenwahnsinniger Diktator. Im Westen dagegen wurde er zeitweise in Ehren gehalten, weil er sich gelegentlich den Russen widersetzte. Er war [...]
Nein, Ceaucescu galt auch unter DDR-Bürgern, auch unter den Systemkritikern, als größenwahnsinniger Diktator. Im Westen dagegen wurde er zeitweise in Ehren gehalten, weil er sich gelegentlich den Russen widersetzte. Er war Amerikas Ostblockliebling. So einen Personenkult wie er in Rumänien abgehalten wurde, kannte man in der DDR unter Honecker nicht mehr.
Egoo Ist 14.04.2018
3. Zweierlei Maß?!
Zweierlei Maß?! "Hinter Ceausescus "Palast des Volkes", für den einst so viele Kirchen weichen mussten, erhebt sich der Rohbau einer 120 Meter hohen Kathedrale. Sie wird einer der größten orthodoxen Kirchen der [...]
Zweierlei Maß?! "Hinter Ceausescus "Palast des Volkes", für den einst so viele Kirchen weichen mussten, erhebt sich der Rohbau einer 120 Meter hohen Kathedrale. Sie wird einer der größten orthodoxen Kirchen der Welt sein und den pompösen Palast des 1989 gestürzten Tyrannen deutlich überragen. [...] Dazu passt der Name des neuen Wahrzeichens: Kathedrale der Erlösung des rumänischen Volkes." >> Der "Palast des Volkes" ist also "pompös", aber das ihn "überragende" christliche Vereinsgebäude "Kathedrale der Erlösung des rumänischen Volkes" ist dagegen eines der "größten" seiner Art. Es geht doch nichts über gute PR-Arbeit. MfG, Egooist
Franziska Kreß 15.04.2018
4. Egoo Ist
Für den Neubau dieser Kathedrale muß aber kein ganzes Stadtviertel weichen. Und wenn die Kathedrale nur durch Spenden finanziert werden sollte (im Gegensatz zu Ceaucesus "Palast") ist nichts dagegen einzuwenden. Ob das [...]
Für den Neubau dieser Kathedrale muß aber kein ganzes Stadtviertel weichen. Und wenn die Kathedrale nur durch Spenden finanziert werden sollte (im Gegensatz zu Ceaucesus "Palast") ist nichts dagegen einzuwenden. Ob das Ding auch ästhetisch ist, ist eine andere Frage.
Egoo Ist 17.04.2018
5. @Franziska Kreß (#4) … Erwiderung
F.K.: "Für den Neubau dieser Kathedrale muß aber kein ganzes Stadtviertel weichen." >> Das ist wahr. 'Dank' Ceausescu kann die Kathedrale nun auf dem Gelände des Izvor-Parks errichtet werden (1). F.K.: [...]
F.K.: "Für den Neubau dieser Kathedrale muß aber kein ganzes Stadtviertel weichen." >> Das ist wahr. 'Dank' Ceausescu kann die Kathedrale nun auf dem Gelände des Izvor-Parks errichtet werden (1). F.K.: "Und wenn die Kathedrale nur durch Spenden finanziert werden sollte (im Gegensatz zu Ceausescus "Palast") ist nichts dagegen einzuwenden." >> Da bin ich anderer Meinung. Die Finanzierung des Baus ist sicherlich ein Aspekt, aber nicht der einzige und auch nicht der entscheidende. Einige Details zur Finanzierung findet man u.a. auf wikipedia: "Die Finanzierung des Projekts wird vom Patriarchat übernommen, jedoch von Großspendern und vom rumänischen Staat kofinanziert." (1)(2) F.K.: "Ob das Ding auch ästhetisch ist, ist eine andere Frage." >> Da es in meinem ursprünglichen Kommentar, den Sie wiederum kommentierten, um die - meiner Meinung nach - tendenziöse Wortwahl ("Haus des Volkers" (3) = "pompös" vs. "Kathedrale der Erlösung des Volkes" (1) = "groß") ging, ist es die eigentliche Frage. Auch scheine ich nicht der einzige zu sein, der dieses Bauprojekt kritisch sieht: "Schriftsteller Mircea Dinescu schlug spöttisch vor, dass das Patriarchat einfach ein Kreuz auf die Spitze von Ceausescus Palast - der als größtes zivile Gebäude der Welt gilt - hätte setzen können, um sich selbst so den Ärger, einen neuen Koloss zu bauen, zu ersparen. [Writer Mircea Dinescu suggested mockingly that the patriarchate could simply have put a cross on top of Ceausescu's palace - said to be the largest civilian building in the world - thus saving themselves the bother of building a new colossus.]" (2). MfG, Egooist (1) https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_der_Erlösung_des_Volkes (2) http://www.romanianewswatch.com/2011/09/dpa-bucharests-new-cathedral-to-outdo.html (3) https://de.wikipedia.org/wiki/Parlamentspalast

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